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	 xmlns:n="http://typo3.org/ns/GeorgRinger/News/ViewHelpers"><channel><title>Nachrichten</title><link></link><description></description><language>de-DE</language><copyright>Diözese Bistum Würzburg</copyright><pubDate>Wed, 15 Apr 2026 21:31:55 +0200</pubDate><lastBuildDate>Wed, 15 Apr 2026 21:31:55 +0200</lastBuildDate><atom:link href="https://www.wallfahrtsservice.de/aktuelles/nachrichten/feed.rss" rel="self" type="application/rss+xml" /><generator>TYPO3 EXT:news</generator><item><guid isPermaLink="false">news-62188</guid><pubDate>Mon, 18 Nov 2024 08:42:36 +0100</pubDate><title>Seminare für Wallfahrtsführerinnen und Wallfahrtsführer 2025</title><link>https://www.wallfahrtsservice.de/aktuelles/detail/ansicht/seminare-fuer-wallfahrtsfuehrerinnen-und-wallfahrtsfuehrer-2025/</link><description>In vielen Gemeinden finden Wallfahrten zu den verschiedenen Wallfahrtsorten statt. Daher laden die Bildungs- und Tagungshäuser Vierzehnheiligen zu Seminare für Wallfahrtsführerinnen und Wallfahrtsführer in Vierzehnheiligen ein.</description><content:encoded><![CDATA[<p>Mit den Seminaren soll ein Beitrag zur Zukunft des Wallfahrtswesens sowohl im Erzbistum Bamberg als auch im Bistum Würzburg geleistet werden. Ziel ist es nicht nur Sicherheit im Umgang mit den (rechtlichen) Rahmenbedingungen der Organisation einer Wallfahrt zu erlangen. Vielmehr geht es auch darum, Wallfahrten zeitgemäß gestalten zu können, um so &quot;Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute&quot; in den Liedern, Texten und Gebeten widerhallen zu lassen.</p><p>Derzeit umfasst dieses jährliche Angebot eine Ausbildungsveranstaltung im Umfang von 2 x 2 Tagen Anfang des Jahres und einen Fortbildungstag mit wechselnden Themen im Herbst. Die Teilnahme am Fortbildungstag setzt nicht die vorherige Teilnahme an der Ausbildungsveranstaltung voraus.</p><p>Weitere Informationen entnehmen Sie bitte dem Flyer oder der Homepage: www.seminare-wallfahren.14hl.de</p>]]></content:encoded><category>Nachrichten</category><category>Aktuell bei Wallfahrt</category><category>Medien Wallfahrt</category></item><item><guid isPermaLink="false">news-50473</guid><pubDate>Sat, 26 Feb 2022 09:51:00 +0100</pubDate><title>Pilgern durch die Coronakrise - 26. Februar 2022</title><link>https://www.wallfahrtsservice.de/aktuelles/detail/ansicht/pilgern-durch-die-coronakrise-26-februar-2022/</link><description></description><content:encoded><![CDATA[<p>Liebe Pilgernden auf dem Weg in die Fastenzeit,&nbsp;</p><p>die Ereignisse der letzten Tage haben uns alle tief erschüttert. Mitten in Europa ist Krieg. Die jüngste Demokratie dieses Kontinents, die in den letzten Jahren eine so verheißungsvolle Entwicklung durchlaufen hat, wird zerstört. Ein freies und unabhängiges Land wird wieder zum Vasallenstaat einer Diktatur und putinisiert werden. Ganz zu schweigen von den vielen Opfern dieses brutalen Vorgangs. Seit den ersten Nachrichten vom Angriff Russlands auf die Ukraine spüre ich auch ganz körperlich, wie sehr mich das fassungslos macht und bedrückt. Und ich gebe zu, dass ich mich für das Verhalten Deutschlands schäme, das noch immer nicht bereit ist, Russland aus dem Bankenzahlungssystem SWIFT auszuschließen. Österreich hat seine Haltung gestern korrigiert, Deutschland nicht. Ich frage mich, worauf man eigentlich noch wartet, um diesen wirklich harten Schritt gegen Russland zu setzen. Es müsste uns doch spätestens jetzt klar geworden sein, dass die Verteidigung von Demokratie und Freiheit etwas kostet – in Euro und Cent. Natürlich werden die Gaspreise dann weiter steigen. Natürlich wird es uns wehtun. Aber es ist das einzige wirklich klare Signal, um aller Welt zu zeigen, was Demokratie wert ist.</p><p>Schon 2007 hat Putin auf der Münchener Sicherheitskonferenz den jetzigen Schritt angekündigt. Er will zurück zum früheren russischen Großreich. Die Ukraine wird, sofern er noch länger lebt, nicht das letzte Opfer sein, das er sich einverleibt. Wir werden also nicht umhinkommen, uns aus der Komfortzone herauszubewegen und uns die unbequeme Frage zu stellen, was uns unsere Freiheit wert ist – und das meine ich zunächst einmal rein ökonomisch. Ich jedenfalls könnte meinen wenigen ukrainischen Bekannten derzeit nicht erklären, warum Deutschland sich selbst in puncto Sanktionen so passiv verhält.</p><p>Rechtzeitig vor dem Aschermittwoch sende ich heute meinen vorerst letzten Rundbrief. Vorausschauend möchte ich einige Impulse zur Gestaltung der Fastenzeit geben. Die Umweltarbeit der Diözese Linz, an der ich als diözesaner Umweltsprecher beteiligt bin, veranstaltet in diesem Jahr eine besondere Fastenaktion:</p><p><strong>40 Tage fleischfrei: Gerechter leben – gesünder essen – bewusster genießen</strong></p><p>Worum geht es? In den letzten Jahren ist der Verzehr von Fleisch in die Diskussion gekommen. Gerade junge Menschen entscheiden sich immer öfter zu einem vegetarischen oder sogar veganen Lebensstil. Und jene, die weiterhin Fleisch essen wollen, fragen sich zunehmend, wo und wie die Tiere gehalten wurden, von denen ihr Fleisch auf dem Teller stammt. Denn Art und Menge des Fleischkonsums hat Auswirkungen auf die Zukunft der Landwirtschaft, die Länder im globalen Süden, die Tiere sowie Klima und Lebensvielfalt der Erde.</p><p>Die Frage nach dem richtigen Maß des Fleischverzehrs ist uralt. Schon sehr früh hat die Kirche fleischfreie Wochentage eingeführt, den Mittwoch und den Freitag. Und nahezu 1500 Jahre lang galt in der katholischen Kirche eine strikte Fleischabstinenz während der gesamten vierzig Tage der Fastenzeit. Noch heute erinnert der Name der Tage vor dem Aschermittwoch daran: „Karneval“ heißt wörtlich übersetzt „Fleisch, lebe wohl!“</p><p>An diese alte Tradition möchten wir wieder anknüpfen und laden deshalb ein, vierzig Tage lang auf den Genuss von Fleisch, Wurst und Fisch zu verzichten. Der erste Tag ist der Aschermittwoch, der letzte Tag der Karsamstag. An Ostern ist die Aktion beendet. Wer es nicht ganz so streng nehmen will, kann die alte Tradition des „Sonntagsbratens“ wieder aufgreifen und an den Sonntagen der Fastenzeit eine Fleischmahlzeit essen – die Fastenzeit ist ja so berechnet, dass sie vierzig Werktage enthält, die Sonntage sind hochoffiziell ausgenommen.</p><p>Was wollen wir mit der Aktion erreichen? Unsere Ziele sind:</p><ul><li>Das Erproben eines befristet fleischfreien Lebens,</li><li>Die Bewusstmachung des ökologischen, tierethischen, gesundheitlichen und sozialen Impacts des Fleischkonsums,</li><li>Die Motivation, Fleisch (und andere Lebensmittel) höher zu schätzen, gezielter einzukaufen und mehr dafür zu zahlen.</li></ul><p>Die Aktion wird von einer Vielzahl an Partnerorganisationen unterstützt: von der Österreichischen Bergbauernvereinigung Via Campesina OÖ; Caritas OÖ; youngCaritas OÖ; Katholische Aktion OÖ; Katholische Jungschar OÖ; Katholische Jugend OÖ; Katholische Frauenbewegung OÖ; Katholischen Bildungswerk OÖ; Bildungshaus Puchberg; Dominikanerhaus Steyr; Welthaus der Diözese Linz.</p><p>Ab Aschermittwoch wird eine eigene Homepage mit weiteren Informationen zugänglich sein: <a href="https://www.dioezese-linz.at/vierzig-tage-fleischfrei" target="_blank" class="external-link" rel="noreferrer">www.vierzig-tage-fleischfrei.at</a>. Über Facebook und andere soziale Medien werden von den Unterstützerorganisationen zweimal wöchentlich kurze Impulse verschickt: persönliche Zeugnisse von Persönlichkeiten der beteiligten Organisationen sowie Rezepte für vegetarische Gerichte.</p><p>Ich würde mich freuen, wenn viele von euch/ Ihnen sich beteiligen. Zum Ansporn können ein paar Sätze dienen, die der hl. Bischof Basilius von Caesarea, der Stammvater des ostkirchlichen Mönchtums (also gleichsam der hl. Benedikt von Nursia des Ostens) und Wegbereiter des konstantinopolitanischen Glaubensbekenntnisses, das wir heute noch in jedem Gottesdienst beten, zu Beginn einer Fastenzeit zwischen 370 und 378 n.Chr. gepredigt hat:</p><p>„Das Fasten war schon im Paradies ein Gebot. Das erste Gebot, das Adam erhielt, lautete: ‚Vom Baume der Erkenntnis des Guten und des Bösen sollt ihr nicht essen!‘ (Gen 3,17) […] Ja selbst das Leben im Paradies ist ein Vorbild des Fastens, nicht nur insofern der Mensch engelgleich wandelte und durch Genügsamkeit die Ähnlichkeit mit den Engeln bewahrte, sondern auch, weil alles, was Menschenverstand danach ersann, wie das Weintrinken, das Schlachten der Tiere, überhaupt alles, was den Menschengeist trübt, den im Paradiese Lebenden noch nicht bekannt war. […] Kein Tier beklagt seinen Tod; kein Blut wird vergossen; kein Todesurteil wird von dem unerbittlichen Bauche gegen die Tiere gesprochen; es ruht das Messer der Schlächter. Der Tisch begnügt sich mit dem, was von selbst wächst.“ (Basilius von Caesarea, Homilia 1, 3 und 7)</p><p>Zum Abschied möchte ich allen den Gedanken eines Liedes mitgeben, das in beiden Pandemiejahren den Abschluss der Fastnacht in Franken in Veitshöchheim gebildet hat: „Halt mer zam!“ (Auf hochdeutsch: Halten wir zusammen!) von dem Ansbacher A-capella-Männerquartett Viva Voce, das im Übrigen auch eine Reihe sehr schöne religiöse Lieder komponiert hat: Die <a href="https://www.youtube.com/watch?v=sB2l6CTY7Yw" target="_blank" class="external-link" rel="noreferrer">Versionen der Fastnacht 2021</a>&nbsp;empfehle ich beide gleichermaßen zum Anhören und -sehen. Der Text des Liedes (teils im Dialekt, teils in Hochdeutsch geschrieben) lautet:</p><p>Es is‘ irgendwie ganz anders im Moment.<br />So ein bissel durcheinander im Moment.<br />Is ned leicht, des zu verstehen im Moment.<br />Scheint so vieles ned zu gehen im Moment.<br />In ein paar Jahr‘n schau’n wir zurück und sagen dann:<br />Na, zum Glück ist damals alles gut gegang’n.</p><p>Halt mer zam in wilden Zeiten, halt mer zam und häng’n uns ein.<br />Wenn uns Sturm und Not begleiten, macht’s uns stärker, eins zu sein!<br />Halt mer zam, es geht scho weider und die Sonn‘ geht wieder auf.<br />Wo ‘was Altes wegfällt, bricht ‘was Neues an.</p><p>Halt mer zam, … (7x)</p><p>Es wird leichter, klar zu denken irgendwann.<br />Könnt‘ es uns nicht Hoffnung schenken irgendwann.<br />Denn es lässt sich alles machen irgendwann.<br />Wir wer’n wieder ohne Dämpfer lachen irgendwann.<br />In ein paar Jahr’n schau’n wir zurück, sag’n: Weißt du noch?<br />Es schien aussichtslos, und schaudernd ging es los!</p><p>Halt mer zam in wilden Zeiten, halt mer zam und häng’n uns ein.<br />Wenn uns Sturm und Not begleiten, macht’s uns stärker, eins zu sein!<br />Halt mer zam, es geht scho weider und die Sonn‘ geht wieder auf.<br />Wo ‘was Altes wegfällt, bricht ‘was Neues an.</p><p>Halt mer zam, … (7x)</p><p>Mit diesen Sätzen wünsche ich eine segensreiche Zeit auf Ostern zu und grüße Sie/ euch alle herzlich,</p><p><strong>Michael Rosenberger</strong></p>]]></content:encoded><category>Pilgern durch die Coronakrise</category></item><item><guid isPermaLink="false">news-50381</guid><pubDate>Sat, 19 Feb 2022 10:15:00 +0100</pubDate><title>Pilgern durch die Coronakrise - 19. Februar 2022</title><link>https://www.wallfahrtsservice.de/aktuelles/detail/ansicht/pilgern-durch-die-coronakrise-19-februar-2021/</link><description></description><content:encoded><![CDATA[<p>Liebe Pilgernden im Vorfeld gewaltiger Öffnungen,&nbsp;</p><p>„die Politik kapituliert“, so beginnt der treffende Kommentar von Lothar Lenz/ ARD zu den beschlossenen Öffnungsschritten, den ich als pdf anhänge. Am 20. März fallen in Deutschland fast alle Beschränkungen, in Österreich sogar schon am 5. März. Nur Wien wird weiterhin standhaft bleiben und die meisten Maßnahmen bis auf Weiteres beibehalten. Angesichts extrem hoher Inzidenzen hätte ich mir jedenfalls eine vorsichtigere Vorgangsweise gewünscht, mit mehr kleineren Schritten und so, dass man immer maximal zwei Schritte im Voraus beschließt, um auf überraschende Entwicklungen klüger reagieren zu können. Aber die Demoskopen sagen, dass die Mehrheit der Bevölkerung die Öffnungen richtig findet – na gut, dann soll es wohl so sein. Bei uns an der Uni werden wir jedenfalls die meisten derzeit geltenden Vorsichtsmaßnahmen bis auf Weiteres noch beibehalten: 3-G-Kontrollen, Abstands- und Maskenpflicht… Sehr gut, dass die Uni-Leitung behutsam agiert! Zugleich senden wir das starke Signal, dass mit Beginn des Sommersemesters am 1. März wieder Präsenzlehre stattfindet – mit minimalem Infektionsrisiko. Das ist ohnehin ein Riesenschritt.</p><p>Alle, die ein wenig Ahnung von Psychologie oder Pädagogik haben, wissen, dass Worte weniger Gewicht haben als Taten. Wenn also PolitikerInnen aller Parteien nun beteuern, man rufe keinen „Freedom-Day“ aus und die Pandemie sei noch nicht vorbei, dann ist das zwar nett, aber eben doch naiv. Ein guter Teil der Menschen wird die nonverbalen Signale genau so verstehen, wie sie angeblich nicht verstanden werden sollen. Und die Wahrscheinlichkeit, dass bald auch die Impfpflicht suspendiert wird, ist hoch. Dabei brauchen wir weiterhin etwa 90% Impfquote, um gut durch den Herbst zu kommen – so die unmissverständlichen Aussagen der Fachleute. Im letzten Herbst wurden der Politik schwere Vorwürfe gemacht, sie hätte im Frühjahr nicht für den Herbst vorgesorgt. Und daran war jedenfalls richtig, dass im September die Impfstraßen abgebaut wurden, obwohl man wusste, dass die erreichten Quoten zu niedrig sein würden. Allerdings braucht es eben die Kooperation der Bevölkerung. Ohne die zappelt die Politik in der Luft. Und da schaut es zwar bei zwei Drittel der Bevölkerung sehr gut aus, beim letzten Drittel wird es allerdings schwieriger.</p><p>Was man guten Gewissens sagen kann: In einigen Wochen wird eine gewisse Entspannung eintreten. Und auch wer vorsichtig bleibt, wird davon etwas spüren und es genießen. Die kleinen Fortschritte können ein großer Genuss sein! In diesem Sinne werde ich auch den Rundbrief ab Beginn der Fastenzeit wieder aussetzen. Am nächsten Samstag werde ich noch etwas zur Vorbereitung auf die Fastenzeit schreiben und mich dann vorerst wieder verabschieden. Sollte es wieder zu einer Verschärfung der Infektionslage kommen, bin ich selbstverständlich wieder da.</p><p>Heute möchte ich ein Thema aufgreifen, das derzeit viele Debatten hervorruft: die hohen Energiepreise. Ein Barrel Rohöl kostet Stand heute 90,44 US-$. Seit acht Jahren war der Preis nicht mehr so hoch. Ein MMBtu Erdgas kostet aktuell 4,45 US-$. Das sind 44% mehr als vor einem Jahr. (Zur Information: MMBtu bedeutet Million British thermal unit und ist die Wärmeenergie, die benötigt wird, um eine Million britische Pfund Wasser um 1 Grad Fahrenheit zu erwärmen.) Dabei fällt der Preisanstieg umso drastischer aus, als die Energiepreise zu Beginn der Pandemie auf ein Rekordtief (!) gefallen waren. Damals mussten Erdölproduzenten sogar dafür bezahlen, dass ihnen Zwischenhändler Öl abnahmen und in Tanks lagerten.</p><p>Was jedoch sind die Ursachen für die Rekordpreise? Auf der Nachfrageseite ist die Nachfrage nach Energie zuletzt extrem gestiegen – weit höher als erwartet. Die Wirtschaft brummt, die Menschen kaufen wie die WeltmeisterInnen und buchen für den Sommer Flugreisen ohne Ende. Ich nehme an, dass sich dahinter der berühmte Jojo-Effekt verbirgt: Nach einer Zeit des Verzichts ist man heißhungrig und konsumiert mehr als man vorher durch den Verzicht eingespart hat. Anstatt nach der Pandemie anders zu leben als vorher, handeln viele nach der Devise „more of the same“!</p><p>Zum anderen können auf der Angebotsseite etliche Förderländer nicht liefern, weil entweder ihre Infrastruktur marode ist (Libyen, Venezuela) oder die teure Fracking-Förderung in der Pandemie bankrott gegangen ist (USA). Und da die GeldanlegerInnen, v.a. auch die großen Rentenversicherungen, aus den Investments in die fossilen Energien aussteigen, d.h. kein Kapital mehr in die Öl- und Gaskonzerne investieren (das sogenannte Divestment), kann die Modernisierung der maroden Infrastruktur bzw. der Neustart der Fracking-Bankrotteure nicht finanziert werden. Da wirkt also der Trend zu grünen Geldanlagen schon, ehe die Kennzeichnung der Europäischen Union überhaupt in Kraft getreten ist. Und dann ist da natürlich noch der Russland-Ukraine-Konflikt, der die Energiemärkte verunsichert – und Unsicherheit treibt die Preise.</p><p>Wir haben also eine höhere Nachfrage und ein geringeres Angebot – gemäß den Gesetzen des Marktes bedeutet das einen ordentlichen Preisanstieg. Da sind Forderungen nach einer Reduzierung der Energiesteuern sehr populär. Denn angeblich können wir uns das alles ja so gar nicht leisten. Schauen wir jedoch genau hin, dann sehen wir: Der Durchschnittslohn in Deutschland und Österreich hat sich von 1975 bis 1990 verdoppelt, und von 1990 bis 2020 nochmals verdoppelt. Der Benzinpreis ist in Deutschland von 1975 bis 1990 hingegen nur um etwa 30 Prozent gestiegen und von 1990 bis 2022 ebenfalls um etwa 30 Prozent. Während sich also das durchschnittliche Einkommen in 45 Jahren vervierfacht hat, ist der Benzinpreis noch nicht einmal auf das Doppelte gestiegen. Benzin ist bezogen auf das Durchschnittseinkommen viel billiger geworden. Und die Folge davon sehen wir: Wir fahren viel mehr Auto: Von 1975 bis 1990 ist die Jahresfahrleistung aller PKW um zwei Drittel gestiegen und von 1990 bis 2020 nochmals um etwas mehr als die Hälfte. Insgesamt bedeutet das in 45 Jahren einen Anstieg um knapp 260 Prozent. Eine umweltpolitische Bankrotterklärung!</p><p>Damit ist klar: Wenn wir unsere Klimaziele erreichen wollen, wird es nicht genügen, dass wir alle auf E-Autos und Erdwärme-Heizungen umsteigen. Wir müssen auch die Gesamtmenge der konsumierten Energie deutlich herunterfahren. Und das geht nur über höhere Preise. Deswegen haben sowohl Österreich als auch Deutschland die CO2-Bepreisung eingeführt. Die darf jetzt auf keinen Fall aufgeweicht oder aufgegeben werden, nicht einmal zeitlich befristet. Sonst sind alle Klimaschutzbemühungen ruckzuck im Eimer.</p><p>Nur: was passiert mit den Ärmsten unserer Gesellschaft? Den Arbeitslosen, den SozialhilfebezieherInnen, den NiedriglöhnerInnen? Für die hat es in dieser Woche eine sehr bemerkenswerte Initiative gegeben: Fast alle Sozialverbände Deutschlands haben gemeinsam mit fast allen Umweltverbänden Deutschlands eine Initiative gestartet. Sie rufen die Bundesregierung dazu auf, jetzt nicht die Energiesteuern zu reduzieren oder der Gesamtbevölkerung eine Energiesubvention zu zahlen. Im Gegenteil, sie plädieren dafür, den CO2-Preis schneller und deutlicher zu erhöhen, damit er ökologisch wirksam werden kann, und das dadurch erwirtschaftete Geld gezielt den ärmsten Menschen im Land zu geben. Denen also, die wirklich Hilfe brauchen. Ich halte das für einen bemerkenswerten Vorgang. Man versucht ja immer wieder die Klimaschutzmaßnahmen mit dem sozialen Argument auszuhebeln. Dabei könnten Klimaschutz und Sozialpolitik Hand in Hand gehen. Es bräuchte nur den Mut der Politik.</p><p>Und was können wir tun, solange es keine Maßnahmen gibt? Weniger Auto fahren, wäre eine gute Maßnahme. Die Hälfte aller Autofahrten in Deutschland und Österreich gehen über Distanzen unter fünf Kilometern. Da kann man leicht die eine oder andere per Fahrrad oder zu Fuß erledigen. Und weniger heizen könnte auch hilfreich sein. Ich bin außerhalb der Pandemie im Februar immer eine Woche bei FreundInnen in Italien. In der Toskana, im Mittelgebirge. Da wird es nachts kälter als bei uns – regelmäßig deutliche Minusgrade – und tagsüber im Schatten kaum wärmer (in der Sonne schon!). Aber die Italiener heizen ihre Wohnungen maximal auf 18 Grad! Damit geben sie sich zufrieden, weil ihre Heizungen so klein dimensioniert sind, dass gar nicht mehr möglich ist. Für mich bedeutet das jedes Jahr eine Gewöhnungsphase von zwei bis drei Tagen. Aber dann ist es ganz normal. Und wenn ich zurückkomme, empfinde ich unsere Wohnungen mit deutlich über zwanzig Grad als viel zu warm. Also, warum nicht mal ein Grad herunterschalten und dafür die dickeren Socken anziehen? So furchtbar wäre das vermutlich auch nicht.</p><p>Mit diesen Gedanken grüßt für heute,</p><p><strong>Michael Rosenberger</strong></p>]]></content:encoded><category>Pilgern durch die Coronakrise</category></item><item><guid isPermaLink="false">news-50300</guid><pubDate>Sun, 13 Feb 2022 13:11:15 +0100</pubDate><title>Pilgern durch die Coronakrise - 13. Februar 2022</title><link>https://www.wallfahrtsservice.de/aktuelles/detail/ansicht/pilgern-durch-die-coronakrise-13-februar-2022/</link><description></description><content:encoded><![CDATA[<p>Liebe Pilgernden auf dem Weg durch die närrische Jahreszeit,</p><p>während in Veitshöchheim die Proben für die Fastnacht in Franken begonnen haben, die am nächsten Freitag im Bayerischen Fernsehen übertragen wird, kochen die Debatten um die allgemeine (Österreich) oder einrichtungsbezogene (Deutschland) Impfpflicht hoch. Man muss sich doch wundern, wie vergesslich wir geworden sind: Als im letzten Herbst eine neue Corona-Welle durch die Lande zog, warf jeder der Regierung vor, über den Sommer nichts für die Vorsorge getan zu haben. Und jetzt werfen viele der Regierung vor, dass sie heuer genau das tun will. Es ist doch sehr wahrscheinlich, dass Omikron nicht die letzte Welle ist, und es ist zweifelhaft, ob die nächste Variante weniger gefährlich sein wird als die jetzige. Ehrlich gesagt blicke ich manchmal ein wenig neidisch nach Italien: Dort liegt man mittlerweile bei 90% Impfquote, und über die einrichtungsbezogene Impfpflicht, die schon seit November in Kraft ist, hat sich kaum jemand beschwert…</p><p>Omikron füllt zwar die Intensivstationen weniger als die vorangehenden Varianten, dafür aber die Normalstationen der Krankenhäuser, die derzeit schon wieder fast an der Maximalbelegung vorangehender Wellen angekommen sind. Noch dazu sind mehr MitarbeiterInnen in den Krankenhäusern selbst infiziert und fallen für ein bis zwei Wochen aus. So stehen auch diesmal die Krankenhäuser vor schweren Belastungen. In Israel, wo man zu früh zu stark gelockert hat, ist man gegenwärtig bei den höchsten Belegungen der Krankenhäuser seit Beginn der Pandemie. Und die Omikron-Welle wird noch etliche Wochen auf sehr hohen Infektionsständen verharren. Lockerungen müssen also sehr behutsam und gezielt erfolgen, wenn sie keinen Schaden anrichten sollen.</p><p>Interessant finde ich einige Zahlen zur Impfquote bestimmter Bevölkerungsgruppen. Sie beziehen sich alle auf die Gruppe der 25- bis 64-Jährigen, also der Menschen im Berufstätigenalter. Ein erster gravierender Unterschied betrifft den Bildungsstand: Menschen, die nur den Pflichtschulabschluss haben, sind in Österreich zu 68% geimpft. Bei abgeschlossener Lehre erhöht sich die Quote auf 73%, bei Matura auf 78% und bei Universitätsabschluss auf 84%. Bildung hat also eine Wirkung, und sie ist gut zu erkennen! Ein zweiter gravierender Unterschied besteht zwischen aktiv Erwerbstätigen (76%) und Arbeitslosen (69%) – wobei unter den Arbeitslosen die Impfquote bei höherer Bildung kaum ansteigt. Die Situation der Arbeitslosigkeit scheint alle anderen Einflussfaktoren zu überdecken. Und schließlich lässt sich auch an den einzelnen Branchen ein großer Unterschied ablesen: Über 70% Impfquote liegen folgende Bereiche: Information und Kommunikation, Finanzwesen und Versicherungen, Erziehung und Unterricht, Energieversorgung, öffentliche Verwaltung, Kunst und Unterhaltung. Hingegen weisen Gesundheitswesen, Gastronomie und Handel nur mittlere Impfquoten (65-67%) auf. Schlusslichter sind Land- und Forstwirtschaft (60%) sowie Bauwirtschaft (56%). Nun ist sicher ein Teil der branchenspezifischen Impfquote den dort vertretenen Bildungsständen geschuldet. Dass allerdings das (hoch gebildete) Personal im Gesundheitswesen nur einen Prozentpunkt besser abschneidet als das (weit weniger gebildete) Personal von Hotels und Gaststätten, ist schon etwas pikant. Ob hier wieder einmal das Sprichwort vom „Propheten im eigenen Land“ zutrifft?</p><p>Themenwechsel: Auch in diesem Jahr wird der Fasching nicht in der vertrauten Weise stattfinden können. Manche mag das kalt lassen, doch für viele ist das ein schwerwiegender Verlust. Und das darf auch so sein. Der Fasching gehört zur Fastenzeit untrennbar dazu. Um es einmal so zu formulieren: Wenn Fasten, dann Fasten. Wenn Fasching, dann Fasching. Und doch werden in Veitshöchheim auch heuer wieder nur wenige Menschen im Publikum sitzen – wenn auch vielleicht solche aus Fleisch und Blut und keine Pappkameraden wie im vergangenen Jahr. Das wäre schon einmal ein kleiner Fortschritt. Denn wenn uns in der Pandemie auch noch der Humor verlorengeht, dann gute Nacht!</p><p>Auf meinem Esstisch steht jetzt schon fast 500 Tage ein Räuchermännchen aus dem Erzgebirge, das Prof. Dr. Christian Drosten darstellt. Als ich es geschenkt bekam, war es bereits vergriffen, so viele Menschen wollten eines haben. Und auch heute noch ist es eine heiß begehrte Edition, denn es hilft einem durch die Pandemie.</p><p>Das Drosten-Männchen ist Tag für Tag bei allen häuslichen Mahlzeiten mein Gesprächspartner. Daher will ich heute einmal aufschreiben, was wir so miteinander reden.</p><p>MR: Also, Herr Professor Drosten, nachdem wir erstens Kollegen sind, zweitens uns schon seit über einem Jahr kennen und drittens ich der deutlich ältere von uns beiden bin (ziemlich genau zehn Jahre älter), schlage ich vor, dass wir anlässlich unseres 500-Tage-Jubiläums ab heute „du“ sagen. Einverstanden?</p><p>CD: Sehr gerne! Ich heiße Christian.</p><p>MR: Und ich heiße Michael. Christian, ich werde unser heutiges Gespräch aufzeichnen und in meine Rundbriefe stellen. Ist das für dich o.k.?</p><p>CD: Ja, das ist o.k.</p><p>MR: Dann fangen wir doch mal an. Also, die meisten LeserInnen meiner Rundbriefe werden dich schon kennen. Du bist Virologe an der Berliner Charitè und warst vom ersten Tag an ein beliebter Interviewpartner In Fernsehen und Printmedien. Schon im Februar 2020 hast du begonnen, mit den NDR Info Wissenschaftsredakteurinnen Korinna Hennig und Beke Schulmann jede Woche einen ungefähr einstündigen Podcast aufzunehmen: Das „Coronavirus-Update“. Es war von Anfang an eines der meistgehörten Radiogespräche. Eine geschlagene Stunde hören sich die Menschen die medizinischen Neuigkeiten von der Pandemie und ihrer Bekämpfung an. Du hast also offenbar immer brandaktuelle Themen und kannst sie so erklären, dass medizinische Laien es verstehen.</p><p>CD: Genau, das war ja der Grund, warum ich die Pandemie erfunden habe. Ich wollte eben auch mal ins Fernsehen und ins Radio. Normalerweise gelingt uns Virologen das ja nie. Also habe ich das Coronavirus erfunden, und siehe da, die Leute haben es geglaubt. Selbst dann noch, als ich es im ZDF offen zugegeben habe.&nbsp;????&nbsp;Das Video kann man sich anschauen:&nbsp;<a href="https://www.zdf.de/comedy/bosetti-will-reden/jahresrueckblick-122.html" target="_blank" rel="noreferrer">https://www.zdf.de/comedy/bosetti-will-reden/jahresrueckblick-122.html</a>&nbsp;oder auf Youtube:&nbsp;<a href="https://www.youtube.com/watch?v=tPLDhVIDEDc&amp;ab_channel=ZDFComedy" target="_blank" rel="noreferrer">https://www.youtube.com/watch?v=tPLDhVIDEDc&amp;ab_channel=ZDFComedy</a>&nbsp;. Dennoch: Ich hätte diesen Erfolg nie für möglich gehalten. Solange die Pandemie andauert, bin ich die Nummer eins in den Medien!</p><p>MR: Wie? Die Pandemie ist Fake-News? Das Virus gibt es gar nicht?</p><p>CD: Nein, wie kommst du denn darauf. Meine MitarbeiterInnen und ich haben diesen Medien-Coup über Jahre hinweg akribisch vorbereitet. Und sobald man ein paar Menschen auf die Intensivstation legt und sie beatmet, glauben sie einem alles.</p><p>MR: Ich bin ehrlich gesagt sprachlos! Aber gut, dann spiele ich eben die Fake-News mit. Corona hin oder her, eines konntest selbst du nicht verhindern: Öffentlich-rechtliche Sender wie der NDR brauchen heutzutage immer eine geschlechtergerechte Konzeption. Seit September 2021 wechselst du dich daher im Zwei-Wochen-Rhythmus mit Professorin Sandra Ciesek vom Uniklinikum Frankfurt/ Main ab. Die Nummer eins musst du dir also jetzt mit ihr teilen. Aber trotzdem: Euer Podcast hat gegenwärtig 107 Folgen – ein paar mehr als meine Rundbriefe. Das ist wirklich großartig. Und allerlei Preise hat er in der Zwischenzeit auch schon bekommen.</p><p>CD: Ach, weißt du, ehrlich gesagt wäre es mir lieber, der ganze Medienrummel wäre vorbei. Denn leider bekommen wir VirologInnen auch Zuschriften mit wüsten Beschimpfungen, Beleidigungen und manchmal sogar mit Drohungen. Manche Medien wie die BILD-Zeitung haben daran durchaus ihren Anteil. Mit dieser Reaktion haben wir nicht gerechnet, als wir das Corona-Virus erfunden haben. Auch wenn wir das nicht so laut sagen können: Wir haben ein Eigentor geschossen.</p><p>MR: Ich möchte dich in diesem Gespräch von unten nach oben betrachten, also genau andersherum als es normalerweise üblich ist, beginnend bei dem Untergrund, auf dem du stehst. Als Räuchermännchen stehst du auf einer Holzplatte, die die Form des Coronavirus hat. Um genau zu sein: Die Form der Alpha-Version des Virus, denn zu dieser Zeit wurde das Räuchermännchen produziert.</p><p>CD: In der Tat – ich stehe sozusagen auf schwankendem Boden. Ständig merke ich, wie sich die Basis unter mir verändert. Das ist ein komisches Gefühl, und manchmal wird mir dabei schwindlig. Ich frage mich dann, ob wir eigentlich noch wissen, wie die neueste Variante des Virus aussieht, oder ob schon eine ganz andere die Nase vorn hat. Und mit jeder neuen Variante stehe ich als Virologe wieder da und muss zugeben, dass ich viele Fragen nicht beantworten kann. Es ist wie bei einer Schnecke, die eine Brunnenwand hinaufkriechen will: Tags kriecht sie ein Stück hinauf, und nachts rutscht sie wieder zurück. Und dann werfen einem manche Leute auch noch vor, dass die Virologie offenbar gar nichts wüsste.</p><p>MR: Also ich finde eigentlich, dass ihr erstaunlich schnell enorm viele Erkenntnisse gewinnt, wenn eine neue Variante auftaucht. Ich weiß schon, da arbeiten hunderte VirologInnen aus aller Welt mit, sogar aus China, aber trotzdem: Ihr müsst ja die Daten zusammensetzen, damit ein Gesamtbild entsteht, und das ist wirklich eine beachtliche Leistung. – Außerdem seid ihr VirologInnen im Vergleich zu uns TheologInnen deutlich im Vorteil. Das Gefühl des schwankenden Bodens, auf dem wir unsere Wissenschaft entwickeln, ist bei uns mit Sicherheit um einige Zehnerpotenzen höher.</p><p>CD: Da muss ich dir recht geben. Du weißt, ich habe mein Abitur am Bischöflichen Gymnasium Marianum in Meppen abgelegt. Ich ahne also, wie es euch in der Theologie geht. Momentan schwankt euer Boden ja besonders gewaltig – da möchte ich nicht in eurer Haut stecken.</p><p>MR: Danke für dein Mitgefühl. Über die kirchlichen Erdbeben habe ich in den letzten Nummern meienr Rundbriefe geschrieben, das lassen wir fürs Erste so stehen. Jetzt möchte ich aber ein wenig höher schauen, auf deine Hausschlappen und deine dicken roten Socken. Haben die eine politische Bedeutung?</p><p>CD: Nein, auch wenn mich Bündnis 90/ Die Grünen als Delegierten in die Bundesversammlung entsenden, um den Bundespräsidenten zu wählen, halte ich mich parteipolitisch zurück. Die Hausschlappen sind im Klinikalltag einfach sehr bequem, und bei den Socken kommt es mir mehr darauf an, dass sie warm sind. Ich bekomme schnell kalte Füße, und angesichts der öffentlichen Schelte aus bestimmten Kreisen der Gesellschaft müssen wir VirologInnen uns einfach warm anziehen.</p><p>MR: Aha, das ist der Grund. Na gut, dann schauen wir ein wenig höher, nämlich auf deinen weißen Medizinerkittel. Im Podcast kann man dich zwar nicht sehen, aber verzeih mir die Frage: Trägst du auch dort den Medizinerkittel?</p><p>CD: Nein, ich gehe in Zivil ins Aufnahmestudio. Die Bilder im Kittel resultieren eher daher, dass manche Fernsehinterviews direkt bei uns in der Klinik aufgenommen wurden. Und da fände ich es absurd, mich extra umzuziehen, denn das würde ein völlig falsches Bild von unserer Arbeit vermitteln. Ich komme bei solchen Interviews direkt aus dem Labor und kehre anschließend auch gleich wieder dahin zurück.</p><p>MR. Gut, dann gehe ich mit meinen Augen weiter nach oben. Du als Räuchermännchen hast unter dem Medizinerkittel einen Rollkragenpullover. Ich nehme an, dass es da wieder darum geht, dich warm anzuziehen, oder?</p><p>CD: Genau so ist es. Aber in Wirklichkeit trage ich unter dem Kittel oft ein einfaches Hemd. Je nach Jahreszeit eben.</p><p>MR: Dann kommen wir jetzt noch zu deinem Gesicht. Es ist verhüllt durch die medizinische Maske, die wir am Anfang der Pandemie eine gewisse Zeit lang getragen hatten, bevor es ausreichend FFP-2-Masken gab. Ich nehme an, dass du mittlerweile vorschriftsmäßig umgestiegen bist.</p><p>CD: Ja, klar. Das Max-Planck-Institut in Göttingen hat ja eine faszinierend hohe Schutzwirkung der FFP-2-Maske nachgewiesen. Zusammen mit der Impfung kommt man auf 99,98 Prozent Schutz. Das ist sensationell. Und das heißt natürlich: Überall, wo das Maske-Tragen möglich ist, sollten wir es beherzigen. So lästig es auch mitunter sein mag.</p><p>MR. Allmählich komme ich zum Schluss unseres Gesprächs. Aber zwei Beobachtungen müssen wir noch besprechen. Zunächst deinen Wuschelkopf. Das Räuchermännchen trifft ihn hervorragend, und er ist wohl zu einem Markenzeichen geworden. Traust du dich überhaupt noch, dich zu kämmen? Dann könnte es doch passieren, dass die Leute dich nicht mehr erkennen!</p><p>CD: Ja, ich gebe zu, der Kamm war noch nie mein Freund. Bei mir hält die Wirkung des Kämmens einfach nie lange an. Denn ich raufe mir viel zu oft die Haare, wenn ich nachdenke. Und da ich das andauernd tue, kommt eben schnell ein Kraut-und-Rüben-Schopf zusammen.</p><p>MR: Damit hast du vermutlich schon übergeleitet zu meiner letzten Bemerkung, die deinen rauchenden Kopf betrifft. Oben aus dem Räuchermännchen kommt, wenn man es bestückt, eine dicke Rauchschwade heraus.</p><p>CD: Na klar, wir WissenschaftlerInnen gehören eben zur Bande der rauchenden Köpfe.</p><p>MR: Da sprichst du mir aus der Seele. Das geht uns TheologInnen genauso – gerade angesichts der vorhin angesprochenen Probleme des schwankenden Bodens. Christian, danke für deine wertvolle Zeit. Ich bin sicher, dass meine LeserInnen ein paar ganz besondere Neuigkeiten von dir erfahren haben. Und vielleicht schreiben sie dir ja mal einen aufmunternden Brief, damit du nicht nur Hasspostings bekommst.</p><p>Mit diesem Wunsch verabschiede ich mich jedenfalls für heute und grüße alle herzlich,</p><p><strong>Michael Rosenberger</strong></p>

