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Pilgern durch die Coronakrise - 23. Dezember 2020

Liebe Pilgergeschwister auf dem Corona-Camino,
 
rechtzeitig zu Weihnachten leuchtet am Ende des langen Tunnels ein kleines Licht auf. Der erste Impfstoff ist zugelassen und wird aber nächster Woche verabreicht werden. Das gibt uns jedenfalls die Gewissheit, dass es nur ein Corona-Weihnachten geben wird und wir im nächsten Jahr wieder zur Normalität dieses Festes zurückkehren können (soweit es sinnvoll ist und wir es wollen). Und doch ist es bis dorthin noch ein langer Weg.
 
Ein wundervoller Lichtblick der letzten Tage war für mich auch ein Video des Diakonie-Klinikums Schwäbisch Hall zu dem bereits allseits bekannten Ohrwurm „Jerusalema“. Wenn das Personal eines Krankenhauses, das momentan bis an die Grenzen belastet ist, sich trotz allem ein paar Minuten Zeit nimmt, um einmal durchzuschnaufen, zu tanzen und zu lachen, dann zeigt das, dass bei allem Stress und allen Mühen dieser Zeit die Lebensfreude doch stärker ist. Insofern empfehle ich allen diesen Link: https://www.youtube.com/watch?v=bnrGmFTa4-A
 
Der heutige Rundbrief ist der zum Weihnachtsfest. Nochmals ermutige ich euch/ Sie alle, die Liturgie zuhause in eigener Verantwortung gepflegt zu gestalten. Ich selber liefere dafür kein Modell, denn es sind in den verschiedenen Diözesen ausgezeichnete Vorschläge gemacht worden und im Internet abrufbar. Die Weihnachtsgeschichte des Lukasevangeliums (Kapitel 2) wird jeder finden. Ein paar bekannte Weihnachtslieder gehen auch immer. Und so biete ich an dieser Stelle „nur“ eine Weihnachtspredigt an, die nach dem Evangelium vorgelesen werden kann:
 
WEIHNACHTSPREDIGT
 
Liebe Schwestern und Brüder, liebe Kinder,
 
der Leib ist das „Gefängnis der Seele“ (Plato, Phaidon 114 b; Phaidros 250c) oder gar das „Grab der Seele“ (Plato, Gorgias 493a; Kratylos 400c). So hat es einer der größten Philosophen der abendländischen Geschichte gesagt, nämlich Platon (428 – 348 v.Chr. Athen). Noch vor einem Jahr hätten wir das vermutlich zum allergrößten Teil vehement abgelehnt und als rabenschwarzen Pessimismus bezeichnet. Je mehr sich jedoch die Corona-Pandemie hinzieht, umso besser können wir es womöglich nachvollziehen.
 
Der Leib kann lästig, ja eine Last sein. Das merken wir schon ohne Corona im ganz alltäglichen Leben: Wenn wir Hunger und Durst haben, aber keine Zeit, um in Ruhe zu essen und zu trinken. Wenn wir uns jeden Tag mehrmals waschen und die Zähne putzen – und diese Zeit viel sinnvoller nutzen könnten. Wenn wir auf die Toilette rennen, weil die Verdauung ihren Tribut fordert. Ständig meldet sich der Körper und „stiehlt“ uns unsere Zeit! Und dann sind da mit zunehmendem Alter immer mehr Wehwehchen, ja mitunter sogar schwere Krankheiten. Schließlich endet alles mit dem Tod. Was mutet Gott uns da eigentlich zu, dass er uns einen so hilfs- und pflegebedürftigen, hinfälligen und zerbrechlichen Leib gegeben hat? Was hat er sich nur dabei gedacht? Wären wir nicht viel besser dran, wenn wir reiner Geist wären, ohne Körper?
 
Auf der anderen Seite erfahren die meisten von uns den eigenen Leib und den Leib anderer manchmal auch als wunderbar. Wir staunen darüber, was der Leib alles kann, zu welch großartigen Dingen er fähig ist. Wir sind fasziniert, wie schön er oft anzuschauen ist, nicht nur bei jungen, sondern ebenso bei alten Menschen. Wir genießen ein köstliches Essen, ein wundervolles Konzert, die großartige Natur. Wir gehen darin auf zu spüren, wie wir gestreichelt, umarmt oder geküsst werden! Wie gut das Leib und Seele tut! Wie sehr es uns zusammenschweißt und Geborgenheit vermittelt! Auch das merken wir gerade jetzt in der Zeit der Pandemie, wo viel davon nicht oder nur mit sehr wenigen Menschen möglich ist. Der Leib ist also auch ein Faszinosum, ein Wunder – und vermutlich wird uns das am meisten bewusst, wenn wir ein neugeborenes Kind in Händen halten, an dessen Körper schon alles dran ist, nur eben unendlich winzig.
 
