Gedanken zum Engel des Herrn

Gedanken zum Gebet
„Der Engel des Herrn brachte Maria die Botschaft...“

 

 

 

Von Dr. Karl Hillenbrand

Mit dem „Engel des Herrn“ ist es seltsam: Einerseits ist dieses Gebet fast vergessen, andererseits wird kein Gebet in den Medien so oft genannt wie dieses, auch wenn es den meisten gar nicht bewusst ist. Aber schlagen Sie einmal am Montag die Zeitung auf, oder sehen Sie am Sonntagabend die Nachrichtensendung im Fernsehen: Wenn wichtige Meldungen aus dem kirchlichen Bereich gebracht werden, beginnen sie oft mit der Einleitung „Beim sonntäglichen Angelus-Gebet sagte der Papst oder nahm zu folgender Frage Stellung oder forderte die Welt zum Frieden und zur Gerechtigkeit auf...“. Ja, der Papst betet - wie schon seine Vorgänger - fast jede Woche vom Fenster seines Arbeitszimmers aus mit den Gläubigen auf dem Petersplatz den „Engel des Herrn“.

Als ich mit über tausend Ministrantinnen und Ministranten aus unserer Diözese bei der großen Messdiener-Wallfahrt in Rom war, kamen wir bei einer Unterhaltung auf dem Petersplatz auch darauf zu sprechen. Es war bemerkenswert, dass dann einige Jungen und Mädchen fragten: „Angelus-Gebet - Was ist denn das?“ Und als ich ihnen diese Verbindung von Gebet und aktuellem Anliegen, die der Papst bei dieser Gelegenheit immer den Menschen weitergibt, zu erklären versuchte, da meinte einer der Ministranten: „Ja, ginge das nicht auch direkter? Könnte der Papst sich nicht mit seinen Anliegen über irgendwelche Interviews an die Menschen wenden?“

Ich habe damals sehr intensiv über diese Verbindung von Gebet und Friedensappellen und Mitteilungen an die Menschen nachgedacht. Ist das eine willkürliche Verbindung, oder gibt es einen inneren Zusammenhang?

Es lohnt sich auch für uns, selbst wenn der „Engel des Herrn“ vielfach in Vergessenheit geraten ist, über dieses Gebet einmal nachzudenken, denn es bringt zentrale Vorgänge unseres Lebens zur Sprache.

1. Da ist einmal seine innere Struktur, die im Neuen Testament bei Lukas (1,26-38) beschrieben wird. Alles beginnt mit der Initiative Gottes. Er überlässt die Welt nicht ihrem Schicksal. Die Menschen sind ihm nicht gleichgültig; er will ihr Leben teilen. Aber er tut dies nicht anonym, sondern er geht auf bestimmte Menschen zu. Und der Mensch, der diese Zuwendung Gottes am dichtesten erfahren hat, ist Maria. „Der Engel des Herrn brachte Maria die Botschaft“ - so fasst unser Gebet diesen ersten Teil des Lukas-Evangeliums zusammen.

Gott geht auf die Menschen zu. Er ruft uns ganz persönlich beim Namen. Vielleicht tun wir uns heute schwerer, den Anruf Gottes zu entdecken. Aber in den Ereignissen der Zeit, die mich herausfordern, in den Begegnungen mit Menschen, die vielleicht meine Hilfe brauchen oder auch in persönlichen Erfahrungen von Freude, von Krankheit, von Leid, von Konflikten, kann ein solcher Anruf Gottes stecken.

Im Evangelium geht es weiter: Maria erschrickt, sie fragt, sie sucht.