]]></content:encoded><category>Pilgern durch die Coronakrise</category></item><item><guid isPermaLink="false">news-50222</guid><pubDate>Sat, 05 Feb 2022 09:35:00 +0100</pubDate><title>Pilgern durch die Coronakrise - 5. Februar 2022</title><link>https://www.wallfahrtsservice.de/aktuelles/detail/ansicht/pilgern-durch-die-coronakrise-5-februar-2022/</link><description></description><content:encoded><![CDATA[<p>Liebe Pilgernden in Zeiten neuer Höchstzahlen,&nbsp;</p><p>noch ist der Scheitelpunkt der Omikron-Welle nicht erreicht. Modellrechnungen der Humboldt-Universität Berlin zeigen, dass er in Deutschland Ende Februar erreicht werden wird. Da wir allerdings im Vergleich mit früheren Wellen mit guten Gründen weniger Restriktionen haben, wird sich die Welle dann längere Zeit auf sehr hohem Niveau bewegen und sehr langsam abschwächen. Es wird also fast bis Ostern dauern, bis die Welle wirklich abgeklungen ist.</p><p>In der Debatte um die Impfpflicht hat man in den letzten Wochen immer öfter das Argument gehört, diese bringe zum jetzigen Zeitpunkt sowieso nichts, weil diejenigen, die jetzt die erste Impfung empfangen würden, sowieso nicht geschützt seien, bis die Welle vorüber sei. Das ist ganz offenkundig ein fahrlässig vergröbertes Argument. Die Berechnungen der Humboldt-Universität zeigen, dass allein eine höhere Erstimpfungsrate die Omikron-Welle erheblich abgeschwächt und die Belegung der Intensivstationen in einigen Wochen deutlich reduziert hätte. Das Argument, die Impfpflicht würde gegen Omikron und weitere kommende Varianten nichts ausrichten, ist also schlicht falsch. Es ist von MedizinerInnen in die Welt gesetzt worden, wo die Expertise der MathematikerInnen gefragt gewesen wäre. <a href="https://www.ndr.de/nachrichten/info/Omikron-300000-Neuinfektionen-pro-Tag-zu-erwarten-,omikron252.html" target="_blank" class="external-link" rel="noreferrer">Omikron: 300.000 Neuinfektionen pro Tag zu erwarten | NDR.de - Nachrichten - NDR Info</a></p><p>Das Beispiel hat mir wieder einmal deutlich gemacht, wie komplex die Dinge liegen und wie viele verschiedene Wissenschaftsdisziplinen zusammenwirken müssen, damit man zu einem sachgerechten Urteil kommen kann. Und es funktioniert eben nur, wenn jede Wissenschaft weiß, was sie kann und was sie nicht kann, und wenn die nichtwissenschaftliche Öffentlichkeit weiß, was sie kann und was sie nicht kann. Wenn wir diesbezüglich etwas dazulernen, hat sich die Pandemie schon fast gelohnt.</p><p>In der vergangenen Woche habe ich bereits zwei der systemischen Ursachen für den fahrlässigen Umgang der Kirche mit sexuellem Missbrauch angesprochen: Das Fehlen moderner Standards in der kirchlichen Verwaltung, das zu unklaren Zuständigkeiten und Verantwortlichkeiten führt und die Transparenz massiv erschwert. Und das völlig rückständige katholische Kirchenrecht, das das Niveau zeitgemäßer Rechtsstaatlichkeit nicht nur, aber eben auch im Strafrecht weit verfehlt. Man könnte sagen: Das sind die zwei „weltlichen“ Defizite der Kirche in diesem Bereich. Glaubensfragen spielen dabei eigentlich keine Rolle. Heute möchte ich zwei weitere systemische Ursachen benennen, bei denen genau das der Fall ist: Es geht um schwere Defizite im dogmatischen und moraltheologischen Bereich – und das wiegt eigentlich noch schwerer. Bei den Defiziten in Organisation und Recht könnte man ja geneigt sein zu sagen: Naja, die Kirche ist eben nicht von dieser Welt. Bei den Defiziten, die ich jetzt nennen werde, geht genau das nicht. Deshalb wiegen sie umso schwerer.</p><p>Die dritte systemische Ursache für die Vertuschung sexuellen Missbrauchs in der Kirche ist für das Gutachten die Sprachlosigkeit der Priester und insbesondere der kirchlichen Oberen in Fragen der Sexualität. Die vor 1945 geborenen Bischöfe haben schlichtweg nie gelernt, unverkrampft und vernünftig über Sexualität zu sprechen. Ich kann aus eigenen Erfahrungen bezeugen, dass Bischöfe dieser Generation rot wurden und im Boden versinken wollten, wenn die Sprache auf Fragen der Sexualität kam. Und selbst an den theologischen Fakultäten ist der Paradigmenwechsel noch nicht lange her. Ich gehöre zu den Begünstigten, die mit Bernhard Fraling einen moraltheologischen Lehrer genießen durften, der sachlich und auf dem neuesten Stand der Forschung über sexualethische Fragen sprach. Und einige andere Kollegen seiner Generation taten das auch. Das war damals aber noch keineswegs überall so – in Rom an der Gregoriana jedenfalls nicht. Da spotteten wir nur über die Verkrampftheit des Professors, der die Sexualethik las. Seine gedanklichen Drehungen und Windungen, um nur ja nicht zu direkt zu sprechen, waren bizarr.</p><p>Dieses Unvermögen, frei und entspannt über Sexualität zu reden, ist der lange Schatten einer verfehlten kirchlichen Sexualmoral. Über Jahrhunderte vermittelte die Kirche den Gläubigen den Eindruck, es gäbe keinen anderen Bereich, in dem so viele Gefahren zu sündigen lauern wie hier. Die Beichtpraxis wurde fast auf das VI. Gebot reduziert. Alles andere war unwesentlich, und wenn man da etwas vergaß oder wegließ, wurde es nachgesehen. Aber in sexuellen Fragen musste jedes kleinste Detail vollständig gebeichtet werden. Und als man im 19. Jh. muttersprachliche Beichthandbücher für die Priester herauszugeben begann, blieben alle Anweisungen zum VI. Gebot in Latein stehen. Sie durften nicht übersetzt werden. Was hat man damit an geistiger und seelischer Deformation erzeugt!</p><p>Angesichts dessen kann ich mir gut vorstellen, dass die Bischöfe der älteren Generation einfach nur froh waren, wenn sie einen Missbrauchsfall endlich vom Tisch hatten. Natürlich war ihnen klar, dass der Missbrauch von Kindern ein furchtbares Unrecht war. Aber sie waren sprach- und hilflos, weil sie sich nie aus den Fängen der verkorksten kirchlichen Sexualmoral befreit hatten. Ich will nicht sagen, dass sie das entschuldigt. Von einer Führungskraft darf man erwarten, dass sie entweder selbst dazulernt oder wenigstens jemanden an den Vorgängen beteiligt, der entsprechende Kompetenz hat. Wenn jedoch gegenwärtig bestimmte Kreise in der Kirche meinen, dass der Synodale Weg in Deutschland die Missbrauchsfälle missbrauche, um eine neue Sexualmoral auf den Weg zu bringen, dann ist das skandalös. Zu leugnen, dass die Tabuisierung der Sexualität durch die Kirche zur Sprachlosigkeit geführt hat und die Sprachlosigkeit wiederum zur Unfähigkeit im Umgang mit Missbrauchsfällen, das ist eine Wirklichkeitsverweigerung ohne Maß.</p><p>Die Kirche braucht eine neue Sprache, um das sexuelle Erleben auszudrücken. Papst Franziskus hat in seinem Apostolischen Schreiben Amoris laetitia einen Anfang gemacht. Aber es ist eben nur ein Anfang. Um schneller voranzukommen, wird die Kirche von der Welt lernen müssen.</p><p>Nun komme ich zu einer letzten systemischen Ursache, einer, die das Gutachten nicht nennt, weil es keine TheologInnen geschrieben haben, die aber wichtig ist, um das erschreckendste Phänomen umfassend zu erklären, nämlich die durchgehende Nichtbeachtung der Opfer und die Konzentration aller seelsorglichen und fürsorglichen Bemühungen auf die Täter. Das Gutachten nennt als Ursache dafür vor allem den Klerikalismus, und das ist natürlich absolut richtig – gerade auf dem Hintergrund dessen, was ich im letzten Rundbrief zu den Veränderungen unter Pius IX. um 1850 gesagt habe. Aber der Klerikalismus ist nur die eine Hälfte der Wahrheit. Die andere greift sogar noch tiefer. Sie liegt in einer fatal einseitigen dogmatischen Entwicklung in der Lehre über das Sakrament der Versöhnung und seine praktische Durchführung seit dem frühen Mittelalter.</p><p>In der frühen Kirche war das Sakrament der Versöhnung ausschließlich für schwerwiegende Vergehen reserviert. Kleinere Sünden waren kein Anlass zu diesem aufwändigen Verfahren. Denn „beichten“ durfte man nur ein einziges Mal im Leben. Das tat man also nur in sehr schwerwiegenden Angelegenheiten. Dann aber geschah das öffentlich (wobei die Vergehen ohnehin meist schon allen bekannt waren). Der Bischof wies den reuigen Sünder in den Büßerstand ein und bemaß eine dem Vergehen angemessene Bußzeit. Während dieser Zeit galt es streng zu fasten und auf die Teilnahme an der Kommunion zu verzichten. Wohlgemerkt, wir reden hier nicht von Wochen, sondern von Jahren! War die Bußzeit vergangen und die Buße treu geleistet worden, erteilte der Bischof dem Sünder oder der Sünderin am Gründonnerstag die Lossprechung und gab ihm/ ihr im Friedensgruß den „Frieden mit der Kirche“ (pax cum ecclesia) wieder. Dabei waren die Geschädigten bzw. Opfer der verwerflichen Tat selbstverständlich anwesend. Der Bischof musste daher so agieren, dass sie einverstanden sein konnten. Das Bußsakrament war also in dieser Epoche eine echte Gerichtsverhandlung: Öffentlich und unter Anwesenheit beider Parteien. Dass auch die Entschädigung der Opfer Thema gewesen sein dürfte, scheint nahezu zwingend.</p><p>Im frühen Mittelalter verändert sich die Situation. Die Kirche ist nicht mehr eine kleine Minderheit, sondern Volkskirche. Und die Menschen haben Ängste. Ängste, dass Gott ihnen die nicht gebeichteten kleinen Sünden nicht vergibt. Da vermischt sich das Sakrament der Versöhnung mit einer anderen Tradition, nämlich der geistlichen Begleitung. Spirituell erfahrene Männer und Frauen (LaiInnen!) haben seit dem 3. Jahrhundert Menschen geistlich begleitet. Das geschah unter vier Augen, ohne Öffentlichkeit, dafür sehr regelmäßig. Und es ging bei weitem nicht nur oder zuerst um Sünden. Nun aber verschmelzen die beiden Dinge: Man erteilt die sakramentale Lossprechung von den Sünden viel öfter als nur einmal im Leben. Dafür reduziert man den Aufwand und vollzieht das Bußsakrament unter vier Augen. Damit verrät man einen der wichtigsten Grundsätze des Gerichtswesens: Audiatur et altera pars – auch der andere Teil soll gehört werden. Obwohl das Bußsakrament von der Kirche bis heute als Gerichtssituation dargestellt wird, in der der Priester die Richterrolle einnimmt, auch in den Vorschriften des Kirchenrechts, missachtet man einen über 2000 Jahre alten Mindeststandard guten Richtens.</p><p>Diese drastische Veränderung hat zahlreiche Kollateralschäden. Einer davon ist, dass die Opfer an dem Geschehen nicht mehr beteiligt sind. Der Beichtpriester ist voll auf die Umkehr und Reue des Sünders oder der Sünderin fokussiert. Und auch wenn in der Theorie die Wiedergutmachung ein wichtiges Element der Beichte bleibt, geht die Beichtpraxis seit langem einen anderen Weg. Nach dem Motto „Aus den Augen, aus dem Sinn“ verschwanden die Opfer zunehmend mehr aus dem Blick des Beichtpriesters. Dass das in vielen Fällen noch heute so ist, zeigen die Protokolle von rund einhundert fingierten Beichten, die der italienische Journalist Giordano Bruno Guerri 1993 veröffentlicht hat. Auch im Falle schwerer Delikte wie Steuerhinterziehung in großem Stil forderten die italienischen Beichtpriester nie, dass man seine Steuerschuld nachzahle oder sich selbst anzeige. Die Frage nach den Opfern der gebeichteten Taten kommt einfach nicht vor.</p><p>Doch damit nicht genug. Die Opfer schwerer Vergehen sind der Kirche auch außerhalb der Beichte aus dem Blick geraten. Denn die Beichte war über viele Jahrhunderte der Goldstandard der Pastoral. Man bemühte sich also hingebungsvoll um die SünderInnen, damit sie nicht in der Hölle landeten, aber die Opfer und ihre irdischen Qualen waren außer Sichtweite. In dem Kinofilm „Dead Man Walking” von Tim Robbins 1996, der auf einer realen Begebenheit beruht, muss das die Hauptperson, die Ordensschwester Helen, schmerzlich lernen. Sie kümmert sich als Gefängnisseelsorgerin in den USA in beeindruckender Weise um zum Tode verurteilte Straftäter und versucht sie zum Eingeständnis ihrer Schuld zu bringen. Aber weder sie noch irgendjemand sonst kümmert sich um die Angehörigen der Opfer, und das machen diese ihr und der Kirche insgesamt massiv zum Vorwurf.</p><p>Für mich war der Kinofilm damals ein Aha-Erlebnis. Zwar hatte ich von Beginn meines seelsorglichen Wirkens an versucht, Opfer schweren Unrechts zu begleiten und zu unterstützen, wenn ich von ihnen ins Vertrauen gezogen wurde. Aber nie wäre ich auf die Idee gekommen, dass hier eine gravierende kirchliche Schieflage vorhanden war. Durch den Kinofilm begann ich sie wahrzunehmen und im Kollegenkreis zu thematisieren – weit über das Thema des sexuellen Missbrauchs hinaus. Oft geht es ja um ganz andere Unrechtserfahrungen. Da sind wir als Kirche einfach schlecht aufgestellt. 1500 Jahre haben wir uns ausschließlich um die TäterInnen und ihr Seelenheil bemüht. Das irdische Wohl der Opfer hingegen rührte uns wenig. Wir sahen auf einem Auge hervorragend, auf dem anderen waren wir aber blind.</p><p>Und gerade das fällt uns nun auf die Füße. Wir sollten daraus lernen, das Bußsakrament zu reformieren. Wenn es für die Einäugigkeit mitverantwortlich ist, müssen wir es sanieren, um wirklich zweiäugig werden zu können. Es muss in Fällen schwerer Vergehen die Opfer einbeziehen. Es kann nicht sein, dass die SünderInnen ihre Schuld allein mit Gott ausmachen – das würde der nämlich nie wollen. Und die Chance zu einer Reform des Bußsakraments ist so hoch wie lange nicht. Denn diejenigen, die heute noch zum Beichten gehen, kommen fast alle mit sehr schweren Taten. Das natürliche Empfinden der Menschen hat in den letzten Jahrzehnten dazu geführt, dass sie das nicht mehr beichten, was nach offizieller Lehre der Kirche eigentlich nie hätte gebeichtet werden müssen. Aber umso mehr wäre die Reform drängend. Denn derzeit ist die Beichte für schwere Schuld denkbar schlecht ausgerüstet.</p><p>Auch für diese Reformen, die Reformen auf dem Gebiet des Glaubens und der Moral sind, werden wir Hilfe von außen brauchen. Alleine kommen wir aus der Sackgasse nicht heraus. „Amen, amen, ich sage dir: Als du jünger warst, hast du dich selbst gegürtet und gingst, wohin du wolltest. Wenn du aber alt geworden bist, wirst du deine Hände ausstrecken und ein anderer wird dich gürten und dich führen, wohin du nicht willst.“ (Joh 21,18)</p><p>In diesem Sinne grüßt euch und Sie alle,</p><p><strong>Michael Rosenberger</strong></p>]]></content:encoded><category>Pilgern durch die Coronakrise</category></item><item><guid isPermaLink="false">news-50119</guid><pubDate>Mon, 31 Jan 2022 10:31:08 +0100</pubDate><title>Pilgern durch die Coronakrise - 30. Januar 2022</title><link>https://www.wallfahrtsservice.de/aktuelles/detail/ansicht/pilgern-durch-die-coronakrise-30-januar-2022/</link><description></description><content:encoded><![CDATA[<p>Liebe Pilgernden in turbulenten Zeiten,<br />&nbsp;<br />die Omikron-Welle kommt ihrem Höhepunkt näher – und dürfte ihn doch erst in zwei Wochen erreichen. Noch sind die Krankenhäuser relativ leer. Aber wir wissen ja, dass die meisten Einweisungen erst drei Wochen nach der Infektion erfolgen. Die eigentliche Herausforderung kommt also in einem Monat. Jetzt allerdings erreicht sie schon die „kritische Infrastruktur“. Verkehrsbetriebe kürzen ihre Fahrpläne, weil zu viele LokführerInnen, BusfahrerInnen und andere erkrankt sind. Versorgungsbetriebe machen notfallmäßige Dienstpläne, weil viele Mitarbeitenden in Quarantäne sind. Das ist nicht so auffällig und dennoch sehr sensibel. Hoffen wir, dass die großen Blackouts ausbleiben.<br />&nbsp;<br />Zu Beginn dieser Woche hat sich eine große Gruppe von Menschen in der Kirche geoutet, die eine von den katholischen Normen abweichende sexuelle Orientierung oder Identität haben:&nbsp;<a href="https://outinchurch.de/manifest/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://outinchurch.de/manifest/</a>&nbsp;. Wer sich die Website anschaut, wird sicher ein paar bekannte Gesichter finden – egal wo man in Deutschland oder Österreich lebt. Und genau das ist gewollt: Dem Anliegen der Akzeptanz sexueller Vielfalt Gesichter zu geben. So viele Gesichter, dass die Kirchenoberen kaum irgendwelche gravierenden Sanktionen durchsetzen können. Dementsprechend sind die bisherigen Reaktionen deutscher Bischöfe und Generalvikare auch sehr wertschätzend und konziliant. Und die Zeiten, in denen Rom einen härteren Kurs hätte durchsetzen können und wollen, sind mit Franziskus vorbei. Es bewegt sich also etwas. Ob es nachhaltige Veränderungen bewirken kann, muss sich freilich in den nächsten Jahren erst noch zeigen.<br />&nbsp;<br />Wie angekündigt möchte ich in meinem heutigen Rundbrief auf das fast 2000 Seiten starke Missbrauchsgutachten der Kanzlei „Westpfahl Spilker Wastl Rechtsanwälte“ eingehen. Dabei geht es mir weniger um die bestürzenden Fallanalysen und das darin sichtbar werdende Verhalten einzelner Priester und Bischöfe. Dass zumindest alle noch lebenden Personen, die im Gutachten namentlich genannt werden, eine klare Reaktion zeigen müssen, ist unerlässlich. Das Herausreden mit dem Argument, man habe nichts gewusst, geht definitiv nicht mehr. Dafür sind die Belege zu klar. Ich möchte mich hier aber vor allem auf einige Beobachtungen des Gutachtens zu systemischen Problemen der katholischen Kirche konzentrieren. Die GutachterInnen greifen hier vieles auf, was schon andere Gutachten dargestellt haben, bringen es aber zu einer sehr treffenden und differenzierten Synthese. Allerdings merkt man an einzelnen Punkten, dass ihnen die theologische Sicht auf das Dargestellte fehlt. Hier werde ich meine eigenen Kommentare ergänzen.<br />&nbsp;<br />Zunächst einmal die (wenigen) guten Nachrichten aus dem Gutachten, die leider in den Medien völlig übergangen werden. Zwei entscheidende Systemverbesserungen wurden in den letzten zehn Jahren erreicht:</p><ul><li>1.&nbsp;„Festzuhalten ist…, dass seit 2010 ein entschlossenes Bemühen der Erzdiözese festzustellen ist, den Umgang mit Fällen des sexuellen Missbrauchs fortlaufend und entscheidend zu verbessern. Hervorzuheben ist insoweit vor allem der Bereich der Prävention. Die diesbezüglichen Anstrengungen werden oftmals als vorbildhaft angesehen und verdienen Anerkennung.“ (16) An anderen Stellen hebt das Gutachten sogar hervor, dass das Präventionssystem der katholischen Kirche in Deutschland seit 2010 ein Niveau erreicht hat, das einzigartig ist und weltweit für andere Organisationen (z.B. Sportverbände, Musikschulen usw.) vorbildhaft sein sollte. Bei allem, was auch im Jahr 2022 noch unaufgearbeitet oder defizitär ist, sollte man diesen wirklich großen Fortschritt nicht vergessen. Und ich denke, man könnte ihn analog auf die österreichische Kirche anwenden, die ein sehr ähnliches Präventionssystem hat wie Deutschland.</li><li>2.&nbsp;Die Gründung des Päpstlichen Kinderschutzzentrums 2012 in München wurde und wird maßgeblich von der Erzdiözese München und Freising finanziert und ist ein globales Highlight, was die Schulung von Missbrauchs- und Präventionsbeauftragten in Institutionen angeht (431-432). 2015 wurde das Zentrum nach Rom transferiert und 2021 als „Institut für Anthropologie – Interdisziplinäre Studien zu Menschenwürde und Sorge für schutzbedürftige Personen“ (IADC) der Päpstlichen Universität Gregoriana angegliedert, um institutionell noch besser in den Wissenschaftsbetrieb eingebunden werden zu können (u.a. auch um akademische Grade verleihen zu können). Das Zentrum/ Institut arbeitet eng mit der Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie der Universitätsklinik Ulm zusammen. Der Leiter, der Psychologe und Jesuit Pater Hans Zollner, ist mittlerweile weltweit anerkannt und vernetzt. Viele Kurse werden auch als E-Learning angeboten, und das in vielen Sprachen, so dass das IADC ein Leuchtturmprojekt rund um den Globus ist.</li></ul><p>Damit sind die guten Nachrichten aber auch schon ausgeschöpft.<br />&nbsp;<br />Unter den systemischen Mängeln, die zur Vertuschung von Missbrauch führten, machen die Gutachter lang und breit einen Faktor mitverantwortlich, an den man zunächst gar nicht denken würde: Das weitgehende&nbsp;Fehlen moderner Verwaltungsstandards&nbsp;in der Diözesanverwaltung (323-335): Bis vor wenigen Jahren, so das Gutachten, war die Verwaltung des Erzbistums München und Freising „desolat“. Seit den 1970er Jahren hatte sich die Zahl der Mitarbeitenden im Erzbischöflichen Ordinariat versechzehnfacht. An den Verwaltungsabläufen hatte sich jedoch nichts geändert. „Trotz der Größe der Institution gab es im Jahr 2010 keine standardisierten Prozesse, keine klaren Aufgaben- und Verantwortungszuweisungen, keinen einzuhaltenden Dienstweg, keine eindeutigen Verantwortlichkeiten und keine einheitlichen Vorgaben für die Schriftgutverwaltung.“ (324) Und das lag zumindest seit 2005 nicht mehr an der Führung. Vielmehr verhinderten die Mitarbeitenden im Ordinariat die Einführung eines Dokumentenmanagementsystems und die Priester die Eingliederung ihrer Personalakten in die allgemeine Personalaktenverwaltung. Es gab also bis vor wenigen Jahren oft mehrere Personalakten über dieselben Personen, von denen keine alle Informationen enthielt. Auch ein Projekt „Nachvollziehbarkeit“, das für Transparenz der Abläufe sorgen sollte, scheiterte im ersten Anlauf am Widerstand der Mitarbeitenden: Sie hatten „diffuse Ängste“ vor totaler Kontrolle durch den Erzbischof. Das Fazit des Gutachtens: „Trotz der progressiven Reformmaßnahmen der letzten elf Jahre ist es nach Aussage von Zeitzeugen bis heute noch nicht gelungen, alle Defizite in der Verwaltung der Erzdiözese München und Freising zu bereinigen. Nach Auffassung der Gutachter sind neben der schlechten Ausgangssituation insbesondere auch die bei einem nicht unerheblichen Teil der Mitarbeiter vorherrschenden eingefahrenen Denkmuster und daraus resultierenden Widerstände, die bis heute nicht überwunden werden konnten, ursächlich. Allerdings hat die Bistumsleitung im Jahr 2010 nach dem Dafürhalten der Gutachter einen Weg in die richtige Richtung eingeschlagen und solide Grundlagen für eine professionelle, aber auch transparent und nachvollziehbar agierende Verwaltung gelegt.“ (335) Diese Verwaltungsreform soll 2022 endlich abgeschlossen werden –17 Jahre nach den ersten Vorschlägen der Diözesanleitung.<br />Warum lege ich auf diese Passagen so viel Wert? Weil manche Gründe für die Vertuschung schlicht im Dilettantismus der Kirche liegen. Während es im weltlichen Bereich in der Leitung großer Verwaltungen seit Jahrzehnten studierte VerwaltungswissenschaftlerInnen gibt, hat die Kirche bislang gemeint, sie brauche das nicht. Wir wollen doch Seelsorge machen, und da hemmt die Bürokratie nur als lästiger Klotz am Bein! Und bitte ja nicht zu viel Transparenz, denn dann wird auf einmal sichtbar, wer gute Arbeit macht und wer nicht. – Und dann wundern wir uns, warum Unterlagen über Missbrauchstäter lückenhaft oder gar nicht auffindbar sind. Oder dass sie unbemerkt in einem Geheimarchiv des Bischofs oder Generalvikars verschwinden konnten. Das wäre bei Beachtung moderner Verwaltungsstandards gar nicht möglich gewesen. Auch dass sich selbst nach 2010 niemand für die seelsorgliche Begleitung der Opfer und der betroffenen Pfarreien zuständig fühlte, lag an der konfusen Verwaltung. Es war schlicht nie besprochen worden.<br />&nbsp;<br />Eine zweite systemische Ursache liegt für die GutachterInnen im&nbsp;mangelhaften kirchlichen (!) Strafrecht. Historisch schildert das Gutachten für die Neuzeit drei Phasen:</p><ul><li>1.&nbsp;Die Phase der Klarheit und Härte&nbsp;(ca. 1500 – 1850): Schon das V. Laterankonzil von 1512 – 1517, also noch vor dem Thesenanschlag Martin Luthers (!), ordnet an, dass Kleriker, die ein Verbrechen im Bereich des sexuellen Missbrauchs begehen, kirchlich und weltlich zu bestrafen sind. Dabei ist ein weltliches Strafrecht für Sexualdelikte im 16. Jahrhundert gerade erst eingeführt worden. Das Laterankonzil klärt hier also seine Beziehung zu den neuen weltlichen Instanzen, und zwar uneingeschränkt positiv. Das Konzil von Trient bekräftigt 1551 diesen Weg: Missbrauchstäter sind aus dem Klerikerstand zu entlassen (also ihrer Immunität als Kleriker zu berauben) und der weltlichen Strafgerichtsbarkeit zuzuführen. Vielfach werden Priester sogar darauf verpflichtet, den sexuellen Missbrauch eines Amtsbruders beim Bischof anzuzeigen, wenn sie davon in der Beichte erfahren. Man hebt also für diese Fälle das Beichtgeheimnis auf – etwa im Erzbistum Mailand durch Erzbischof Karl Borromäus. Insgesamt fährt man einen klaren und harten Kurs.</li><li>2.&nbsp;Die Phase des Geheimhaltens und Vertuschens&nbsp;(ca. 1850 – 2000): Die Säkularisation um 1800 führt zu einer weitgehenden Entmachtung der Kirche. Sie verliert nach und nach ihre weltlichen Herrschaften (Fürstbistümer, Kirchenstaat etc.) und viele ihrer Güter. Klöster werden zuhauf aufgelöst. Das führt zu einer psychologisch verständlichen, wenn auch unreifen Abwehrhaltung gegenüber den säkularen Staaten nach außen und zu einer Bunkermentalität nach innen. Der große Vorreiter auf diesem Weg ist Papst Pius IX. Er ist verantwortlich für die unermessliche Überhöhung und Sakralisierung des Priestertums (und Papsttums, das nun bei der Verkündung von Dogmen für unfehlbar erklärt wird) und für die feindselige Haltung gegenüber allen Tendenzen zur Liberalisierung und Demokratisierung der Staaten. Konkret führt er viel mildere Kirchenstrafen für priesterliche Missbrauchstäter ein und ordnet an, dass keine Übergabe von Informationen über diese an weltliche Gerichte erfolgen darf. Außerdem ordnet er ein strenges Regiment der Geheimhaltung an, um Skandale zu vermeiden. Ja, er bemüht sich sogar, halbwegs kirchenfreundliche Staaten zur Privilegierung der Priester im weltlichen Strafrecht zu bewegen. Im 20. Jh. wird die Geheimhaltung immer weiter verschärft und verhindert nun systematisch die Anzeige eines Priesters beim Staat. Auch die kirchliche Strafe für Missbrauchstäter wird weiter gemildert, sogar noch im Kodex des kirchlichen Rechts von 1983.</li><li>3.&nbsp;Die Phase der Infragestellung kirchlicher Strafen insgesamt&nbsp;(seit dem II. Vatikanisches Konzil 1961 – 1965): Das Konzil bedeutet zwar einerseits eine Zuwendung der Kirche zur Welt und eine Anerkennung aller Menschenrechte. Die Sakralisierung der Priester will es zurückfahren und die Kirche realistischer betrachten. Doch bleibt das Konzil blind für die Wichtigkeit des (Straf-)Rechts. Man spricht von der „Kirche der Liebe“ und sucht für alle Probleme „pastorale Lösungen“. Die Idee, dass in der JüngerInnengemeinschaft Jesu von Nazaret Strafe überflüssig sei, greift Raum. Und so ist der Kodex des Kirchenrechts von 1983 im Grunde eine abgemilderte Version des vormodernen Kirchenrechts alter Schule. Papst Franziskus hat im vergangenen Jahr eine Reform des kirchlichen Strafrechts promulgiert, die bereits Papst Benedikt XVI. angestoßen hatte. Aber ganz ehrlich: Herausgekommen ist ein „Mini-Reförmchen“, das zwar punktuelle Verbesserungen im Bereich sexueller Vergehen von Klerikern enthält, aber weit hinter den Erfordernissen zurückbleibt. Eine grundlegende Reform müsste auch eine Reform des gesamten Codex sein. Jungen Wein kann man nicht in alte Schläuche gießen…</li></ul><p>Insofern hängt das Kirchenrecht noch immer in einer Mischversion von Phase 2 und Phase 3 fest – und müsste doch dringend in eine Phase 4 übergeführt werden. Fast alle demokratischen Staaten haben nach 1945 ihr gesamtes Rechtssystem enorm modernisiert. Der Vatikan/ Die Kirche hingegen ist auf dem Stand von 1800 stehengeblieben. Dadurch ist – aus meiner laienhaften Einschätzung als kirchenrechtlich Ungeschulter – eine punktuelle Nachbesserung des geltenden Kirchenrechts unmöglich geworden. Vielmehr braucht es einen kompletten Neuanfang – etwa so wie in der Bundesrepublik nach 1945 mit der Erarbeitung des Grundgesetzes. Im Unterschied zum sogenannten „Parlamentarischen Rat“, der damals von den Länderparlamenten gewählt werden konnte, die ihrerseits vom Volk gewählt waren, hat die Kirche aber bislang keine vom Volk gewählten Länderparlamente. Man müsste also zunächst einmal ein Wahlprozedere einführen – eine schiere Unmöglichkeit. Daher denke ich an eine Alternative: Die Kirche legt die Aufgabe der Erarbeitung eines neuen Kirchenrechts komplett in die Hände Dritter. Man könnte zum Beispiel die Verfassungsgerichte aller halbwegs seriösen und demokratischen Staaten bitten, je eine Person für ein solches Gremium zu nominieren. Auf diese Weise könnte eine ähnliche Gruppengröße zusammenkommen wie 1948 in Deutschland, wo letztlich 77 Mitglieder das Grundgesetz schrieben.<br />&nbsp;<br />Ich gebe zu, ich träume ein wenig. Aber meines Erachtens ist nicht mehr die Frage, ob ein solcher Schritt in den nächsten Jahren kommen wird, sondern nur noch wann. In den letzten Jahren ist mir Joh 21,18 immer wichtiger geworden. Dort sagt Jesus zu Petrus: „Amen, amen, ich sage dir: Als du jünger warst, hast du dich selbst gegürtet und gingst, wohin du wolltest. Wenn du aber alt geworden bist, wirst du deine Hände ausstrecken und ein anderer wird dich gürten und dich führen, wohin du nicht willst.“ Das Johannesevangelium enthält keinen einzigen Satz, der nicht doppeldeutig gemeint ist. Dieser hier bedeutet auf der wörtlichen Ebene zunächst, dass Petrus den Märtyrertod sterben wird. Aber auf der symbolischen Ebene bedeutet er, dass der Bischof von Rom, der Nachfolger Petri, immer wieder an Punkte kommen wird, wo er selber die Kirche nicht mehr führen kann, sondern einem anderen (Menschen oder eher Gremium) von außerhalb der Kirche die Führung überlassen muss. Der wird sie führen, wohin es der Papst womöglich nicht will – und doch wird es richtig und hilfreich sein. Für mich ist das Herausforderung und Hoffnung zugleich.<br />&nbsp;<br />An dieser Stelle unterbreche ich meine Reflexionen zum Münchener Missbrauchsgutachten, damit es nicht zu lang wird. Nächste Woche fahre ich mit der Analyse zweier weiterer systemischer Ursachen fort. Für heute herzliche Grüße,<br />&nbsp;<br /><strong>Michael Rosenberger</strong></p>]]></content:encoded><category>Pilgern durch die Coronakrise</category></item><item><guid isPermaLink="false">news-50008</guid><pubDate>Sat, 22 Jan 2022 09:35:00 +0100</pubDate><title>Pilgern durch die Coronakrise - 22. Januar 2022</title><link>https://www.wallfahrtsservice.de/aktuelles/detail/ansicht/pilgern-durch-die-coronakrise-22-januar-2022/</link><description></description><content:encoded><![CDATA[<p>Liebe Pilgernden mitten in der Omikron-Welle,&nbsp;</p><p>noch ist die Omikron-Welle bei uns gar nicht auf ihrem Höhepunkt angekommen, da melden sich Länder wie Spanien und Großbritannien zu Wort und wollen, dass die Weltgesundheitsorganisation WHO die Pandemie zu einer Endemie herunterstuft. In Spanien mit fast 90 Prozent Impfquote könnte das auch gutgehen. Aber weltweit sind wir noch meilenweit von diesem Stadium entfernt. Geduld und Besonnenheit sind gefragt. Schließlich erinnern wir uns noch alle gut daran, dass der britische Premier Boris Johnson schon einmal den Liberation Day, den Tag der Befreiung vom Virus verkündet hatte – nur um wenig später wieder zurückrudern zu müssen.</p><p>In den letzten Tagen hat uns die Veröffentlichung des Gutachtens über das Verhalten der Verantwortlichen in der Erzdiözese München und Freising erschüttert und umgetrieben. Es ist erschreckend und beschämend, wie sich die Kirchenoberen über Jahrzehnte in der Frage des sexuellen Missbrauchs durch Kirchenpersonal verhalten haben. Das Gutachten ist aber nicht nur deshalb exzellent, weil es alle noch irgendwie greifbaren Fälle facettenreich und sensibel aufarbeitet, sondern auch, weil es die systemischen Ursachen des Verschweigens und Vertuschens durch die Kirchenoberen sehr genau analysiert.</p><p>In den nächsten Rundbriefen werde ich einige der Aspekte aufgreifen und aus theologischer Perspektive reflektieren. Angesichts der Einführung der gesetzlichen Impfpflicht in Österreich in dieser Woche möchte ich heute allerdings ein wichtiges Thema der Corona-Debatten aufgreifen und diskutieren: Warum geht der Riss zwischen Geimpften und Ungeimpften, den wir mindestens seit dem Herbst letzten Jahres erleben, eigentlich so tief? Warum können sich Menschen aus den beiden Gruppen kaum noch begegnen, ohne dass Verkrampftheit, Misstrauen, Unterkühlung und mitunter Aggression und Feindseligkeit zu spüren sind? Warum empfinden wir also den „Vaccination Divide“, oder kurz vielleicht auch „Vac Divide“, so intensiv?</p><p>Zunächst einmal lohnt der Blick in die Vergangenheit. Es gab auch in früheren Jahrhunderten binäre Codes, also Trennlinien zwischen „ja“ oder „nein“ in einer bestimmten Frage, die Gesellschaften in zwei Teile teilten. Oft waren sie religiös konnotiert: Getauft oder nicht getauft entschied zum Beispiel über ein anständiges Begräbnis auf dem örtlichen Friedhof, verheiratet oder nicht verheiratet noch bis in die 1960er Jahre über die Vermietung einer Wohnung oder das Beziehen eines Doppelzimmers im Hotel. Diese Divides (ich nenne sie einmal Baptism Divide und Marriage Divide) haben wir überwunden, und viele werden sich gar nicht mehr daran erinnern können, wie streng sie damals durchgezogen wurden.