Kreuzweg zum Käppele am 23. September 2011mit Gebeten und Gedanken von Papst Benedikt XVI.
Vormerkung
Bei den folgenden Kreuzwegtexten handelt es sich um eine gekürzte Fassung der Meditationen, die Joseph Kardinal Ratzinger für den Karfreitagskreuzweg am Kolosseum in Rom im Jahr 2005 verfasst hatte – also kurz vor dem Tod von Johannes Paul II. und wenige Wochen vor seiner Wahl zu dessen Nachfolger. Da Papst Benedikt XVI. Ende September Deutschland besucht, eignen sich diese Gedanken gut zur betenden Begleitung dieser Reise. Würzburg, 15. September 2011, am Gedenktag Mariae Schmerz Karl Hillenbrand Vorbereitungsgebet
Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.
A. Amen. Herr Jesus Christus, du hast für uns das Geschick des Weizenkorns auf dich genommen, das in die Erde fällt und stirbt, um so reiche Frucht zu tragen (Joh 12,24). Du lädst uns ein, dir nachzufolgen auf diesem Weg. Hilf mir, dass mein Kreuzweg nicht bloß das fromme Gefühl eines Augenblicks sei. Hilf uns, nicht nur mit hohen Gedanken mit dir mitzugehen, sondern mit dem Herzen, ja mit den ganz praktischen Schritten unseres Alltags deinen Weg zu gehen. Hilf, dass wir im Kreuzweg uns mit unserem ganzen Sein auf den Weg machen und so immerfort auf deinem Weg bleiben. Nimm uns die Furcht vor dem Kreuz, die Furcht vor dem Spott der anderen, die Furcht, wir könnten das eigene Leben verpassen, wenn wir nicht alles an uns reißen, was Leben verspricht. Hilf uns im Mitgehen auf dem Weg des Weizenkorns, im „Verlieren des Lebens“ den Weg der Liebe zu finden – den Weg, der uns wahrhaft Leben, Leben in Fülle schenkt (Joh 10,10). Amen. Erste Station: JESUS WIRD ZUM TOD VERURTEILT V:Wir beten dich an, Herr Jesus Christus, und preisen dich. A:Denn durch dein heiliges Kreuz hast du die Welt erlöst.
Aus dem Evangelium nach Matthäus (27, 22-23.26) Pilatus sagte zu ihnen: Was soll ich dann mit Jesus tun, den man den Messias nennt? Da schrien sie alle: Ans Kreuz mit ihm! Er erwiderte: Was für ein Verbrechen hat er denn begangen? Da schrien sie noch lauter: Ans Kreuz mit ihm! Darauf ließ er Barabbas frei und gab den Befehl, Jesus zu geißeln und zu kreuzigen. Betrachtung Der Richter aller Welt, der einst wiederkommen wird, uns alle zu richten, steht zerschlagen und geschädigt, ohnmächtig vor dem weltlichen Richter. Pilatus ist nicht durch und durch böse. Er weiß, dass dieser Angeklagte unschuldig ist; er sucht nach einem Weg, ihn freizubekommen. Aber Pilatus ist halbherzig. Seine eigene Stellung, sein Selbst ist ihm am Ende doch wichtiger als das Recht. Und so wird Gerechtigkeit zertreten aus Feigheit und Trägheit des Herzens, aus Furcht vor dem Diktat der herrschenden Meinungen. die leise Stimme des Gewissens wird übertönt vom Geschrei der Menge. Die Halbherzigkeit, die Menschenfurcht gibt dem Bösen die Macht. Gebet Herr, du bist zum Tod verurteilt worden, weil Menschenfurcht die Stimme des Gewissens erstickte. Die ganze Geschichte hindurch werden so immer wieder die Unschuldigen geschlagen, verurteilt und getötet. Gib der leisen Stimme des Gewissens, deiner Stimme, Macht in unserem Leben. Schenke auch uns immer neu die Gnade der Bekehrung. V:Deinen Tod, o Herr, verkünden wir A:und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit. Zweite Station: JESUS NIMMT DAS KREUZ AUF SICH V:Wir beten dich an, Herr Jesus Christus, und preisen dich. A:Denn durch dein heiliges Kreuz hast du die Welt erlöst.