Gott lässt den Menschen die Freiheit der Entscheidung. Aber er wartet auf die Antwort. Die Welt wird sich vom Glauben her nur verändern lassen, wenn Menschen bereit sind, bei der Initiative Gottes mitzumachen. Und so kann Maria schließlich zu ihrer Erwiderung kommen: „Siehe, ich bin die Magd des Herrn. Mir geschehe nach deinem Wort.“

Wie sieht meine Antwort aus? Gott lässt auch uns einen Raum des Fragens und des Suchens. Auch gläubige Menschen wissen manchmal nicht, was Gott von ihnen will. Auch sie kennen Zweifel und stellen Fragen. Das braucht uns nicht irre zu machen. Denn auch Maria hat gefragt. Auch sie hat erst nach Orientierung gesucht. Aber es kann uns Mut machen, dass diese einfache Frau aus dem Volk Israel dann zu einer klaren Antwort kam: „Siehe, ich bin die Magd des Herrn.“

Kann ich immer wieder zu einer solchen Antwort kommen? Denn nur in der Verbindung von Ruf Gottes und Antwort des Menschen entsteht der Glaube als Dialog, da wächst Gemeinschaft zwischen Gott und unserer Welt. Und dann ist auch die entscheidende Konsequenz möglich:

Gott wird Mensch. „Das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt“. Gott macht nicht einfach Worte, er lässt sich beim Wort nehmen, er mischt sich in Jesus unumkehrbar in unser Leben ein, weil ihm die Welt und ihre Menschen so viel bedeuten. Von daher nehmen wir Christen das Recht, uns in die Welt einzumischen - nicht aus Besserwisserei, sondern weil wir diese Menschwerdung Gottes über die Zeiten hinweg immer wieder zur Welt hinbringen und hintragen wollen. Deshalb will uns dieses Gebet Mut zur Einmischung machen, eben weil uns die Welt und ihre Menschen nicht gleichgültig sind und weil wir mit offenen Augen durch die Zeit gehen und spüren, wo unser Einsatz gefordert ist. Und deswegen ist es so sinnvoll, wenn der Heilige Vater dieses Gebet mit konkreten Appellen zu Frieden, Versöhnung und Gerechtigkeit verbindet, weil da deutlich wird, wie aus der Menschwerdung Gottes die Einmischung der Christen in die Welt kommt, die zeigen will, dass dieses Interesse Gottes am Menschen auch heute in Erinnerung bleibt.

2. Man kann aber auch den „Engel des Herrn“ von der Geschichte dieses Gebetes her angehen. Die heutige Form mit den drei Ave Maria und dem abschließenden Gebet und der Fürbitte für die Verstorbenen stammt aus dem 16. Jahrhundert. Aber die Anfänge reichen noch weiter zurück. Wir wissen, dass es schon sehr früh und auch heute noch in den Klöstern bestimmte Gebetszeiten gibt, Tagzeiten, in denen bewusst die Arbeit unterbrochen wird, um deutlich zu machen: All unser Tun ist letztlich auf Gott ausgerichtet und ist von ihm her ermöglicht. Für die einfachen Menschen des Mittelalters und der Neuzeit, die ja oft auf dem Land lebten, waren solche längeren Gebetszeiten natürlich nicht möglich, weil sie ja hart arbeiten mussten. Da war das Läuten der Angelusglocke ein Zeichen, wenigstens kurz in der Arbeit innezuhalten oder am Morgen den Tag mit diesem Gebet zu beginnen und ihn am Abend zu beschließen, weil sie eben auch deutlich machen wollten, dass alles Tun und das ganze Leben in Gott seinen Grund hat und auf ihn hin vollendet werden soll. Deshalb ist auch das Gebet für die Verstorbenen sinnvoll, weil es eine Erinnerung daran ist, dass unser Leben einmal für immer im Leben Gottes geborgen ist und dass unsere Toten zur bleibenden Gemeinschaft im Glauben gehören.

Wir leben in einer Gesellschaft, die viel komplizierter geworden ist. Da gibt es nicht nur Schichtarbeit, es ist auch in der Freizeit so, dass viele Familien am Werktag einander zumindest bei den Mahlzeiten gar nicht mehr sehen können, weil der Lebens- und Arbeitsrhythmus so verschieden geworden ist. Man kann da nicht einfach sagen: „Betet wieder den Engel des Herrn!“ Es braucht Zugänge, die möglich sind. Aber das Grundanliegen muss bewahrt werden, dass wir wenigstens kurz in der Hektik des Tages innehalten und uns bewusst werden, dass unser Arbeiten, dass unsere Freizeit, dass das, was unser Leben im Guten und manchmal im Schwierigen ausfüllt, mit Gott zu tun hat, dass wir es auf ihn beziehen. Und das beginnt schon damit, dass ich mir einmal kritisch die Frage stelle: Läuft mein Leben einfach so dahin, oder ist es spürbar auf Gott ausgerichtet?