</p><p>Der „Digital Divide“ hingegen, der ungefähr seit dem Jahr 2000 diejenigen voneinander trennte, die mit digitalen Geräten umgehen konnten bzw. nicht umgehen konnten, hat sich mittlerweile fast von selbst erledigt. Auch 80jährige bedienen heutzutage halbwegs entspannt ein Smartphone oder einen Laptop. Die Zahl der Omas und Opas, die auf Facebook oder Whatsapp mit ihren Enkeln konferieren, ist riesig. Konsequente Digital-Verweigerer gibt es kaum noch, und die lassen sich im Notfall von ihren Familienangehörigen helfen. Computerkurse an den Volkshochschulen, wie sie zu Beginn der 2000er Jahre speziell für ältere Menschen angeboten wurden, sind fast völlig von der Bildfläche verschwunden, weil es dafür keinen Bedarf mehr gibt.</p><p>Dafür nun also der „Vac Divide“ zwischen Geimpften und Ungeimpften. Er hat sich im Laufe des vergangenen Jahres schrittweise immer mehr vertieft, und das nicht nur, aber natürlich auch durch die Pandemie-Gesetzgebung. 2-G ist das Zauberwort: Geimpft oder Genesen, ansonsten hast du keinen Zutritt! So berechtigt 2-G (oder sogar 2-G-plus) derzeit zur Teilnahme an Vielem, was allen, die keinen 2-G-Nachweis haben, verwehrt ist: Zum Betreten von Gaststätten, Konzerten, Kulturveranstaltungen, zu Einkäufen im nicht lebensnotwendigen Bereich… Sogar bei vielen privaten Feiern zuhause wird von den Einladenden zunehmend 2-G verlangt – aus sehr verständlichen Gründen. Selbst in Omikron-Zeiten hat die (Booster-)Impfung eine enorme Auswirkung auf die Wahrscheinlichkeit, im Krankenhaus oder in der Intensivstation zu landen. Die Impfung ist noch vor der FFP-2-Maske das wirksamste Mittel in der Pandemie – und wirkt auch dort, wo man die Maske ablegen muss, also im Restaurant oder beim Zahnarzt.</p><p>So nachvollziehbar die größeren Freiheiten der Geimpften und die größeren Einschränkungen für die Ungeimpften also sind, so folgenreich ist der Vac Divide dennoch. Selten hatte ein Divide so weitreichende und breitflächige Folgen. Der Baptism Divide hatte die wichtigsten Folgen überhaupt erst, wenn man selber schon gestorben war. Der Marriage Divide hatte Folgen für das Wohnen – schwerwiegend, aber rein auf den Privatbereich bezogen. Der Vac Divide hingegen betrifft privaten und öffentlichen Bereich gleichermaßen, und das tagtäglich. Das spüren wir alle, und es geht uns an die Nieren, egal auf welcher Seite des Grabens wir stehen.</p><p>Wie schwerwiegend der Divide ist, wurde mir neulich klar, als ich in der ZEIT ein Interview mit dem Betreiber eines Online-Dating-Portals las. Der sagte, dass sehr viele Menschen, die derzeit auf seinem Portal daten, in der allerersten Selbstvorstellung ungefragt und gleich nach ihrem Beruf, ihrem Alter und ihrem Wohnort ihren Impfstatus angeben. Da geht es offenkundig nicht darum, dass man je nach Impfstatus überlegt,&nbsp;wo und wie&nbsp;man sich das erste Mal real trifft, sondern&nbsp;ob&nbsp;man sich mit der betreffenden Person&nbsp;überhaupt&nbsp;treffen will. Der Impfstatus zeigt offenbar an, ob eine Übereinstimmung in einigen wichtigen Grundanschauungen gegeben ist. Darum diskutieren wir über das Impfen so leidenschaftlich. Darum sind die Positionen so schwer versöhnlich. Geimpfte und Ungeimpfte sehen die Welt in entscheidenden Punkten anders.</p><p>Wohlgemerkt: Ich spreche hier nicht von GegnerInnen und BefürworterInnen der Covid-Hygiene-Regeln und auch nicht von GegnerInnen und BefürworterInnen einer allgemeinen Impfpflicht. Es geht hier um jene, die die Impfung bejahen und sich impfen lassen, und jene, die die Impfung für sich persönlich ablehnen. Es geht also um die ganz persönliche und private Einstellung zum Impfen – nicht mehr!</p><p>Natürlich sind die beiden Gruppen der Ungeimpften und der Geimpften in sich sehr plural und heterogen. So gibt es unter den Ungeimpften EsoterikerInnen, NaturromantikerInnen, politische Rechte, religiöse FundamentalistInnen und viele andere. Und bei den Geimpften ist es nicht anders. Es eint sie weit weniger als die AnhängerInnen einer politischen Partei oder einer Religion. Aber ein paar grundsätzliche Anschauungen sind dennoch den meisten innerhalb einer der beiden Gruppen gemeinsam:</p><ul type="disc"><li>Im Verhältnis zur Naturwissenschaft, Medizin und Pharmazie: Die einen haben ein tiefes, grundlegendes Misstrauen in die Schulmedizin und neigen zu „natürlichen“ und „alternativen“ Heilmethoden. Die anderen haben in die moderne Medizin Vertrauen, neigen aber vielleicht zu stark dazu, für jedes Wehwehchen sofort eine Pille zu schlucken.</li><li>Im Verhältnis zur Regierung und den Regierenden: Die einen haben den Eindruck, dass der Staat ziemlich korrupt ist und dass es den PolitikerInnen nur um den eigenen Machterhalt geht. Die anderen sprechen der Politik bei allen Missständen doch auch eine gewisse Seriosität und Vernünftigkeit zu.</li><li>Im Verhältnis zum Rationalen und zum Nicht-Rationalen, zum Erklärbaren und zum „Mystischen“: Den einen erscheint die moderne Welt viel zu rational, zu kalt, zu berechnend und womöglich auch zu entzaubert. Die anderen begeistern sich für die Möglichkeiten von Naturwissenschaft und Technik, verlieren dabei aber vielleicht den Bezug zu dem Geheimnisvollen, Unsagbaren, dem Wunder des Lebens.</li><li>Im Verhältnis zur gegenwärtigen geschichtlichen Epoche der (Post-)Moderne: Die einen kommen mit der Moderne schwer zurecht und fühlen sich in den Entwicklungen unserer Zeit unwohl, vielleicht sogar heimatlos. Die anderen haben sich mit der (Post-)Moderne arrangiert, übersehen dabei aber vielleicht deren Schattenseiten und geben sich kritiklos zufrieden.</li></ul><p>Ich hoffe es ist zu merken, dass ich auf ein sehr tiefliegendes Problem der Moderne hinweisen möchte, für das diese noch keine gute Lösung gefunden hat: Ein freundschaftliches Verhältnis zu den Gefühlen, dem Romantischen, dem Geheimnisvollen,… und letztlich auch dem Göttlichen! In dieser Hinsicht trägt die Moderne eine Erblast, die mindestens 2500 Jahre alt ist. Sie wurzelt in der griechischen Philosophie der Antike. Das Christentum hat sie unkritisch aufgenommen, sobald sein Nährboden nicht mehr das Palästina Jesu von Nazaret war, sondern die hellenistische Kultur des römischen Weltreichs. Und heute, da das Christentum in Europa seinen Niedergang erlebt, wirkt der griechische Rationalismus eben in der säkularen Gesellschaft weiter. Letztlich ist das seine logische Konsequenz. Denn erst eine säkulare Gesellschaft ist wirklich rational.</p><p>Die alten Griechen hatten ein abgrundtiefes Misstrauen gegenüber den Gefühlen. Die waren ja nicht beherrschbar, nicht steuerbar. Da verloren Menschen die Kontrolle über sich selbst. Und woher die Gefühle kamen? Jedenfalls von außen, verursacht von etwas Fremdem, Unheimlichem. Die Lösung war und ist bis heute: Die Vernunft soll die Kontrolle über die Gefühle übernehmen, gleichsam als deren Steuerfrau, sie soll die Hegemonin sein, wie die Griechen sagten.</p><p>In gewisser Weise erleben wir heute die Perfektionierung der Rationalität und der Rationalisierung. Im öffentlichen Leben und erst recht in der Wirtschaft ist für Gefühle kaum mehr Raum. Genau das kritisiert Papst Franziskus, wenn er in seiner Enzyklika Laudato si vom „technokratischen Paradigma“ spricht. Die EntscheidungsträgerInnen versuchen, sämtliche großen Probleme der Welt rational zu lösen, technokratisch. Aber die Seele der Menschen bleibt dabei schnell auf der Strecke.</p><p>Das also ist aus meiner Sicht das berechtigte Anliegen der Ungeimpften, das sie allerdings selten so in Worte fassen: „Bitte versucht die Pandemie nicht einfach technokratisch weg zu managen! Bitte schaut auch auf unsere Seele! Bitte lasst unsere Seelen nachkommen!“</p><p>Dieses Anliegen kann aber natürlich nicht heißen, den Gefühlen vor der Vernunft Vorfahrt zu geben und die Vernunft über Bord zu werfen. Vielmehr muss die Lösung eine kluge Verbindung beider anzielen, getreu dem abgewandelten Motto Jesu: „Gebt der Vernunft, was der Vernunft gebührt, und den Gefühlen, was den Gefühlen gebührt!“</p><p>Der Vernunft gebührt die Einhaltung der Hygiene-Regeln, selbst in emotionaleren Settings wie Gottesdiensten oder privaten Festen. Der Vernunft gebührt das Kooperieren der MitarbeiterInnen im Handel, in der Gastronomie und auch in den Kirchen, wenn sie Kontrollpflichten auferlegt bekommen. Der Vernunft gebührt auch und nicht zuletzt die Impfung.</p><p>Und was gebührt den Gefühlen? Das scheint mir die viel schwerer zu beantwortende Frage. Denn in 2500 Jahren Rationalismus haben wir in Europa weitgehend verlernt, was den Gefühlen gebührt. Da und dort ist es in der Pandemie durchgebrochen und aufgeblitzt. Aber wir sind, um es mit dem großen Philosophen Jürgen Habermas zu sagen, fast alle „religiös unmusikalisch“. Und der hat den Begriff von Max Weber, dem Begründer der deutschsprachigen Soziologie zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Die religiöse Unmusikalität ist also nichts Neues – sie prägt Europa seit Sokrates (und noch früher). Doch erst in der Gegenwart hat sie ihre Perfektion gefunden, an der die Kirchen ohne es zu ahnen kräftig mitgewirkt haben.</p><p>Manchmal in dieser Pandemie ist die „religiöse“ Musik aufgeblitzt, gerade zu Beginn: Als komplette italienische Städte auf den Balkonen standen und gemeinsam sangen. Als wir am Abend den Pflegekräften applaudierten. Als Kliniken den an Corona Sterbenden eine letzte Begegnung mit einem ihrer Angehörigen ermöglichten. Als jeden Abend um 8 Uhr die Glocken läuteten und zum Innehalten einluden. – Aber der Raum für solche Formen der Nähe und Zuwendung ist klein – weniger wegen zu strenger Hygieneregeln als mehr wegen der Dominanz eines rational durchgetakteten Tagesablaufs. Und weil man ja Gefühle am besten gar nicht zeigt. Es sind weniger die sichtbaren, materiellen Barrieren als die unsichtbaren, ideellen Tabus, die unsere Gefühle einsperren.</p><p>Ich möchte ein sehr persönliches Beispiel erzählen, wie Vernunft und Gefühle zusammenfinden können, nicht aus der Zeit der Pandemie, aber von einer Intensivstation. Vor 22 Jahren ist meine Mutter auf einer solchen Intensivstation verstorben – an etlichen Apparaten hängend und künstlich beatmet. Das war medizinisch richtig und absolut vernünftig. Mein Vater, meine Geschwister und ich haben diese Intensivstation trotz aller Technik nicht als kalt und abweisend erlebt, sondern als einen Ort wundervoller Geborgenheit und liebevoller Fürsorge. Und das lag am Pflegepersonal. Sie haben alles getan, um uns den Abschied so „schön“ wie möglich zu gestalten. Das begann damit, dass jederzeit eine brennende Kerze auf dem Nachtkästchen stand und uns die Monitore dahinter vergessen ließ. Und es ging sogar soweit, dass einer von uns in dem freien Intensivbett neben unserer Mutter übernachten durfte. „Gebt der Vernunft, was der Vernunft gebührt, und den Gefühlen, was den Gefühlen gebührt!“ Das hat das Personal der Intensivstation damals auf großartige Weise erfahrbar gemacht.</p><p>Was wir aufgeklärten EuropäerInnen brauchen, ist eine Wertschätzung und eine Kultur der Gefühle. Wie sie entstehen kann, dafür gibt es in den spirituellen Traditionen unseres Kontinents genügend Anregungen. Sie sind bisher trotz 2000 Jahren Christentums nicht aus ihrer Nische herausgekommen. Denn die wenigsten ChristInnen, auch die wenigsten Priester und Bischöfe (!), haben sich ernsthaft um eine intensive und ganzheitliche Spiritualität bemüht. Doch die spirituellen Impulse der großen MeisterInnen sind da. Wir können sie nützen. Ihre Aneignung wird allerdings für Einzelpersonen Jahre und für die Gesamtgesellschaft Generationen dauern. Das geht nicht von heute auf morgen. Ob die Pandemie ein Anstoß sein könnte, den Aufbruch zu wagen?</p><p>Das fragt mit freundlichen Grüßen</p><p><strong>Michael Rosenberger</strong></p>]]></content:encoded><category>Pilgern durch die Coronakrise</category></item><item><guid isPermaLink="false">news-49917</guid><pubDate>Sun, 16 Jan 2022 09:43:37 +0100</pubDate><title>Pilgern durch die Coronakrise - 16. Januar 2022</title><link>https://www.wallfahrtsservice.de/aktuelles/detail/ansicht/pilgern-durch-die-coronakrise-16-januar-2022/</link><description></description><content:encoded><![CDATA[<p>Liebe Pilgernden im Anrollen der Omikron-Welle,</p><p>so langsam können wir ahnen, wie hoch die Infektionszahlen Mitte Februar sein dürften. Vom Ausmaß der Ansteckungen her hat es in der gegenwärtigen Pandemie noch nichts Vergleichbares gegeben. Und auch wenn die Verläufe mit Omikron weniger oft schwerwiegend sind und seltener die Einweisung in ein Krankenhaus oder auf eine Intensivstation bedeuten, ist doch zu befürchten, dass auf Grund der hohen Zahl an Erkrankten die nächste Überlastung der Intensivstationen droht. In England und den USA ist man schon so weit, und dabei hat zumindest England eine höhere Impfquote. Es könnte bei uns also sogar noch schlimmer kommen.</p><p>Dennoch möchte ich zunächst ein pandemieunabhängiges Thema aufgreifen: Verschiedentlich wurde ich gefragt, was ich vom sogenannten „Taxonomie-Streit“ halte, also dem Streit in der Europäischen Union über die Frage, ob Kernkraftwerke und Gaskraftwerke unter gewissen Bedingungen als nachhaltig gelten dürfen oder nicht. Dazu muss man zunächst einmal klären, worum genau gestritten wird. Seit über zwei Jahren arbeitet die EU-Kommission daran, eine Verordnung zur Kennzeichnung von Geldanlagen zu erlassen. Immer mehr Menschen legen ihr Geld nicht mehr auf dem Sparbuch an, weil das bei negativen Zinsen verlustreich ist, sondern in Aktien, Fonds und anderen Anlageformen. Aber immer mehr von ihnen möchten das mit gutem Gewissen tun, und das ist alles andere als trivial. Ich sitze selbst in drei Ethikbeiräten, zweien auf der Anbieterseite (also Ethikbeiräte von Aktien- und Anleihenfonds) und einem auf der KundInnenseite (nämlich bei der Versicherung, bei der die Diözese Linz die betriebliche Altersvorsorge ihrer MitarbeiterInnen anlegt). In diesen Gremien arbeiten wir hochprofessionell, mit der Möglichkeit, auch teures Knowhow von ethischen Ratingagenturen abzufragen. Das kostet aber viel Geld.</p><p>Damit eine ethische Klassifizierung von Geldanlagen künftig leichter und kostengünstiger wird, hat die EU sich entschlossen, ein Gütesiegel für nachhaltige Geldanlagen einzuführen. Das ist analog zum EU-Bio-Siegel auf Lebensmitteln. Otto Normalverbraucher und Ottilie Normalverbraucherin brauchen also in Zukunft keine teure Bankberatung mehr, wenn sie ihr Geld verantwortungsbewusst veranlagen wollen, und kleine Sparkassenangestellte brauchen kein ethisches Zusatzstudium mehr, um gut über ethische Geldanlagen beraten zu können, wozu sie nämlich ab Juli gesetzlich verpflichtet sind. So weit so gut, wirklich gut.</p><p>Aber damit man Unternehmen auf ihre Nachhaltigkeit hin taxieren kann, braucht man eine „Taxonomie“, ein Regelwerk, griechisch „Nomos“, nach dem die Unternehmen beurteilt, griechisch „taxiert“ werden. Und genau hierum geht es. Natürlich wollen jetzt alle Unternehmen im Sinne der Taxonomie „grün“ sein und damit attraktiv für AnlegerInnen. So wie Lebensmittel mit dem EU-Bio-Siegel teurer verkauft werden können, so werden Aktien und Fonds, die das „grüne“ EU-Zertifikat bekommen, am Markt höhere Börsenpreise und höhere Renditen erreichen. Es geht also nicht um Fördergelder der EU, wie manchmal gesagt wird, sondern um das Geld der PrivatanlegerInnen, die Kapitalanlagen suchen. Und wie erwähnt sind das fast alle von uns, sofern wir nur eine Lebensversicherung oder irgendetwas dergleichen besitzen. Wir müssen gar nicht selber AktionärInnen sein.</p><p>Ich vermute, allmählich lichten sich bei euch/ Ihnen die Nebel: Wenn die Kernkraft (unter gewissen, sehr großzügigen Bedingungen) als „grün“ eingestuft wird, dann können Elektrizitätsunternehmen mit Kernkraftwerken zusätzliche Aktien oder Anleihen zu höheren Preisen emittieren. Und das ist das Geld, mit dem sie neue Kernkraftwerke bauen. Dieses Geld brauchen sie ungemein dringend. Die französischen Kernkraftwerke zum Beispiel haben alle nur noch eine Restlaufzeit von weniger als zehn Jahren. Sie sind uralt und müssen bald abgeschaltet werden. Die Électricité de France, der zweitgrößte Stromerzeuger der Welt, wird also Unsummen an Geld benötigen, um in zwanzig Jahren noch am Leben zu sein. Und Atomkraft ist die teuerste (!) Form der Stromerzeugung. Ganz abgesehen davon, dass die Industrie, die Atomkraftwerke baut, für Frankreich nahezu das ist, was für Deutschland die Autoindustrie ist: Eine der größten Arbeitgeberinnen.</p><p>Nun ist vollkommen klar, dass Atomkraft alles ist, aber nicht nachhaltig. Sie ist eine fossile Energie, die ebenso endlich ist wie Erdöl oder Erdgas. Sie ist unsicher, weil Kernkraftwerke trotz enormer Vorkehrungen so sicher nicht sind, wie man vermuten würde. Fukushima hat das eindrücklich gezeigt – und das, obwohl man in aller Welt weiß, dass die japanischen Atomkraftwerke mit Abstand die sichersten sind. Offenbar nicht sicher genug. Vor allem aber ist die Endlagerfrage fast nirgends auf der Welt gelöst. In Deutschland gab es eine Kommission, die 2016 einen Vorschlag vorgelegt hat, wie die deutsche Regierung den am besten geeigneten Standort für ein Endlager des Atommülls finden könne. Das Ergebnis dieser Suche soll in einigen Jahren vorliegen. Aber sobald das der Fall ist, werden die an diesem Standort lebenden Menschen protestieren. Den Strom nehmen wir gerne, den Müll will aber keiner haben. Und das ist weltweit so. Nur in Finnland wird derzeit an einem Enedlager gebaut, das bis 2025 in Betrieb gehen wird: Auf der Ostseeinsel Olkiluoto hoch im menschenleeren Norden des Landes. Da könnten nur die Rentiere protestieren.</p><p>Wie also weiter? Da die Kompetenz für eine Verordnung bei der EU-Kommission liegt, können die Regierungen der Mitgliedsstaaten das Projekt nur mit sehr überwältigender Mehrheit stoppen – und die ist nicht in Sicht. Verheißungsvoller scheint der Rechtsweg. Die österreichische Umwelt- und Klimaschutzministerin Eleonore Gewessler hat bereits eine Klage vor dem Europäischen Gerichtshof angekündigt, und die grüne Fraktion im EU-Parlament dürfte sich anschließen. Vielleicht auch andere Länder und andere EP-Fraktionen. Juristen aus meinem Umfeld halten eine solche Klage für relativ aussichtsreich. Letztlich ist es ja ein Hohn, wenn Atomkraft als umweltfreundlich und nachhaltig deklariert wird. Sachlich lässt sich das kaum begründen, und das müsste auch ein Gericht unter Verbraucherschutzaspekten so entscheiden.</p><p>Bis zum Ausgang des Rechtsstreits dürften allerdings einige Jahre vergehen – und solange haben die Geldanlagen in Atomkraft dann das grüne Label. Das heißt aber nicht, dass wache KonsumentInnen keine Chance hätten. Schon heute schließen viele AnlegerInnen, darunter auch alle Diözesen Österreichs, die Kernkraft für ihre Geldanlagen aus (und ab 2025 auch Gaskraftwerke). Für sie stehen zahlreiche Finanzprodukte bereit, die ausdrücklich die Investition in Kernkraft ausschließen. Das kann man in den Informationsprospekten zu einer Finanzanlage auch jederzeit nachlesen. Es steht im „Kleingedruckten“, aber es steht drin – und Falschangaben in den Verkaufsprospekten von Fonds werden von der Finanzmarktaufsicht geahndet. Außerdem gehe ich davon aus, dass Umweltorganisationen auf ihren Homepages Listen echter grüner Geldanlagen zur Verfügung stellen werden und umgekehrt die schwarzen Schafe beim Namen nennen. So ärgerlich die Taxonomie-Kontroverse also ist, ich halte sie auf lange Sicht nicht für sehr gefährlich. Sie wird sich lösen. Vielleicht wird sie die Debatte über ethische Geldanlagen sogar befördern – und die Sensibilität der Menschen erhöhen. Denn so wie sich viele nicht mit EU-Bio-Lebensmitteln zufrieden geben, sondern gezielt auf die strengeren Zertifikate der Öko-Anbauverbände achten, so könnte es auch bei den Geldanlagen kommen: Dass das EU-Nachhaltigkeitssiegel zum Mindeststandard wird, über dem aber strengere Siegel stehen wie z.B. das schon seit vielen Jahren existierende österreichische Umweltzeichen UZ 49 „Nachhaltige Finanzprodukte“ oder die Deklaration einer Geldanlage als FINANKO-kompatibel, d.h. den strengen Anforderungen der Österreichischen Bischofskonferenz an ethische Geldanlagen genügend.</p><p>Mein eigentliches Corona-bezogenes Hauptthema heute ist ein anderes: Citizen responsibility – BürgerInnenverantwortung. Das Beispiel der Geldanlagen zeigt hervorragend, wie wichtig solche BürgerInnenverantwortung als Ergänzung und Zwilling zur KonsumentInnenverantwortung geworden ist. KonsumentInnenverantwortung ist bei den Geldanlagen unsere Verantwortung, auf ethisch gute Geldanlagen zu achten, wenn wir eine Lebensversicherung kaufen oder für die Altersvorsorge ein wenig Erspartes in Aktien oder Fonds anlegen. BürgerInnenverantwortung ist es, auf politische Prozesse Einfluss zu nehmen und sie mitzugestalten – durch Worte ebenso wie durch Taten. Also z.B. durch Mitgliedschaft oder Mitwirken in einer Umweltorganisation, die die Klage gegen die Taxonomie-Verordnung unterstützt.</p><p>Ganz am Anfang meiner Rundbriefe habe ich bereits zweimal auf das berühmte Diktum des früheren deutschen Bundesverfassungsrichters Ernst-Wolfgang Böckenförde von 1976 hingewiesen: „Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann.“ Das macht deutlich, dass die Individuen in einem demokratischen Rechtsstaat nicht nur Rechte, sondern auch Pflichten haben – dass diese Pflichten jedoch vom Staat nicht vorgeschrieben werden können. Aber wenn wir sie nicht wahrnehmen, führt das auf lange Sicht zur Erosion der Demokratie.</p><p>Konkret: Es gehört zu den BürgerInnenrechten, dass wir unsere Meinung frei und öffentlich äußern können und uns dazu auch zusammenschließen können zu Demonstrationen und anderen Initiativen. Das ist ein hohes Gut. Freilich immer im Rahmen der geltenden Hygieneregeln. Eine Demonstration leidet nicht darunter, dass die Teilnehmenden Schutzmasken tragen und zueinander einen gewissen Abstand halten. Und selbstverständlich begrüße ich es, dass auch Gegendemonstrationen stattfinden, die den Corona-MaßnahmengegnerInnen widersprechen. In Wien zündeten sie vor wenigen Tagen für jeden Corona-Toten Österreichs ein Licht an, in Schweinfurt „beschützten“ sie das Rathaus, in Marktheidenfeld hieß das Motto „impfen statt schimpfen“. Gut, dass den MaßnahmengegnerInnen nicht einfach das Feld überlassen wird.</p><p>Spiegelbildlich zu den BürgerInnenrechten gehört es zu den BürgerInnenpflichten, dass wir uns sorgsam und bestmöglich über eine bestimmte Sache informieren und nicht einfach der erstbesten Äußerung hinterherlaufen. Die sozialen Medien sind da keine sehr verlässliche Quelle. Auch innerhalb der professionellen Medien gibt es solche mit mehr oder weniger Qualität. Da müssen wir achtsam unterscheiden. Sorgfalt bei der eigenen Meinungsbildung schließt außerdem ein, die Grenzen unserer eigenen Fähigkeiten zu erkennen. Wir sind eben keine VirologInnen oder EpidemiologInnen, und wir werden es auch nicht nach zwei oder drei Jahren Pandemie sein. Das einzusehen und das Wissen der echten ExpertInnen zu schätzen würde vermutlich manche Kontroverse stark entspannen. Wir müssen nicht jede virologische Erkenntnis verstehen, aber wir müssen anerkennen, dass wir sie nicht verstehen, und denen Vertrauen schenken, die sie auf Grund ihrer wissenschaftlichen Expertise verstehen.</p><p>Umgekehrt hat jeder und jede von uns einige Felder, in denen wir echte ExpertInnen sind. Und das geht über berufliche ExpertInnenschaft weit hinaus. Ich denke zum Beispiel an die Expertise von Eltern in der Kindererziehung. Wohlgemerkt gilt es auch da, die wissenschaftliche Pädagogik und ihre Erkenntnisse zu achten. Aber durch ihr praktisches Tun und dadurch, dass sie Abend für Abend darüber nachdenken, ob sie ihr Kind gut durch den Tag begleitet haben, gewinnen Eltern viele Erfahrungen – auf die wiederum die wissenschaftliche Pädagogik hören muss. Die Kunst der BürgerInnenpflicht zur Mitgestaltung des Staatswesens liegt also darin, dass alle ihre Fähigkeiten erkennen und zugleich um die Grenzen dieser Fähigkeiten wissen.</p><p>BürgerInnenpflichten bedeuten aber auch praktisches Engagement. Kein Staat der Welt kommt ohne das unendlich vielfältige ehrenamtliche Engagement seiner BürgerInnen aus. Und das haben wir leider in der Konsumgesellschaft ziemlich verlernt. Wir denken allzu leicht: „Ich zahle Steuern, also soll der Staat mal machen!“ So funktioniert es aber nicht. Nun will ich nicht den Eindruck erwecken, es gäbe kein ehrenamtliches Engagement. Nein, das gibt es allen empirischen Daten nach mehr denn je zuvor. Man denke nur an die Freiwilligen Feuerwehren, das Rote Kreuz und andere Hilfsorganisationen, die jederzeit auf Abruf bereit stehen. Oder an die vielen Freiwilligen, die in den Impfstraßen für uns Dienst tun. Aber je mehr Wohlstand eine Gesellschaft erreicht, umso mehr ehrenamtliche Dienste dieser Art braucht sie auch. Und je komplexer eine Gesellschaft wird, umso bürokratischer werden auch ihre Abläufe – und dann fehlt es oft am blitzschnellen Handeln, wo es noch keine etablierte Organisation gibt.</p><p>Gott sei Dank ist der demokratische Staat nicht allmächtig und nicht omnipräsent. Gott sei Dank lässt er uns viele Freiräume. Aber die müssen wir gestalten und verantworten. Um nur ein Beispiel zu nennen: Dass in den letzten Wochen mehr und mehr Betriebe ihren MitarbeiterInnen (und teilweise auch deren Angehörigen) Impfangebote machen und für die Impfung werben, ist klasse. Und dass zunehmend auch Kirchengemeinden und Bischofskirchen und sogar Moscheegemeinden (!) Impfaktionen organisieren, ist ebenso ein tolles Signal. Dass schließlich sogar große Vereine ihre Mitglieder zum Impfen bewegen oder Impfungen organisieren, ist großartig. Man hätte aber auch schon vor einem halben Jahr darauf kommen können. Es hat lange gedauert, bis die Verantwortlichen in den genannten Institutionen gemerkt haben, dass sie anpacken können. Natürlich ist es die Pflicht des Staates, Impfmöglichkeiten für alle zur Verfügung zu stellen. Aber er ist eben nicht so nah an den Leuten dran, dass alle sein Angebot annehmen würden. Und da sind die nichtstaatlichen Organisationen gefordert.</p><p>Allzu oft reagieren wir BürgerInnen und unsere Vereine langsamer als der Staat. Wenn der nicht zackzack alles richtig macht, dann sind wir schnell mit Beschwerden bei der Hand. Aber mal ganz ehrlich: Sind wir immer zackzack da, wenn wir gebraucht werden? Das frage ich mich durchaus auch selbstkritisch für die Kirche und meine Rolle darin. Am Höhepunkt der Flüchtlingswelle 2015 waren kirchliche und nichtkirchliche Hilfsorganisationen und Einzelaktivitäten blitzschnell zur Stelle. In der Pandemie haben wir offenbar länger gebraucht, um unsere Möglichkeiten zu entdecken und anzubieten.</p><p>Gleich bei mir um die Ecke in der Linzer Herrenstraße steht ein winzig kleines Denkmal, darauf der berühmte Satz aus der Antrittsrede des früheren US-Präsidenten John F. Kennedy: „Und deshalb, meine amerikanischen Mitbürger: Fragt nicht, was euer Land für euch tun kann – fragt, was ihr für euer Land tun könnt.“ Das trifft den Nagel auf den Kopf. Und so wünsche ich uns allen ein gutes Nachdenken über diesen Satz. Vielleicht könnten ja aus der Zeit der Pandemie manche Initiativen entstehen, die weit über diese Zeit hinaus erhalten bleiben. Die wären dann wert, in der EU-Taxonomie das Nachhaltigkeitslabel zu bekommen!</p><p>Mit guten Wünschen,</p><p><strong>Michael Rosenberger</strong></p>]]></content:encoded><category>Pilgern durch die Coronakrise</category></item><item><guid isPermaLink="false">news-49854</guid><pubDate>Mon, 10 Jan 2022 15:57:59 +0100</pubDate><title>Pilgern durch die Coronakrise - 8. Januar 2022</title><link>https://www.wallfahrtsservice.de/aktuelles/detail/ansicht/pilgern-durch-die-coronakrise-8-januar-2022/</link><description></description><content:encoded><![CDATA[<p>Liebe Leserinnen und Leser meiner Rundbriefe,<br />&nbsp;<br />pilgernd haben wir uns auf den Weg durch das neue Jahr 2022 gemacht. Möge es ein Jahr des Herrn werden, kostbar und überraschend!<br />&nbsp;<br />In den letzten Tagen haben vermutlich die meisten schon bemerkt, dass eine sehr schwierige, vielleicht die schwierigste Phase der gesamten Pandemie auf uns zurollt. Die Omikron-Welle kommt mit einer unglaublichen Macht. Alle zwei bis drei Tage verdoppelt sich die Zahl der Neuinfektionen – jedenfalls solange wir die Maßnahmen nicht verschärfen. Man kann sich also leicht ausrechnen, wann das die Intensivstationen überlasten wird. Zudem dürften viele „kritische Infrastrukturen“ ernsthaft gefährdet sein – und so planen Politik und Krisenstäbe diesen worst case.<br />&nbsp;<br />Wer die Infektionszahlen von Omikron genau liest, kann sehen, was gerade geschieht. Die Wintersportregionen in Österreich liegen bereits bei über 1000, teilweise sogar über 2000 Inzidenzen je 100.000 Personen und 7 Tagen. Das heißt, dass sich innerhalb einer Woche ein oder zwei von 100 Menschen infizieren. Und das ist noch nicht das Ende. Allerdings muss man auch dazusagen, woher die Infektionen kommen. Nicht von den Skipisten. Auch nicht von den Tanzflächen, die nämlich geschlossen sind. Sondern von der Abendgastronomie, in der die Menschen zwar an Tischen, aber doch ohne Masken eng beieinander sitzen. Für Omikron ist das eine tolle Gelegenheit, von einem zum nächsten zu springen.<br />&nbsp;<br />Noch im alten Jahr haben mich einige Zuschriften und mündliche Rückmeldungen zur Frage nach den Ursachen der Impfunwilligkeit in manchen Regionen des deutschen Sprachraums erreicht. Das hat offenbar viele bewegt. Unter diesen Rückmeldungen war auch der Hinweis auf ein über 200 Jahre altes Buch: Martin Schmid (1775 – 1834) 1816, Bericht über die Schutzpocken-Impfung im Physikatsdistrikte Rosenheim. Sehr unterhaltsam zu lesen, und wenn man die Pocken durch Covid ersetzt, könnte man fast meinen, das Buch sei 2022 geschrieben. Schon damals gab es im Rosenheimer Raum überdurchschnittlich viele Impfunwillige. In eine ähnliche Richtung weist auch der folgende Artikel aus den Salzburger Nachrichten vom 25.11.21: Dorina Pascher, Die Impfmuffel in den Alpen:&nbsp;<a href="http://sozweb.sozphil.uni-leipzig.de/fileadmin/user_upload/die_impfmuffel_in_den_alpen.pdf" target="_blank" rel="noreferrer noopener">http://sozweb.sozphil.uni-leipzig.de/fileadmin/user_upload/die_impfmuffel_in_den_alpen.pdf</a>. Treffend arbeitet die Autorin heraus, dass man in den Alpen seit vielen Jahrhunderten auf Autonomie pocht und sich von Obrigkeit und Wissenschaft nicht hineinreden lassen will. Zudem wird die Skepsis der AnthroposophInnen und Waldorf-Schulen gegen die „Schulmedizin“ soziologisch verortet. Hier ist also ein weites Feld, und wir täten alle gut daran uns einzugestehen, dass weder die Impfskepsis noch das Impfvertrauen so rational sind wie wir dachten. Die Ursachen unserer Einstellung liegen viel tiefer in unserer Geschichte.<br />&nbsp;<br />Und etwas anderes finde ich auch höchst verblüffend – wenn es auch im Grunde genommen zu erwarten war: Im Sozialressort des Landes Oberösterreich hat man die Impfquoten der einzelnen MigrantInnengruppen unter die Lupe genommen – vor allem, um zu ergründen, welche man noch gezielter ansprechen muss, um sie zur Impfung zu bewegen. Laut dieser aktuellen Analyse liegen die Impfquoten bei Menschen aus China, dem Iran, der Türkei und aus Tschechien bei über 70 Prozent – also über dem Anteil in der oberösterreichischen Gesamtbevölkerung. Weit unterdurchschnittlich sind aber die Impfquoten bei MigrantInnen aus Russland, Rumänien, Slowenien und Ungarn – nämlich jeweils unter 44 Prozent. Mit anderen Worten: Es liegt nicht am mangelnden Sprachwissen oder an der mangelnden Information für MigrantInnengruppen, sondern an der jeweiligen Mentalität in ihren Herkunftsländern. OsteuropäerInnen bringen ihre Skepsis gegenüber dem Staat mit nach Österreich – und lassen sich auch hier weniger impfen als ÖsterreicherInnen oder Menschen aus muslimischen Ländern. Das finde ich eine erstaunliche Erkenntnis!<br />&nbsp;<br />So manche haben mich in den letzten Wochen außerdem an die Geschichte von den Sterndeutern erinnert, die ich vor genau einem Jahr erzählt habe. Sie hat offensichtlich besonders viele angesprochen. Deswegen habe ich mich darangesetzt, eine Fortsetzung zu schreiben, die ich heute erzähle:<br />&nbsp;<br />Als die Sterndeuter vor einem Jahr von ihrem Besuch bei dem göttlichen Kind in Bethlehem nach Hause zurückgekehrt waren, waren sie sehr zuversichtlich, dass die Pandemie schon bald ein Ende haben würde. Doch auch der heiße Sommer des Orients brachte nur eine vorübergehende Entspannung. Kaum wurde es im Herbst etwas kühler, nahmen die Krankheitsfälle wieder zu, und die Herrscher ordneten erneut strenge Maßnahmen an. Besuchsmöglichkeiten und öffentliche Versammlungen wurden wieder eingeschränkt sowie das Abstandhalten und das Bedecken von Mund und Nase mit einem Tuch an allen öffentlichen Orten angeordnet.