Aus dem Evangelium nach Matthäus (27, 27-30) Da nahmen die Soldaten des Statthalters Jesus, führten ihn in das Prätorium, das Amtsgebäude des Statthalters, und versammelten die ganze Kohorte um ihn. Sie zogen ihn aus und legten ihm einen purpurroten Mantel um. Dann flochten sie einen Kranz aus Dornen; den setzten sie ihm auf und gaben ihm einen Stock in die rechte Hand. Und sie spuckten ihn an, nahmen ihm den Stock wieder weg und schlugen ihm damit auf den Kopf. Betrachtung Der verurteilte Jesus wird verspottet, aber im Spott kommt auf grausame Weise Wahrheit zum Vorschein. Jesus, der Verspottete, der die Krone des Leidens trägt, ist gerade so der wahre König. Sein Zepter ist Gerechtigkeit (vgl. Ps 45,7). Gerechtigkeit kostet Leiden in dieser Welt: Er, der wahre König, herrscht nicht durch Gewalt, sondern durch die Liebe, die für uns und mit uns leidet. Er nimmt das Kreuz auf sich – unser Kreuz, die Last des Menschseins, die Last der Welt. So geht er uns voran und zeigt uns, wie wir den Weg zum wirklichen Leben finden. Gebet Herr, du hast dich verspotten und beschimpfen lassen. Hilf uns, dass wir nie in den Spott auf die Leidenden und die Schwachen einstimmen. Hilf uns, in den Erniedrigten, in den an den Rand Gestoßenen, dein Gesicht zu erkennen. Hilf uns, nicht vor dem Spott der Welt zurückzuschrecken, wenn der Gehorsam gegen deinen Willen verächtlich gemacht wird,. Hilf uns, den Weg der Liebe zu gehen – im Erleiden ihres Anspruchs zur wahren Freude zu kommen. V:Deinen Tod, o Herr, verkünden wir A:und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit. Dritte Station: JESUS FÄLLT ZUM ERSTEN MAL UNTER DEM KREUZ V:Wir beten dich an, Herr Jesus Christus, und preisen dich. A:Denn durch dein heiliges Kreuz hast du die Welt erlöst.
Aus dem Buch des Propheten Jesaja (53, 4-5) Aber er hat unsere Krankheit getragen und unsere Schmerzen auf sich geladen. Wir meinten, er sei von Gott geschlagen, von ihm getroffen und gebeugt. Doch er wurde durchbohrt wegen unserer Verbrechen, wegen unserer Sünden zermalmt. Zu unserem Heil lag die Strafe auf ihm, durch seine Wunden sind wir geheilt. Betrachtung Der Fall Jesus unter dem Kreuz ist nicht nur das Hinfallen des schon durch die Geißelung zu Tode erschöpften Menschen Jesus. In diesem Fall bildet sich noch Tieferes ab. Im Fallen Jesu unter der Last des Kreuzes erscheint sein freiwilliger Abstieg, um uns von unserem Stolz aufzuheben. Jesu Abstieg ist die Überwindung unseres Hochmuts, und mit seinem Abstieg hebt er uns auf: Lassen wir uns aufheben. Streifen wir unsere Selbstherrlichkeit, unseren falschen Autonomiewahn ab und lernen von ihm, den Abgestiegenen, dass wir absteigend uns zu Gott und zu den getretenen Menschen wenden unsere wahre Größe finden. Gebet Herr Jesus, die Last des Kreuzes hat dich zu Boden geworfen. Die Last unserer Sünde, die Last unseres Hochmuts drückt dich nieder. Aber dein Fall ist nicht dunkles Schicksal. Du wolltest zu uns kommen, die wir mit unserem Hochmut am Boden liegen. Herr, komm unserem Fall zu Hilfe. Hilf uns, dass wir von unserem zerstörerischen Hochmut ablassen und durch das Lernen von deiner Demut wieder aufgerichtet werden. V:Deinen Tod, o Herr, verkünden wir A:und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit. Vierte Station: JESUS BEGEGNET SEINER MUTTER V:Wir beten dich an, Herr Jesus Christus, und preisen dich. A:Denn durch dein heiliges Kreuz hast du die Welt erlöst.
