Auf Gottes Wegen

Eine kleine Theologie der Wallfahrt (1)

Auf Gottes Wegen

Von Professor Michael Rosenberger

Europa erlebt seit Ende der 1980er Jahre ein Phänomen, das vorher niemand zu prognostizieren gewagt hätte: Wallfahrten erleben einen Boom. Ob sie im kleinen Bereich der eigenen Heimat stattfinden und nur einen oder zwei Tage dauern oder ob es sich um die großen Pilgerfahrten der europäischen Christenheit handelt, ob es eine Dorfpfarrei ist, die sich auf den Weg begibt, ob eine ganze Diözese oder eine große kirchliche Organisation: Wallfahren ist „in“ – und zwar Wallfahren im engeren Sinn, ohne Auto, Bus, Zug oder Flugzeug.

Am Beispiel der momentan bedeutendsten Fußwallfahrt, jener zum Grab des Apostels Jakobus in Santiago de Compostela, sei dies schlaglichtartig verdeutlicht: Waren es 1989 gerade einmal 3268 Menschen, die zu Fuß oder mit dem Fahrrad mindestens 200 Kilometer nach Santiago gepilgert waren und daher eine Pilgerurkunde erhielten, hatte sich diese Zahl fünf Jahre später bereits verfünffacht. Weitere acht Jahre später war nochmals fast eine Verfünffachung eingetreten: 2002 erreichten 68952 Personen ihr Pilgerziel. Interessant ist, dass gemäß den offiziellen Statistiken der überwältigende Teil der Pilgerinnen und Pilger wenigstens teilweise aus religiösen Motiven unterwegs ist. Auch altersmäßig weist die Pilgerfahrt nach Santiago eine für die gegenwärtige mitteleuropäische Glaubenspraxis ungewöhnliche Struktur auf: Mehr als ein Drittel der Wallfahrenden ist unter 30 Jahre alt, weniger als 10 Prozent über 60. Des Weiteren suchen und finden mittlerweile auch evangelische Pfarrer und Gemeinden, deren Kirche Jahrhunderte lang das Wallfahren als pure „Werkgerechtigkeit“ gegeißelt hatte (zugegebenermaßen nicht immer zu Unrecht), einen Zugang zum Medium der Wallfahrt. Ausgerechnet das Wallfahren, vom Ursprung der Reformation her ein Stein des Anstoßes und ein Faktor der Spaltung, ist zum Medium ökumenischer Verbindung und gemeinsamer Spiritualität geworden. Schließlich wird, wer auf Wallfahrt geht, viele Menschen treffen, die ansonsten in der Kirche bestenfalls an Ostern und Weihnachten auftauchen.

Das Pilgern scheint also eine Form der Frömmigkeit zu sein, die dem heutigen Menschen mehr entspricht als viele andere kirchlichen Ausdrucksmedien. Damit handelt es sich um eine große pastorale Chance, hier Menschen zu begleiten und ihnen den Glauben zu öffnen. Um dies freilich leisten zu können, bedarf es einer soliden Anthropologie und Theologie der Wallfahrt.

Eine Problemanzeige

Dem offenkundigen Boom des Wallfahrens zum Trotz: Es gibt bislang keine Theologie der Wallfahrt. Wer auch nur Ansätze einer solchen sucht, wird sich vergeblich mühen. Obgleich das Bild vom pilgernden Volk Gottes das Grundmotiv des II. Vatikanischen Konzils verkörpert, steht eine systematisch-theologische Reflexion der Wallfahrt bis heute aus. Wissenschaftlich gesehen bleibt sie ein Thema der Religions- und Bibelwissenschaft, von Geschichte und Volkskunde. Wird die Wallfahrt also noch immer als pure Volksfrömmigkeit betrachtet, als zweitrangige Form des Glaubens, die hinter den eigentlichen Vollzügen der ersten Reihe, also den Sakramenten, weit zurück bleibt? Wird es nicht als lohnend angesehen, dem Phänomen Wallfahrt theologisch auf den Grund zu gehen?

Ein privilegierter theologischer Ort

Das beschriebene Reflexionsdefizit steht im Kontrast zu dem Potenzial, das gerade die Wallfahrt für theologisches Nachdenken besäße. Denn im Vollzug der Wallfahrt bündeln sich zentrale theologische Aussagen und werden in dichter Weise für den heutigen Menschen erfahrbar. Dieses Potenzial lässt sich vorab am besten abschätzen, wenn man die Wallfahrt als das versteht, was sie im besten Wortsinn ist: Liturgie – Gottesdienst des Gottesvolkes. Im Vergleich zu anderen liturgischen Vollzügen weist die Wallfahrt eine Reihe von unschlagbaren Vorteilen auf. Denn es gibt keine andere Form der Liturgie,

– bei der die Gläubigen am liturgischen Vollzug so intensiv beteiligt sind,

– in der der leibliche Vollzug so unmittelbar zu spüren ist,

– die ein so direktes Erleben der Welt und der Schöpfung ermöglicht,

– die eine solche zeitliche Dauer hat.

Von daher stellt die Wallfahrt einen herausragenden Ort der Liturgie und einen vorzüglichen theologischen Ort dar. Dem steht das faktische theologische Vakuum diametral entgegen, das den Gegenstand Wallfahrt wie ein Niemandsland erscheinen lässt.

Genau hier setzt meine Abhandlung an: Ich möchte die existenziellen Erfahrungspotenziale der Wallfahrt benennen und sie auf dem Hintergrund der nachkonziliaren Theologie reflektieren. Hieraus lassen sich dann spirituelle Grundhaltungen ebenso ableiten wie liturgische und pastorale Konsequenzen. Nun sind die letzten Jahrzehnte im spirituellen und kirchlichen Bereich von Wegmetaphern regelrecht überflutet. Oft werden sie wenig reflektiert eingesetzt und offenbaren erschreckende theologische oder anthropologische Defizite. Oft sind sie einfach nur platt und trivial. Vom Weg und vom Unterwegssein lässt sich leicht dahin reden. Es gilt also die Spreu vom Weizen zu trennen. Mit anderen Worten: Es geht um eine präzise Beschreibung jener anthropologischen Strukturen, die sich hinter der alten Formel vom „homo viator“, vom „Pilger Mensch“ verbergen. Was meint es eigentlich, wenn wir den Menschen als Pilger definieren? Und welche Konsequenzen ergeben sich daraus für unser Verständnis der Wallfahrt?