<br />Wie alle Menschen litten die Sterndeuter sehr unter dieser Krise. So viel von dem, was ihr Leben normalerweise schön und erfüllend machte, war schon lange nicht mehr möglich: Die orientalische Gastfreundschaft mit vielen Einladungen im Kreis der Nachbarn und Freunde; die Begegnung mit Menschen aus fremden Ländern, die auf der Durchreise an irgendeine Tür klopften und dort selbstverständlich Einlass, Verköstigung und Beherbergung finden; das gemeinsame Musizieren und Singen an den langen Abenden; das stundenlange, genussvolle Feilschen um den Preis einer Ware im Basar. All das war zur Verminderung der Ansteckungen verboten. Immer öfter befielen die Sterndeuter wie viele andere Menschen Mutlosigkeit, Erschöpfung und tiefe Traurigkeit. Immer öfter erinnerten sie sich aber auch an die Geschenke, die ihnen der heilige Josef als Bschoad-Binkerl mitgegeben hatte:</p><ul type="disc"><li>Einen Rucksack voller Müsliriegel, denn für ihren langen Heimweg brauchten sie viel Ausdauer und Geduld, wie Jesus später sagen würde: „Auf guten Boden ist der Samen bei denen gefallen, die das Wort mit gutem und aufrichtigem Herzen hören, daran festhalten und Frucht bringen in Geduld.“ (Lk 8,15)</li><li>Einen Pilgerstab aus festem Holz, der ihnen Trost und Zuversicht schenken sollte, wie es im Psalm heißt: „dein Stock und dein Stab, sie trösten mich.“ (Ps 23,4)</li><li>Ein kleines Döschen mit einer winzigen Prise Humor, denn das Kind hatte vor Freude gestrahlt und aus voller Kehle gelacht, als sie eingetreten waren, und mit Humor kommt man besser durch die Krise als mit Wut im Bauch, Zorn im Herzen und zusammengebissenen Zähnen.</li></ul><p>Je öfter sie diese Geschenke hervorholten und mit glühenden Herzen betrachteten, desto mehr reifte in ihnen der Entschluss, noch einmal zu dem göttlichen Kind zu pilgern. Dass sie damals auf Grund des Lockdowns keine Geschenke hatten einkaufen können, schmerzte sie sehr. So beschlossen sie, das Kind zu seinem ersten Geburtstag zu besuchen und ihm diesmal die Geschenke mitzubringen. Die packten sie sorgfältig in ihre Taschen, beluden die Kamele und machten sich auf den Weg.<br />Josef hatte ihnen gesagt, dass er und seine Frau nicht in Bethlehem wohnten, sondern in Nazaret ganz im Norden des Landes. Das kam ihnen sehr entgegen. Denn im Traum war ihnen ja geboten worden, auf keinen Fall zu König Herodes zurückzukehren. Nazaret in Galiläa war weit von Jerusalem entfernt. So konnten sie den Königssitz des Herodes weiträumig umgehen und liefen keinerlei Gefahr, ihm oder seinen Beratern über den Weg zu laufen.<br />Also machten sie sich auf die Reise. Wieder wanderten sie mehrere Wochen durch die Wüste gen Westen. Wieder durften die Karawansereien auf Grund der Pandemie niemanden beherbergen, der nicht beruflich unterwegs war. Wieder mussten sie also in ihren Zelten übernachten. Und wie im Vorjahr wurde es darin des Nachts so bitter kalt, dass ihr Atem an den Zeltwänden zu Eis gefror. Jeden Morgen krochen sie völlig steif und unbeweglich aus ihren Decken hervor und brauchten lange, bis die aufgehende Sonne sie halbwegs erwärmte.<br />Immerhin gab es keine Grenzkontrollen mehr und auch keine Quarantäne bei der Einreise nach Palästina. Denn das Morgenland galt weder als Hochrisiko- noch als Virusvariantengebiet. So zogen sie ungehindert aus der syrischen Wüste durch die Schlucht des Yarmuk hinunter an den Jordan, berührten kurz das Südufer des Sees Genesaret und wanderten dann über die Hügel Galiläas hinauf nach Nazaret.<br />Das Haus von Josef und Maria fanden sie schnell, denn Nazaret war klein, und jeder kannte jeden. Etwas zaghaft klopften sie an die Tür. Sofort öffnete jemand, und Josef stand vor ihnen. Blitzschnell erkannte er die Sterndeuter wieder – so tief und nachhaltig hatte sich ihr Besuch in Bethlehem in sein Gedächtnis eingeprägt. Herzlich begrüßte er sie und vergaß für einen Moment sämtliche Abstands-Vorschriften. Er fiel ihnen nacheinander um den Hals und umarmte sie lange. Dann bat er sie herein.<br />Mitten in der Stube spielte das einjährige Jesuskind auf dem Teppich. Mit großen Augen schaute es die Fremden an. Nein, natürlich konnte es sich nicht mehr erinnern – dazu war es dann doch noch zu klein. Aber die Sterndeuter staunten, wie groß das Kind schon war, wie wach und lebendig und vor allem wie beweglich, wenn es auch noch nicht aufrecht laufen konnte. Nun sahen sie auch Maria, die am Herd stand und für den Kleinen einen Brei aufwärmte.<br />Private Besuche bis zu zehn Personen waren offiziell erlaubt. Selbstverständlich lud Josef daher die Sterndeuter ein, bei ihnen zu übernachten. Doch vorher sollten sie sich mit einem reichhaltigen Mahl stärken. Und das taten sie auch. Maria war eine großartige Köchin, um die man Josef nur beneiden konnte. Spät am Abend, als sie ausgiebig gegessen und getrunken hatten, erklärten sie ihren Gastgebern dann, warum sie noch einmal gekommen waren. Sie packten ihre Geschenke aus, überreichten sie feierlich dem einjährigen Kind und sprachen:</p><ul type="disc"><li>Unser erstes Geschenk ist Myrrhe. Die Pandemie hat viel Bitterkeit und Frustration in unsere Herzen gelegt. Jeder von uns hat mehrere Angehörige verloren, und viele andere leiden noch immer an Long Covid. Wir sind erschöpft und ausgebrannt und manchmal auch wütend auf Gott. Das bittere Aroma der Myrrhe soll ein Zeichen dafür sein, dass wir all das geduldig tragen wollen aus Dankbarkeit, dass wir dieses Kind erleben dürfen.</li><li>Unser zweites Geschenk ist Weihrauch. Die Pandemie verlangt von uns viele Opfer und großen Verzicht auf jene Dinge, die das Leben bereichern. Das einzige, was uns tröstet, ist das feste Vertrauen darauf, dass Gott unser Mühen und Leiden sieht und annimmt. Wie Weihrauch steigen sie zu ihm auf. Die Sterne haben uns aber gezeigt, dass auch euer Kind große Opfer bringen wird. So wollen wir nicht klagen, sondern alles in Gottes Hände legen und uns mit eurem Kind verbunden fühlen.</li><li>Unser drittes Geschenk ist Gold. Die Weisen unserer Religion haben überliefert, dass Gott dereinst alles Leid in strahlendes Licht verwandeln und verklären wird. Was jetzt schmerzt, wird durch ihn zur Freude werden. So wie das Gold hell leuchtet, so werden wir einst die Erinnerungen an diese Pandemie als Erfahrungen von kostbarem Wert betrachten und in ihnen Schätze fürs Leben entdecken.</li></ul><p>Maria und Josef staunten über die Weisheit der Sterndeuter. Ja, diese Geschenke konnten sie dankbar und ehrlich annehmen. Doch noch größer als deren materieller Wert waren die Worte, die die Sterndeuter dazu gesagt hatten. Sie wollten sie sich besonders gut merken, um sie einst ihrem Kind zu erzählen.<br />Die Sterndeuter blieben noch einige Tage in Nazaret. Immer wieder spielten sie ausgiebig mit dem Kind, nahmen es auf ihren Schoß und ließen sich von ihm wärmen. Dann machten sie sich auf den Rückweg. Als sie am Ufer des Sees Genesaret vorbeizogen, sahen sie, dass der See zur Gänze zugefroren war. Das kam, soweit sie wussten, nur einmal alle hundert Jahre vor. Und die Sonne spiegelte sich hell leuchtend auf der Eisfläche und strahlte sie an. Lange standen sie andächtig am Ufer und staunten. Jetzt wussten sie noch besser: Das kälteste Eis beginnt zu strahlen, wenn es in göttliches Licht getaucht wird.<br />&nbsp;<br />So wünsche ich Ihnen allen einen gesegneten und frohen Ausklang der Weihnachtszeit und einen guten Beginn im Alltag,<br />&nbsp;<br /><strong>Michael Rosenberger</strong></p>]]></content:encoded><category>Pilgern durch die Coronakrise</category></item><item><guid isPermaLink="false">news-49781</guid><pubDate>Thu, 30 Dec 2021 09:40:55 +0100</pubDate><title>Pilgern durch die Coronakrise - 30. Dezember 2021</title><link>https://www.wallfahrtsservice.de/aktuelles/detail/ansicht/pilgern-durch-die-coronakrise-30-dezember-2021/</link><description></description><content:encoded><![CDATA[<p>Liebe Pilgernden an der Schwelle zu einem neuen Jahr,<br />&nbsp;<br />zunächst einmal hoffe ich, dass ihr/ Sie alle gesegnete und friedvolle Weihnachtstage verbringen durften und in Familie und Freundeskreis Stärkung und Ermutigung erfahren haben.<br />&nbsp;<br />In den letzten Tagen bin ich auf einige höchst interessante Informationen gestoßen, die viel über die Pandemie und ihre Bewältigung verraten. So erschien kurz vor Weihnachten das gesundheitspolitische Jahrbuch der OECD “Health at a Glance 2021“: <a href="https://www.oecd.org/health/health-at-a-glance/" target="_blank" rel="noreferrer">www.oecd.org/health/health-at-a-glance/</a> Nur ein paar Daten daraus. In den 35 OECD-Ländern hat es während der Covid-Pandemie bislang 2,5 Millionen oder 16 Prozent mehr Todesfälle gegeben als zuvor im gleichen Zeitraum – das ist ein hoher Wert. Oder um es anders zu sagen: Die Lebenserwartung ist in Deutschland und Österreich um 0,7 Jahre gesunken. Die Übersterblichkeit resultiert aber nicht allein aus den Covid-Toten, sondern auch aus Menschen, die verstorben sind, weil sie zu lange auf eine wichtige Operation warten mussten. Denn durch die Belegung der Intensivstationen mit Covid-PatientInnen hat sich die Wartezeit auf Operationen etwa verdoppelt. Deutschland und Österreich gehören bei der Covid-Bewältigung noch ins obere Mittelfeld der 35 OECD-Länder. Mit großem Abstand an der Spitze liegen Neuseeland, Australien, Südkorea, Finnland und Norwegen, die bisher am besten durch die Pandemie kamen. – Eine der wenigen guten Nachrichten: Seit Beginn der Impfungen hat sich die Zahl der wöchentlichen Todesfälle um 86% reduziert.<br />&nbsp;<br />Was Omikron angeht, sitzen wir vermutlich alle wie das berühmte Kaninchen vor der Schlange. Zwei brandaktuelle Studien aus Großbritannien deuten darauf hin, dass eine Infektion mit der Omikron-Variante zu milderen Krankheitsverläufen führt als mit der Delta-Variante. Eine Schätzung des Imperial College in London ergab, dass die Wahrscheinlichkeit von Klinikeinweisungen bei Omikron-Fällen in England um rund 20 Prozent niedriger liegt. Das Risiko, mit einer Omikron-Ansteckung für eine Nacht oder länger im Krankenhaus zu landen, sei sogar um 40 Prozent niedriger als bei Delta. Allerdings werden diese erfreulichen Zahlen gleich wieder annulliert, wenn man bedenkt, dass Omikron um mindestens 40 Prozent ansteckender ist, vielleicht sogar mehr. Insgesamt ist also leider nicht damit zu rechnen, dass unsere Intensivstationen in der nächsten Welle besser durchkommen als in der letzten.<br />&nbsp;<br />Eine dritte Nachricht, die zuletzt durch die Medien ging: Österreich wird bis März 2022 voraussichtlich 10 Millionen Impfdosen übrig haben. Die Republik darf sie aber laut Verträgen mit den Herstellern nicht an arme Länder verschenken. Im Grunde ist es dasselbe Problem wie mit Lebensmitteln in den Supermärkten, die noch genießbar sind, aber nicht aus dem Müll der Supermärkte genommen werden dürfen. Der Nürnberger Jesuit Jörg Alt hat deswegen kurz vor Weihnachten bewusst „containert“, also genießbare Lebensmittel aus den Müllcontainern eines Supermarkts genommen und danach kostenlos verteilt. Zwangsläufig musste die Staatsanwaltschaft Nürnberg Ermittlungen gegen ihn aufnehmen, denn rein juristisch handelt es sich um schweren Diebstahl. Und genau das ist Alts Ziel: Auf das Problem der Lebensmittelverschwendung hinzuweisen und die neue Bundesregierung zum Handeln aufzufordern. Ehrlich gesagt würde ich mir eine ähnliche Aktion bei den überzähligen Impfstoffdosen wünschen. Lebensmittel und Medikamente sind keine Konsumgüter wie andere. Sie sind lebensnotwendig. Sie zu entsorgen, nur damit der Preis nicht sinkt, ist unmoralisch und verantwortungslos.<br />&nbsp;<br />Doch jetzt zu meinem heutigen Hauptthema: Im zu Ende gehenden Jahr haben viele Menschen die Aussagen der Wissenschaft zur Pandemie angezweifelt. Teilweise haben Sie sogar von einer Diktatur der Wissenschaft bzw. der Virologie gesprochen. Daher möchte ich der Frage nachgehen, wie Wissenschaft arbeitet und wie ihre Ergebnisse zu verstehen sind. Mir scheint, dass da eine Menge Missverständnisse zu Grunde liegen, die kaum jemandem bewusst sind.<br />&nbsp;<br />Zunächst einmal wird oft davon gesprochen, der Wissenschaftler X oder die Forscherin Y habe „die Meinung, dass…“ Wissenschaftliche Aussagen sind aber keine Meinungen, sondern Erkenntnisse. Sie werden mit den besten gegenwärtig zur Verfügung stehenden Methoden erarbeitet. Das heißt nicht, dass sie unfehlbar wären. Sie sind aber reproduzierbar. Wer mit derselben Methode Daten ermittelt, wird zum selben Ergebnis kommen. Das heißt, dass wissenschaftliche Ergebnisse der Wahrheit näher kommen als alle „Meinungen“. Um es an einem Beispiel deutlich zu machen: Als die mittelalterlichen Dome gebaut wurden, gab es noch keine wissenschaftliche Lehre von der Statik großer Gewölbe. Die Baumeister bauten nach Gefühl und praktischer Erfahrung. Gemessen daran ist es erstaunlich, was sie zustande brachten. Aber wir wissen eben auch, dass zahlreiche romanischen oder gotischen Gewölbe bereits während des Baus einstürzten. Das hat sich mit der wissenschaftlichen Statik geändert. Heutige Einstürze resultieren aus der Verwendung schlechter Baumaterialien, um Geld zu sparen, oder aus Korruption, weil die Baufirma den Auftraggeber täuscht. Aber so gut wie nie mehr aus mangelndem Wissen.<br />&nbsp;<br />Freilich kann auch die Wissenschaft irren und muss dann im Nachhinein Positionen korrigieren. Sie ist ein lernendes System, insbesondere dort, wo sie sich auf unbekanntes Terrain begeben muss. Ein neues Virus ist solch ein unbekanntes Terrain. Wie aber lernt die Wissenschaft? Sie lernt auf der Grundlage von Evidenzen. Durch die Erhebung möglichst vieler Daten, die einen Erkenntnisgewinn versprechen, und deren anschließender Analyse versteht man Schritt für Schritt besser, wie die Gesetzmäßigkeiten der Pandemie aussehen. Manchmal kann es dabei zu einem „Paradigmenwechsel“ (Thomas Kuhn) kommen. So konnten die Astronomen auch vor Galilei und Kepler sehr gut berechnen, wann wo am Himmel welcher Stern zu sehen sein würde. Aber mit dem Paradigmenwechsel vom geozentrischen zum heliozentrischen Weltbild wurden die Berechnungen viel einfacher. Und letztlich kam der Schwenk vor allem durch die Erfindung des Fernrohrs zustande, mit dem man die Himmelskörper präzise sehen konnte.<br />&nbsp;<br />Verglichen mit anderen gesellschaftlichen Systemen (z.B. dem lokalen Handel, der sich extrem schwer tat und tut, auf Online-Vertriebsmodelle umzustellen) hat die Wissenschaft in der Pandemie extrem schnell gelernt. Das hängt damit zusammen, dass es etablierte Mechanismen gibt, die dafür sorgen, dass alle an einem Strang ziehen. Weltweit wurden alle wichtigen Daten sofort publiziert, sogar in Ländern, die sich ansonsten streng abschotten. In der Wissenschaft behält man seine Erkenntnisse nicht für sich, sondern teilt sie – und wird dafür nur mit einer einzigen Währung belohnt: Der Ehre. Der Name dessen, der etwas herausgefunden hat, wird von allen zitiert, und manchmal gibt es auch einen Wissenschaftspreis. Das genügt zur Motivation, weil die Wissenschaft zu einem sehr, sehr großen Teil durch die öffentliche Hand finanziert wird – WissenschaftlerInnen haben ordentliche Gehälter und gut ausgestattete Labore. Das unterscheidet sie von der anwendungsorientierten Forschung in der Industrie. Jene Pharma-Unternehmen, die die Impfstoffe entwickeln, müssen gewinnorientiert arbeiten (wenn man auch zurecht fragen kann, wie hoch dieser Gewinn sein muss oder darf). Es sind private Konzerne, selbst wenn sie vielleicht eine staatliche Anschubfinanzierung erhalten haben.<br />&nbsp;<br />Wie aber verhindert die Wissenschaft (weitestgehend) Fake News, die Fälschung von Daten? Das Schlüsselwort heißt Peer Review – die kollegiale Kontrolle. Kein Ergebnis wird publiziert, bevor es nicht strenge Kontrollen durch die Gremien der Zeitschriften und Fachgesellschaften durchlaufen hat. Das Wissenschaftssystem ist eine Art kollektive Intelligenz. Es lebt von autorisierten Gremien und anerkannten Mechanismen. Und da zählt nicht die Mehrheitsmeinung, sondern die Genauigkeit der Daten und Argumente.<br />&nbsp;<br />Noch eine letzte Frage möchte ich ansprechen, da sie mir in Gesprächen der letzten Monate oft begegnet ist. Manche haben den Verdacht, dass eine wissenschaftliche Studie, die nur an einigen Zehntausend ProbandInnen durchgeführt wurde, nicht verlässlich sein kann. Vorsicht! Vor einer Parlamentswahl werden sogar nur einige Tausend Menschen befragt, und die Hochrechnungen der Institute liegen selten mehr als ein Prozent vom tatsächlichen Wahlergebnis entfernt. Der entscheidende Faktor ist, dass man die ProbandInnen „repräsentativ“ auswählt, dass sie also in möglichst vielen Hinsichten die zu untersuchende Gruppe perfekt abbilden. Und für die Herstellung dieser Repräsentativität gibt es wiederum verlässliche Methoden. Das ist eine Wissenschaft für sich.<br />&nbsp;<br />Entscheidend für die Größe der untersuchten Gruppe ist die Frage, wie viel Genauigkeit man braucht. Und natürlich möchte man bei Impfungen und Medikamenten viel genauere Erkenntnisse über Risiken und Nebenwirkungen haben als bei Wahlumfragen über das Abschneiden von Parteien. Deswegen werden für jede neue Impfung mindestens drei Studien durchgeführt, die nach den drei Phasen gezählt werden:</p><ul><li>Phase I-Studien untersuchen vor allem Sicherheit und Verträglichkeit von neuen Impfstoffentwicklungen an einer kleinen Studienpopulation von weniger als 100 gesunden erwachsenen Personen, die sich dafür freiwillig zur Verfügung stellen. Diese Studien dienen zu einer ersten, noch recht groben Orientierung.</li><li>Phase II-Studien dienen zum Finden der optimalen Dosierung sowie zur Prüfung der Immunisierungswirkung und Verträglichkeit eines Impfstoffes an mehreren hundert Prüfungsteilnehmerinnen und Prüfungsteilnehmern.</li><li>Phase III-Studien schließlich untersuchen Wirksamkeit und Sicherheit der Impfstoffe an mehreren tausend bis mehreren zehntausend Prüfungsteilnehmerinnen und Prüfungsteilnehmern verschiedener Altersgruppen.</li></ul><p>Erst wenn ein Impfstoff alle drei Phasen durchlaufen hat, kann seine Zulassung durch die Gesundheitsbehörden beantragt werden. Und hier können wir sagen: Selten hatten medizinische Studien so viele ProbandInnen wie in der Pandemie. Die Sicherheit der Impfstoffe ist daher extrem hoch. Die meisten Medikamente, die wir in unserem bisherigen Leben eingenommen haben, dürften viel weniger geprüft gewesen sein. Und doch waren auch sie sicher und haben uns vermutlich geholfen.<br />&nbsp;<br />Im Grunde ist es wie im richtigen Leben: Ganz ohne Risiko geht es nie. Und doch ist das Risiko einer Impfung um Lichtjahre geringer als beispielsweise das Risiko einer Ehe. Ob eine Ehe tragfähig ist, wissen wir erst am Ende des Lebens. Natürlich prüfen sich Paare vor der Hochzeit und überlegen, ob sie wohl gut miteinander alt werden können. Und vielleicht hören sie auch auf den Rat erfahrener Menschen aus ihrem Umfeld oder auf den Rat eines erfahrenen Seelsorgers. Aber von der Treffergenauigkeit einer wissenschaftlichen Prognose werden sie immer noch weit entfernt sein. Die Scheidungsraten zeigen es eindrücklich. Wenn wir also an eine Ehe dieselben Sicherheitsanforderungen stellen würden wie an eine Impfung, dürfte niemand mehr heiraten.<br />&nbsp;<br />Und selbst nach einer Ehescheidung gilt: Wichtiger als zu lamentieren, wer für das Scheitern verantwortlich ist, ist die Frage, was man für eine zweite Ehe daraus lernt. Der Mensch ist ein lernfähiges Wesen. Das Gehirn ist für alle Tiere, die es haben, in der Evolution ein Riesenvorteil, weil Lebewesen mit Gehirn viel schneller und zielgerichteter lernen als Lebewesen ohne Gehirn. Intelligenz bedeutet also nicht, das ultimative Wissen zu haben, sondern aus Fehlern und Irrtümern die richtigen Schlüsse zu ziehen. Und das sollte man auch den besten WissenschaftlerInnen zugestehen.<br />&nbsp;<br />Sich aus Angst nicht impfen zu lassen ist also weit weniger gerechtfertigt als aus Angst nicht zu heiraten. Komischerweise haben die meisten Menschen beim Heiraten aber weniger Angst. Insofern schließe ich mit der weihnachtlichen Ermutigung: Fürchtet euch nicht! Es gibt wirklich keinen Grund dazu.<br />&nbsp;<br />In diesem Sinne wünsche ich euch/ Ihnen ein gesegnetes und hoffnungsvolles neues Jahr,<br />&nbsp;<br /><strong>Michael Rosenberger</strong></p>]]></content:encoded><category>Pilgern durch die Coronakrise</category></item><item><guid isPermaLink="false">news-49686</guid><pubDate>Sun, 19 Dec 2021 09:21:00 +0100</pubDate><title>Pilgern durch die Coronakrise - 19. Dezember 2021</title><link>https://www.wallfahrtsservice.de/aktuelles/detail/ansicht/pilgern-durch-die-coronakrise-19-dezember-2021/</link><description></description><content:encoded><![CDATA[<p>Liebe Wandernden auf dem Weg zur Krippe,&nbsp;<br />&nbsp;<br />immer stärker kommt derzeit die neue Omikron-Variante in den Blick. Vermutlich wird sie schon bald die dominierende Form des Coronavirus bei uns sein. Aber was ist von ihr zu halten? Ein außerordentlich informatives Gespräch dazu hat Prof. Dr. Christian Drosten gegeben. Wer es anhören möchte, findet es hier:&nbsp;<a href="https://www.ndr.de/nachrichten/info/Drosten-im-Corona-Podcast-Risiko-fuer-Ungeimpfte-koennte-mit-Omikron-steigen,coronavirusupdate224.html" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.ndr.de/nachrichten/info/Drosten-im-Corona-Podcast-Risiko-fuer-Ungeimpfte-koennte-mit-Omikron-steigen,coronavirusupdate224.html</a>&nbsp;<br />&nbsp;<br />In aller Kürze fasse ich die wesentlichen Inhalte zusammen: Im südlichen Afrika könnte die Pandemie aufgrund der Omikron-Variante bald zu einer (allerdings dauerhaften) Endemie schrumpfen. Denn fast alle Menschen sind durch eine frühere Covid-Erkrankung bereits gegen die bisherigen Corona-Varianten immunisiert. Nun ist Omikron zwar in der Lage, sie trotzdem zu infizieren und erkranken zu lassen, aber nur abgeschwächt und mit geringerer Reproduktionsrate. Daher könnte die Pandemie im südlichen Afrika womöglich schneller zu Ende gehen als bei uns in Europa.<br />&nbsp;<br />Dennoch warnt Drosten eindringlich davor, den südafrikanischen Weg in Europa zu imitieren und die Durchseuchung der Nichtgeimpften laufen zu lassen. Denn das würde extrem hohe Zahlen von schwer Erkrankten und Toten bedeuten. Unser Gesundheitssystem bräche zusammen. Omikron infiziere vor allem Kinder und junge Menschen – &nbsp;teils mit sehr schweren Verläufen. Für Europa sei die Durchimpfung daher der einzige vernünftige Weg. Dreifach Geimpfte seien gegen Omikron ziemlich gut geschützt.<br />&nbsp;<br />Es deutet sich an, dass Omikron sich wirklich rasend schnell ausbreitet. Drosten geht davon aus, dass Omikron von Januar bis zur Jahresmitte 2022 die dominierende Variante des Coronavirus sein wird. Das könnte eine neuerliche Welle im Februar bedeuten – mit allen Befürchtungen, die wir aus den vorangehenden Wellen kennen. Es stehen also schwere Monate bevor. Mitte nächsten Jahres dürften dann angepasste Impfstoffe bereitstehen. So ganz schnell werden wir aus dem Impfen also nicht herauskommen…<br />&nbsp;<br />Mein heutiges Thema ist die Frage einer allgemeinen Impfpflicht. Ist diese strategisch der richtige Weg? Ist sie moralisch begründbar? Dem will ich im Folgenden ausführlich nachgehen. Und dazu beginne ich mit einer wissenschaftlichen Studie aus den USA zur Frage, ob und wie man impfunwillige weiße Evangelikale davon überzeugen kann, sich impfen zu lassen (<a href="https://www.pnas.org/content/118/49/e2114762118" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Persuading US White evangelicals to vaccinate for COVID-19: Testing message effectiveness in fall 2020 and spring 2021 | PNAS</a>). Man schickte zu einigen Tausend von ihnen Personen, die ihnen in einem Gespräch jeweils eine andere aus einem Set sehr unterschiedlicher Botschaften nahebringen sollten. Folgende Botschaften wurden kommuniziert:</p><ol><li>Eine „Placebo-Botschaft“, die nichts mit dem Impfen zu tun hatte (um zu kontrollieren, ob vielleicht schon ein freundliches Gespräch ausreicht, die Impfunwilligen zum Impfen zu bewegen)</li><li>Impfen ist Ausdruck sozialer Verantwortung und der Fürsorge für andere!</li><li>Nicht geimpft zu sein bedeutet das Risiko, dass du andere ansteckst und dich dann schämen musst! Stell dir vor, das passiert dir!</li><li>Sich nicht impfen zu lassen ist rücksichtslos und alles andere als mutig!</li><li>Durch das Impfen erhalten wir unsere Freiheit zurück, weil die Restriktionen enden!</li><li>Vertrau der Wissenschaft!</li><li>Die Ärzteschaft unterstützt das Impfen!</li><li>Auch Donald Trump hat sich impfen lassen!</li></ol><p>&nbsp;<br />Nun gab es zwei ein halbes Jahr auseinanderliegende Versuchszeitpunkte. Die meisten Botschaften hatten zu keinem der beiden Zeitpunkte auch nur irgendeine nennenswerte Wirkung. Während jedoch die Kombination aus den Argumenten (2) + (3) im Herbst 2020 bei etwa einem Drittel der Versuchspersonen eine signifikante Wirkung hatte (sie sagten, dass sie sich impfen lassen werden, sobald die Impfung da ist, und wollten auch Freunde davon überzeugen), war diese im Frühjahr 2021, als die Impfung da war, vollständig verschwunden. Von den im Frühjahr 2021 Impfunwilligen ließ sich praktisch niemand mehr zum Impfen überzeugen.<br />&nbsp;<br />Die AutorInnen der Studie warnen vor vorschnellen Schlüssen. Aber auch mit großer Vorsicht wird man sagen können, dass Überzeugungsversuche bei Impfunwilligen kaum erfolgreich sein dürften. Auch wird man wohl sagen müssen, dass man die wirklich Impfunwilligen durch Gespräche von Tag zu Tag weniger überzeugen kann. Wenn jetzt also immer wieder zu hören ist, man solle doch Impfunwillige im Gespräch zu überzeugen versuchen, ist das bestenfalls naiv, wissenschaftlich betrachtet vermutlich sogar ignorant.<br />&nbsp;<br />Und genau das ist es ja, was wir erleben. Die Impfaufrufe von Papst und Bischöfen bewirken bei den Nichtgeimpften ebenso wenig wie die Aufrufe des österreichischen und des deutschen Bundespräsidenten. Sie bestärken eher die Geimpften darin, dass sie das Richtige getan haben. Das ist nicht unwichtig, aber eben doch nicht ausreichend. Wir müssen uns also eingestehen, dass ohne Sanktionen kein größerer Impffortschritt mehr zu erreichen ist. Sanfte Sanktionen wie die 2-G-Regel für den Zutritt zu allen nicht lebensnotwendigen Einrichtungen oder der „Lockdown für Ungeimpfte“ haben eine begrenzte Steigerung der Impfquote gebracht. Sie haben gewirkt, aber nicht genug. In Österreich ist die Impfquote der Gesamtbevölkerung um einige Prozent angestiegen, in Deutschland etwas mehr, doch nicht hinreichend, um das Ziel zu erreichen. Deswegen wird wohl keine Alternative zur allgemeinen Impfpflicht bleiben, wenn wir eine annähernde Herdenimmunität erreichen wollen.<br />&nbsp;<br />Doch auch wenn die Impfpflicht strategisch als letztes Mittel bleibt, ist sie ethisch verantwortbar? Darf man so stark in das Grundrecht auf körperliche Selbstbestimmung eingreifen? Hier muss man zunächst einmal zurechtrücken, dass in der Frage der Impfung niemand allein über seinen eigenen Körper entscheidet. Jeder Mensch entscheidet hier auch über die Körper und die Gesundheit vieler anderer mit. Das theoretische Konstrukt, dass hier jede Person ganz für sich alleine entscheiden kann, ist also nicht mehr als graue Theorie. Wir können gar nicht anders, als über den Körper anderer mitzuentscheiden. Daher relativiert sich das Grundrecht doch erheblich.<br />&nbsp;<br />Zudem entscheidet die Frage der Impfung jedes Menschen mit über die schnellere Bildung weiterer Varianten, denn je mehr das Virus zirkuliert, umso schneller kommen neue Varianten. Und schließlich entscheidet die Impffrage maßgeblich über den Zustand in unseren Krankenhäusern und Intensivstationen. Hier kommt das Gemeinwohlprinzip ins Spiel, eines der vier bzw. fünf Grundprinzipien der katholischen Soziallehre. Im Konfliktfall zwischen Einzelwohl und Gemeinwohl, so besagt es, kommt dem Gemeinwohl der Vorrang zu, es sei denn, die Menschenwürde Einzelner würde dabei verletzt.<br />Nun mag man überlegen, ob ein Impfzwang, wenn also jemand mit Polizeigewalt zum Arzt gefahren, dort gefesselt und dann geimpft wird, eine Missachtung der Menschenwürde ist. Aber eine Impfpflicht, deren Nichtbeachtung Geldbußen und ggf. die Kündigung durch den Arbeitgeber nach sich zieht, ist etwas anderes. Hier darf man ruhig annehmen, dass das Gemeinwohlprinzip korrekt angewendet wird – und laut VerfassungsjuristInnen übrigens auch verfassungsgemäß.<br />&nbsp;<br />Das Problem ist freilich, dass die Gemeinwohlorientierung der BürgerInnen in den letzten Jahrzehnten kaum eingefordert worden ist. Selbst die Wehrpflicht und alternativ die Zivildienstpflicht wurden in Deutschland aufgehoben, die zumindest die männliche Hälfte der Bevölkerung auf ein Jahr oder 15 Monate Gemeinwohlengagement verpflichteten. Eine einzige Ausnahme gab und gibt es, in der das Gemeinwohl dramatische Einschränkungen des Einzelwohls fordert: Die Klimaerwärmung. Aber auch da hat es bislang nicht funktioniert – die Weltgemeinschaft emittiert mehr Treibhausgase denn je. Im Zeitalter eines gnadenlosen Individualismus tun wir uns schwer, eigene Interessen zugunsten der Allgemeinheit zurückzustellen. Das fällt uns jetzt in der Pandemie auf die Füße.<br />&nbsp;<br />Theoretisch könnte die Impfpflicht hier ein befreiender Wendepunkt werden – wenn sie denn von den Ungeimpften als sanfter Schubser verstanden wird, sich einen Ruck zu geben. Ob das geschehen wird, steht dahin. Aber zumindest für die Zweifelnden wäre das meine große Hoffnung.<br />&nbsp;<br />Wer sich mit dem Thema Impfpflicht noch mehr beschäftigen will, kann dies übrigens hier tun:&nbsp;<a href="https://diesseits.theopodcast.at/streitfall-impfpflicht-theologie-covid" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://diesseits.theopodcast.at/streitfall-impfpflicht-theologie-covid</a>&nbsp;Die moraltheologischen KollegInnen, so kann man in dem Podcast hören, sind durchaus nicht alle einer Meinung. Für das Impfen sind sie alle – bei einer Impfpflicht haben manche Zweifel.<br />&nbsp;<br />Noch eine Anmerkung in eigener Sache: Nächsten Samstag ist Weihnachten – da werde ich niemanden mit einem zusätzlichen Rundbrief beschweren. Aber ich habe fest vor, mich vor Jahresende noch einmal zu melden. So wünsche ich zunächst einmal euch/ Ihnen allen gesegnete weihnachtliche Festtage, viel Freude und Zuversicht durch das Feiern und die Begegnungen, auch wenn alles schon zum zweiten Mal schmaler ausfallen muss als wir es gewohnt waren.</p><p>Herzliche Grüße,<br />&nbsp;<br /><strong>Michael Rosenberger</strong></p>]]></content:encoded></item><item><guid isPermaLink="false">news-49613</guid><pubDate>Mon, 13 Dec 2021 13:49:13 +0100</pubDate><title>Pilgern durch die Coronakrise - 11. Dezember 2021</title><link>https://www.wallfahrtsservice.de/aktuelles/detail/ansicht/pilgern-durch-die-coronakrise-11-dezember-2021/</link><description></description><content:encoded><![CDATA[<p>Liebe Pilgernden im Corona-Tal,<br />&nbsp;<br />erstmals seit langem hat Österreich heute wieder Deutschland überholt: Die österreichische 7-Tage-Inzidenz liegt aktuell bei 381 Infektionen pro 100.000 Personen, die deutsche bei 402. Der Lockdown zeigt also Wirkung. Leider machen die deutschen Zahlen auch deutlich, dass die aktuellen Maßnahmen gerade einmal dazu reichen, dass die Inzidenz nicht weiter nach oben geht. Ein Sinken der Zahlen ist bei der gegenwärtigen Quote ohne Lockdown offenbar kaum möglich.<br />&nbsp;<br />Vielleicht haben manche es wahrgenommen: Eine neue Studie des Max-Planck-Instituts in Göttingen zeigt, wie effektiv das Tragen von FFP2-Masken ist. Wenn sich ein infizierter und ein gesunder ungeimpfter Mensch in einem Innenraum bei Einhaltung der geltenden Abstandsregeln 20 Minuten lang begegnen, ergeben sich folgende Ansteckungswahrscheinlichkeiten:</p><ul type="disc"><li>Beide mit richtig angelegten FFP-2-Masken: 0,1 Prozent</li><li>Beide mit FFP-2-Masken und die gesunde Person ist geimpft: 0,02 Prozent</li><li>Beide mit schlecht sitzenden FFP2-Masken: 4 Prozent</li><li>Beide mit gut sitzenden OP-Masken: 10 Prozent</li><li>Beide ohne Maske: 90 Prozent</li></ul><p>„Wir hätten nicht gedacht, dass es bei mehreren Metern Distanz so schnell geht, bis man aus der Atemluft eines Virusträgers die infektiöse Dosis aufnimmt“, so die ForscherInnen. „Denn auf diese Distanz hat sich die Atemluft schon kegelförmig im Raum verbreitet und die infektiösen Partikel entsprechend verdünnt. Die besonders großen und damit besonders virusreichen Partikel fallen zudem schon nach einer kurzen Strecke durch die Luft zu Boden. Trotzdem haben wir in unserer Studie auch in drei Metern Entfernung noch ein enormes Ansteckungsrisiko festgestellt.“ Die Ergebnisse zeigen also sehr eindrücklich, dass das Maske-Tragen ein wichtiger Faktor zur Bekämpfung der Pandemie ist. Das gilt insbesondere an Schulen, wo noch viele Ungeimpfte aufeinandertreffen.<br />&nbsp;<br />Persönlich denke ich dabei an die Verkäuferin in meiner Stammbäckerei. Ich komme immer früh am Morgen, wenn wenig KundInnenverkehr ist. Fast immer muss sie dann die Maske erst aufsetzen und jammert mit einem lauten Seufzer oder einem Kommentar, der ihre Ablehnung der Maskenpflicht deutlich macht. Ich habe ihr meinerseits beim allerersten Mal deutlich gemacht, dass sie mit der Maske doch mich schützt, und jetzt brauche ich nur noch mit den Augen zu rollen, dann lenkt sie schon ein. Es ist ein Ritual zwischen uns geworden. – Natürlich ist das Maskentragen lästig – noch dazu, wenn man eine Treppe hinaufsteigen muss oder eine anstrengende Tätigkeit vollzieht, für die man tief atmen muss. Aber es hat eine hohe Wirkung – das sollten wir nicht vergessen.