Aus dem Evangelium nach Lukas (2, 34-35.51) Simeon sagte zu Maria, der Mutter Jesu: Dieser ist dazu bestimmt, dass in Israel viele durch ihn zu Fall kommen und viele aufgerichtet werden, und er wird ein Zeichen sein, dem widersprochen wird. Dadurch sollen die Gedanken vieler Menschen offenbar werden. Dir selbst aber wird ein Schwert durch die Seele dringen. Seine Mutter bewahrte alles, was geschehen war, in ihrem Herzen. Betrachtung Am Kreuzweg Jesu steht Maria, seine Mutter. Während des öffentlichen Lebens hatte sie zurücktreten müssen, um dem Werden der neuen Familie Jesu, der Familie seiner Jünger, Raum zu geben. Nun zeigt sich, dass sie nicht nur dem Leibe nach, sondern dem Herzen nach Mutter Jesu ist. Die Jünger sind geflohen, sie flüchtet nicht. Sie steht da mit dem Mut der Mutter, mit der Treue der Mutter, mit der Güte der Mutter und mit ihrem Glauben, der in den Finsternissen widersteht: „Selig, die du geglaubt hast“ (Lk 1,45). Ja, in diesem Augenblick weiß er es: Er findet Glauben. Das ist in dieser Stunde sein großer Trost.
Gebet Heilige Maria, Mutter des Herrn, du bist treu geblieben, als die Jünger flohen. So bist du in der Stunde des Kreuzes, in der Stunde der dunkelsten Weltennacht Mutter der Glaubenden, Mutter der Kirche geworden. Wir bitten dich: Lehre uns glauben und hilf uns, dass der Glaube zum Mut des Dienens und zur Tat er helfenden und mit-leidenden Liebe werde. V:Deinen Tod, o Herr, verkünden wir A:und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit. Fünfte Station: SIMON VON ZYRENE HILFT JESUS BEIM KREUZ ZUTRAGEN V:Wir beten dich an, Herr Jesus Christus, und preisen dich. A:Denn durch dein heiliges Kreuz hast du die Welt erlöst.
Aus dem Evangelium nach Matthäus (27, 32 und 16, 24) Auf dem Weg trafen sie einen Mann aus Zyrene namens Simon; ihn zwangen sie, Jesus das Kreuz zu tragen. Darauf sagte Jesus zu seinen Jüngern: Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach. Betrachtung Simon von Zyrene hat seine Arbeit getan, er ist auf dem Weg nach Hause. Die Soldaten machen von ihrem Recht der Zwangsverpflichtung Gebrauch und legen dem rüstigen Landmann das Kreuz auf. Er tut, was er muss, widerstrebend gewiss. Aus der unfreiwilligen Begegnung ist dann aber Glaube geworden. Der Zyrenäer hat im Mitgehen und Mittragen erkannt, dass es Gnade war, mit diesem Gekreuzigten zu gehen und ihm beizustehen. Sooft wir einem Leidenden, einem Verfolgten und Ohnmächtigen in Güte begegnen und ihm sein Leid zu tragen helfen, sooft tragen wir Jesu eigenes Kreuz mit. Gebet Herr, du hast Simon von Zyrene die Augen und das Herz geöffnet und ihm im Mittragen des Kreuzes die Gnade des Glaubens geschenkt. Hilf uns, dem leidenden Nächsten beizustehen, auch wenn der Ruf dazu unseren Plänen und Sympathien widerspricht. Gib uns, froh zu werden, dass wir im Mitleiden mit dir und mit den Nöten dieser Welt, Diener des Heils werden, helfen dürfen im Aufbau deines Leibes, der Kirche. V:Deinen Tod, o Herr, verkünden wir A:und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit. Sechste Station: VERONIKA REICHT JESUS DAS SCHWEISSTUCH V:Wir beten dich an, Herr Jesus Christus, und preisen dich. A:Denn durch dein heiliges Kreuz hast du die Welt erlöst.