3. In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage: Hat dieses Gebet heute noch Chancen? Einige Beispiele helfen vielleicht weiter. Wir hatten vor kurzem eine Einladung der Pfarrgemeinderatsvorsitzenden in unserem Bistum. Es ging mir eigentlich darum, diesen Frauen und Männern zu signalisieren: Die Diözese nimmt euren Einsatz und stellvertretend den vieler Ehrenamtlicher in den Gemeinden und Verbänden ernst. Wir kamen dann ins Gespräch, und einige erzählten mir, dass sie bei ihren Sitzungen den „Engel des Herrn“ beten. Ich finde das einen guten Zugang, weil dieses Gebet ja an die Sendung des Christen in der Welt erinnert. Und die Mitverantwortung vieler in den Gemeinden in der kooperativen Pastoral ist eine zeitgemäße Fortführung dieser Sendung: Es handelt sich dabei nicht einfach um ein Engagement, das man ausüben oder lassen kann, sondern es hat seine Wurzeln im Anruf Gottes. Und da ist es gut, wenn bei diesen Zusammenkünften ein Gebet gesprochen wird, in dem dieser Ruf Gottes und die Antwort des Menschen sich in kurzer und zugleich biblisch fundierter Weise verdichten.

Ich freue mich auch, wenn ich von Familien höre, die beim gemeinsamen Mittagessen am Sonntag vorher oder nachher den „Engel des Herrn“ beten. Ich habe auch mit innerer Anteilnahme den Bericht einer Kommunionmutter gelesen, die mit den Kindern ihrer Gruppe die Grundgebete des christlichen Glaubens eingeübt hat, weil viele der Kinder, obwohl getauft, das Vaterunser und eben auch den „Engel des Herrn“ schon nicht mehr kennen. Man darf da nicht fragen: „Ja, wie lang hält das denn an? Später machen die's doch sowieso nicht mehr!“ Wichtig ist, dass solche Zugänge versucht werden, sonst bleiben sie für immer verschüttet.

Mich hat auch sehr nachdenklich gemacht, wenn mir Patienten im Krankenhaus erzählt haben: „Nach meiner Operation hatte ich plötzlich viel Zeit. Die Tage und Stunden haben sich quälend langsam hingestreckt. Da war mir der ‚Engel des Herrn’ eine Hilfe zu sehen: Auch in der Zeit, in der du nichts tun kannst, auch in diesen Lebensphasen bist du von Gott getragen.“

Ich möchte Ihnen diese Einzelerfahrungen ganz einfach als Ermutigung weitergeben. Es stimmt nicht, dass dieses Gebet passee ist und der Vergangenheit angehört. Man braucht nur die richtigen Zugänge, damit wieder neu seine Aktualität deutlich werden kann. Ich persönlich bete den „Engel des Herrn“ auch gern mit unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im Ordinariat wenigstens einmal in der Woche. Denn so soll deutlich werden: Wir sind nicht nur eine Arbeitsgemeinschaft - unser Tun kommt wesentlich vom Glauben her und hat mit der Bereitschaft zu tun, sich auch im Berufsleben auf Gott einzulassen. Oder warum nicht einmal bei einer längeren Auto- oder Zugfahrt dieses Gebet sprechen. Sicher: Es kostet am Anfang Überwindung, aber es „lohnt“ sich in dem Sinn, weil dadurch spürbar wird: Das Hören auf Gottes Ruf ist heute wichtiger denn je - und von unserer Antwort hängt vieles ab.

Ich wünsche Ihnen und uns allen, dass wir dieses Gebet „Der Engel des Herrn brachte Maria die Botschaft“ wieder neu schätzen lernen und dass auch wir den Impuls des Heiligen Vaters aufgreifen können, von diesem Gebet her unseren Auftrag in der Welt und den Zusammenhang von Glauben und Leben neu zu entdecken.