<br />&nbsp;<br />Mein Hauptthema heute ist allerdings ein anderes: Die Spaltung der Gesellschaft. Vom ersten Tag der Pandemie an war zu beobachten, wie sich die Gesellschaft in zwei Gruppen aufspaltet: Diejenigen, die die Hygiene- und Vorsichtsmaßnahmen mittragen und einfordern, und jene, die sie für völlig falsch und unsinnig halten und sich dagegen wehren. Zwischen diesen beiden Gruppen gibt es praktisch keine Mittelposition. Es ist ein klassisches Schwarz-Weiß-Thema, und das liegt in der Natur der Sache: Entweder ich finde das Maskentragen richtig oder ich finde es falsch. Entweder ich lasse mich impfen oder ich lasse mich nicht impfen. Einen dritten Weg zwischen den beiden gibt es nicht.<br />&nbsp;<br />Dazu kommt eine hohe Emotionalisierung dieser Frage in beiden Lagern. Die einen haben große Sorge, infiziert zu werden, die anderen haben große Angst vor Impfschäden. Die einen sind finanziell und beruflich relativ gut abgesichert, die anderen fürchten um ihre wirtschaftliche Existenz. Die einen kommen mit der drastischen Reduktion der Sozialkontakte ganz ordentlich zurecht, die anderen leiden massiv unter den psychischen Beeinträchtigungen. Es steht also unheimlich viel auf dem Spiel – für beide „Lager“ – und das schürt die Emotionen. Sachliche Diskussionen sind kaum möglich.<br />&nbsp;<br />Teilweise sind die beiden Standpunkte auch religiös aufgeladen. Geimpft oder nicht geimpft, das ist die neue Glaubensfrage. Während die deutsche Gesellschaft bis in die 1960er Jahre in katholisch und evangelisch gespalten war, von getrennten Konfessionsschulen bis zur Diskriminierung der gemischten Ehen, und während in den letzten drei Jahrzehnten die Trennlinie zwischen christlich und muslimisch verlief, ist der neue Graben der zwischen BefürworterInnen und GegnerInnen der Schutzmaßnahmen. Um es einmal so zu sagen: Corona ist der neue Islam. Mit religiöser Inbrunst und Feuereifer vertreten die einen wie die anderen ihre Position.<br />&nbsp;<br />Als Theologe möchte ich einwenden: Es geht um eine zwar sehr existenzielle, aber letztlich weltliche Frage! Von ihr hängt zwar viel ab, aber nicht das ewige Heil der Menschen. – „Na hoppla“, werden da manche einwenden, „ewiges Heil? Was ist denn das? Daran glaube ich ja schon lange nicht mehr!“ Eben, würde ich sagen, das ist vielleicht ein Teil des Problems. Wenn wir nicht mehr an ein Heil jenseits dieser Welt und nach dem irdischen Tod glauben, verschärft sich die Sorge um das diesseitige Wohlergehen ganz dramatisch. Denn dann müssen wir ja umso verbissener und verzweifelter darum streiten, wie der bessere Weg aus der Pandemie aussieht. Daher würde ich bei aller Notwendigkeit der Auseinandersetzung zu etwas mehr Gelassenheit raten – so illusorisch dieser Rat auch sein mag.<br />&nbsp;<br />Gleichwohl: Die Spaltung der Gesellschaft ist da – und sie hat sich mittlerweile ziemlich verfestigt. Es gibt kaum noch „ÜberläuferInnen“ von einem ins andere Lager. Die neuen sozialen Medien verstärken diese Zementierung der Verhältnisse ohnehin immer weiter. JedeR bewegt sich nur noch in den Bubbles und Chatgruppen der eigenen Überzeugung. Und wenn die jeweils andere Gruppe wahrgenommen wird, dann führt das bestenfalls zu Hass-Postings.<br />&nbsp;<br />Ich vermute, dass fast jedeR von uns irgendwo im Familien- oder Freundeskreis diese Spaltung erlebt und darunter leidet. Ich jedenfalls schon. Nachdem das eine Lager etwa zwei Drittel und das andere etwa ein Drittel der Bevölkerung umfasst, wäre es sehr verwunderlich, wenn jemand keinen einzigen Menschen des anderen Lagers in seiner Nähe hat. Und die Spaltung ist tief. Geimpfte scheuen sich, Ungeimpften zu begegnen, besonders wenn sie zu einer Risikogruppe gehören, weil sie sich nicht anstecken wollen. So entstehen jahrelang große Distanzen – man begegnet sich nur noch über Facebook oder das Telefon. Tabuthemen stehen im Raum, die nicht angesprochen werden können und doch permanent in den Köpfen der Menschen da sind. Das lähmt die Kommunikation – wir begegnen einander nicht mehr locker und frei. Beziehungen verkümmern und erstarren auf diese Weise. Ihre Lebendigkeit und Natürlichkeit ist verloren.<br />&nbsp;<br />So bekommen einige Sätze des Evangeliums neue Bedeutung, die wir vermutlich alle lange Zeit als fern von unserer Wirklichkeit erachtet haben: „Denkt nicht, ich sei gekommen, um Frieden auf die Erde zu bringen! Ich bin nicht gekommen, um Frieden zu bringen, sondern das Schwert. Denn ich bin gekommen, um den Sohn mit seinem Vater zu entzweien und die Tochter mit ihrer Mutter und die Schwiegertochter mit ihrer Schwiegermutter; und die Hausgenossen eines Menschen werden seine Feinde sein.“ (Mt 10, 34-36) Damals also, zur Zeit der Evangelien, war es die Botschaft Jesu, die mitten durch die Familien hindurch Spaltungen hervorrief. Nicht dass Jesus das gewollt hätte. Aber wenn eine pointierte religiöse Botschaft verkündet wird, dann lässt sich das wohl nicht vermeiden. Heute ist es nicht Jesus, der spaltet, sondern ein winziges Virus. Der Effekt ist jedoch derselbe.<br />&nbsp;<br />So traurig diese Analyse ist: Die Spaltung wird sich erst überwinden lassen, wenn die Pandemie zu Ende gegangen ist. Es wird dann eine lange Phase der Versöhnung und Heilung brauchen, mit intensiver Unterstützung durch die „Versöhnungs-Profis“: PsychologInnen, SozialpädagogInnen, Beratungseinrichtungen… und letztlich auch das Seelsorge-Personal. Wir alle, die wir zu diesen Berufsgruppen gehören, sollten uns schon einmal darauf gefasst machen. Pfarreien und Einrichtungen sollten schon jetzt überlegen, was sie am „Freedom Day“, dem Tag eins nach Corona, als Versöhnungshilfe anbieten können. Und wir alle, die wir die Pandemie erleben müssen, sollten uns dafür öffnen, nach der Pandemie professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen, um die ersten Schritte aufeinander zu gut gehen zu können. Ohne Hilfe, da bin ich sicher, wird es nur in seltenen Fällen gelingen.<br />&nbsp;<br />Da kommt also noch allerlei auf uns zu. Aber es ist absehbar, und das gibt uns die Chance der Vorbereitung. In diesem Sinne grüßt euch/ Sie alle in adventlicher Hoffnung,<br />&nbsp;<br /><strong>Michael Rosenberger</strong></p>]]></content:encoded><category>Pilgern durch die Coronakrise</category></item><item><guid isPermaLink="false">news-49516</guid><pubDate>Sat, 04 Dec 2021 12:09:00 +0100</pubDate><title>Pilgern durch die Coronakrise - 4. Dezember 2021</title><link>https://www.wallfahrtsservice.de/aktuelles/detail/ansicht/pilgern-durch-die-coronakrise-4-dezember-2021/</link><description></description><content:encoded><![CDATA[<p>Liebe Pilgernden durch diese dunklen Zeiten,&nbsp;</p><p>morgen brennt die zweite Kerze auf unseren Adventskränzen und wird es hoffentlich auch in unseren Herzen wieder etwas heller werden lassen. Zu den Bräuchen und zur Bedeutung des Advents habe ich im „Kaleidoskop Leben“, dem Podcast der Elisabethinen Linz ein Gespräch geführt, das ich euch/ Ihnen allen zur Einstimmung und Vertiefung dieser Wochen empfehle: <a href="https://www.die-elisabethinen.at/podcast" target="_blank" class="external-link" rel="noreferrer">https://www.die-elisabethinen.at/podcast &nbsp;</a></p><p>Ein weiteres Interview, das ich diese Woche gegeben habe, führt uns wieder näher an die harte Realität der Pandemie. Es geht der Frage nach der moralischen Bewertung einer Impfpflicht nach:&nbsp;<a href="https://www.katholisch.at/aktuelles/136459/moraltheologe-rosenberger-impfpflicht-ist-gebot-der-stunde" target="_blank" rel="noreferrer">https://www.katholisch.at/aktuelles/136459/moraltheologe-rosenberger-impfpflicht-ist-gebot-der-stunde</a></p><p>Und vielleicht haben manche gestern oder heute die folgende Nachricht wahrgenommen: Zwei Nilpferde im Antwerpener Zoo haben sich mit dem Coronavirus infiziert. Bisher wussten wir schon, dass Fledermäuse, Menschenaffen, Katzen und Nerze infiziert werden können und womöglich auch umgekehrt wieder Menschen infizieren können, die mit ihnen in Kontakt kommen. Die Liste der Übertragungsmöglichkeiten wird also immer länger und hat vermutlich noch nicht ihr Ende erreicht. Menschen und Säugetiere haben einfach große Ähnlichkeit – da sollten wir uns nichts vormachen.</p><p>In meinem Rundbrief möchte ich heute allerdings einer anderen Frage nachgehen, nämlich der, wie wir eigentlich unsere Entscheidung für oder gegen das Impfen treffen, welche Mechanismen da in uns ablaufen. Und dazu möchte ich zunächst auf die Impfquoten der verschiedenen Länder in Europa schauen (Stand 30.11.21):</p><ul><li>Die höchsten Impfquoten haben die Länder Südwesteuropas: Portugal 86,6%, Malta 82,2%, Spanien 79,4%, Italien 73,8%.</li><li>Auch vergleichsweise hohe Quoten haben die Länder Nordwesteuropas: Dänemark 76,3%, Irland 75,8%, Belgien 75,1%.</li><li>Die niedrigsten Quoten im „alten“ Europa, also in der westlichen Hälfte, haben Deutschland 68,2%, Österreich 66,0% und die Schweiz 64,4%. Wobei man auch das Gefälle innerhalb der Länder berücksichtigen muss: In Deutschland haben v.a. einige ostdeutsche Bundesländer und Südbayern (Altbayern) sehr niedrige Quoten. In Österreich sind ebenfalls bestimmte Bundesländer und Regionen besonders schlecht, darunter Salzburg und Oberösterreich, also die direkt an Südbayern angrenzenden Gebiete. Und in der Schweiz liegen die deutschsprachigen Kantone weit hinter den italienisch- und französischsprachigen.</li><li>Im Osten Europas liegen die Impfquoten überall unter 60%: Tschechien 59,2%, Polen 53,6%, Kroatien 47,4%, Slowakei 42,9%, Rumänien 37,6%, Bulgarien 25.3%.</li></ul><p>Diese Zahlen lassen sich nicht mit einem unterschiedlichen Informationsstand erklären und auch nicht mit einer unterschiedlichen demografischen Struktur. Die Information wurde überall intensiv betrieben und steht allen zur Verfügung. Auch hat bislang keines dieser Länder (außer dem Vatikan!) eine allgemeine Impfpflicht. Die Menschen entscheiden frei. Schließlich stehen auch allen genügend Impfangebote zur Verfügung. Daher muss der Unterschied der Quoten vor allem aus den Mentalitäten erklärt werden – und damit aus Gefühlen.</p><p>Ich bin weder Historiker noch Soziologe und kann daher keine vollständige Analyse der Mentalitäten in den verschiedenen Regionen Europas geben. Offenkundig geht es aber weniger um nationale als um regionale Mentalitäten, und sie dürften weit in die Geschichte Europas zurückreichen. Nur ein paar Elemente möchte ich nennen, die ich von Fachleuten gehört und gelesen habe:</p><ul><li>In Osteuropa incl. Ostdeutschland (!) ist das Misstrauen gegenüber dem Staat nach wie vor groß. Über Jahrzehnte haben die Menschen unter den kommunistischen Diktaturen einen Reflex des Wegduckens und Nichtstuns entwickelt. Dieser Reflex ist weiterhin wirksam – obwohl der Kommunismus seit 30 Jahren überwunden ist. Mentalitäten wandeln sich erst über fünf oder sechs Generationen, und manchmal dauert es sogar noch länger.</li><li>In Südwesteuropa hat man einen hohen Respekt vor den Autoritäten. Damit sind nicht die PolitikerInnen gemeint, sondern die Fachleute. Man denke nur an das hohe Zutrauen der ItalienerInnen zu einem Technokraten wie Mario Draghi. Draghi gilt ja nicht als Politiker, sondern als Experte – Wissenschaftler und früherer EZB-Präsident. In Spanien und Portugal preisen alle ihre Impfkommissionen. Das Vertrauen in das Gesundheitssystem ist extrem hoch.</li><li>Für Altbayern und Teile Österreichs, wo es die niedrigsten Impfquoten Westeuropas gibt, die teilweise nur um die 50% liegen, würde ich spontan sagen: Da gibt es so eine gewisse „Wurschtigkeit“ und falsch verstandene Liberalität, mitunter verbunden mit einer erheblichen Obrigkeitskritik. In Oberösterreich sage ich oft spaßhalber: Wenn der Bischof will, dass das Kirchenrecht von den SeelsorgerInnen eingehalten wird, muss er unter Strafe verbieten, sich an das Kirchenrecht zu halten. Analog müsste man vielen OberösterreicherInnen das Impfen streng verbieten – dann würden die Nichtgeimpften sofort eine Impfung verlangen.</li></ul><p>Wir entscheiden also nicht so rational und überlegt, wie wir vorgeben. Und zwar alle nicht. Auch die Geimpften haben sich nicht allein aus Vernunftgründen impfen lassen, sondern hatten von ihrer Mentalität her eine gefühlsmäßige Neigung dazu.</p><p>Daraus folgt aber nicht, dass wir uns nun anstrengen müssten, völlig rational und ohne jede Emotion zu entscheiden. Das können wir gar nicht. Emotionen speichern ja echte Lebenserfahrungen, sie sind also wichtig für Entscheidungen. Aber wir müssen uns erstens ehrlich eingestehen, dass es nicht die Argumente sind, sondern die emotionalen Mentalitäten, die unser Handeln am meisten beeinflussen. Und wir müssen zweitens diese Emotionen aufklären, d.h. ihren Ursprung ergründen, ihre ursprüngliche Funktion zu verstehen suchen und schließlich prüfen, ob sie in der aktuellen Situation noch angemessen sind.</p><p>Um es einmal klar zu sagen: Dass die RussInnen Putin nicht vertrauen, kann ich bestens verstehen. Das ist absolut berechtigt. Aber dass sie sich nicht impfen lassen, bloß weil Putin die Impfung empfiehlt, ist fatal. Russland hat derzeit die meisten Corona-Toten weltweit – obwohl es genügend Impfstoff gäbe, wenn es auch der nicht ganz so wirksame Sputnik-V ist. Die russische Wissenschaft ist nach wie vor ziemlich gut und hätte daher trotz Putin Vertrauen verdient.</p><p>In den letzten Wochen haben mich mehrere GymnasiallehrerInnen für Biologie oder Chemie gefragt, was sie falsch gemacht haben, dass die Impfquoten so gering sind. Darauf würde ich erstens antworten, dass sie nicht sooo viel falsch gemacht haben können, denn die Studierenden an den Unis sind zu über 90 Prozent geimpft. Zweitens würde ich aber sagen: Dass es dennoch so viele Nichtgeimpfte gibt, liegt weniger an einem schlechten Unterricht als vielmehr an einer mangelnden Bildung der emotionalen Intelligenz. Den Lehrplänen nach soll die zwar ebenfalls geschehen, fällt aber im Schulalltag oft unter den Tisch. Und außerdem ist die Bildung der emotionalen Intelligenz viel stärker dort verankert, wo sich die jungen Menschen daheim fühlen: In den Familien, in den Freundeskreisen, in den Vereinen usw. Dort werden Gefühle gezeigt und gelebt. Aber oft werden sie nicht gemeinsam angeschaut und reflektiert. Doch erst dieser Schritt kann die Gefühle aufklären und dann für gute Entscheidungen fruchtbar machen.</p><p>Ich lade euch/ Sie daher herzlich ein, in diesem Advent einmal gezielt den eigenen Gefühlen nachzugehen, wie es schon der heilige Ignatius von Loyola geraten hat:</p><ul><li>Welche Gefühle habe ich, wenn ich an Corona und an die Impfung denke?</li><li>Woher könnten diese Gefühle kommen? An was aus meiner eigenen Lebensgeschichte oder aus der meiner Eltern und Großeltern erinnern sie mich? Haben die in vergleichbaren Situationen ähnliche Gefühle gehabt?</li><li>Was ist das Vernünftige an diesen Gefühlen? Wozu waren und sind sie hilfreich? Und inwieweit sind sie auch zu meiner persönlichen und unserer gemeinsamen Bewältigung der Coronakrise hilfreich? Oder behindern sie da eher?</li><li>Wie könnte ich diese Gefühle verstärken, wenn ich sie als hilfreich erachte, und abschwächen, wenn ich sie nicht als hilfreich erachte?</li></ul><p>Niemand kann aus seiner Haut heraus. Aber je besser wir die „Haut“ unserer Seele kennen und verstehen, umso leichter können wir sie auch weiterentwickeln. Dass uns dies im Advent gelingt, wünscht euch/ Ihnen allen</p><p><strong>Michael Rosenberger</strong></p>]]></content:encoded><category>Pilgern durch die Coronakrise</category></item><item><guid isPermaLink="false">news-49476</guid><pubDate>Wed, 01 Dec 2021 11:52:42 +0100</pubDate><title>Pilgern durch die Coronakrise - 1. Dezember 2021</title><link>https://www.wallfahrtsservice.de/aktuelles/detail/ansicht/pilgern-durch-die-coronakrise-1-dezember-2021/</link><description></description><content:encoded><![CDATA[<p>Liebe Pilgernden am Eingangstor zum Advent,<br />&nbsp;<br />da bin ich wieder. Ich hätte es mir anders gewünscht. Aber spätestens seit Oktober war absehbar, dass wir mit vollem Tempo in den nächsten Lockdown hineinrasen. Österreich hat ihn bereits seit einer Woche, in Deutschland dürfte es auch nur noch eine Frage von Tagen sein. Die Infektionszahlen stiegen bzw. steigen tagtäglich an. Die Kliniken laufen über, einzelne PatientInnen werden bereits mit Militärmaschinen quer durch Deutschland verlegt, das Krankenhauspersonal ist verzweifelt. Und dabei wird ja der Höhepunkt der Krankenhausbelegung erst zwei bis drei Wochen nach dem Höhepunkt der Infektionszahlen erreicht. Sehenden Auges schlittern wir in die Katastrophe.<br />&nbsp;<br />Deswegen werde ich zumindest in den nächsten Wochen jeweils am Samstagnachmittag eine Rundmail aussenden. Dass die erste heute ausnahmsweise mit einem Tag Verspätung kommt, liegt an meinen Verpflichtungen in den vergangenen Tagen.<br />&nbsp;<br />Wir alle kennen die Ursachen der gegenwärtigen Pandemie-Entwicklungen in Deutschland und Österreich (die ja in manchen Ländern völlig anders laufen!): Zu niedrige Impfquoten, obwohl genügend Impfstoff bereit stünde, Impfskepsis und Impfträgheit vieler Menschen. Zu zögerliches Anziehen der Maßnahmen im Herbst durch die Politik. Zu wenig Disziplin der Menschen im Einhalten der geltenden Regeln. Zu wenig Hören auf die Fachleute, die die jetzige Entwicklung schon im August vorhergesagt haben. Von ganz oben in den Bundesregierungen bis ganz unten an der Basis haben zu viele ihren Teil der Verantwortung nicht wahrgenommen. Und jetzt müssen auch die die Suppe auslöffeln, die sich vorbildlich verhalten haben.<br />&nbsp;<br />In beiden Ländern, Österreich und Deutschland, gibt es eine gemeinsame tieferliegende Ursache für das viel zu späte Handeln der Politik. Und damit meine ich nicht die Wahlen Ende September in Deutschland und Oberösterreich, die vorübergehend sicher auch ein Faktor waren, auch nicht die österreichische Kanzlerkrise, sondern: Beide Länder haben „gemischte Regierungskoalitionen“. Die lockdowngeneigten Regierungsparteien SPD (in Deutschland) und Grüne (in beiden Ländern) treffen auf die lockdownabgeneigten bis -unwilligen Regierungsparteien ÖVP (in Österreich) bzw. FDP (in Deutschland). Mitten durch die Regierungen geht der Riss in Sachen Corona-Politik und erschwert es massiv, eine gemeinsame Linie zu finden. Doch das Virus interessieren koalitionäre Differenzen nicht – es verbreitet sich eifrig weiter. Noch schlimmer ist es nur noch, wenn zwei lockdownunwillige Parteien koalieren wie in Oberösterreich (ÖVP und FPÖ). Dann wird der Karren mit Vollgas an die Wand gefahren, wie wir in den letzten Wochen erleben mussten.<br />&nbsp;<br />Im Unterschied zu den ersten Wellen besteht zwischen den seriösen Parteien gegenwärtig keine Einigkeit mehr über den Vorrang eines funktionierenden Gesundheitssystems und über das Hören auf die Wissenschaft. Das war die Stärke der Politik in den ersten beiden Wellen, dass alle an einem Strang zogen und mit kühlem Kopf entschieden. Jetzt aber sind wir im alten Fahrwasser der Klientelinteressen. Und so sehr es richtig ist, die Grundfreiheiten der Menschen nur so wenig wie nötig einzuschränken: Das Virus interessieren die Menschenrechte nicht, im Gegenteil, es macht sich jede größere Freiheit der Menschen zunutze. Das wird auch der deutsche FDP-Chef Christian Lindner einsehen müssen, so sehr er sich gegenwärtig auch noch wehrt.<br />&nbsp;<br />Die zweite Hiobsbotschaft der letzten Tage ist der Siegeszug der neuen Omikron-Variante in Südafrika. In spätestens drei Monaten dürfte sie auch bei uns die Standard-Variante sein und Delta verdrängt haben. Was das heißt, können wir derzeit nur sehr grob erahnen. Mit hoher Wahrscheinlichkeit wird der bisherige Impfstoff auch gegen Omikron einen gewissen Schutz bieten, doch dürfte der geringer sein als jener gegen Delta. Auch Geimpfte werden sich also häufiger anstecken. Und bis Biontech seinen Impfstoff angepasst, produziert und zugelassen hat, dürfte ein halbes Jahr vergehen. Technisch betrachtet ist das unglaublich schnell. Doch dann könnte Omikron schon Geschichte sein und die nächste Variante auf dem Programm stehen. Das Virus ist ungefähr so schnell wie wir…<br />&nbsp;<br />Die Omikron-Variante zeigt, dass nur eine Durchimpfung der gesamten Weltbevölkerung uns aus der Misere herausbringt. Denn die neuen Varianten entstehen dort, wo sich das Virus sehr schnell auf sehr viele Menschen übertragen kann, und das sind die Länder mit niedrigen Impfraten. Jetzt rächen sich also die geringen Anstrengungen der reichen Länder, die Durchimpfung der armen Länder zu finanzieren. Es braucht weltweite Solidarität – zwischen reichen und armen Ländern, zwischen Impfwilligen und ImpfskeptikerInnen – sonst werden wir noch viele Jahre in der Pandemie stecken und von Lockdown zu Lockdown stolpern.<br />&nbsp;<br />Der Advent ist die Zeit, in der wir voll Sehnsucht und Hoffnung auf Geschehnisse warten, die unsere eigenen Möglichkeiten übersteigen. Das Ende der Pandemie gehört sicherlich zu diesen Ereignissen. Aber dass Geschehnisse unsere Möglichkeiten übersteigen, heißt nicht, dass wir nichts tun und die Hände in den Schoß legen könnten. Seit 2000 Jahren ist die Botschaft des Advents, die Wege zu bereiten. Das ist unser Beitrag. Ohne ihn wird auch Gott nicht handeln. Gottvertrauen ist eben nur dann erlaubt, wenn wir nach gründlicher Gewissensprüfung sagen können, dass wir getan haben, was wir tun konnten. Und da müsste die Botschaft des Advents uns eigentlich einen großen Ruck geben. Uns – das meint nicht nur unsere Regierungen, sondern uns alle. In einer Demokratie haben alle das Recht mitzureden – aber auch die Pflicht, das Ihre zu tun.<br />&nbsp;<br />In diesem Sinne wünsche ich allen einen segensreichen, Kraft gebenden und Hoffnung nährenden Advent!<br />&nbsp;<br /><strong>Michael Rosenberger</strong></p>]]></content:encoded><category>Pilgern durch die Coronakrise</category></item><item><guid isPermaLink="false">news-47696</guid><pubDate>Sat, 29 May 2021 12:57:00 +0200</pubDate><title>Pilgern durch die Coronakrise - 29. Mai 2021</title><link>https://www.wallfahrtsservice.de/aktuelles/detail/ansicht/pilgern-durch-die-coronakrise/</link><description>Liebe Pilgernden auf dem Weg hinaus ins Weite, 

rund fünfzehn Monate Pandemie liegen hinter uns. Und auch wenn Covid-19 uns noch eine Weile begleiten wird, verblasst seine Durchschlagskraft und verliert ihren Schrecken.</description><content:encoded><![CDATA[<p>Sofern nicht noch irgendwelche gefährlichen Super-Varianten daherkommen, dürften wir das Schlimmste überstanden haben. Deswegen beende ich mit dem heutigen Rundbrief meine wöchentlichen Schreiben und kehre zum üblichen Modus zurück, mich nur dann und wann zu melden, wenn es einen aktuellen Hinweis gibt. Zugleich gilt natürlich mein Versprechen, dass ich sofort wieder da bin, wenn das Infektionsgeschehen wider Erwarten nochmals aufflammt.</p><p>Gestern hat die österreichische Bundesregierung ein Ende der allermeisten Covid-Maßnahmen zum 1. Juli angekündigt. Ein ambitioniertes Ziel, das nur machbar ist, wenn sich bis dorthin alle an die noch geltenden Regeln halten. Heute hat Deutschland zum ersten Mal seit mehreren Wochen wieder eine niedrigere 7-Tage-Inzidenz als Österreich. Vor zehn Tagen hatte Österreich erheblich gelockert, und mit der üblichen Verzögerung von 7 bis 10 Tagen kann man es nun an den Zahlen ablesen. Noch geht es, weil die Zahlen weiter sinken – zwar deutlich langsamer, aber eben doch. Dennoch sollten wir die Warnung ernst nehmen und die noch geltenden Regeln sorgfältig beachten. Leider tun das nicht alle. Am Mittwoch war ich das erste Mal nach dem Lockdown wieder im Restaurant. Entgegen allen Vorschriften und entgegen den hochheiligen Schwüren der GastronomiefunktionärInnen in den Medien wurde nicht kontrolliert, ob man geimpft, genesen oder getestet ist. Und das Personal trug nicht einmal Maske. Der Kollege, mit dem ich dort war, bestätigte mir, dass er ein paar Tage vorher schon in Wien in einem Restaurant war – und dort exakt das Gleiche beobachtete. Der Leichtsinn scheint sich Bahn zu brechen – und das könnte sich noch als fatal erweisen.</p><p>Manche werden sich vielleicht daran erinnern, dass ich bereits vor Weihnachten als Zeitraum zur weitestgehenden Normalisierung den Anfang des Juli ins Spiel gebracht hatte. Das sage ich, weil es bemerkenswert ist, wie verlässlich die Langfristprognosen der Fachwissenschaften waren. In Wirklichkeit gab es kein „Impfchaos“ und kein „Stottern des Impfmotors“. Vielmehr ist im Großen und Ganzen eingetroffen, was versprochen war – nur wollten wir gerne etwas anderes hören und haben das langsame Hochfahren der Impfstoffproduktion und das halbe Jahr Wartezeit geflissentlich überhört. Geduld ist im 21. Jahrhundert die vielleicht schwierigste Tugend geworden.</p><p>Zum Abschied möchte ich euch/ Ihnen allen ein altbekanntes Evangelium mitgeben, das im Kontext der Pandemie besondere Bedeutung gewinnt (Lk 17,11-19):</p><p><strong>Aus dem Evangelium nach Lukas</strong></p><p><strong>Und es geschah auf dem Weg nach Jerusalem: Jesus zog durch das Grenzgebiet von Samarien und Galiläa. Als er in ein Dorf hineingehen wollte, kamen ihm zehn Aussätzige entgegen. Sie blieben in der Ferne stehen und riefen: Jesus, Meister, hab Erbarmen mit uns! Als er sie sah, sagte er zu ihnen: Geht, zeigt euch den Priestern! Und es geschah, während sie hingingen, wurden sie rein.</strong></p><p><strong>Einer von ihnen aber kehrte um, als er sah, dass er geheilt war; und er lobte Gott mit lauter Stimme. Er warf sich vor den Füßen Jesu auf das Angesicht und dankte ihm. Dieser Mann war ein Samariter. Da sagte Jesus: Sind nicht zehn rein geworden? Wo sind die neun? Ist denn keiner umgekehrt, um Gott zu ehren, außer diesem Fremden? Und er sagte zu ihm: Steh auf und geh! Dein Glaube hat dich gerettet.</strong></p><p>Der Begriff „Aussatz“ war in biblischer Zeit ein Sammelbegriff, der zahlreiche sehr unterschiedliche Krankheiten bezeichnen konnte. In Lev 13-14 werden verschiedenste Hautkrankheiten, die eine Veränderung der Haut oder auch Haarausfall (Lev 13,42) zur Folge haben, unter dem Oberbegriff „Aussatz“ zusammengefasst: Ekzeme, Krätze, Grind, Schuppenflechten, Nekrosen, Hautflecken. Man wusste, dass manche von ihnen ansteckend waren, manche auch nicht. Daher gab es eine „Testpflicht“: Der oder die Betroffene musste sich im Verdachtsfall an den Priester wenden. Bei positiver Diagnose erklärte dieser die betroffene Person für unrein. Sie wurde aus der Gemeinschaft ausgeschlossen (Lev 13,45) und lebte außerhalb des Stadt (2 Kön 7,3), und zwar entweder befristet für eine Woche, nach der sie sich einer erneuten Untersuchung durch den Priester unterzog, oder unbefristet, bis die Symptome verschwanden. So waren die biblischen Quarantäneregeln. Festgestellter Aussatz bedeutete die völlige Ausgrenzung aus der Gesellschaft. Jeder Kontakt zu Gesunden war strikt verboten. Die gebotenen Abstände waren so groß, dass ein Gespräch oder eine Begegnung zwischen Aussätzigen und Gesunden praktisch unmöglich war. Von zwei Metern Abstandspflicht konnte man damals nur träumen.</p><p>In der Corona-Pandemie haben wir erleben dürfen, dass Not gleich macht. So ist es auch im Evangelium: Jüdische und samaritanische Aussätzige leiden unter der gleichen strengen Ausgrenzung. Das schweißt sie zusammen, so dass die zehn Aussätzigen sich als eine feste Gemeinschaft verstehen und erleben. Unter ihnen spielt es keine Rolle mehr, dass sie neun Juden und ein Samariter sind (und damit eigentlich „Erzfeinde“). Sie teilen alles miteinander und halten zusammen. Wie ein homogener Kirchenchor rufen sie Jesus aus einem Munde gemeinsam um Hilfe an – und Jesus erhört sie ohne Unterschied. Die Juden werden (aus der von der Tora gebotenen Distanz, wie Lukas ausdrücklich erwähnt!) ebenso geheilt wie der Samariter.</p><p>Doch kaum ist die Not überwunden, endet die Solidarität. Ein einziger kehrt um und bedankt sich bei Jesus. Alle anderen vergessen in ihrer Ungeduld völlig, welch großes Geschenk ihnen zuteil geworden ist, so sehr gieren sie schon nach dem „grünen Pass“, den ihnen der Priester ausstellen wird. Man ahnt, was für einen Wettlauf sie veranstalten, denn jeder will als erster von der Quarantäne befreit werden. Es ist wie beim Drängeln um die Impftermine und beim Pochen darauf, dass die Geimpften sofort wieder ihre vollen Rechte erhalten – egal wie lange die anderen noch warten müssen. Kaum ist die Not vorbei, gilt wieder das Gesetz des Ellenbogens.</p><p>Und jetzt kommt der Clou der lukanischen Geschichte: Der eine, der innehält und sich Zeit lässt, ist ausgerechnet der Samariter. Der Minderwertige, der Ausländer, der Ungläubige. Und ausgerechnet zu ihm sagt der Jude Jesus: „Dein Glaube hat dich geheilt“. Er erkennt den Glauben des „Ungläubigen“ an. Er spürt, dass in ihm mehr an Vertrauen und Hoffnung steckt als in den neun „Rechtgläubigen“. Für ihn ist nicht die äußere Religionszugehörigkeit entscheidend, sondern das, was jemand im Herzen trägt. Wo Abgrenzung aus hygienischen Gründen nötig ist, erkennt Jesus sie an. Aber wo Abgrenzung keinen Sinn hat wie zwischen JüdInnen und SamariterInnen, da wirft er die geltenden Barrieren mit Leichtigkeit über den Haufen.</p><p>Vielleicht wäre das eine der wichtigsten Lehren aus der Pandemie: Was haben wir uns alle aufgeregt über die aus Hygienegründen notwendigen Abgrenzungen voneinander. Ach, würden wir uns doch nur halb so engagiert gegen die hygienisch betrachtet völlig unnötigen Ab- und Ausgrenzungen in unserer Gesellschaft wehren! Wir hätten ein ganz anderes Deutschland, Österreich, Europa vor uns als jetzt.</p><p>Viele werden jetzt Schritt für Schritt die neuen Freiheiten genießen lernen – und ich betone das Wort „lernen“, denn ich merke an mir selbst, dass die Gefühle dafür länger brauchen als der Kopf. Nach so langer Zeit müssen wir uns neu daran gewöhnen, so Vieles zu dürfen. Viele werden jetzt auch den Blick nach vorne richten und einen Sommerurlaub zu planen beginnen. Schön, dass uns das möglich ist! Umso mehr lade ich ein, im Vorfeld der neuen Freiheiten Rückschau auf die eigenen Erlebnisse und Erfahrungen in der Pandemie zu halten. Dabei kann es hilfreich sein, die wichtigsten Erkenntnisse dieser Rückschau aufzuschreiben. Dazu gebe ich gerne einige Leitfragen:</p><ul type="disc"><li>Welche&nbsp;Erfahrungen&nbsp;waren für mich in dieser Zeit besonders wichtig? Ich denke dabei an bedrückende, Angst machende, schmerzliche Erfahrungen ebenso wie an beglückende, Kraft spendende und ermutigende Erfahrungen. Ich denke an einmalige, aus dem Covid-Alltag herausragende Erfahrungen ebenso wie an alltägliche Erfahrungen, die mir ständige Begleiterinnen waren.</li><li>Welche&nbsp;Erkenntnisse&nbsp;habe ich in dieser Zeit neu gewonnen? Was waren die „Aha“-Erlebnisse in der Pandemie? Ich denke dabei an Erkenntnisse für meine eigene zukünftige Lebensgestaltung, Erkenntnisse für mein Verständnis der Gesellschaft und ihrer komplexen Mechanismen und an Erkenntnisse für meinen Glauben und meine Spiritualität.</li><li>Welche Dinge, Güter, Hobbies, Beschäftigungen in meinem Leben haben an Bedeutung verloren – und welche Dinge, Güter, Hobbies, Beschäftigungen in meinem Leben haben an Bedeutung gewonnen? Ist es dadurch zu einer&nbsp;Wertverschiebung&nbsp;gekommen?</li><li>Analog kann ich mich auch fragen: Welche&nbsp;Menschen&nbsp;in meinem Leben haben an Bedeutung verloren – und welche Menschen in meinem Leben haben an Bedeutung gewonnen? Habe ich womöglich in dieser Krisenzeit FreundInnen verloren, weil es zum Konflikt kam? Habe ich neue FreundInnen gewonnen, mit denen mich die Krise auf wunderbare Weise zusammengebracht hat? Hat sich durch die Beschränkung auf den Kontakt mittels elektronischen Medien womöglich manche „Entfernung“ zu FreundInnen verkürzt?</li><li>Schließlich: Was nehme ich mir für die Zeit nach der Pandemie vor? Welche Änderungen wünsche ich mir für mein persönliches Leben? Dabei sollte ich unbedingt darauf achten, dass die Zielsetzungen „smart“ sind: 1) Jedes Ziel soll&nbsp;spezifisch&nbsp;vorgeben, an welchem Punkt ich ansetzen will. 2) Es soll&nbsp;messbar&nbsp;sein. 3) Es soll für alle von ihm Mitbetroffenen&nbsp;akzeptabel&nbsp;sein. 4) Es soll&nbsp;realistisch&nbsp;sein. 5) Es soll&nbsp;terminiert&nbsp;sein, also einen klaren Zeitpunkt für die Zielerreichung haben.</li></ul><p>Über die Rückschau auf die eigenen Erfahrungen in der Krise hinaus könnte auch eine Rückschau auf die Rundbriefe hilfreich sein:</p><ul type="disc"><li>Was waren für mich besondere „Aha-Effekte“ in den Rundbriefen? Wo habe ich neue Sichtweisen, wichtige Informationen, wertvolle Anstöße bekommen?</li><li>Welche Gefühle haben die Rundbriefe in mir ausgelöst? Waren sie für mich ermutigend, hoffnungsvoll, tröstlich, oder eher deprimierend, ratlos machend? Und wenn beides: Wann waren sie das eine und wann das andere?</li><li>Welche Fragen haben mir die Rundbriefe mitgegeben, über die ich noch weiter nachdenken möchte? Welche Gedanken gehen mir auch jetzt noch öfter durch den Kopf und haben sich in mir festgesetzt?</li><li>Was hat mich in den Rundbriefen gestört oder welchen Überlegungen möchte ich widersprechen? Womit war ich nicht einverstanden?</li><li>Und schließlich: Was mir sonst noch zu den Rundbriefen einfällt…</li></ul><p>Wer mag, kann mir die eigenen Antworten gerne im Laufe der nächsten Wochen ganz oder in Auszügen zusenden. Ich freue mich auf Rückmeldungen – sie sind für mich ein wichtiges Zeugnis aus dieser Zeit!</p><p>So schließe ich meine „Gedanken in der Krise“ ab. Die Zeit des Abschieds ist gekommen. Ausdrücklich danke ich für alle Rückmeldungen, die mich im Laufe dieser fünfzehn Monate bereits erreicht haben. Ich habe sie immer so gelesen, dass jede erhaltene Rückmeldung für zehn Personen steht, die nicht zurückgeschrieben, aber etwas Ähnliches gedacht haben. Sie waren mir ein gutes Zeichen dafür, dass wir in dieser schwierigen Zeit wirklich miteinander unterwegs waren.