Aus dem Buch der Psalmen (27, 8-9) Mein Herz denkt an dein Wort: Sucht mein Angesicht! Dein Angesicht, Herr, will ich suchen. Verbirg nicht dein Gesicht vor mir; weise deinen Knecht im Zorn nicht ab! Du wurdest meine Hilfe. Verstoß mich nicht, verlass mich nicht, du Gott meines Heiles! Betrachtung „Dein Angesicht, Herr, suche ich. Verbirg nicht dein Gesicht vor mir“ (Ps 27,8-9). Veronika – Berenike nach der griechischen Tradition – verkörpert diese Sehnsucht die Sehnsucht aller glaubenden Menschen, das Antlitz Gottes zu sehen. Sie ist das Bild der gütigen Frau, die in der Verstörung und Verfinsterung der Herzen den Mut der Güte behält. Veronika sieht zunächst nur ein geschundenes, vom Schmerz gezeichnetes Menschengesicht. Aber der Akt der Liebe prägt ihrem Herzen das wahre Bild Jesu ein. Nur mit dem Herzen können wir Jesus sehen. Nur die Liebe ist es, die uns sehend und rein macht. Nur sie lässt uns Gott erkennen, der selbst die Liebe ist. Gebet Herr, gib uns die Unruhe des Herzens, die dein Antlitz sucht. Bewahre uns vor der Erblindung des Herzens, das nur noch die Oberfläche der Dinge sieht. Gib uns jene Lauterkeit und Reinheit, die uns hellsichtig macht für deine Gegenwart in der Welt. Gib uns den Mut zur demütigen Güte, wo wir der großen Dinge nicht fähig sind. Präge dein Antlitz in unsere Herzen ein, damit wir dir begegnen und dein Bild der Welt zu zeigen vermögen. V:Deinen Tod, o Herr, verkünden wir A:und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit. Siebte Station: JESUS FÄLLT ZUM ZWEITEN MAL UNTER DEM KREUZ V:Wir beten dich an, Herr Jesus Christus, und preisen dich. A:Denn durch dein heiliges Kreuz hast du die Welt erlöst.
Aus dem Buch der Klagelieder (3, 1-2.9.16) Ich bin der Mann, der Leid erlebt hat durch die Rute seines Grimms. Er hat mich getrieben und gedrängt in Finsternis, nicht ins Licht. Mit Quadern hat er mir den Weg verriegelt, meine Pfade irregeleitet. Meine Zähne ließ er auf Kiesel beißen, er drückte mich in den Staub. Betrachtung In der Überlieferung vom dreimaligen Fall Jesu werden uns die Dimensionen von unserem menschlichen Gefallensein ausgelegt. Wir können daran denken, wie die Christenheit des Glaubens müde den Herrn verlässt: in den großen Ideologien wie in der Banalisierung des Menschen, die Gott endgültig abschieben will und damit dabei ist, den Menschen abzuschaffen. Gebet Herr Jesus Christus, du hast unsere Last getragen und trägst uns immerfort. Unsere Last drückt dich zu Boden. Richte du uns wieder auf. Lass uns dich wieder wahrnehmen. Mache uns nüchtern und wachsam, um den Mächten des Bösen zu widerstehen, und hilf uns, die innere und die äußere Not des anderen zu erkennen, ihm beizustehen. Richte uns auf, damit wir andere aufrichten können. Gib uns Hoffnung in aller Dunkelheit, damit wir Hoffnungsträger werden für die Welt. V:Deinen Tod, o Herr, verkünden wir A:und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit. Achte Station: JESUS BEGEGNET DEN FRAUEN VON JERUSALEM V:Wir beten dich an, Herr Jesus Christus, und preisen dich. A:Denn durch dein heiliges Kreuz hast du die Welt erlöst.
Aus dem Evangelium nach Lukas (23, 28-31) Jesus wandte sich zu ihnen um und sagte: Ihr Frauen von Jerusalem, weint nicht über mich; weint über euch und eure Kinder! Denn es kommen Tage, da wird man sagen: Wohl den Frauen, die unfruchtbar sind, die nicht geboren und nicht gestillt haben. Dann wird man zu den Bergen sagen: Fallt auf uns!, und zu den Hügeln: Deckt uns zu! Denn wenn das mit dem grünen Holz geschieht, was wird dann erst mit dem dürren werden? Betrachtung Es macht uns nachdenklich, wie streng Jesus zu den weinenden Frauen spricht, die doch ihn begleiten und um ihn klagen. Wie sollen wir das verstehen? Spüren wir darin nicht den Tadel gegen eine bloß sentimentale Frömmigkeit, die nicht zu Umkehr und gelebtem Glauben wird? Es reicht nicht, mit Worten und Gefühlen über die Leiden dieser Welt zu klagen, während unser Leben doch weitergeht, wie es immer war. Sind wir nicht allzu sehr versucht, bei allen Worten der Empörung über das Böse und über das Leid der Unschuldigen das Geheimnis des Bösen zu verharmlosen? Doch vor der Gestalt des leidenden Herrn endet die Banalisierung des Bösen. Gebet Herr, du rufst uns heraus aus der Verharmlosung des Bösen, mit der wir uns selbst beschwichtigen, um ruhig so weiterleben zu können. Du zeigst uns den Ernst unserer Verantwortung. Hilf uns, dass wir nicht bloß klagend oder mit Reden neben dir hergehen. Bekehre uns und gib uns neues Leben. V:Deinen Tod, o Herr, verkünden wir A:und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit. Neunte Station: JESUS FÄLLT ZUM DRITTEN MAL UNTER DEM KREUZ V:Wir beten dich an, Herr Jesus Christus, und preisen dich. A:Denn durch dein heiliges Kreuz hast du die Welt erlöst.