Aber muss es sein, dass der Leib trotz seiner Faszination so lästig, so belastend wird? Könnte er nicht das Schöne besitzen ohne das Mühsame? Gerade am Lebensende stehen ja immer mehr Beschwerden, immer mehr Krankheiten, schließlich das Sterben und der Tod. Hätte Gott das nicht besser machen können? Angesichts dieser Frage schweigt er. Warum er uns einen so zerbrechlichen, hinfälligen Leib zumutet, beantwortet er nicht. Wir erfahren von ihm nicht, was er sich dabei gedacht hat, dem Schönen, Kraftvollen und Gesunden so viel Bedürftigkeit, Zerbrechlichkeit und Krankheit hinzuzufügen.
Nur eines macht Gott uns unmissverständlich klar: Wie sehr er die Leibhaftigkeit seiner Geschöpfe liebt. So sehr nämlich, dass er sie in Jesus Christus als seine eigene annimmt und sich ihr unterwirft. „Das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns sein Zelt aufgeschlagen“ (Joh 1,14), verkündet uns heute an Weihnachten das Evangelium. Das Wort, also Gott, ist Leib geworden, irdischer, menschlicher, geschöpflicher Leib. Schöner, kraftvoller, begabter Leib. Aber eben auch schwacher, leidender, sterblicher Leib. Jahrhundertelang galt das im Christentum als eine ungeheure Provokation. Bis ins 6. oder 7. Jahrhundert (und womöglich noch viel länger) gab es viele ChristInnen, die behaupteten, Jesus habe nur einen Scheinleib gehabt, denn wirkliches Leiden und Sterben sei Gott niemals zumutbar. Der Prophet Mohammed (570 – 632 n.Chr.) hat in seiner Umgebung genau dieses Christentum erlebt – und war überzeugt, dass das so richtig war. Deswegen glauben die MuslimInnen bis heute, dass Jesus, den sie als großen Propheten verehren, nur einen Scheinleib hatte und nicht wirklich gekreuzigt wurde. Und wundern sich, dass nicht alle ChristInnen dasselbe glauben. Wo der Prophet diese Idee doch von ihnen übernahm.
 
„Das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns sein Zelt aufgeschlagen“ (Joh 1,14). Dieser wuchtige Satz des Johannesevangeliums muss ausbuchstabiert, konkretisiert werden, damit er wirklich begriffen werden kann. Das Kind in der Krippe hat in seine Windeln gemacht wie jedes andere Kind auch. Das Kind in der Krippe hat dieselben „Kinderkrankheiten“ gehabt wie wir: Masern und Mumps, Röteln und Scharlach. Die Eltern Jesu werden einiges mitgemacht haben, um ihn aus dem Gröbsten herauszubringen und großzuziehen – wie alle Eltern dieser Welt. Und noch als erwachsener Mann ist Jesus den Viren und Bakterien seiner Zeit und Region nicht entgangen – auch wenn die Evangelien davon nichts schreiben. Eine ausgewachsene Epidemie hat es zu seinen Lebzeiten in Palästina zwar nicht gegeben, aber die eine oder andere Grippewelle ist sicher über das Land gerollt.
 
Ja, so sehr liebt Gott seine Geschöpfe, dass er all das Erbärmliche, Klägliche und Hinfällige des Leibes annimmt, um ganz so zu sein wie wir, um ganz zu uns dazuzugehören. Das ist unglaublich und atemberaubend. Es glauben zu können bedeutet mehr als auf die Frage nach dem Warum von Krankheit und Tod eine Antwort zu bekommen. Das ist Gottes Antwort: Ich liebe dich, mein Geschöpf! Ich teile mit dir all das Schöne – und trage mit dir all das Schwere. Wir teilen das Leben.
 
Liebe Schwestern und Brüder, liebe Kinder, auf dem Linzer Hauptplatz steht eine Pestsäule. Sie wurde 1723 errichtet – aus Dankbarkeit dafür, dass die Stadt in der vorangehenden Pestwelle relativ glimpflich davongekommen war. Ganz oben auf der Säule thront die Heiligste Dreifaltigkeit. Fast scheint es so, als sei sie von den Sorgen und Nöten der Menschen meilenweit entfernt. Aber Christus hat ein riesiges Kreuz in der Hand, das er dem Betrachter zeigt. Schau, will er wohl sagen, ich habe wirklich am Kreuz gelitten. Leibhaftig. Und wenn du unter der Pandemie leidest – wie immer das für dich sein mag –, dann bin ich ganz nah bei dir. Denn ich bin Mensch.
Amen.
 
Wie schon an den Adventssonntagen schließe ich mit einem Lied: Dem Lied „Es kommt ein Schiff geladen“ (Gotteslob Nr. 236), dessen erste drei Strophen aus dem Straßburg des 14. Jh. stammen, womöglich von dem großen Mystiker Johannes Tauler, wurden um 1626 von Daniel Sudermann die heutigen Strophen 5 und 6 angefügt. Sie lauten:
 
Und wer dies Kind mit Freuden
umfangen, küssen will,
muss vorher mit ihm leiden
groß Pein und Marter viel,
 
danach mit ihm auch sterben
und geistlich aufersteh‘n,
das ewig Leben erben,
wie an ihm ist gescheh‘n.
 
So wünsche ich euch/ Ihnen allen gesegnete und frohe Feiertage. Sie werden sicher stiller sein als sonst, hoffentlich auch besinnlicher, aber insbesondere hoffnungsvoller! In diesem Sinne grüßt
 
Michael Rosenberger

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