</p><p>Im Glauben gibt es keine schöneren Wünsche zum Abschied als Segenswünsche. Sie stehen am Schluss. So wünsche ich allen ein gesegnetes Hinausgehen in die Weite, ein Überwinden aller Lasten, die noch verbleiben, ein Heilen aller Wunden, die noch schmerzen, ein Zurücklassen aller Ängste, die noch einengen, und ein Zutrauen in alles, was neu auf uns zukommt! In diesem Sinne Gottes Segen,</p><p>Michael Rosenberger</p><p><strong>Göttliche Kraft stärke deinen Rücken,</strong></p><p><strong>so dass du aufrecht stehen kannst,</strong></p><p><strong>wo man dich beugen will!</strong></p><p><strong>Göttliche Zärtlichkeit bewahre deine Schultern,</strong></p><p><strong>so dass die Lasten, die du trägst,</strong></p><p><strong>dich nicht niederdrücken.</strong></p><p><strong>Göttliche Weisheit bewege deinen Nacken,</strong></p><p><strong>so dass du deinen Kopf frei heben</strong></p><p><strong>und ihn frei dorthin neigen kannst,</strong></p><p><strong>wo deine Zuneigung vonnöten ist!</strong></p><p><strong>Göttliche Zuversicht erfülle deine Stimme,</strong></p><p><strong>so dass du sie erheben kannst,</strong></p><p><strong>laut und klar.</strong></p><p><strong>Göttliche Sorgfalt behüte deine Hände,</strong></p><p><strong>so dass du berühren kannst,</strong></p><p><strong>sanft und bestimmt.</strong></p><p><strong>Göttliche Kraft stärke deine Füße,</strong></p><p><strong>so dass du auftreten kannst,</strong></p><p><strong>fest und sicher.</strong></p><p><strong>Göttlicher Segen sei mit dir!</strong></p><p><em>(Claudia Mitscha-Eibl und Tiroler Frauen)</em></p>]]></content:encoded><category>Pilgern durch die Coronakrise</category></item><item><guid isPermaLink="false">news-47643</guid><pubDate>Sun, 23 May 2021 12:13:00 +0200</pubDate><title>Pilgern durch die Coronakrise - 23. Mai 2021</title><link>https://www.wallfahrtsservice.de/aktuelles/detail/ansicht/pilgern/</link><description>Liebe Pilgernde auf der Schwelle der geöffneten Tür, derzeit fallen die Sieben-Tages-Inzidenzen fast wie die Karten eines Kartenhauses, wenn es von einem Windstoß erfasst wird. </description><content:encoded><![CDATA[<p>In Deutschland liegt die Inzidenz heute bei 64 in Österreich bei 53 – und täglich schrumpft der Wert weiter. Allerdings nicht mehr lange – denn die Öffnungen dieser Woche werden den Rückgang der Inzidenzen spürbar bremsen. Das werden wir in ein bis zwei Wochen sehen.</p><p>Rein mathematisch lässt sich das gut erklären. In den Hochzeiten der Pandemie lag die Reproduktionsrate schlimmstenfalls bei 1,5, meistens aber zwischen 0,9 und 1,1. Zur Erinnerung: 1,1 bedeutet, dass zehn Infizierte elf weitere Menschen anstecken, dass also die Zahl der Infizierten wächst, und 0,9 bedeutet, dass zehn Infizierte nur neun weitere Menschen anstecken und die Zahl der Infizierten schrumpft. Schon dieser scheinbar kleine Unterschied zwischen 0,9 und 1,1 ist innerhalb weniger Wochen gewaltig, weil die Rechnung exponentiell verläuft. Deswegen die Rede von den „Wellen“ der Pandemie.</p><p>Derzeit sind etwa 40 von 100 Menschen mindestens einmal geimpft. Diese Erstimpfung hat eine Wirksamkeit von annähernd 90 Prozent. 36 von 100 Menschen, die vor Impfbeginn angesteckt worden wären, werden also jetzt nicht mehr angesteckt. Das heißt, dass die Reproduktionsrate, wenn sie vorher 1,1 betrug, um 36 Prozent von 1,1 fällt, also um ungefähr 0,4. Statt 1,1 beträgt sie nur noch 0,7, und etwa dort liegt sie derzeit auch. Allerdings sind in dieser Woche viele Betriebe wieder geöffnet worden, Gaststätten, Hotels, Sporteinrichtungen, in Österreich haben sogar die Schulen wieder Vollbetrieb (und wie sonst auch keine Pfingstferien!). Wenn wir durch all diese Maßnahmen die Reproduktionsrate um maximal 0,2 erhöhen, wird es gut gehen. Denn dann bleibt sie trotz der Öffnungen unter 1,0 – und das muss das Ziel sein. Wenn wir aber leichtsinnig werden, schnellt die Reproduktionsrate trotz der weiter zunehmenden Zahl an Geimpften wieder über 1 – und sei es auch nur geringfügig. Dann haben wir den Salat, besser gesagt eine vierte Welle, und müssen viele Öffnungen zurücknehmen.</p><p>Manche werden in den Medien wahrgenommen haben, dass das Land Niedersachsen gestern das Ende der Maskenpflicht verkündete und nur wenige Stunden später wieder zurücknahm. Das war völlig absurd! Die Landesregierung hätte vorab nur ein einziges Mal ihre MathematikerInnen fragen sollen (in Göttingen haben sie mit die besten im deutschen Sprachraum sitzen!), dann hätte sie gewusst, dass das zu früh ist. Gottlob haben andere PolitikerInnen mitgedacht und die Niedersachsen gebremst. Analog hatte in Österreich Bundeskanzler Kurz eine baldige Aufhebung der Maskenpflicht ins Gespräch gebracht – und ist sofort vom neuen Gesundheitsminister Mückstein zurückgepfiffen worden. Das sei zum jetzigen Zeitpunkt eindeutig zu früh. Zwar zweifle ich an Mücksteins eigener Prognose, wir würden noch bis Herbst oder Winter Masken tragen müssen, aber zum jetzigen Zeitpunkt ist ihre Aufhebung jedenfalls noch nicht angebracht.</p><p>Also: Bleiben wir vorsichtig. Wie gesagt war die Reproduktionsrate in den schlimmsten Zeiten bei 1,5 – und das trotz einiger Kontaktbeschränkungen. Ohne solche Beschränkungen wäre sie über 2 gelegen. Und genau aus dieser Rechnung ergibt sich (unter Einrechnung eines Sicherheitszuschlags) der Wert für die sogenannte „Herdenimmunität“. Angeblich liegt sie bei 70 Prozent Geimpften – das würde eine „natürliche“ Reproduktionsrate des Virus (ohne alle Maßnahmen) zwischen 2 und 3 bedeuten. Von 40 Prozent einmal Geimpften bis 70 Prozent zweimal Geimpften haben wir jedoch noch ein paar Monate zu gehen. Erst dann kann auf die meisten oder alle Beschränkungen verzichtet werden. Aber Woche für Woche werden einige weitere Beschränkungen wegfallen können – und das wird es uns erleichtern, die noch bestehenden zu ertragen.</p><p>An diesem Wochenende gedenkt der Jesuitenorden des 500-Jahr-Jubiläums der Bekehrung seines Gründers Ignatius von Loyola. Die Jesuiten haben dazu einen netten Kurzfilm (10 min.) produziert, der sehr nett und zugleich tiefgründig in das Leben des Ignatius einführt:&nbsp;<a href="https://www.katholisch.de/artikel/29927-vom-macho-zum-moench-kurzfilm-ueber-bekehrung-des-ignatius-von-loyola" target="_blank" rel="noreferrer">https://www.katholisch.de/artikel/29927-vom-macho-zum-moench-kurzfilm-ueber-bekehrung-des-ignatius-von-loyola</a>&nbsp;. Nachdem die Pfingsttage eher verregnet ausfallen werden, könnte das eine sinnvolle Beschäftigung sein.</p><p>Passend zum Abschluss der Osterzeit lesen wir heute das letzte der Osterevangelien:</p><p><strong>Aus dem Evangelium nach Johannes</strong></p><p><strong>21, 15&nbsp;Als sie gegessen hatten, sagte Jesus zu Simon Petrus: Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich mehr als diese? Er antwortete ihm: Ja, Herr, du weißt, dass ich dich mag. Jesus sagte zu ihm: Weide meine Lämmer! 16&nbsp;Zum zweiten Mal fragte er ihn: Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich? Er antwortete ihm: Ja, Herr, du weißt, dass ich dich mag. Jesus sagte zu ihm: Weide meine Schafe! 17&nbsp;Zum dritten Mal fragte er ihn: Simon, Sohn des Johannes, magst du mich? Da wurde Petrus traurig, weil Jesus ihn zum dritten Mal gefragt hatte: Magst du mich? Er gab ihm zur Antwort: Herr, du weißt alles; du weißt, dass ich dich mag.&nbsp;Jesus sagte zu ihm: Weide meine Schafe!<font color="#0782c1"></font>18&nbsp;Amen, amen, ich sage dir: Als du jünger warst, hast du dich selbst gegürtet und gingst, wohin du wolltest. Wenn du aber alt geworden bist, wirst du deine Hände ausstrecken und ein anderer wird dich gürten und dich führen, wohin du nicht willst. 19&nbsp;Das sagte Jesus, um anzudeuten, durch welchen Tod er Gott verherrlichen werde. Nach diesen Worten sagte er zu ihm: Folge mir nach!</strong></p><p>Die in mühevoller Kleinarbeit überarbeitete und seit 2016 amtliche Einheitsübersetzung enthält viele textliche Verbesserungen. Das vorliegende Evangelium habe ich aber verändert, weil es in der überarbeiteten amtlichen Version dem griechischen Urtext absolut nicht mehr entspricht. Der Text spielt nämlich mit dem Unterschied zwischen griechisch Agape, Nächstenliebe, und griechisch Philia, Sympathie oder Freundschaft. Ich habe deshalb für die Agape das Wort „lieben“ und für die Philia das Wort „mögen“ verwendet.</p><p>Jesus stellt dem Petrus drei Fragen, aber bei genauem Hinsehen nicht dreimal dieselbe Frage, sondern drei verschiedene Fragen: Beim ersten Mal fragt er: „Liebst du mich mehr als diese?“ Wir können Petrus förmlich erröten sehen, denn im Vergleich seiner Liebe mit der der anderen Jünger sieht er sich nicht an erster Stelle. Schließlich war er es, der Jesus verleugnet hat. Und so antwortet er ausweichend und verlegen: „Du weißt, dass ich dich mag.“</p><p>Beim zweiten Mal fragt Jesus bereits bescheidener: „Liebst du mich?“ Den Vergleich mit den anderen Jüngern lässt er weg, um dem Petrus entgegenzukommen. Doch auch dieser Frage weicht Petrus aus und antwortet wie beim ersten Mal: „Du weißt, dass ich dich mag!“</p><p>Schließlich lässt sich Jesus in seiner dritten Frage auf die Formulierung des Petrus ein und fragt: „Magst du mich?“ Und endlich kann Petrus so antworten, dass sein Ja keine Einschränkung mehr braucht: „Du weißt, dass ich dich mag!“</p><p>Man kann die Barmherzigkeit Jesu kaum schöner und diskreter beschreiben als in dieser Geschichte. Denn wer von uns könnte schon von sich behaupten, dass er Jesus wirklich liebt, womöglich sogar mehr als die anderen ChristInnen? Das wäre vermessen und arrogant und noch dazu vermutlich unzutreffend. Aber Jesus besteht nicht darauf, nicht einmal für den, der die Kirche anführt. Er ist bereit, sich mit dem Geringeren zufriedenzugeben, wenn wir nur ehrlich antworten. Und das dürfte doch vielen gelingen, dass wir sagen: „Jesus, ich mag dich! Du bist mir sympathisch, ich kann dich gut in meiner Nähe leiden, ich schätze dich als meinen Wegbegleiter!“</p><p>Vergleichen wir Petrus mit den anderen Personen in den Osterevangelien nach Johannes: Der Lieblingsjünger ist ein „Augenmensch“ – er sieht und glaubt (Nr. 76). Maria Magdalena ist ein „Ohrenmensch“ – sie hört und glaubt (Nr. 77). Thomas ist ein „Handmensch“ – er will berühren und glaubt sogar, ohne dass er berührt hat, allein auf Grund der Tatsache, dass er hätte berühren dürfen. Von einem jedoch erfahren wir nicht, welcher Menschentyp er ist: Simon Petrus. Er sieht (Nr. 76), hört, isst und trinkt (Nr. 80), dürfte berühren, wenn er wollte (Nr. 79) und glaubt doch nur, weil der Lieblingsjünger ihn schubst. Von allen vier Persönlichkeiten ist er der schwächste, der, der die Hilfe der anderen am meisten braucht.</p><p>Einem so schwachen Menschen, der die echte, uneigennützige Liebe zu Christus nicht aufbringt, eben dem Simon Petrus, gibt der Auferstandene den Auftrag der Hirtensorge: „Weide meine Schafe!“ Das mahnt uns, von den Hirten der Kirche heute nicht mehr zu verlangen als der Herr. Nach Johannes brauchen sie eigentlich „nur“ vier Eigenschaften: Keine steile Hierarchie zu praktizieren, also nicht zu befehlen, sondern durch ihr Vorbild zu werben („ich gehe fischen“); auf die LieblingsjüngerInnen unserer Tage zu hören und deren Wort zu befolgen („Es ist der Herr!“); diesen Jesus zu mögen, ihm emotional verbunden zu sein („Magst du mich?“); und sich von ihm führen lassen, wohin ER will und nicht, wohin wir wollen („ein anderer wird dich führen, wohin du nicht willst!“). Es wäre großartig, wenn diese vier Kriterien die Auswahl der Bischöfe und Priester leiten würde. Dann könnte das Kriterium des Geschlechts ebenso wegfallen wie andere Kriterien, die derzeit vornedran stehen… Und das wäre tatsächlich Wirken des Heiligen Geistes!</p><p>Ich wünsche Ihnen/ euch allen ein frohes und bewegendes Pfingstfest, das seine Kraft weit über den morgigen Tag hinaus in unseren Herzen entfacht!</p><p>Michael Rosenberger</p>]]></content:encoded><category>Pilgern durch die Coronakrise</category></item><item><guid isPermaLink="false">news-47566</guid><pubDate>Sun, 16 May 2021 13:34:00 +0200</pubDate><title>Pilgern durch die Coronakrise - 16. Mai 2021</title><link>https://www.wallfahrtsservice.de/aktuelles/detail/ansicht/pilgern-durch-die-coronakrise-am-16-mai-2021/</link><description>Liebe Pilgernden in Erwartung des Heiligen Geistes,</description><content:encoded><![CDATA[<p>die Infektionszahlen sinken unbeirrt weiter – in Österreich ist die Sieben-Tage-Inzidenz schon seit Tagen unter 100, und seit gestern auch in Deutschland. Der Impffortschritt macht es möglich (in Österreich 38% Erst- und 14% Zweitgeimpfte, in Deutschland minimal weniger), kombiniert mit den weiterhin notwendigen Hygiene-Regeln. Wenn nächste Woche in Österreich sowie in den deutschen Landkreisen mit niedriger Inzidenz die großen Lockerungen kommen, wird daher nochmals viel Disziplin nötig sein, das nicht zu sehr auszunutzen und übermütig zu werden. Die Entwicklung der letzten Wochen ist erfreulich, aber labil.</p><p>Eine sehr gute Nachricht kommt von den Schulen. Für den Deutschen Schulpreis <a href="https://www.deutscher-schulpreis.de/" target="_blank" rel="noreferrer">www.deutscher-schulpreis.de</a> haben sich heuer dreimal so viele Schulen beworben wie in normalen Jahren. Und die Qualität der eingereichten Projekte war angeblich mindestens so hoch wie sonst auch. Dafür gibt es eigentlich nur zwei Erklärungen, und beide sind in uralten Sprichwörtern festgehalten. Zum einen: „Not macht erfinderisch“. In der schwierigen Situation, von einem Tag auf den anderen zum Distance Learning übergehen zu müssen, sind viele Schulen extrem erfinderisch geworden. Die zweite Erklärung dürfte eine wichtige Ergänzung der ersten sein: „Not kennt kein Gebot“. Es gab schlichtweg keine oder nur wenige Vorschriften aus dem Kultusministerium und dem Schulamt – für die LehrerInnen und SchulrektorInnen taten sich ungeahnte Freiräume auf. So nutzten manche Schulen elektronische Lernplattformen der örtlichen Volkshochschule oder des lokalen Museums und waren so Monate schneller als das Ministerium mit einer eigenen Schulsoftware. Andere sammelten im Dorf oder der Stadt ungenutzte Laptops, Tablets und Smartphones, um SchülerInnen aus armen Verhältnissen ein Gerät zur Verfügung zu stellen. Oder der Schuldirektor sendete den Kindern jeden Abend auf Youtube ein Gute-Nacht-Video. – Diese Beispiele zeigen noch etwas: Es ist nicht verantwortungsbewusst, die Lösung aller Probleme von der Regierung zu erwarten. Jeder und jede von uns hat eine Menge Möglichkeiten, die Härten der Pandemie mildern zu helfen.&nbsp;</p><p>Weniger gute Nachrichten gibt es von der Impf-Front: Nach Recherchen des ARD-Politikmagazins Report Mainz werden Arztpraxen und Impfzentren derzeit von Menschen überrannt, die sich mit allen Mitteln impfen lassen wollen. Sie machen falsche Altersangaben, haben angeblich einen besonders relevanten Beruf in der kritischen Infrastruktur oder pflegen einen Nachbarn. Viele reagieren aggressiv, wenn sie dann wieder nach Hause geschickt werden. Und wir reden hier nicht von einigen wenigen, sondern von richtig großen Zahlen: Im Hamburger Impfzentrum sind es 2000 entdeckte VordränglerInnen pro Woche, in Saarbrücken 140 und in München 350. Dabei dürfte die Dunkelziffer hoch sein – viele kommen mit ihren falschen oder geschönten Angaben durch. Dabei bräuchte es doch nur noch wenige Tage oder Wochen Geduld, bis ein ganz normales Impfangebot kommt.&nbsp;</p><p>Kirchlich sind die Tage seit Christi Himmelfahrt durch den Ökumenischen Kirchentag in Frankfurt/ Main geprägt. Leider findet dieser coronabedingt weitgehend im Internet statt und nur für die Menschen der Region Frankfurt in kleinen Präsenzveranstaltungen. So kann ich auch selber nur virtuell daran teilnehmen, obwohl ich in die Planungen für den Themenbereich Schöpfungsverantwortung intensiv eingebunden war. Von dem, was wir in unserer Arbeitsgruppe vorbereitet hatten, kann daher nur wenig realisiert werden. Dennoch erachte ich unsere Arbeit nicht als vergebliche Mühe, denn einerseits habe ich viele interessante Persönlichkeiten der deutschen Kirchen kennengelernt, und andererseits werden viele unserer Impulse die Arbeit der Kirchen in den nächsten Jahren prägen, ohne dass die Veranstaltungen selber stattgefunden haben. – Vielleicht hat ja mancher noch die Gelegenheit, am morgigen Sonntag den Abschlussgottesdienst des ÖKT im deutschen Fernsehen anzuschauen. Es lohnt sich bestimmt.</p><p>Vorgestern haben wir Christi Himmelfahrt gefeiert. Es ist das Fest des Abschieds Jesu von seinen JüngerInnen. Ein ähnlicher Abschied rückt auch für mich näher. In zwei Wochen, also Ende Mai, pünktlich zum Dreifaltigkeitssonntag und damit zum Beginn der Zeit im Jahreskreis, werde ich diese Rundmails beenden. Immer vorausgesetzt, dass sich bis dahin die Lage weiter entspannt und sowohl die Impfungen als auch die Lockerungen voranschreiten. Und immer mit der Möglichkeit, dass ich mich erneut melde, wenn die Lage sich wider Erwarten erneut verschärfen sollte. – Die „Gedanken in der Krise“ waren ja von Anfang an für eine ganz bestimmte Situation gedacht, und sobald diese nicht mehr in dem Maße gegeben ist, ist auch hier die Rückkehr zur Normalität angebracht. Zu den Hochfesten versende ich weiterhin meine Predigten, so dass der Draht nicht völlig abreißt. Aber die Intervalle werden jedenfalls viel größer als in den direkten Krisenzeiten.</p><p>Als vorletztes Osterevangelium betrachte ich heute die erste Hälfte aus Johannes 21, einem Kapitel, das erst nachträglich an das schon fertige Johannesevangelium angefügt worden ist.</p><p><strong>Aus dem Evangelium nach Johannes</strong></p><p><strong>21, 1 Danach offenbarte sich Jesus den Jüngern noch einmal, am See von Tiberias, und er offenbarte sich in folgender Weise. 2 Simon Petrus, Thomas, genannt Didymus, Natanaël aus Kana in Galiläa, die Söhne des Zebedäus und zwei andere von seinen Jüngern waren zusammen. 3 Simon Petrus sagte zu ihnen: Ich gehe fischen. Sie sagten zu ihm: Wir kommen auch mit. Sie gingen hinaus und stiegen in das Boot. Aber in dieser Nacht fingen sie nichts. 4 Als es schon Morgen wurde, stand Jesus am Ufer. Doch die Jünger wussten nicht, dass es Jesus war. 5 Jesus sagte zu ihnen: Meine Kinder, habt ihr keinen Fisch zu essen? Sie antworteten ihm: Nein. 6 Er aber sagte zu ihnen: Werft das Netz auf der rechten Seite des Bootes aus und ihr werdet etwas finden. Sie warfen das Netz aus und konnten es nicht wieder einholen, so voller Fische war es. 7 Da sagte der Jünger, den Jesus liebte, zu Petrus: Es ist der Herr! Als Simon Petrus hörte, dass es der Herr sei, gürtete er sich das Obergewand um, weil er nackt war, und sprang in den See. 8 Dann kamen die anderen Jünger mit dem Boot – sie waren nämlich nicht weit vom Land entfernt, nur etwa zweihundert Ellen – und zogen das Netz mit den Fischen hinter sich her. 9 Als sie an Land gingen, sahen sie am Boden ein Kohlenfeuer und darauf Fisch und Brot liegen. 10 Jesus sagte zu ihnen: Bringt von den Fischen, die ihr gerade gefangen habt! 11 Da stieg Simon Petrus ans Ufer und zog das Netz an Land. Es war mit hundertdreiundfünfzig großen Fischen gefüllt, und obwohl es so viele waren, zerriss das Netz nicht. 12 Jesus sagte zu ihnen: Kommt her und esst! Keiner von den Jüngern wagte ihn zu befragen: Wer bist du? Denn sie wussten, dass es der Herr war. 13 Jesus trat heran, nahm das Brot und gab es ihnen, ebenso den Fisch. 14 Dies war schon das dritte Mal, dass Jesus sich den Jüngern offenbarte, seit er von den Toten auferstanden war.</strong></p><p>Sieben Jünger gehen gemeinsam auf Fischfang – die heilige Zahl der Bibel, die Zahl der Fülle. Man könnte auch sagen: Alle gehen gemeinsam auf Fischfang, alle, die sich Jesus zugehörig fühlen. Fünf von ihnen werden mit Namen genannt, der sechste wird später als der geheimnisvolle und namenlose Lieblingsjünger identifiziert, der erst in Jerusalem, also in den letzten Tagen oder Wochen des Lebens Jesu zu der Gemeinschaft dazugestoßen ist, und der siebte bleibt völlig unbekannt. Dieser siebte sind WIR. Wenn ALLE auf Fischfang gehen, die zu Jesus gehören, dann gehören WIR dazu!</p><p>Es ist Petrus, der das Kommando gibt. Seine Führungsrolle zieht das vierte Evangelium nie in Zweifel, obwohl es fernab von Rom, in Kleinasien, geschrieben ist – an einem Ort, an dem Petrus nie gewesen ist. Und doch gebührt ihm das Wort, das zur Verkündigung des Evangeliums und zum Gewinnen neuer ChristInnen ruft. Der johanneische Petrus braucht nicht einmal befehlen „Geht fischen!“ oder „Gehen wir fischen!“ Es genügt, dass er sagt: „Ich gehe fischen“, und schon gehen alle aus freien Stücken mit. Dir kirchliche Hierarchie, die sich das Johannesevangelium vorstellt, ist eine sehr flache Hierarchie. Allzu viel Macht braucht der Bischof von Rom nicht bekommen – man respektiert ihn auch so!</p><p>Die Missionsbemühungen der ersten ChristInnen sind offenbar ziemlich erfolglos. Mit leeren Netzen kehren sie am Morgen heim – keinen einzigen Menschen haben sie gefunden, der getauft werden und in das Netzwerk ihrer Gemeinschaft einbezogen werden möchte. Wir können uns den tiefen Frust der JüngerInnen vorstellen. So begeistert haben sie geworben. So leidenschaftlich haben sie von Jesus erzählt. Und nichts, rein gar nichts ist dabei herausgekommen.</p><p>Doch als sie ans Ufer zurückkehren, gibt ihnen ein Unbekannter eine verstörende Aufforderung wider alle Erfahrung. Denn tagsüber schwimmen die Fische tief unten am Grund des Sees, nur nachts kommen sie an die Oberfläche. Wie soll es da möglich sein, tagsüber erfolgreich zu fischen? Das ist doch absurd! Doch der Unbekannte gibt einen Befehl, der keinen Widerspruch duldet. Im Gegensatz zu Petrus, der nur von dem spricht, was er selber zu tun gedenkt, und auf diese Weise alle anderen mitzieht, gibt der Unbekannte einen autoritativen Befehl, bleibt aber selber am Ufer stehen. Die flache Hierarchie zwischen den ChristInnen und Petrus wird überragt von einer steilen Hierarchie zwischen den ChristInnen (einschließlich Petrus) und Christus. Deswegen gehorchen die Jünger dem Befehl sofort, so verrückt er ihnen scheint.</p><p>Und es geschieht das Wunder: Die junge Kirche gewinnt AnhängerInnen genau in dem Moment, wo sie das nicht mehr erwartet. Und in einer Menge, die ihre kühnsten Träume übertrifft. 153 große Fische sind im Netz, so viele, wie sich damals Fischarten im See Genesaret befanden. Mission, so interpretiere ich diese Sätze, hat dann Erfolg, wenn sie uneigennützig und absichtslos geschieht; wenn wir als Kirche unseren Dienst selbstlos anbieten, ohne zu fragen, ob jemand Kirchensteuer bezahlt oder jeden Sonntag in die Kirche geht. Unsere Rolle ist es nicht, anderen Menschen mit Autorität Befehle zu erteilen wie der Auferstandene, sondern wie Petrus davon zu sprechen, was wir selber tun, – und darauf zu vertrauen, dass das als Einladung verstanden und angenommen wird.</p><p>Der Lieblingsjünger begreift schnell, wer dieser Unbekannte ist, der ihnen den entscheidenden Hinweis gegeben hat – und sagt es zuerst und „unter der Hand“, nur flüsternd, dem Petrus. Der soll es vor allen anderen erfahren. Und wieder lässt der Lieblingsjünger dem Petrus den Vortritt. Er soll als erster ans Ufer kommen und zum Auferstandenen hintreten. Dieses Vorrecht gebührt ihm, und der Lieblingsjünger lässt es ihm so diskret, dass die anderen fünf Jünger es gar nicht bemerken. – Ja, der Bischof von Rom braucht gute „Einflüsterer“, denn er selber kann unmöglich alles aus sich selbst haben. Und diese „Einflüsterer“ bleiben im günstigen Falle unsichtbar. Entscheidend ist nur das eine: Petrus braucht ein Gespür für jene Einflüsterer, die tatsächlich LieblingsjüngerInnen des Herrn sind und das nicht fälschlich von sich behaupten. Und das ist manchmal gar nicht so einfach zu erkennen. Petrus braucht hervorragende Menschenkenntnis.</p><p>In unserer Zeit der Kirchenkrise ist dieses Evangelium eine großartige Ermutigung. Die leeren Netze sind kein Grund, enttäuscht aufzugeben und uns zurückzuziehen. Sie sind vielmehr ein starker Impuls, dass wir im Inneren der Kirche die Rollenverteilung zwischen Christus, Petrus, dem Lieblingsjünger und uns neu bestimmen und nach außen in die Gesellschaft hinein das tun, was der Auferstandene uns aufträgt: Uneigennützig und selbstlos zu dienen – im Vertrauen darauf, dass sich dann irgendwann unsere Netze wieder mehr füllen als jetzt.</p><p>So grüßt euch/ Sie alle herzlich,</p><p><strong>Michael Rosenberger</strong></p>]]></content:encoded><category>Pilgern durch die Coronakrise</category></item><item><guid isPermaLink="false">news-47452</guid><pubDate>Mon, 10 May 2021 08:38:13 +0200</pubDate><title>Pilgern durch die Coronakrise - 9. Mai 2021</title><link>https://www.wallfahrtsservice.de/aktuelles/detail/ansicht/pilgern-durch-die-coronakrise-9-mai-2021/</link><description></description><content:encoded><![CDATA[<p>Liebe Pilgernden mit dem Ziel vor Augen,</p><p>der Weg vom Monte de Gozo hinab zum Pilgerziel beim „wahren Jakob“ geht weiter. Die Infektionszahlen sinken unbeirrbar und deutlich, fast ohne dass wir uns anstrengen müssen, und das in Deutschland, Österreich, Italien und vielen anderen Ländern. Schon die 30 Prozent Erstgeimpften, die wir diese Woche überschritten haben, bremsen das Virus ganz gewaltig. Genau so haben es sich die Virologen seit der Zulassung der Impfstoffe im November für diesen Mai vorgestellt, und ihre Prognosen stimmen messerscharf. Dennoch dürfen wir jetzt nicht leichtsinnig werden. In unseren Gottesdiensten mit vorwiegend älterem Publikum können wir uns zwar schon recht gut entspannen. Aber besonders dort, wo viele junge Menschen zusammenkommen, ist der Impfschutz noch sehr gering. Unsere Geduld ist also weiterhin dringend gefragt.</p><p>Spektakulär war diese Woche vor allem eine Nachricht aus Washington: US-Präsident Joe Biden hat sich am Mittwoch nach einer Rede im Weißen Haus für eine befristete Aufhebung des Patentschutzes für Covid-19-Impfstoffe als Ausnahmeregelung ausgesprochen. Biden unterstützt damit den von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) bei der Welthandelsorganisation (WTO) vorgelegten Vorschlag, auf die geistigen Eigentumsrechte für die Vakzine vorübergehend zu verzichten. Es handle sich um eine globale Gesundheitskrise, und außergewöhnliche Umstände verlangten nach außergewöhnlichen Maßnahmen. Sofort verloren die Aktien der Impfstoffhersteller zwischen zehn und zwanzig Prozent ihres Wertes. – Nun ist vollkommen klar, dass die Aufhebung des Patentschutzes nicht die Lösung aller Probleme ist, sondern nur ein Baustein in dem gigantischen Projekt, die gesamte Weltbevölkerung zu impfen. Ein anderer, der Export von Impfstoff aus den Industrieländern in die armen Länder, bringt weitaus schneller Hilfe. Und da stehen die USA anders als die EU weiter auf der Bremse – während die EU fast gleich viel Impfstoff exportiert wie sie selbst für sich verbraucht, geben die USA praktisch gar nichts her. Aber jetzt wie Merkel und Macron die Aufhebung des Patentschutzes rundheraus abzulehnen geht überhaupt nicht. Die Impfstoffhersteller haben alle schon jetzt hervorragende Gewinne gemacht und ihre Entwicklungskosten wieder hereingespielt. Sie werden nicht daran zugrunde gehen, wenn sie von armen Ländern keine Lizenzgebühren bekommen. Gesundheit ist, wie die Ökonomen sagen, kein marktförmiges Gut, weil man sie nicht tauschen kann wie eine Jacke oder ein Auto. Insofern ist es richtig und angebracht, in der allgemeinen Notlage der Pandemie der Marktwirtschaft Grenzen zu setzen.</p><p>In dieser Woche möchte ich auch an ein kirchlich besonders wichtiges Gedenken erinnern: Vor 25 Jahren, am 6. Mai 1996, ist Kardinal Leo Suenens, belgischer Primas und Erzbischof von Mecheln, gestorben. Wie Kardinal Julius Döpfner war er einer der vier Moderatoren des II. Vatikanischen Konzils und wurde als solcher für seine Verdienste 1982 zum Ehrendoktor der Universität Würzburg ernannt. Ich kann mich noch gut an diese Feier erinnern, die ich als junger Student miterleben durfte. Suenens war wie Döpfner ein unermüdlicher Reformator. Als Papst Paul VI. die Enzyklika Humanae vitae veröffentlichte und künstliche Verhütungsmittel pauschal verbot, startete Suenens in einem Interview, das in fünf Sprachen übersetzt wurde, einen Frontalangriff auf die römische Kurie. So scharf habe „in den vergangenen 100 Jahren kein anderer Kardinal“ den Papst kritisiert, schrieb der „Spiegel“ im Juni 1969. Humanae vitae gilt bis heute als Wendepunkt. Mit dieser Enzyklika, für die eine Kommission unter Leitung von Kardinal Döpfner einen völlig anderen Entwurf geschrieben hatte, zeigte die römische Kurie, dass sie die Neuerungen des Konzils wieder zurückdrehen wollte und konnte.&nbsp;</p><p>Schließlich ein letzter Hinweis in eigenes Sache. Gestern erschien in der Katholischen Nachrichtenagentur KNA eine sehr schöne Rezension meines neuesten Buchs „Was der Seele Leben schenkt“ aus der Feder von Angelika Prauß. Ich empfehle sie allen zur Lektüre: <a href="https://www.domradio.de/themen/glaube/2021-05-07/eintauchen-eine-tiefere-wirklichkeit-moraltheologe-ueber-spiritualitaet-jenseits-aller" target="_blank" rel="noreferrer">www.domradio.de/themen/glaube/2021-05-07/eintauchen-eine-tiefere-wirklichkeit-moraltheologe-ueber-spiritualitaet-jenseits-aller</a> .</p><p>Nachdem ich letzte Woche von Johannes zu Lukas geschwenkt bin, kehre ich jetzt bis Pfingsten zu Johannes zurück und setze bei den Begebenheiten fort, die für die Zeit nach dem Ostertag erzählt werden.</p><p><strong>Aus dem Evangelium nach Johannes</strong></p><p>20, 19 Am Abend dieses ersten Tages der Woche, als die Jünger aus Furcht vor den Juden bei verschlossenen Türen beisammen waren, kam Jesus, trat in ihre Mitte und sagte zu ihnen: Friede sei mit euch! 20 Nach diesen Worten zeigte er ihnen seine Hände und seine Seite. Da freuten sich die Jünger, als sie den Herrn sahen. 21 Jesus sagte noch einmal zu ihnen: Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch. 22 Nachdem er das gesagt hatte, hauchte er sie an und sagte zu ihnen: Empfangt den Heiligen Geist! 23 Denen ihr die Sünden erlasst, denen sind sie erlassen; denen ihr sie behaltet, sind sie behalten.</p><p>24 Thomas, der Didymus genannt wurde, einer der Zwölf, war nicht bei ihnen, als Jesus kam. 25 Die anderen Jünger sagten zu ihm: Wir haben den Herrn gesehen. Er entgegnete ihnen: Wenn ich nicht das Mal der Nägel an seinen Händen sehe und wenn ich meinen Finger nicht in das Mal der Nägel und meine Hand nicht in seine Seite lege, glaube ich nicht. 26 Acht Tage darauf waren seine Jünger wieder drinnen versammelt und Thomas war dabei. Da kam Jesus bei verschlossenen Türen, trat in ihre Mitte und sagte: Friede sei mit euch! 27 Dann sagte er zu Thomas: Streck deinen Finger hierher aus und sieh meine Hände! Streck deine Hand aus und leg sie in meine Seite und sei nicht ungläubig, sondern gläubig! 28 Thomas antwortete und sagte zu ihm: Mein Herr und mein Gott! 29 Jesus sagte zu ihm: Weil du mich gesehen hast, glaubst du. Selig sind, die nicht sehen und doch glauben.</p><p>Der grausame und qualvolle Tod Jesu, so erzählen die Evangelien, hat die Herzen der JüngerInnen zunächst einmal fest verschlossen. So tief sind sie enttäuscht und schockiert, dass sie sich einsperren und verschließen – physisch in ihren Wohnhäusern, psychisch in ihren Herzen. Wir kennen das aus der Trauma-Forschung. Traumatisierte Menschen verdrängen das furchtbar Erlebte so sehr, dass sie sich oft nicht einmal daran erinnern, geschweige denn darüber reden können. Im Zuge des Missbrauchsaufarbeitung haben wir erkennen müssen, dass es oft Jahrzehnte dauert, bis die Opfer zu sprechen beginnen. Und das ist nicht nur bei Missbrauch so. Diejenigen, die im Zweiten Weltkrieg Schreckliches erlebt hatten, haben sich ebenfalls erst nach Jahrzehnten geöffnet – wenn überhaupt.&nbsp;</p><p>Insofern müssen wir die Zeitangaben der Evangelien sehr großzügig auslegen. Was hier vom Abend desselben Ostertages erzählt wird und vom Sonntag eine Woche später, ist in Wirklichkeit vielleicht erst Jahre oder Jahrzehnte später passiert. Auch der Auferstandene kann die Naturgesetze unserer Psyche nicht außer Kraft setzen. Doch irgendwann haben die JüngerInnen die Befreiung aus ihrem inneren Gefängnis gespürt. Irgendwann konnten sie über ihre Erfahrungen reden. Und diese Befreiung schreiben sie dem auferstandenen Jesus zu. „Er ist bei verschlossenen Türen zu uns gekommen“, sagen sie, „er kann alle Verschlossenheit unseres Herzens überwinden!“ Was das im umfassenden Sinn bedeutet, können womöglich nur jene begreifen, die selbst einmal schwer traumatisiert waren. Es ist gigantisch. Etwas Größeres ist kaum denkbar.</p><p>Einmal ins Herz der Traumatisierten eingetreten, zeigt der Auferstandene seine Wundmale. Nicht ein Gesunder kommt zu den Geschundenen, sondern einer, der Vergleichbares erlebt hat. Nicht ein Unberührter tritt in die verletzten Herzen ein, sondern ein zutiefst Verwundeter. So erwächst eine tiefe Solidarität. Auferstehung, so sagt uns Johannes, heißt nicht die Beseitigung der Verletzungen, sondern ihre Überwindung; nicht ihr Verstecken und Verschweigen, sondern ihre Verwandlung und Verklärung. Die Verletzungen des Lebens gehören zu uns dazu, und sie sind schlimm. Daran gibt es nichts zu beschönigen. Doch wir können lernen, mit ihnen zu leben, sie anzunehmen und sogar fruchtbar zu machen, indem wir einfühlsamer und aufmerksamer mit unseren Mitmenschen und mit der Schöpfung umgehen. Verletzungen können die Quelle des Heils werden – und nur sie!</p><p>Thomas ist nicht unter denen, die das als erste verstehen. Er kann seine eigenen Wunden noch nicht anschauen und akzeptieren. Er braucht noch mehr Zeit, um sich zu öffnen. Doch scheint er immerhin eine Sehnsucht danach zu spüren, die Wunden Jesu zu berühren. Irgendwann, ob eine Woche oder mehrere Jahre später, begreift er, dass Jesus ihm das freistellt und anbietet. Doch genau in dem Moment braucht er es nicht mehr. Es genügt ihm das Angebot, dann kann er wie Maria Magdalena auf die Berührung Jesu verzichten und doch glauben.&nbsp;</p><p>Dass auch wir das Wunder erfahren dürfen, dass unsere Wunden zur Quelle des Heils werden, wünscht,</p><p>Michael Rosenberger</p>]]></content:encoded><category>Pilgern durch die Coronakrise</category></item><item><guid isPermaLink="false">news-47376</guid><pubDate>Sun, 02 May 2021 09:03:00 +0200</pubDate><title>Pilgern durch die Coronakrise - 2. Mai 2021</title><link>https://www.wallfahrtsservice.de/aktuelles/detail/ansicht/pilgern-durch-die-coronakrise-2-mai-2021/</link><description>Liebe Pilgernden in Sichtweite des (Teil-)Ziels, 
 