Aus dem Buch der Klagelieder (3, 27-32) Gut ist es für den Mann, ein Joch zu tragen in der Jugend. Er sitze einsam und schweige, wenn der Herr es ihm auflegt. Er beuge in den Staub seinen Mund; vielleicht ist noch Hoffnung. Er biete die Wange dem, der ihn schlägt, und lasse sich sättigen mit Schmach. Denn nicht für immer verwirft der Herr. Hat er betrübt, erbarmt er sich auch wieder nach seiner großen Huld. Betrachtung Was kann uns der dritte Fall Jesu unter dem Kreuz sagen? Müssen wir nicht auch daran denken, wie viel Christus in seiner Kirche selbst erleiden muss? Wie oft feiern wir nur uns selbst und nehmen ihn gar nicht wahr? Wie oft wird sein Wort verdreht und missbraucht? Wie viel Schmutz gibt es in der Kirche und gerade auch unter denen, die im Priestertum ihm ganz zugehören sollten? Wie viel Hochmut und Selbstherrlichkeit? All das ist in seiner Passion gegenwärtig. Wir können nur aus tiefster Seele zu ihm rufen: Kyrie, eleison – Herr, rette uns. Gebet Herr, oft erscheint uns deine Kirche wie ein sinkendes Boot, das schon voll Wasser gelaufen und ganz und gar leck ist. Und auf deinem Ackerfeld sehen wir mehr Unkraut als Weizen. Das verschmutzte Gewand und Gesicht deiner Kirche erschüttert uns. Aber wir selber sind es doch, die sie verschmutzen. Erbarme dich deiner Kirche: Wir ziehen dich mit unserem Fall zu Boden, und doch wirst du aufstehen. Du bist aufgestanden – auferstanden – und du kannst auch uns wieder aufrichten. V:Deinen Tod, o Herr, verkünden wir A:und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit. Zehnte Station: JESUS WIRD SEINER KLEIDER BERAUBT V:Wir beten dich an, Herr Jesus Christus, und preisen dich. A:Denn durch dein heiliges Kreuz hast du die Welt erlöst.
Aus dem Evangelium nach Matthäus (27, 33-36) So kamen sie an den Ort, der Golgota genannt wird, das heißt Schädelhöhe. Und sie gaben ihm Wein zu trinken der mit Galle vermischt war; als er aber davon gekostet hatte, wollte er ihn nicht trinken. Nachdem sie ihn gekreuzigt hatten, warfen sie das Los und verteilten seine Kleider unter sich. Dann setzten sie sich nieder und bewachten ihn. Betrachtung Jesus wird seiner Kleider beraubt. Die öffentliche Entblößung bedeutet, dass Jesus nun nichts mehr ist – ein Ausgestoßener, der Verachtung preisgegeben. Der entkleidete Jesus erinnert uns daran, dass wir alle das „erste Gewand“, den Glanz Gottes verloren haben. Erinnern wir uns auch noch daran, dass uns Johannes als Gegenstand der Verlosung das Untergewand Jesu nennt, das von oben her durchgewebt und ohne Naht war (19,23). Wir dürfen darin eine Anspielung auf das Gewand des Hohenpriesters sehen. Er, der Gekreuzigte, ist in der Tat der wahre Hohepriester. Gebet Herr Jesus, man hat dich deiner Kleider beraubt, dich der Schande preisgegeben und aus der Gesellschaft ausgestoßen. Du trägst die Schande. Aber gerade so trägst du Sinn in die scheinbare Sinnlosigkeit. Schenke uns Ehrfurcht vor dem Menschen in allen Phasen seiner Existenz und in allen Situationen, in denen wir ihn treffen. V:Deinen Tod, o Herr, verkünden wir A:und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit. Elfte Station: JESUS WIRD ANS KREUZ GENAGELT V:Wir beten dich an, Herr Jesus Christus, und preisen dich. A:Denn durch dein heiliges Kreuz hast du die Welt erlöst.