wer schon nach Santiago de Compostela gepilgert ist, kennt den Monte de Gozo, wörtlich übersetzt den Berg der Freude. Es ist jene Erhebung, von der aus man zum ersten Mal die Türme der Basilika von Santiago sieht.</description><content:encoded><![CDATA[<p>Man ist noch nicht am Ziel, aber man spürt, dass man ihm definitiv sehr nahe ist. Mir scheint, dass wir den Corona-Monte de Gozo so langsam erreichen. Der Impffortschritt in Europa ist beachtlich und beschleunigt sich täglich weiter. Deutschland hat vor einigen Tagen erstmals die Marke von einer Million Impfungen pro Tag überschritten. Die 7-Tages-Inzidenzen in Deutschland und Österreich und vielen weiteren Ländern sinken langsam, aber stetig, ebenso die Zahlen von Covid-PatientInnen auf den Intensivstationen – wenn sie auch noch einige Wochen grenzwertig hoch bleiben werden. Und schließlich ist die baldige Zulassung einer Impfung für junge Menschen in Sichtweite. Viele gute Nachrichten, zu denen für uns Pilgernden noch die dazukommt, dass seit dieser Woche in Bayern wieder Wallfahrten erlaubt sind!<br />&nbsp;<br />Gleichwohl spüren wir im Moment, dass es leichter ist einen Lockdown anfangen als ihn zu beenden: Der Streit um die richtigen Schritte erreicht einen neuen Höhepunkt, etwa ob und wann die Impfpriorisierung aufgehoben werden soll oder welche Freiheiten Geimpfte haben sollen, solange viele noch kein Impfangebot bekommen haben. Das ist eine uralte Erfahrung: Es ist hundert Mal leichter, das Vollfasten zu beginnen als danach in richtiger Weise wieder das Essen zu beginnen. Es ist hundert Mal leichter, in einem Betrieb Arbeitsplätze zu streichen als neue Arbeitsplätze so zu schaffen, dass alle Abteilungen mit deren Verteilung zufrieden sind. Es ist hundert Mal leichter, ein Staatsbudget zu kürzen als es für alle gerecht auszuweiten. Verknappungen reduzieren Ungleichheiten, so dass die meisten damit leben können. Ausweitungen hingegen laufen viel größere Gefahr, Ungleichheiten zu vergrößern – und da regt sich zurecht mehr Protest. Wir werden also jetzt gut aufpassen müssen, dass die neuen Freiheiten möglichst gerecht für alle verteilt werden.<br />&nbsp;<br />Am Monte de Gozo angekommen sollte man aber jene nicht vergessen, die noch weit von ihm entfernt sind. Diese Woche haben uns dramatische Bilder aus Indien erreicht. Heute wurden mehr als 400.000 Neuinfektionen an einem einzigen Tag gemeldet – eine schier unvorstellbar große Zahl. Noch dazu wird in Indien der Impfstoff knapp. Ausgerechnet in Indien, das der weltweit größte Produzent von Impfstoffen und Arzneimitteln ist und von dem in normalen Zeiten auch wir in Europa einen großen Teil unserer Medikamente beziehen. Das ist wirklich bitter, denn Indien war bislang beim Impfen nicht schlecht dabei. Außerdem hängt fast der gesamte afrikanische Kontinent von Impfstoffen aus Indien ab – und droht nun noch weiter zurückzufallen. Wir haben also noch viel zu tun, um wirklich als Menschheit den Kampf gegen Corona zu gewinnen.<br />&nbsp;<br />Ein letztes bemerkenswertes Ereignis dieser Woche ist das Klimaschutz-Urteil des deutschen Bundesverfassungsgerichts. Es dürfte weltweit das erste Mal sein, dass jungen Menschen ein Anspruch auf ein gutes Klima zuerkannt wurde und damit eine Regierung verpflichtet wurde, mehr für den Klimaschutz zu tun. Die Folgen dieses Urteils sind vermutlich noch gar nicht absehbar. Zum einen zwingt es die Regierung, ihre Maßnahmen an die Prognosen der Klimaforschung anzupassen (womit diese Prognosen erstmals auch juristisch anerkannt sind), zum anderen werden mit großer Sicherheit weitere Klagen folgen – in Deutschland und anderswo. Das ist ambivalent: Immer mehr wird unsere Politik von Gerichten gemacht, weil die Politik nicht mehr die Kraft hat, sich gegen die Lobby der Mächtigen und der Populisten zu behaupten. Man kann sagen: Immerhin geschieht dann etwas Gutes und Richtiges. Ja, das stimmt. Aber in einer Demokratie brauchen Entscheidungen den Rückhalt der Bevölkerung – und für den können Gerichte nicht sorgen. Es wird jetzt umso mehr an der Politik, aber auch an uns, der Zivilgesellschaft, liegen, für harte und einschneidende Maßnahmen im Klimaschutz zu werben. Auch dann, wenn sie uns selber weh tun und Änderungen unseres Lebensstils erfordern werden.<br />&nbsp;<br />So will ich nun ein weiteres Osterevangelium betrachten – vermutlich das bekannteste von allen:<br />&nbsp;<br /><strong>Aus dem Evangelium nach Lukas<br />&nbsp;<br />24, 13 Und siehe, am gleichen Tag waren zwei von den Jüngern auf dem Weg in ein Dorf namens Emmaus, das sechzig Stadien von Jerusalem entfernt ist. 14 Sie sprachen miteinander über all das, was sich ereignet hatte. 15 Und es geschah, während sie redeten und ihre Gedanken austauschten, kam Jesus selbst hinzu und ging mit ihnen. 16 Doch ihre Augen waren gehalten, sodass sie ihn nicht erkannten. 17 Er fragte sie: Was sind das für Dinge, über die ihr auf eurem Weg miteinander redet? Da blieben sie traurig stehen 18 und der eine von ihnen – er hieß Kleopas – antwortete ihm: Bist du so fremd in Jerusalem, dass du als Einziger nicht weißt, was in diesen Tagen dort geschehen ist? 19 Er fragte sie: Was denn? Sie antworteten ihm: Das mit Jesus aus Nazaret. Er war ein Prophet, mächtig in Tat und Wort vor Gott und dem ganzen Volk. 20 Doch unsere Hohepriester und Führer haben ihn zum Tod verurteilen und ans Kreuz schlagen lassen. 21 Wir aber hatten gehofft, dass er der sei, der Israel erlösen werde. Und dazu ist heute schon der dritte Tag, seitdem das alles geschehen ist. 22 Doch auch einige Frauen aus unserem Kreis haben uns in große Aufregung versetzt. Sie waren in der Frühe beim Grab, 23 fanden aber seinen Leichnam nicht. Als sie zurückkamen, erzählten sie, es seien ihnen Engel erschienen und hätten gesagt, er lebe. 24 Einige von uns gingen dann zum Grab und fanden alles so, wie die Frauen gesagt hatten; ihn selbst aber sahen sie nicht. 25 Da sagte er zu ihnen: Ihr Unverständigen, deren Herz zu träge ist, um alles zu glauben, was die Propheten gesagt haben. 26 Musste nicht der Christus das erleiden und so in seine Herrlichkeit gelangen? 27 Und er legte ihnen dar, ausgehend von Mose und allen Propheten, was in der gesamten Schrift über ihn geschrieben steht. 28 So erreichten sie das Dorf, zu dem sie unterwegs waren. Jesus tat, als wolle er weitergehen, 29 aber sie drängten ihn und sagten: Bleibe bei uns; denn es wird Abend, der Tag hat sich schon geneigt! Da ging er mit hinein, um bei ihnen zu bleiben. 30 Und es geschah, als er mit ihnen bei Tisch war, nahm er das Brot, sprach den Lobpreis, brach es und gab es ihnen. 31 Da wurden ihre Augen aufgetan und sie erkannten ihn; und er entschwand ihren Blicken. 32 Und sie sagten zueinander: Brannte nicht unser Herz in uns, als er unterwegs mit uns redete und uns den Sinn der Schriften eröffnete? 33 Noch in derselben Stunde brachen sie auf und kehrten nach Jerusalem zurück und sie fanden die Elf und die mit ihnen versammelt waren. 34 Diese sagten: Der Herr ist wirklich auferstanden und ist dem Simon erschienen. 35 Da erzählten auch sie, was sie unterwegs erlebt und wie sie ihn erkannt hatten, als er das Brot brach.</strong><br />&nbsp;<br />Es gibt wohl kein anderes Osterevangelium, das die Menschen der letzten 2000 Jahre so berührt hat wie das Emmaus-Evangelium. So liebevoll und detailreich erzählt, so nahe an unseren eigenen Lebenserfahrungen, so tief verbunden mit zweien der grundlegendsten menschlichen Lebensvollzüge, dem Gehen und dem Essen. Schon der Gedanke an diese Erzählung lässt uns das Herz warm werden.<br />&nbsp;<br />Da sind zwei Männer in tiefer Depression und voller Verzweiflung. Unmittelbar vor dem Sabbat haben sie Schreckliches erleben müssen – die brutale Hinrichtung dessen, dem sie die letzten Jahre auf Schritt und Tritt gefolgt waren. Diese wundervolle PilgerInnengemeinschaft hat nun ein jähes Ende gefunden, und sie haben keinerlei Idee, wie ihr Leben weitergehen soll. Nur eines wissen sie: Sie müssen weg von dem Ort des Grauens, hinaus aus dieser Hölle schlimmster Qual. Da bleibt ihnen nichts als die Flucht – so schnell wie möglich so weit wie möglich fort.<br />&nbsp;<br />Vermutlich werden sie eine lange Zeit stumm und wortlos miteinander gegangen sein. Was kann man auch zu dem Geschehenen sagen? Doch irgendwann beginnen sie einen Austausch. Am Anfang wohl sehr zaghaft, stockend, nach Worten ringend. Mit zunehmender Wegstrecke aber lebendiger, leidenschaftlicher und immer dankbarer, reden zu können. Irgendwann kommen sie auf die eine oder andere Bibelstelle, bringen Jesu Hinrichtung mit der jüdischen Bibel in Verbindung. Sie erkennen Verbindungen, entdecken Parallelen zu den Propheten und ahnen, dass Gott gerade in den schwersten Stunden nicht fern von uns ist. Schritt für Schritt wird ihnen klar, dass es so kommen musste. Und es wird ihnen warm ums Herz, das förmlich vor Sehnsucht nach IHM brennt.<br />&nbsp;<br />Sie erreichen das Dorf, in dem sie übernachten wollen. Ob sie das „Bleibe bei uns“ vielleicht eher zueinander sagen, einer zum anderen? „Bleibe bei mir! Lass uns an dieser Stelle nicht auseinandergehen! Wir gehören doch zusammen und haben uns noch viel zu sagen!“ Fest steht jedenfalls: Sie wollen noch nicht auseinandergehen, wollen sich noch weiter austauschen, wollen reden, reden, reden. Das ist ihr wichtigster Wunsch, denn sie erleben das Reden als große Befreiung, als Quelle einer neuen Lebensperspektive.<br />&nbsp;<br />So halten sie in der Gastwirtschaft miteinander Mahl und brechen mit einem Segensgebet das Brot füreinander, so wie es Jesus hunderte Male für sie getan hatte. Und jetzt, erst jetzt, spüren sie: ER ist unter uns! ER bricht das Brot, wenn wir es füreinander brechen. ER spricht zu uns, wenn wir uns über die Schrift austauschen. ER sagt uns zu: „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.“ (Mt 18,20) Nicht zu zweit waren sie unterwegs, sondern zu dritt. Nicht zu zweit haben sie das Brot gebrochen, sondern zu dritt. ER ist immer dabei gewesen.<br />&nbsp;<br />So groß ist ihre Freude, dass sie sofort nach Jerusalem zurückkehren, um den anderen davon zu erzählen. Aus der Flucht wird eine Mission. Aus der Panik eine Befreiung. Aus der drückenden Vergangenheit eine befreiende Zukunft.<br />&nbsp;<br />Ich wünsche uns allen, dass auch wir unsere Emmauswege und Emmausmähler als Befreiung und Auftrag erleben. Und dass wir zu den Menschen unserer Umgebung gehen, um ihnen davon zu erzählen – Gänsehaut-Feeling eingeschlossen!</p><p>Mit besten österlichen Grüßen,<br />&nbsp;<br />Michael Rosenberger</p>]]></content:encoded><category>Pilgern durch die Coronakrise</category></item><item><guid isPermaLink="false">news-47303</guid><pubDate>Sun, 25 Apr 2021 10:17:00 +0200</pubDate><title>Pilgern durch die Coronakrise - 25. April 2021</title><link>https://www.wallfahrtsservice.de/aktuelles/detail/ansicht/pilgern-durch-die-coronakrise-25-april-2021/</link><description>Liebe österlich Pilgernden, soeben komme ich zurück von einer wunderschönen Radtour quer durch das Mühlviertel bis fast hinauf zur tschechischen Grenze. Bei herrlichem Wetter war das ein Genuss, und dabei brauchte ich nur wenig Straße fahren, weil es so unendlich viele asphaltierte „Güterwege“ gibt, die die einzelnen Bauernhöfe miteinander verbinden.</description><content:encoded><![CDATA[<p>Wenn man sich auskennt, sind sie ein Paradies für RadfahrerInnen. Auf dem Rückweg habe ich noch ein Mariazell-Pilger-Ehepaar besucht und auf ihrer Terrasse Kaffee und Kuchen genossen. Auch unter Beachtung aller Corona-Regeln ist manches möglich!</p><p>Sicher haben die meisten mitbekommen, dass gestern über die etwa 50 SchauspielerInnen, die unter den Hashtags #allesdichtmachen, #niewiederaufmachen und #lockdownfürimmer gegen die Corona-Politik protestiert haben, ein wahrer Shitstorm hereinbrach (abgesehen vom Applaus der politischen Rechten, den die 50 aber wahrlich nicht wollten). Und nicht ganz zu Unrecht, denn zumindest jene Videos, die ich gesehen habe, überschreiten deutlich die Grenzen des guten Geschmacks. Gute SchauspielerInnen sind also nicht automatisch auch gute DrehbuchschreiberInnen und gute RegisseurInnen. – Das Beispiel zeigt, dass nicht so sehr der Inhalt einer Meinungsäußerung entscheidend ist, sondern ihr Ton und Stil. Demokratie lebt vom Widerspruch – aber sie lebt auch vom gegenseitigen Respekt.</p><p>Leider wurde von einigen Tagen bekannt, dass das sogenannte „Tübinger Modell“, das aus weitgehenden Öffnungen mit gleichzeitig intensiven Testungen bestand, nicht funktioniert hat. Eine wissenschaftliche Evaluation durch die Universität Mainz&nbsp;<a href="https://www.macro.economics.uni-mainz.de/category/corona/" target="_blank" rel="noreferrer">https://www.macro.economics.uni-mainz.de/category/corona/</a>&nbsp;kam zu folgendem Schluss: „Unsere Rechnungen zeigen, dass die Zunahme bei der Inzidenz durch das vermehrte Testen zu einem nicht unbeträchtlichen Teil, aber nicht vollständig erklärt werden kann. Fazit: Das Tübinger Modell… führte zu einem messbaren, allerdings kleinen und tendenziell temporären Anstieg der Sieben-Tages-Inzidenz im Landkreis Tübingen.“ Der Modellversuch wurde daher abgebrochen.</p><p>Hoffnungsfroher stimmen da die Aussichten, die die österreichische Bundesregierung für die Zeit ab dem 17.5.21 angekündigt hat. Wenn ich mir auch ein schrittweises Öffnen gewünscht hätte, vertraue ich dem Votum der VirologInnen, die zu diesem Zweitpunkt ein Öffnen für möglich halten, wenn nicht noch etwas Unvorhergesehenes eintritt (z.B. eine neue gefährliche Mutation). Die Impfungen sind bis dahin ja schon wieder ein gutes Stück vorangeschritten und werden die Ausbreitung des Virus spürbar bremsen.</p><p>In der Reihe der Osterevangelien setze ich heute mit dem unmittelbar auf den Abschnitt der letzten Woche folgenden Evangelium fort:</p><p><strong>Aus dem Evangelium nach Johannes</strong></p><p><strong>20, 11&nbsp;Maria aber stand draußen vor dem Grab und weinte. Während sie weinte, beugte sie sich in die Grabkammer hinein. 12&nbsp;Da sah sie zwei Engel in weißen Gewändern sitzen, den einen dort, wo der Kopf, den anderen dort, wo die Füße des Leichnams Jesu gelegen hatten. 13&nbsp;Diese sagten zu ihr: Frau, warum weinst du? Sie antwortete ihnen: Sie haben meinen Herrn weggenommen und ich weiß nicht, wohin sie ihn gelegt haben. 14&nbsp;Als sie das gesagt hatte, wandte sie sich um und sah Jesus dastehen, wusste aber nicht, dass es Jesus war. 15&nbsp;Jesus sagte zu ihr: Frau, warum weinst du? Wen suchst du? Sie meinte, es sei der Gärtner, und sagte zu ihm: Herr, wenn du ihn weggebracht hast, sag mir, wohin du ihn gelegt hast! Dann will ich ihn holen. 16&nbsp;Jesus sagte zu ihr: Maria! Da wandte sie sich um und sagte auf Hebräisch zu ihm: Rabbuni!, das heißt: Meister. 17&nbsp;Jesus sagte zu ihr: Halte mich nicht fest; denn ich bin noch nicht zum Vater hinaufgegangen. Geh aber zu meinen Brüdern und sag ihnen: Ich gehe hinauf zu meinem Vater und eurem Vater, zu meinem Gott und eurem Gott. 18&nbsp;Maria von Magdala kam zu den Jüngern und verkündete ihnen: Ich habe den Herrn gesehen.&nbsp;Und sie berichtete, was er ihr gesagt hatte.</strong></p><p>Viel liebevoller und einfühlsamer kann man das Ostergeschehen nicht erzählen als der vierte Evangelist es in dieser Geschichte tut! Maria Magdalena, jetzt ganz alleine, steht am Grab und weint. Ihren ganzen angestauten Schmerz lässt sie heraus, und das darf so sein! So berührend sind ihre Tränen, dass selbst die Engel Mitleid haben und erst einmal nur fragen: „Warum weinst du?“ Diese Frage signalisiert Mitgefühl und Verständnis und schafft einen Raum des Vertrauens. So kann Magdalena ihr Herz ausschütten.</p><p>Da stellt noch ein anderer dieselbe Frage – er steht hinter ihr, und Maria muss sich umdrehen, um ihn zu sehen. Sie schaut zu ihm – doch sie erkennt ihn nicht. Wiederum schüttet sie ihr Herz aus und bittet um Hilfe. Doch dann spricht Jesus ihren Namen aus – und schlagartig ist ihr alles klar. ER steht vor ihr, ihr Meister und Herr.</p><p>Ich vermute, wir alle können diese Geschichte sehr gut nachvollziehen: Nicht immer erkennen wir einen Menschen an seinem Gesicht oder seinem Aussehen. Manchmal braucht es eine Geste, um jemanden zu erkennen; manchmal müssen wir erst beobachten, wie jemand geht, und erkennen ihn am Gang; und manchmal ist es der Klang der Stimme oder ein bestimmtes Wort, das jemand sagt und das uns ihn erkennen lässt. Maria ist so ein „Ohrenmensch“. Insofern ist der Schlusssatz des Evangeliums eigentlich falsch. Nicht „Ich habe den Herrn gesehen“ sollte er lauten, sondern „Ich habe den Herrn gehört“! Hier schließt der Evangelist, der selber ein „Augenmensch“ ist, von sich auf die andere…</p><p>Obwohl der Auferstandene nicht körperlich erscheint, können wir Menschen ihn nur über unsere Sinne erfahren. In irdischen Sinneswahrnehmungen leuchtet der österliche Christus auf. In einem guten Wort, das jemand zu uns spricht. In einem Lächeln, das uns zugedacht ist. In einem sanften Streicheln oder einer Umarmung. Im gemeinsamen Essen und Trinken. So gesehen ist es fantastisch, dass wir fünf Sinne haben und nicht nur einen. JedeR von uns hat einen anderen Sinn, der sensibler und feinfühliger ist als die anderen vier. Aber jedeR hat wenigstens einen Sinn, mit dem er oder sie Gott selber spüren und erfahren kann. Für den Lieblingsjünger war es der Sehsinn, für Magdalena der Hörsinn. Und für mich?</p><p>Am Schluss fordert der Auferstandene von Magdalena etwas ganz Großes: Halte mich nicht fest! – Das ist eine fast übermenschliche Forderung – wo sie ihn doch so sehr liebt! Wie gern würde sie ihn für den Rest ihres Lebens bei sich haben! Doch sie muss ihn loslassen, darf ihn „nur“ noch im Herzen mit sich tragen. – Auch wir können die größten Gottesbegegnungen unseres Lebens nicht festhalten. Sie dauern einen Moment, ein paar Stunden oder Tage, aber dann sind sie vorüber. Es gilt, sie im Herzen lebendig zu bewahren, sich immer wieder an sie zu erinnern und aus der Erinnerung Kraft zu schöpfen. Sie sind Geschenke fürs Leben und können uns einen langen Atem verleihen.</p><p>Dass wir unsere Ostererfahrungen nicht vergessen, sondern uns von ihnen antreiben lassen, anderen etwas davon weiter zu schenken wie Magdalena, wünscht Ihnen/ euch,</p><p>Michael Rosenberger</p>]]></content:encoded><category>Pilgern durch die Coronakrise</category></item><item><guid isPermaLink="false">news-47234</guid><pubDate>Mon, 19 Apr 2021 08:45:32 +0200</pubDate><title>Pilgern durch die Coronakrise - 17. April 2021</title><link>https://www.wallfahrtsservice.de/aktuelles/detail/ansicht/pilgern-durch-die-coronakrise-17-april-2021/</link><description>Liebe Pilgernden auf dem Weg von Jerusalem nach Galiläa, heute ist in Österreich der Tag des offiziellen Gedenkens an alle bislang 9616 Toten der Pandemie. </description><content:encoded><![CDATA[<p>Die Glocken des Doms in meiner Nachbarschaft läuten ständig zu einem Gottesdienst, damit möglichst viele Angehörige teilnehmen können. Neben den Toten soll auch der schwer Erkrankten (Long-Covid), all ihrer Angehörigen sowie aller medizinischen und pflegerischen Kräfte gedacht werden. Ein Innehalten gegen Ende der schwersten Phase der Pandemie.</p><p>Zu Beginn dieser Woche wurde Österreich von einer traurigen Nachricht überrascht – dem Rücktritt des Gesundheitsministers Rudi Anschober aus gesundheitlichen Gründen. Über ein Jahr lang war er ein ruhiger und überlegter Manager der Corona-Maßnahmen. Doch die permanente Anspannung in diesem Job hat ihn schließlich mürbe gemacht und für zwei Kreislaufkollapse innerhalb weniger Wochen gesorgt. So trat er jetzt sichtlich emotional berührt von seinem Amt zurück. Da er ein Linzer ist und lange Jahre Umweltlandesrat für Oberösterreich war, kenne ich ihn auch persönlich gut und habe seine Arbeit in beiden Funktionen überaus geschätzt. Außerdem war es menschlich immer sehr angenehm, mit ihm zusammenzuarbeiten. So bedaure ich seinen Rücktritt sehr und wünsche ihm vor allem gesundheitlich alles Gute. Hoffen wir, dass der „Neue“ im Amt, nach dem Volksschullehrer diesmal ein Allgemeinarzt, die Arbeit gut weiterführt!</p><p>In Österreich mehren sich die Anzeichen dafür, dass der Scheitelpunkt der dritten Welle erreicht ist (die 7-Tage-Inzidenz liegt heute zum ersten Mal seit langem unter 200) und die derzeit geltenden Maßnahmen Mitte Mai deutlich gelockert werden können. So hat es die Regierung gestern angekündigt, und diese Perspektive scheint mir realistisch zu sein. Es geht also noch um ein Durchhalten von vier Wochen bis zum Aufatmen. Und auch wenn die Lockerungen schrittweise erfolgen, werden sie uns große Erleichterung bringen.</p><p>Derweil taumelt Deutschland ungesteuert der Überlastung seiner Intensivstationen entgegen. Die Zentralisierung der Infektions-Kompetenzen bei der Bundesregierung wird ein wichtiger Schritt sein, kommt aber zu spät. Die IntensivmedizinerInnen betteln händeringend um Unterstützung und werden von einem auf den anderen Tag vertröstet. In den letzten Monaten hat sich der deutsche Föderalismus von seiner allerschlechtesten Seite gezeigt. Der Lockerungswettbewerb zwischen den MinisterpräsidentInnen war beschämend und frustrierend. Man kann nur hoffen, dass nach der Pandemie die gesamte Kompetenzverteilung zwischen Bund, Ländern und Gemeinden auf den Prüfstand kommt und neu definiert wird. In den letzten zwanzig Jahren sind zwei Föderalismusreformen kläglich gescheitert – der dritte Anlauf muss Erfolg haben.</p><p>Dass es jetzt mit Riesenschritten aufwärts geht, habe ich heute Morgen beim Öffnen meiner Mails bemerkt: Im elektronischen Postkasten lag ein Impfangebot der Stadt Linz für den 30.4. Ich hatte frühestens in einem Monat mit diesem Angebot gerechnet. Nun geht es in diesen Rundmails ja nicht um mich persönlich. Aber die für alle frohe Nachricht daran ist, dass ich das Impfangebot NICHT als Priester bekommen habe (da wurden zurecht nur die über 65-jährigen Priester vorgezogen) und auch NICHT als Universitätsprofessor (unsere Betriebsärztin steht zwar in den Startlöchern, aber noch kann sie keine Impfungen anbieten, weil die Unis nur der vorletzten Dringlichkeitsstufe zugeordnet sind), sondern als einfacher Bürger der Stadt Linz in der Altersklasse knapp unter 60 Jahren. Das heißt: Mittlerweile sind die Impfungen in meiner Altersklasse angekommen. Das Versprechen der Bundesregierung, dass jedeR erwachsene ÖsterreicherIn bis Anfang Juli ein Impfangebot bekommt, dürfte mit großer Wahrscheinlichkeit aufgehen. Und das ist wirklich eine gute Nachricht!</p><p>Heute möchte ich das zweite Osterevangelium betrachten, das zum Thema „Impfen“ wichtige Impulse gibt und uns lehren kann, das Warten in einem neuen Licht zu sehen:</p><p><strong>Aus dem Evangelium nach Johannes</strong></p><p>20,1&nbsp;Am ersten Tag der Woche kam Maria von Magdala frühmorgens, als es noch dunkel war, zum Grab und sah, dass der Stein vom Grab weggenommen war. 2&nbsp;Da lief sie schnell zu Simon Petrus und dem anderen Jünger, den Jesus liebte, und sagte zu ihnen: Sie haben den Herrn aus dem Grab weggenommen und wir&nbsp;<a href="https://www.wallfahrtsservice.de/aktuelles/nachrichten/" name="_Hlk68767289">wissen nicht, wohin sie ihn gelegt haben</a>. 3&nbsp;Da gingen Petrus und der andere Jünger hinaus und kamen zum Grab; 4&nbsp;sie liefen beide zusammen, aber weil der andere Jünger schneller war als Petrus, kam er als Erster ans Grab. 5&nbsp;Er beugte sich vor und sah die Leinenbinden liegen, ging jedoch nicht hinein. 6&nbsp;Da kam auch Simon Petrus, der ihm gefolgt war, und ging in das Grab hinein. Er sah die Leinenbinden liegen 7&nbsp;und das Schweißtuch, das auf dem Haupt Jesu gelegen hatte; es lag aber nicht bei den Leinenbinden, sondern zusammengebunden daneben an einer besonderen Stelle. 8&nbsp;Da ging auch der andere Jünger, der als Erster an das Grab gekommen war, hinein; er sah und glaubte. 9&nbsp;Denn sie hatten noch nicht die Schrift verstanden, dass er von den Toten auferstehen müsse. 10&nbsp;Dann kehrten die Jünger wieder nach Hause zurück.</p><p>Anders als das Markusevangelium erwähnt das Johannesevangelium, das jüngste der vier Evangelien und um 100 n.Chr. geschrieben, nur eine der drei Frauen am Grab namentlich: Maria aus Magdala. Doch auch Johannes geht davon aus, dass sie nicht alleine zum Grab gekommen ist, denn in Vers 2 heißt es „wir&nbsp;wissen nicht, wohin sie ihn gelegt haben.“ Das setzt voraus, dass es mindestens zwei Frauen waren.</p><p>Im Folgenden bekommt eine Frage zentralen Raum, die derzeit sehr häufig gestellt wird: Wer kommt zuerst an die Reihe? Damals nach Tod und Auferstehung Jesu hieß das konkret: Wer darf zuerst das Grab betreten? Magdalena ist es offenkundig nicht, und mit ihr auch nicht eine der anderen Frauen. Sie sind zwar die ersten am Grab und sehen, dass der Stein weggewälzt ist, gehen aber nicht hinein. Vielmehr kehren sie auf der Stelle um, denn sie wollen Petrus und dem Lieblingsjünger den Vortritt lassen. Ihnen bringen sie die Botschaft. Die sollen das Grab untersuchen und entscheiden, was zu tun ist und wie die Veränderungen zu verstehen sind.</p><p>Wer aber von den beiden Männern darf das Grab zuerst betreten? Die Antwort wird wundervoll ausgemalt: Der Lieblingsjünger ist schneller am Grab, er ist ganz offensichtlich der weitaus sportlichere der beiden. Und er DARF schneller laufen, muss sein Tempo nicht dem des Petrus anpassen. Denn beide Männer wissen: Der Lieblingsjünger wird vor dem Eingang des Grabes warten und Petrus den Vortritt lassen. Deswegen kann Petrus in aller Ruhe sein langsameres Tempo gehen.</p><p>Ich finde es faszinierend, mit welcher inneren Ruhe Magdalena den beiden Männern und der Lieblingsjünger dem Petrus den Vortritt lassen! Da ist kein Wettbewerb, keine Ellbogenmentalität, kein Recht des Stärkeren, sondern Rücksicht, Respekt, Ordnung und Gemeinsinn. So sollte es auch bei den derzeit stattfindenden Impfungen sein: Die Jüngeren sollten auf die Älteren und die Gesunden auf die Schwerkranken warten können, ihnen bereitwillig und ohne jede Ungeduld den Vortritt lassen. Nur so kann Gemeinschaft wachsen und bestehen.</p><p>Denn wir brauchen einander: Petrus geht als erster in das Grab hinein und sieht. Doch er kann sich auf das, was er sieht, keinen Reim machen. Er versteht nicht, was das leere Grab bedeutet. Der Lieblingsjünger hingegen und später auch Magdalena gehen hinein und glauben. Ein Blick genügt dem Lieblingsjünger, ein Wort genügt Magdalena, um Klarheit zu erlangen. Doch beide wissen, dass sie Petrus noch brauchen werden, und deswegen lassen sie ihm den Vortritt. Petrus weiß umgekehrt, dass er den Lieblingsjünger und Magdalena noch brauchen wird, deswegen schenkt er ihrer Erklärung der Vorgänge Gehör und Glauben. Jede und jeder der drei hat eigene Begabungen – und alle werden gebraucht, um Kirche zu sein und aufzubauen. Aus diesem Wissen respektieren sich die drei gegenseitig und erkennen jene Priorisierung an, die für alle gemeinsam die beste ist.</p><p>So wünsche ich uns allen für die letzte Wegstrecke zum Geimpft-Werden diese Geduld und Rücksichtnahme – es wird sich auf lange Sicht für unser Land, ja für die Welt auszahlen! Wir brauchen einander noch!</p><p>Mit österlichen Grüßen,</p><p><strong>Michael Rosenberger</strong></p>]]></content:encoded><category>Pilgern durch die Coronakrise</category></item><item><guid isPermaLink="false">news-47162</guid><pubDate>Sun, 11 Apr 2021 08:57:00 +0200</pubDate><title>Pilgern durch die Coronakrise - 11. April 2021</title><link>https://www.wallfahrtsservice.de/aktuelles/detail/ansicht/pilgern-durch-die-coronakrise-11-april-2021/</link><description></description><content:encoded><![CDATA[<div class="domino-section" dir="ltr"><div class="WordSection1"><p>Liebe Pilgernden in der Osteroktav,</p><p>die letzten Wochen haben in Deutschland wie in Österreich eindrucksvoll gezeigt, dass viele PolitikerInnen immer mehr herumlavieren. Wenn sie im Laufe ihrer politischen Karriere etwas gelernt haben, dann, dass es ratsam ist, niemandem wehzutun. Doch genau das geht momentan überhaupt nicht, wenn das Virus besiegt werden soll. Aber wir WählerInnen haben in den letzten Jahrzehnten alle PolitikerInnen mit Rückgrat und klarer Linie abgewählt – sie durften bestenfalls Nischen besetzen. Und jetzt bräuchten wir sie so dringend… Wie heißt es immer so schön? Das Land bekommt die PolitikerInnen, die es verdient…</p><p>In der neuesten Ausgabe der ZEIT findet sich ein wundervoller Artikel von Mark Schieritz: <a href="https://www.zeit.de/2021/15/corona-impfstrategie-eu-usa-grossbritannien-israel-impfgerechtigkeit-impfstoffexport/komplettansicht" target="_blank" rel="noreferrer">https://www.zeit.de/2021/15/corona-impfstrategie-eu-usa-grossbritannien-israel-impfgerechtigkeit-impfstoffexport/komplettansicht</a> Der Autor steigt mit der Frage ein, was passiert, wenn im Theater jemand aufsteht, um eine bessere Sicht auf die Bühne zu haben. Dieser eine würde allen anderen um sich herum die Sicht versperren, so dass auch sie aufstehen müssten. Am Ende stünden alle, hätten alle eine schlechtere Sicht und würden noch dazu das Theaterstück viel unbequemer anschauen als im Sitzen. Wer ins Theater geht, weiß also, dass man das nicht tut. – Beim Einkauf der Impfstoffe hingegen haben nicht alle kapiert, dass es um dasselbe Verhalten geht. Das Impfen ist kein Wettlauf Land gegen Land, sondern Weltbevölkerung gegen Virus. Gewonnen hat die Weltbevölkerung dann, wenn der letzte geimpft ist.</p><p>Vor einigen Wochen schrieb mir jemand, dass es ihm sehr unangenehm sei zugeben zu müssen, dass ausgerechnet die größten Idioten auf der politischen Weltbühne beim Kauf der Impfstoffe am klügsten vorgegangen seien. Ich sehe das absolut nicht so. Die größten Idioten auf der politischen Weltbühne – wenn man denn diesen Ausdruck verwenden will – haben sich auch diesmal am idiotischsten benommen. „Idiotisch“ heißt wörtlich übersetzt „eigensinnig“. Und wer wollte bestreiten, dass die großen Rambos auch beim Impfstoffeinkauf extrem eigensinnig gehandelt haben. Das mag ihnen in der eigenen Bevölkerung kurzfristig Anerkennung bringen. Auf lange Sicht aber wird es das internationale Ansehen ihrer Länder weiter beschädigen. Und umgekehrt bin ich zutiefst überzeugt, dass der solidarische Einkauf und die faire Verteilung der Impfstoffe in Europa in einigen Jahrzehnten als großes Highlight gesehen wird.</p><p>Wie schon angekündigt werde ich bis Pfingsten die verschiedenen Osterevangelien betrachten. Beginnen möchte ich mit dem ältesten Evangelium nach Markus. Es ist um 70 n.Chr. geschrieben, unmittelbar nach der Zerstörung des Jerusalemer Tempels durch die Römer. Die erzählten Ereignisse liegen also bereits 40 Jahre zurück, schön langsam sterben die unmittelbaren ZeugInnen. Eigentlich hatte das frühe Christentum gedacht, dass bald nach Jesu Auferstehung das Ende der Welt käme und es deswegen kein schriftliches Evangelium brauche. Jetzt läuft ihnen die Zeit davon, und als erster macht sich Markus, der womöglich irgendwo in Rom oder Umgebung lebt, ans Schreiben. Seine Ostererzählung umfasst nur acht Sätze.</p><p><b>Aus dem Evangelium nach Markus</b></p><p><b>16, 1&nbsp;Als der Sabbat vorüber war, kauften Maria aus Magdala, Maria, die Mutter des Jakobus, und Salome wohlriechende Öle, um damit zum Grab zu gehen und Jesus zu salben. 2&nbsp;Am ersten Tag der Woche kamen sie in aller Frühe zum Grab, als eben die Sonne aufging. 3&nbsp;Sie sagten zueinander: Wer könnte uns den Stein vom Eingang des Grabes wegwälzen? 4&nbsp;Doch als sie hinblickten, sahen sie, dass der Stein schon weggewälzt war; er war sehr groß. 5&nbsp;Sie gingen in das Grab hinein und sahen auf der rechten Seite einen jungen Mann sitzen, der mit einem weißen Gewand bekleidet war; da erschraken sie sehr. 6&nbsp;Er aber sagte zu ihnen: Erschreckt nicht! Ihr sucht Jesus von Nazaret, den Gekreuzigten. Er ist auferstanden; er ist nicht hier. Seht, da ist die Stelle, wohin man ihn gelegt hat. 7&nbsp;Nun aber geht und sagt seinen Jüngern und dem Petrus: Er geht euch voraus nach Galiläa; dort werdet ihr ihn sehen, wie er es euch gesagt hat. 8&nbsp;Da verließen sie das Grab und flohen; denn Schrecken und Entsetzen hatte sie gepackt. Und sie sagten niemandem etwas davon; denn sie fürchteten sich.