Aus dem Evangelium nach Matthäus (27, 37.41-42) Über seinem Kopf hatten sie eine Aufschrift angebracht, die seine Schuld angab: Das ist Jesus, der König der Juden. Auch die Hohenpriester, die Schriftgelehrten und die Ältesten verhöhnten ihn und sagten: Anderen hat er geholfen, sich selbst kann er nicht helfen. Er ist doch der König von Israel! Er soll vom Kreuz herabsteigen, dann werden wir an ihn glauben. Betrachtung Jesus wird ans Kreuz genagelt. Den angebotenen Betäubungstrunk trinkt Jesus nicht: er nimmt den ganzen Schmerz der Kreuzigung bewusst auf sich. Halten wir inne vor diesem Bild des Schmerzes, vor dem leidenden Gottessohn. Blicken wir auf ihn hin in den Augenblicken der Not und der Anfechtung, um zu erkennen, dass wir gerade so Gott nahe sind. Versuchen wir, sein Gesicht zu erkennen in denen, die wir verachten möchten. Gebet Herr Jesus Christus, du hast dich festnageln lassen, ohne Flucht und ohne Abstrich gelitten. Hilf uns, dass wir nicht fliehen vor dem, was uns aufgetragen ist. Hilf uns, dass wir uns fest an dich binden lassen. Hilf uns, jene falsche Freiheit zu durchschauen, die uns von dir wegtreiben will. Hilf uns, deine gebundene Freiheit anzunehmen und in der festen Bindung an dich die wahre Freiheit zu finden. V:Deinen Tod, o Herr, verkünden wir A:und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit. Zwölfte Station: JESUS STIRBT AM KREUZ V:Wir beten dich an, Herr Jesus Christus, und preisen dich. A:Denn durch dein heiliges Kreuz hast du die Welt erlöst.
Aus dem Evangelium nach Matthäus (27, 45-50.54) Von der sechsten bis zur neunten Stunde herrschte eine Finsternis im ganzen Land. Um die neunte Stunde rief Jesus laut: Eli, Eli, lema sabachtani?, das heißt: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Einige von denen, die dabeistanden und es hörten, sagten: Er ruft nach Elija. Die anderen aber sagten: Lass doch, wir wollen sehen, ob Elija kommt und ihm hilft. Jesus aber schrie noch einmal laut auf. Dann hauchte er seinen Geist aus. Als der Hauptmann und die Männer, die mit ihm zusammen Jesus bewachten, sahen, was geschah, erschraken sie sehr und sagten: Wahrhaftig, das war Gottes Sohn! Betrachtung Jesus betet den Psalm 22, der mit den Worten beginnt. „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen ...“ (Ps 22,2). Er nimmt das ganze leidende Israel in sich auf, die ganze leidende Menschheit, die Not ihres Gottesdunkels, und lässt so dort Gott erscheinen, wo er endgültig besiegt und abwesend scheint. Das Kreuz Jesu ist ein kosmisches Ereignis. Die Welt wird dunkel, wo Gottes Sohn dem Tod preisgegeben ist. Die Erde erbebt. Und am Kreuz beginnt die Kirche der Heiden. Der römische Hauptmann erkennt, bekennt Jesus als den Sohn Gottes. Vom Kreuz aus siegt er – immer neu. Gebet Herr Jesus Christus, immer wieder wirst du ans Kreuz geschlagen. Aber gerade am Kreuz hast du dich zu erkennen gegeben. Gerade als der Leidende und Liebende bist du der Erhöhte. Gerade von dort aus hast du gesiegt. Hilf uns, in dieser Stunde des Dunkels und der Verwirrungen dein Gesicht zu erkennen. Hilf uns, dir zu glauben und dir nachzufolgen gerade auch in den Stunden des Dunkels und der Not. Zeige dich neu der Welt in dieser Stunde. Lass uns dein Heil erscheinen. V:Deinen Tod, o Herr, verkünden wir A:und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit. Dreizehnte Station: JESUS WIRD VOM KREUZ ABGENOMMEN V:Wir beten dich an, Herr Jesus Christus, und preisen dich. A:Denn durch dein heiliges Kreuz hast du die Welt erlöst.
Aus dem Evangelium nach Matthäus (27, 55) Auch viele Frauen waren dort und sahen von weitem zu; sie waren Jesus seit der Zeit in Galiläa nachgefolgt und hatten ihm gedient. Betrachtung Nun, da alles durchlitten ist, zeigt sich, dass Jesus trotz aller Verwirrung der Herzen, trotz der Macht von Hass und Feigheit nicht allein geblieben ist. Es gibt die Getreuen. Unter dem Kreuz waren Maria, seine Mutter, ihre Schwester Maria, Maria Magdalena und der Jünger gestanden, den er liebte. Nun kommt auch ein reicher Mann – Josef von Arimathäa: Er bestattet Jesus in seinem noch unberührten Grab in einem Garten. Und es kommt ein Mitglied des Hohen Rates, Nikodemus, dem Jesus das Geheimnis der Wiedergeburt aus Wasser und Heiligem Geist angekündigt hatte. Über der Stunde der großen Trauer, der großen Verfinsterung und Hoffnungslosigkeit steht doch geheimnisvoll das Licht der Hoffnung. Die Kirche Jesu Christi, seine neue Familie, beginnt sich zu formen. Gebet Herr, du bist in die Nacht des Todes hinuntergestiegen. Aber der Glaube ist nicht ganz gestorben. Lass uns in den Stunden des Dunkels erkennen, dass du dennoch da bist. Lass uns nicht allein, wenn wir verzagen wollen. Hilf uns, dass wir dich nicht allein lassen. Gib uns die Treue, die standhält in der Verwirrung, und die Liebe, die dich gerade in deiner äußersten Not umfängt, wie die Mutter dich nun noch einmal in ihrem Schoß geborgen hat. V:Deinen Tod, o Herr, verkünden wir A:und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit. Vierzehnte Station: DER LEICHNAM JESU WIRD INS GRAB GELEGT V:Wir beten dich an, Herr Jesus Christus, und preisen dich. A:Denn durch dein heiliges Kreuz hast du die Welt erlöst.
Aus dem Evangelium nach Matthäus (27, 59-61) Josef nahm ihn und hüllte ihn in ein reines Leinentuch. Dann legte er ihn in ein neues Grab, das er für sich selbst in einen Felsen hatte hausen lassen. Er wälzte einen großen Stein vor den Eingang des Grabes und ging weg. Auch Maria aus Magdala und die andere Maria waren dort; sie saßen dem Grab gegenüber. Betrachtung In der Stunde der Grablegung beginnt sich vor allem das Wort Jesu zu erfüllen: „Amen. Amen. Ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein; wenn es aber stirbt, bringt es reiche Frucht“ (Joh 12,24). Jesus ist zum gestorbenen Weizenkorn geworden. Von dem gestorbenen Weizenkorn her beginnt die große Brotvermehrung, die bis zum Ende der Welt anhält: Er ist Brot des Lebens, das im Überfluss für alle Menschheit reicht und ihr die Nahrung gibt, das, wovon der Mensch in Wahrheit leibt: das ewige Wort Gottes, das Fleisch und so Brot geworden ist für uns durch Kreuz und Auferstehung hindurch. Über dem Begräbnis Jesu leuchtet das Geheimnis der Eucharistie. Gebet Herr Jesus Christus, vom Grab her leuchtet über alle Zeit hinaus die Verheißung des Weizenkorns, aus dem das wahre Manna kommt – das Brot des Lebens, in dem du dich uns selber gibst. Hilf uns, dein eucharistisches Geheimnis immer mehr zu lieben und zu verehren – wahrhaft von dir, dem Brot des Himmels, zu leben. Wie das Weizenkorn aufsteht aus der Erde als Halm und Ähre, so konntest auch du nicht im Grabe bleiben: Du bist auferstanden und hast dem verwandelten Fleisch Raum im Herzen Gottes gegeben. Lass uns dieser Hoffnung froh werden und sie freudig in die Welt hineintragen, Zeugen deiner Auferstehung sein. V:Deinen Tod, o Herr, verkünden wir A:und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit.
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