</b></p><p>Nach Markus sind es genau drei Frauen, die zum Grab gehen. Getreu dem alten Sprichwort „tres faciunt collegium“ geht nicht eine Frau allein, auch nicht zwei „besten Freundinnen“, sondern drei: Die kleinste Zahl, die man als Gemeinschaft verstehen kann. Dass Markus ihre Namen nennt, deutet wohl darauf hin, dass die Frauen (oder ihre Nachkommen) in seiner Gemeinde bekannt waren. Allerdings werden sie in allen Evangelien außer bei Lukas (der in Lk 8,1-3 eine „Berufungsliste der Frauen“ verfasst) nur vom Karfreitag bis Ostern erwähnt: Sie stehen unter dem Kreuz, bestatten Jesus in einem Felsengrab und wollen ihn am Ostermorgen salben. Vermutlich haben sie Jesus wie viele andere Männer und Frauen auf seiner gesamten Wanderschaft begleitet – doch wir wissen es nicht. Auch von den männlichen Jüngern erfahren wir kaum etwas. Einzig die Zwölf werden einmal namentlich genannt, und in mehreren Erzählungen tauchen ausdrücklich Petrus, Jakobus, Johannes und manchmal auch Andreas auf. An Namen haben die ersten drei Evangelien nur ein begrenztes Interesse (das vierte Evangelium hingegen kennt mehr Namen, von Frauen und von Männern).</p><p>Die Frauen gehen zum Grab, „als eben die Sonne aufging“ (Vers 2). Das ist gemäß jüdischem Gesetz der frühestmögliche Zeitpunkt, weil dann die Sabbatruhe vorüber ist. Dass Markus den Zeitpunkt so sehr betont, deutet aber noch auf etwas anderes hin: Jeden Sonntag feiert die Gemeinde des Markus bei Sonnenaufgang einen kleinen Wortgottesdienst, bevor die ChristInnen zur Arbeit gehen. Der Sonntag war im römischen Reich ja ein Werktag, so dass die Eucharistie erst am Abend nach Sonnenuntergang stattfinden konnte. Aber am Morgen wollte man der eigentlichen Osterbotschaft gedenken, denn die spielte sich am Morgen und nicht am Abend ab.</p><p>Die erste österliche Entdeckung der Frauen ist: Der Stein ist schon weg! Damit löst sich ihre größte Sorge in Luft auf. Ihre gewaltige Erleichterung können wir gut verstehen: Auch wir befürchten manchmal Hürden und unüberwindliche Schwierigkeiten, die sich anschließend als nicht existent oder ganz harmlos herausstellen oder von einem Mitmenschen im Handumdrehen aus dem Weg geräumt werden. Wenn wir wissen, dass wir selber eine Hürde nicht überwinden können, lohnt es also gar nicht, sich den Kopf darüber zu zerbrechen. Es braucht Vertrauen und Gelassenheit – und das wird belohnt!</p><p>Die zweite österliche Entdeckung der Frauen lautet: Er ist nicht hier! Er wartet auf uns zuhause in Galiläa. Der Abenteuerurlaub mit Jesus ist zu Ende – und das schmerzt. Doch der Auferstandene begegnet nicht im Urlaub, sondern im Alltag. Geht nach Galiläa – das heißt: Geht nach Hause, zurück in eure Heimat, zurück an eure Arbeit, zurück in euren Alltag! Dort ist der Ort der Begegnung mit dem Auferstandenen, dort und nirgendwo sonst! Der Auferstandene lässt sich nur dort erfahren, wo er alltäglich gelebt und gewirkt hat und wo ihr alltäglich gelebt und gearbeitet habt. Dort habt ihr ihn als Mitmensch in seinem vertrauten Umfeld erlebt. Dort wird er euch nun als Auferstandener in neuem Licht erscheinen.</p><p>Das ist auf den ersten Blick überraschend und kaum zu glauben, denn zunächst einmal scheint der Alltag profan, „eine Welt der Ferne von Gott” (Karl Rahner). Das mag dramatisch klingen, ist aber relativ nüchtern gemeint. Die Durchschnittlichkeit, die Unauffälligkeit, die ständige Wiederholung – das alles sind Charakteristika, die wir zunächst einmal gerade nicht mit Gott in Verbindung setzen. Festtage und Hochzeiten sind leicht auf Gott zurückzuführen – aber der Alltag? Angesichts dessen ist es eine Art Widerspruch gegen die durchschnittliche Intuition, wenn der christliche Glaube als Kern festhält: Gott hat unser ganzes Leben, unsere Feste und unseren Alltag, angenommen in Jesus Christus: „Dadurch, dass das ewige Wort des Vaters... unser Fleisch, unser Leben, unser Schicksal, unseren Alltag, unseren Tod angenommen hat, dadurch ist unser Leben erlöst, geheiligt...” (Karl Rahner) Gott ist also präsent im Kleinen, Unscheinbaren, Unauffälligen, Gewöhnlichen. Dort soll der Mensch ihn suchen, dort wird er ihn finden. Die ehrlich angenommene Alltäglichkeit birgt das Wunder der Anwesenheit des unfassbaren göttlichen Geheimnisses.</p><p>Es gehört daher zu den großen Herausforderungen des geistlichen Lebens, den Alltag sonntäglich zu lieben, ihn unter das österliche Geheimnis von Menschwerdung, Tod und Auferstehung Christi stellen. Der spirituelle Mensch rechnet damit, dass ihm die Nähe und Zuwendung Gottes in den kleinen Dingen seines Alltags zukommt. Er weiß, dass diese gewohnten Winzigkeiten nicht nur einen menschlichen und psychischen, sondern auch einen religiösen Wert haben: Sie sind Spuren Gottes in seinem Leben. Daher geht es darum, gerade den Alltag in neuem Licht zu sehen. Das Leitmotiv des Ignatius von Loyola: „Gott suchen und finden in allen Dingen” ist die Schlüsselidee einer Mystik des Alltags. Sie eröffnet uns die göttliche Gegenwart in jedem Ereignis.</p><p>Mit diesem Impuls endet das Markusevangelium. Anders als bei Matthäus wird von der Begegnung mit dem Auferstandenen nichts erzählt. Die müssen sich die HörerInnen des Markus auf Grund ihrer eigenen alltäglichen Christuserfahrung selbst ausmalen. Auch wir sind dazu aufgerufen. Fragen wir uns also: Sind wir dem Auferstanden schon in unserem Alltag begegnet? Und wenn ja, wie haben wir das erlebt? Hat es in unserem Leben und Glauben etwas verändert? Wirkt es gegenwärtig noch in uns nach?</p><p>Mit diesen Fragen wünsche ich einen gesegneten Weißen Sonntag und eine gute zweite Osterwoche,</p><p>Michael Rosenberger</p></div></div>]]></content:encoded><category>Pilgern durch die Coronakrise</category></item><item><guid isPermaLink="false">news-47119</guid><pubDate>Sat, 03 Apr 2021 22:13:03 +0200</pubDate><title>Pilgern durch die Coronakrise - 3. April 2021</title><link>https://www.wallfahrtsservice.de/aktuelles/detail/ansicht/pilgern-durch-die-coronakrise-3-april-2021/</link><description>Liebe Pilgernden zwischen Karfreitag und Ostern, 
weder in Deutschland noch in Österreich entspannt sich die Infektionslage. Zwar ist nach einem wochenlangen stetigen Anstieg in den letzten Tagen in beiden Ländern ein leichter Rückgang zu erkennen. Doch ich habe große Sorge, dass schon die Feiertage wieder zu einem sprunghaften Anstieg führen werden.</description><content:encoded><![CDATA[<p>Zu viele Menschen werden, so zeichnet es sich ab, größere Feiern abhalten. Die Anzeichen verdichten sich also, dass wir bald wieder einen kompletten Lockdown bekommen, wie er im Osten Österreichs seit Gründonnerstag schon gilt. Wie es der Virologe Christian Drosten sagt: Ein anderes scharfes Schwert gegen das Virus haben wir nicht zur Verfügung, solange der Impfstoff knapp ist. Es werden also noch ein paar harte und beschwerliche Wochen auf uns zukommen.</p><p>In den vergangenen Wochen ist das Vertrauen in die Politik stark gesunken – unter anderem, weil viele den dringend nötigen, aber immer wieder verschobenen Lockdown befürworten, nämlich fast zwei Drittel der Bevölkerung! Die PolitikerInnen schätzen die Stimmung ganz offensichtlich falsch ein, und der Hickhack zwischen Bund und Ländern ist für die Bevölkerung schlicht nur zermürbend. – In Österreich kommt noch das Debakel des Bundeskanzlers hinzu, der erst massiven Druck für eine gerechtere Verteilung der Impfstoffe in der Europäischen Union aufbaute, diese dann aber nicht akzeptieren wollte, weil herauskam, dass Österreich bisher eher zu den bevorzugten Ländern gehörte. Das hat das Image Österreichs in Europa schwer beschädigt. Und wofür, fragt man sich. Wir wissen, dass wir bis Juli genügend Impfstoff für alle in Europa haben werden. Aber solange müssen wir eben so gut es geht durchhalten.</p><p>Eine gute Nachricht gibt es auch – und man kann sie gar nicht genug betonen: Das „neue“ Werk von BionTech in Marburg hat am 31.3.21 seine Impfstoffproduktion aufgenommen. „Neu“ heißt: BionTech hat das Werk samt gut ausgebildetem Personal von insgesamt 400 MitarbeiterInnen im vergangenen Herbst von Novartis aufkaufen und anschließend auf die Covid-Impfstoff-Produktion umstellen können. Ein Glücksfall! Denn hätte man ein Werk neu bauen und Personal anwerben und ausbilden müssen, wären Jahre vergangen. So jedoch liegt die Kapazität von Anfang an bei einer Milliarde Impfdosen pro Jahr. Das ist eine unvorstellbar große Menge. Mitte April gelangen (nach Abfüllung im belgischen Pfizer-Werk Puurs) die ersten Lieferungen an die europäischen Impfzentren, und dann wird sich das tägliche Impfpotenzial vervielfachen. Bisher litt Europa unter mangelnden Produktionsstandorten – der Großteil der BionTech-Impfdosen wurde in den USA abgefüllt und davon wiederum ein Großteil in den USA behalten. Jetzt wird Europa endlich ein bisschen weniger abhängig vom Weltmarkt und seinen undurchsichtigen Verflechtungen.</p><p>Es passt zwar höchstens mittelbar zu Ostern, aber im ORF wurde am Mittwoch dieser Woche ein 6-minütiges Interview mit mir zu Fragen der Tierethik gesendet. Wer es sich anhören möchte, kann dies bis zum 8.4.21 tun unter:&nbsp;<a href="https://oe1.orf.at/programm/20210401/632022/Menschen-und-Tiere" target="_blank" rel="noreferrer">https://oe1.orf.at/programm/20210401/632022/Menschen-und-Tiere</a>. Und wer nicht die ganze 34-minütige Sendung hören möchte, geht gleich zur Minute 21. Dort beginnt das Interview mit mir.</p><p>Zum Schluss freut es mich, einen ganz besonderen musikalischen Gruß aus meiner Heimatpfarrei St. Johannes Kitzingen übermitteln zu dürfen. Ich hoffe, er wird allen eine ordentliche Portion Osterfreude vermitteln:&nbsp;<a href="https://youtu.be/6wy8tbm7tTE" target="_blank" rel="noreferrer">https://youtu.be/6wy8tbm7tTE</a>&nbsp;Zugleich ist das Video für mich ein eindrucksvoller Beweis, wie kreativ man mit den Beschränkungen dieser Zeit umgehen kann. Ich danke dem musikalischen Leiter Christian Stegmann und allen MusikerInnen für die wundervolle Corona-Einspielung von Händels Halleluja!</p><p>Ich selber werde nach Ostern einen Gang zurückschalten. Bisher kamen meine Rundbriefe zweimal wöchentlich, am Mittwoch und am Samstag. Ab der kommenden Woche gehe ich auf eine einmal wöchentliche Aussendung zurück, die dann gleichsam als „Wort zum Sonntag“ an den Samstagnachmittagen kommt und nacheinander die Osterevangelien betrachtet. So können die Rundbriefe die Zuversicht auf eine nahende Entspannung stärken, auch wenn wie gesagt noch einige schwere Wochen durchzustehen sind.</p><p>So wünsche ich mit meiner Osterpredigt im Anhang allen ein gesegnetes Osterfest und frohe, Mut machende Gottesdienste, ob nun die reale Teilnahme daran möglich ist oder nur die virtuelle über Fernsehen oder Internet! ER lebt und ist geheimnisvoll unter uns! Halleluja!</p><p>Michael Rosenberger</p>]]></content:encoded><category>Pilgern durch die Coronakrise</category></item><item><guid isPermaLink="false">news-47078</guid><pubDate>Wed, 31 Mar 2021 14:04:57 +0200</pubDate><title>Pilgern durch die Coronakrise - 31. März 2021</title><link>https://www.wallfahrtsservice.de/aktuelles/detail/ansicht/pilgern-durch-die-coronakrise-31-maerz-2021/</link><description>Liebe Pilgernden in der Mitte der Heiligen Woche,
 
seit im Januar die Impfungen bei uns begonnen haben, wird bei uns darüber geklagt, dass zu wenig Impfstoff vorhanden ist. Aber drehen wir die Perspektive einmal um:</description><content:encoded><![CDATA[<p>Von den derzeit weltweit verfügbaren Impfdosen haben sich nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zehn Länder der Erde 76 Prozent gesichert. Zu diesen zehn Ländern gehören auch Deutschland, Frankreich und Italien, also die „Großen“ in der EU. WHO-Generalsekretär Tedros Adhanom Ghebreyesus kritisierte diese Verteilung von Impfstoff am Montag und betonte, eine globale Krise brauche globale Antworten. Dennoch fehlen für eine weltweite Impfkampagne derzeit 25 Milliarden Euro. Der deutsche Entwicklungshilfeminister Gerd Müller forderte deshalb die Weltgemeinschaft auf, diese Lücke schnellstmöglich zu füllen. Sein Appell richtet sich namentlich an die Europäische Union, die USA, die arabischen Staaten, China und Russland. Die HIV-Krise der 1990er Jahre dürfe sich nicht wiederholen, in der die ärmsten Länder zurückgelassen wurden – mit nachhaltigen negativen Folgen bis heute für die Beziehungen zwischen armen und reichen Ländern. – Einmal sehr, sehr platt gesagt: Wer jetzt kein Geld für die Impfungen in Afrika gibt, darf sich nicht wundern, wenn im Sommer eine neue Flüchtlingswelle kommt.<br />&nbsp;<br />Eine weitere Nachricht wird in Österreich gegenwärtig intensiv diskutiert: Die Virologin Dorothee von Laer (Universität Innsbruck) warnte in der ORF-Sendung „Im Zentrum“ vor einer neuen Infektionswelle im Herbst. Zwar rechnet sie mit einem ruhigen Sommer. Doch sollten sich in dieser Zeit Varianten des Coronavirus durchsetzen, bei denen einzelne Impfungen nicht wirken, könnte es im Herbst eine weitere Welle geben. Darauf müsse man sich vorbereiten und beispielsweise Nachimpfungen mit besser wirksamen Impfstoffen einplanen. – Keine gute Nachricht, ohne Frage, eher eine neuerliche Hiobsbotschaft. Aber eine Handlungsperspektive liegt auch darin: Wir alle können durch vorsichtiges Verhalten in den Sommermonaten und besonders im Urlaub dazu beitragen, dass Mutationen sich nicht ausbreiten können.&nbsp;<br />&nbsp;<br />Schließlich ganz kurz zur aktuellen Entwicklung von Astra Zeneca in Deutschland: Kommunikativ rächt sich für den Konzern jetzt, dass er seine Bewerbung um die EU-Zulassung zunächst sehr schlampig geschrieben hat. Das hat schon damals viel Vertrauen gekostet, das jetzt weiter schwindet. Dabei wäre es von der Sache her wahrlich nicht nötig. Um die vorliegenden Zahlen vergleichbar zu machen: Die Gefahr einer Hirnthrombose nach Astra-Zeneca-Impfung liegt bei 11 zu 1 Million Geimpften. Wenn diese 1 Million Menschen jedoch nicht geimpft werden, sterben von ihnen bereits innerhalb der ersten vier Tage 11 Personen – und dann alle vier Tage wieder 11 Personen. Im Laufe eines Jahres hätte man so knapp das Hundertfache an Toten zu beklagen. Und selbst wenn man nach einem halben Jahr genügend Impfstoff anderer Firmen hätte und die eine Million Menschen mit diesem Impfstoff impfen würde, wäre immer noch das fünfzigfache an Toten zu beklagen. Insofern muss man aufpassen, dass jetzt nicht das Kind mit dem Bade ausgeschüttet wird.<br />&nbsp;<br />Die Probleme der Pandemie bleiben also weiterhin groß. Umso tröstlicher dürfen wir am Karfreitag erfahren, dass wir diesen Kreuzweg nicht alleine gehen müssen. In diesem Sinne hänge ich meine Predigten für Gründonnerstag und Karfreitag an und wünsche segensreiche Heilige Tage!<br />&nbsp;<br /><strong>Michael Rosenberger</strong></p>]]></content:encoded><category>Pilgern durch die Coronakrise</category></item><item><guid isPermaLink="false">news-47040</guid><pubDate>Mon, 29 Mar 2021 08:47:36 +0200</pubDate><title>Pilgern durch die Coronakrise - 27. März 2021</title><link>https://www.wallfahrtsservice.de/aktuelles/detail/ansicht/pilgern-durch-die-coronakrise-27-maerz-2021/</link><description>Liebe Pilgernden am Tor zur Heiligen Woche,

zum zweiten Mal erleben wir die Heilige Woche unter äußerst schweren Bedingungen.</description><content:encoded><![CDATA[<p><span style="font-size:11pt"><span style="font-family:Calibri, sans-serif"><span style="color:#000000"><span style="font-style:normal"><span style="font-variant-ligatures:normal"><span style="font-variant-caps:normal"><span style="font-weight:400"><span style="letter-spacing:normal"><span style="orphans:2"><span style="text-transform:none"><span style="white-space:normal"><span style="widows:2"><span style="word-spacing:0px"><span style="text-decoration-thickness:initial"><span style="text-decoration-style:initial"><span style="text-decoration-color:initial">Doch anders als im letzten Jahr ist diesmal noch kein Datum für ein Ende der Einschränkungen in Sicht. Die Fachleute sagen, dass ab Mitte April beim Impfen richtig Gas gegeben werden kann, weil dann viel größere Impfstoffmengen zur Verfügung stehen. Aber bis die Wirkung sich in geringeren Infektionsraten niederschlägt, wird es dann nochmals einige Wochen dauern. Und das heißt, dass wir wohl bis Mitte oder Ende Mai noch harte Zeiten durchstehen müssen. Eine elend lange Durststrecke.</span></span></span></span></span></span></span></span></span></span></span></span></span></span></span></span></p><p></p><p><span style="font-size:11pt"><span style="font-family:Calibri, sans-serif"><span style="color:#000000"><span style="font-style:normal"><span style="font-variant-ligatures:normal"><span style="font-variant-caps:normal"><span style="font-weight:400"><span style="letter-spacing:normal"><span style="orphans:2"><span style="text-transform:none"><span style="white-space:normal"><span style="widows:2"><span style="word-spacing:0px"><span style="text-decoration-thickness:initial"><span style="text-decoration-style:initial"><span style="text-decoration-color:initial">Auf dieser Durststrecke müssen wir umso mehr darauf achten, dass keine zusätzlichen Verletzungen entstehen. Natürlich werden Fehler gemacht – auf allen Ebenen des gesellschaftlichen und politischen Lebens. Aber unter dem derzeitigen Druck von allen Seiten ist das auch nahezu unvermeidlich. – Wie viel Psychologie im Spiel ist, lässt sich vielleicht daran erkennen, was gerade in der „Ostregion“ (Bundesländer Burgenland, Wien, Niederösterreich) abgeht. Auf Grund der besonders hohen Inzidenzen soll dort ein harter Osterlockdown durchgeführt werden und danach das „Tübinger Modell“ gelten, dass man nur mit einem tagesaktuellen negativen Coronatest einkaufen kann. Kaum vom Gesundheitsminister und den Landeshauptleuten verkündet, tönt der Wirtschaftskammerpräsident: „Eine Zumutung für die Unternehmen!“ und der Gewerkschaftsbund-Chef: „Eine Zumutung für die ArbeitnehmerInnen!“ Aus Tübingen wäre mir nicht bekannt, dass sich dort die Gewerkschaft oder die Unternehmen beschwert hätten – im Gegenteil, sie sind heilfroh und kommen damit gut klar. Der Unterschied liegt auf der Ebene der Psychologie: Während das Modell in Tübingen ein Öffnungsschritt aus dem harten Lockdown heraus war und damit ein Schritt nach vorne, ist es in der Ostregion ein Schritt zurück, denn die Geschäfte waren zuletzt schon ohne Test zugänglich. Noch dazu wurden in der Ostregion Wirtschaftskammer und Gewerkschaften nicht an der Entscheidungsfindung beteiligt – und dann kann ja nichts Gutes herauskommen. – Ich fände es toll, wenn jedeR – ganz oben genauso wie ganz unten – seine eigenen psychologischen Mechanismen selbstkritisch im Blick hätte. Dann könnte weit mehr konstruktiv getan werden, um durch diese harten Wochen zu kommen.</span></span></span></span></span></span></span></span></span></span></span></span></span></span></span></span></p><p></p><p><span style="font-size:11pt"><span style="font-family:Calibri, sans-serif"><span style="color:#000000"><span style="font-style:normal"><span style="font-variant-ligatures:normal"><span style="font-variant-caps:normal"><span style="font-weight:400"><span style="letter-spacing:normal"><span style="orphans:2"><span style="text-transform:none"><span style="white-space:normal"><span style="widows:2"><span style="word-spacing:0px"><span style="text-decoration-thickness:initial"><span style="text-decoration-style:initial"><span style="text-decoration-color:initial">Wir stehen am Beginn der Heiligen Woche. Sie hält für uns die atemberaubendste Botschaft bereit, die wir im Christentum zu bieten haben. Im Anhang sende ich daher etwas schöner formatiert als gewöhnlich meine Predigt für den morgigen Palmsonntag. Ich wünsche allen eine wirklich segensreiche Woche, ein intensives Beten und Feiern, wo und wie es auch immer stattfinden kann, und das feste Bewusstsein, dass es jemanden gibt, der unsere Kreuzwege mitgeht.</span></span></span></span></span></span></span></span></span></span></span></span></span></span></span></span></p><p></p><p><span style="font-size:11pt"><span style="font-family:Calibri, sans-serif"><span style="color:#000000"><span style="font-style:normal"><span style="font-variant-ligatures:normal"><span style="font-variant-caps:normal"><span style="font-weight:400"><span style="letter-spacing:normal"><span style="orphans:2"><span style="text-transform:none"><span style="white-space:normal"><span style="widows:2"><span style="word-spacing:0px"><span style="text-decoration-thickness:initial"><span style="text-decoration-style:initial"><span style="text-decoration-color:initial">In diesem Sinne herzliche Grüße,</span></span></span></span></span></span></span></span></span></span></span></span></span></span></span></span></p><p></p><p><span style="font-size:11pt"><span style="font-family:Calibri, sans-serif"><span style="color:#000000"><span style="font-style:normal"><span style="font-variant-ligatures:normal"><span style="font-variant-caps:normal"><span style="font-weight:400"><span style="letter-spacing:normal"><span style="orphans:2"><span style="text-transform:none"><span style="white-space:normal"><span style="widows:2"><span style="word-spacing:0px"><span style="text-decoration-thickness:initial"><span style="text-decoration-style:initial"><span style="text-decoration-color:initial">Michael Rosenberger</span></span></span></span></span></span></span></span></span></span></span></span></span></span></span></span></p>]]></content:encoded><category>Pilgern durch die Coronakrise</category></item><item><guid isPermaLink="false">news-46986</guid><pubDate>Wed, 24 Mar 2021 08:28:40 +0100</pubDate><title>Pilgern durch die Coronakrise - 24. März 2021</title><link>https://www.wallfahrtsservice.de/aktuelles/detail/ansicht/pilgern-durch-die-coronakrise-24-maerz-2021/</link><description>Liebe Pilgernden auf dem Weg zur Heiligen Woche,

die Ergebnisse der Pandemie-Gipfel von Bund und Ländern sowohl in Österreich als auch in Deutschland haben weithin Erschrecken und Verzweiflung hervorgerufen. In Österreich hat man praktisch gar nichts entschieden, in Deutschland einen lächerlichen Mini-Lockdown über Ostern.</description><content:encoded><![CDATA[<p>Die Infektionszahlen werden also weiter in die Höhe schnellen, die Intensivstationen an die Kapazitätsgrenzen kommen (in Wien sind sie es bereits), die Sterbefälle erschütternd viele sein. Und was passiert? JedeR schiebt den anderen die Schuld zu. Die Regierung verkauft hilflose Maßnahmen als weise und effizient – und niemand glaubt es. Die Opposition fordert Alternativen – kann aber selber keine benennen. Die Medien konstatieren ein Totalversagen – und haben leicht reden. Und die Bevölkerung ruft nach der Regierung – sieht aber nicht, was sie auch selber beitragen muss.&nbsp;</p><p>Ehrlich gesagt drängt sich mir folgendes Bild auf: Da spielt eine Dorfmannschaft gegen Real Madrid. Sie kassiert alle paar Minuten ein Tor. Aber anstatt sich den Klassenunterschied einzugestehen und zu sagen „wir sind eben nur eine Dorfmannschaft“, zerfleischen sich die elf Spieler in gegenseitiger Kritik. Der Tormann macht dem Stürmer Vorwürfe und der Mittelfeldspieler dem Verteidiger. Nach dem Spiel löst sich die Mannschaft auf, weil sie sich zu tief zerstritten hat. – Jetzt möchte vielleicht mancheR einwenden, Deutschland und Österreich seien doch keine Dorfmannschaften, sondern hoch entwickelte Industrieländer. Da müsse das doch anders gehen! Nun ja. Das Virus spielt dennoch in einer anderen Liga – solange, bis die Impfungen die Mehrheit der Bevölkerung erreichen.&nbsp;</p><p>Ja, aber kann das nicht schneller gehen? Ich bitte, sich zu erinnern: Vor einem Jahr, an Ostern 2020, hieß es, ein Impfstoff werde frühestens im Sommer 2021 zur Verfügung stehen und frühestens Anfang 2022 die Mehrheit der Bevölkerung geimpft sein. Damals hat niemand geklagt. Wir haben diesen Zeitraum als unglaublich schnell angesehen. Jetzt ist der Impfstoff ein halbes Jahr früher als damals gesagt auf den Markt gekommen, und die Durchimpfung wird ebenfalls ein halbes Jahr früher erreicht – und alle finden das unerträglich langsam. Es scheint, als würden wir vom Zauberer träumen, der uns von heute auf morgen durchimpft. Den mag es im Kindermärchen geben, aber wir wissen, dass es nur Märchen sind.&nbsp;</p><p>Was ich sagen will: Wir sollten uns miteinander eingestehen, dass wir noch ein paar Monate „Dorfmannschaft“ sind und erst ab dem Sommer in die Champions League aufsteigen. Und wir sollten uns bewusst machen, dass ein so atemberaubend schneller Aufstieg von ganz unten nach ganz oben trotz allem sensationell ist. Wie viele Menschheitsgenerationen vor uns konnten gar nicht in die Champions League aufsteigen, sondern sind dauerhaft Dorfmannschaft geblieben! Sie mussten darauf warten, dass irgendwann das Virus aus der Champions League in die unterste Spielklasse absteigt – und das dauerte meist Jahrzehnte!</p><p>Zwei tröstende Impulse möchte ich ergänzen: Heute ist die Stationskirche, in der die Diözese Rom die Messe feiert, die Kirche San Marcello al Corso. In dieser Kirche befindet sich das Pestkreuz, das Papst Franziskus vor genau einem Jahr zuerst auf den Petersplatz und dann in den Petersdom geholt hatte, um vor ihm Trost in der Pandemie zu finden. Wer will, kann es sich hier ansehen: <a href="https://www.katholische-sonntagszeitung.de/Nachrichten/Vatikan-laesst-wundertaetiges-Pestkreuz-herbeiholen-Donnerstag-26.-Maerz-2020-16-31-00#gallery-2" target="_blank" rel="noreferrer">www.katholische-sonntagszeitung.de/Nachrichten/Vatikan-laesst-wundertaetiges-Pestkreuz-herbeiholen-Donnerstag-26.-Maerz-2020-16-31-00</a> Gerade in dieser Zeit der Pandemie dürfen wir auf den Gekreuzigten schauen: Er geht den Weg der Mühsal und des Leidens mit uns.</p><p>Und der zweite Trost: Ab Freitag fasten 25 Personen mit mir, wir treffen uns allabendlich eine Stunde zum Austausch und Schriftgespräch. Nie war mir die Fastengruppe so wertvoll wie jetzt. Es ist ein wundervoller Weg, sich gegenseitig zu stärken und Kraft zu schöpfen. Alle, die nicht teilnehmen können oder wollen, lade ich daher ein, sich auch in kleinen Gruppen zusammenzutun und den Weg durch die Heilige Woche im Austausch miteinander zu gehen. Die elektronischen Möglichkeiten sind mittlerweile fast jedem zugänglich, es liegt also nur an uns, was wir daraus machen.</p><p>Doch jetzt zum heutigen Thema: „Bücher wirft man nicht weg!“ So lautet eine alte Weisheit. Dahinter steht sicher noch die alte Erfahrung, dass Bücher von Hand geschrieben wurden und tausende Arbeitsstunden gekostet haben. Ein mittelalterliches Buch kostete ein Vermögen – privat konnten sich das höchstens hohe Adlige oder Geistliche leisten. Die meisten Bücher waren Gemeinschaftsbesitz, in Klöstern, an Universitäten oder in königlichen Kanzleien. Mit der Erfindung des Buchdrucks durch Johannes Gutenberg um 1450 wurde das schon etwas anders. Nun waren manche Bücher auch für wohlhabende Bürgerfamilien erschwinglich – und die erkannten schnell, welche Möglichkeiten darin lagen. Trotzdem blieben Bücher teuer – zum Schnäppchen für jedermann wurden sie erst im 20. Jahrhundert. „Bücher wirft man nicht weg!“ Diesen Satz können wir seitdem immer weniger verstehen.</p><p>Von Franz von Assisi wird erzählt, dass er auch den kleinsten Fetzen Papier, auf dem nur ein einziger Buchstabe stand, aufhob. Er, der selber wohl nur schlecht lesen und schreiben konnte, hatte eine geradezu abgöttische Verehrung für das geschriebene Wort. Und die JüdInnen haben praktisch in jeder Synagoge eine Geniza. Das ist ein manchmal vermauerter Hohlraum zur Aufbewahrung verbrauchter liturgischer und religiöser Schriften. Gerade auf dem Gebiet des sogenannten Dritten Reichs sind Genizas eine Fundgrube, weil sie oft sowohl die Pogromnacht 1938 als auch die Luftangriffe überstanden haben. Eingemauert konnten die Bücher nicht verbrennen. Da entdecken wir immer wieder große Kostbarkeiten des früheren jüdischen Lebens bei uns.</p><p>Nicht wenige haben mir erzählt, dass sie die ersten Wochen und Monate der Pandemie unter anderem dafür genützt haben, ihren Bücherschrank zu durchforsten. Auch ich habe das getan. Da ich aus Platzgründen kleinere Bücher in Doppelreihen hintereinander stehen habe, war die „zweite Reihe“ oft längst vergessen. Ach, das hast du ja auch noch, sagte ich dann zu mir selber, wenn ich wieder etwas entdeckte, oder: Ach, hier ist das! Ohne zusätzliche Bücherregale anzuschaffen, für die gar kein Platz wäre, habe ich den Buchbestand so weit reduziert, dass er jetzt wieder (fast) in eine Reihe passt. Die überzähligen Bücher sind entweder im Bestand unserer Universitätsbibliothek gelandet (soweit es um wissenschaftlich interessante Bücher ging) oder im Regal unseres Uni-Bücherflohmarkts, wo sie Interessierte gratis entnehmen können. Ein paar wenige, die weder für das eine noch für das andere geeignet waren, sind – ich bekenne es – im Altpapiercontainer verendet.</p><p>Noch spannender war für mich aber, dass ich einige Bücher zum ersten Mal seit zwanzig oder mehr Jahren wieder gelesen habe. Das gilt für wissenschaftliche Bücher ebenso wie für spirituelle Literatur, aber auch Romane und Belletristik. Mitunter war ich etwas ernüchtert, weil ich ein Buch als viel packender und beeindruckender in Erinnerung hatte als ich es jetzt wahrnahm. Mitunter habe ich aber auch Bücher viel tiefer verstanden, eine Menge neue Aspekte darin entdeckt und mich gewundert, wie ich die damals bei früheren Lektüren übersehen konnte. Und schließlich habe ich mich manchmal auch daran erinnert, wo und unter welchen Umständen ich das betreffende Buch zum ersten Mal gelesen habe. Dann wurde mir ein Stück meiner Lebensgeschichte wieder lebendig.&nbsp;</p><p>Vielleicht ist es euch/ Ihnen ja ähnlich ergangen. Die Pandemie war und ist jedenfalls ein Anstoß, wieder mehr zu lesen – gegen die Verlockungen von Smartphone, Computer und anderen elektronischen Medien. Und in einer Textlänge, die über die Größe eines Bildschirms hinausgeht…</p><p>In diesem Sinne wünsche ich ein gesegnetes Zugehen auf die Heilige Woche,</p><p><strong>Michael Rosenberger</strong></p>]]></content:encoded><category>Pilgern durch die Coronakrise</category></item><item><guid isPermaLink="false">news-46976</guid><pubDate>Tue, 23 Mar 2021 13:07:59 +0100</pubDate><title>Pilgern durch die Coronakrise - 20. März 2021</title><link>https://www.wallfahrtsservice.de/aktuelles/detail/ansicht/pilgern-durch-die-coronakrise-20-maerz-2021/</link><description></description><content:encoded><![CDATA[<p>Liebe Wandernden durch trübe Tage,</p><p>europaweit schnellen die Infektionszahlen wieder steil nach oben. Die dritte Welle trifft uns mit voller Wucht. Es scheint vor allem die britische Variante zu sein, die sich jetzt so stark verbreitet. Über die Hälfte aller neuen Fälle gehen auf sie zurück, und schon in einigen Wochen könnte sie die neue „Normalform“ von Covid-19 sein. Das Erschreckende an ihr ist, dass sie nicht nur infektiöser ist, sondern auch häufiger zu schweren Verläufen führt. Das Durchschnittsalter auf den Intensivstationen ist bereits bei 40 Jahren angekommen, und das liegt nicht nur daran, dass die Über-80-Jährigen weitgehend geimpft sind. Nein, wir haben wohl unterschätzt, welch gravierende Schäden das Virus auch bei Menschen im mittleren und jüngeren Alter anrichten kann. Nicht so oft wie bei den Hochbetagten, aber eben doch.</p><p>Immer klarer wird nun auch, wie rigide die USA und Großbritannien den Export des Impfstoffs unterbinden, während Europa bisher den solidarischen Weg beschritten hat, Impfstoffe ins Nicht-EU-Ausland hinauszulassen. Dass die EU jetzt zunehmend über Exportverbote nachdenkt, ist folgerichtig, aber eigentlich traurig. Die Weltgemeinschaft sitzt in der Pandemie in einem Boot. Besiegt ist das Virus erst, wenn es weltweit (!) ausgerottet oder auf eine Restgröße reduziert ist. Ansonsten werden immer wieder Mutationen zu uns kommen, gegen die unsere Impfungen nichts ausrichten – und dann geht es von vorne los. Angesichts dessen ist die Devise „mehr Impfstoff kaufen“ sehr töricht. Sie muss lauten: „mehr Impfstoff produzieren“ – und zwar weltweit für alle Menschen. Da dürfen die Patente der Hersteller keine Barrieren aufbauen. Sofern es hilft, muss man an Zwangslizenzen denken, mit denen auch Fabriken in ärmeren Ländern Impfdosen nach der „Bauanleitung“ westlicher Firmen herstellen. Und: Bis Jahresende wird Europa doppelt so viel Impfstoff zur Verfügung haben, wie es zur Impfung all seiner Menschen braucht. Kanada sogar das Vierfache. Man sollte schon jetzt Vereinbarungen treffen, wie dieser Überschuss abgegeben werden kann, damit die Empfängerländer sich auf ihre Impfkampagnen vorbereiten.</p><p>Der morgige fünfte Fastensonntag, der sogenannte Passionssonntag, der die Tür zur Karwoche bereits weit öffnet, schenkt uns eine wundervolle Lesung aus dem Hebräerbrief, die ich heute meditieren möchte.</p><p><strong>Lesung aus dem Hebräerbrief</strong></p><p>Christus hat in den Tagen seines irdischen Lebens mit lautem Schreien und unter Tränen Gebete und Bitten vor den gebracht, der ihn aus dem Tod retten konnte, und er ist erhört worden aufgrund seiner Gottesfurcht. Obwohl er der Sohn war, hat er durch das, was er gelitten hat, den Gehorsam gelernt; zur Vollendung gelangt, ist er für alle, die ihm gehorchen, der Urheber des ewigen Heils geworden.</p><p>In den Evangelien ist nur selten von negativen Emotionen Jesu die Rede – und ganz besonders selten von Schmerz, Angst und Trauer. Beim Besuch am Grab seines verstorbenen Freundes Lazarus ist Jesus „erschüttert“ ob der Tränen vieler umstehender Menschen (Joh 11,33). Bei seiner Ankunft auf dem Ölberg und dem ersten Blick auf Jerusalem weint er (Lk 19,41). Doch sonst halten sich die Evangelisten mit solchen Bemerkungen völlig zurück. Fast scheint es ihnen peinlich, von Jesus solche Gefühlsregungen zu erzählen. Das gilt selbst für jene Begebenheit, auf die der Hebräerbrief in der heutigen Lesung anspielt: Das Gebet Jesu im Garten Getsemani am Abend vor seiner Hinrichtung.&nbsp;</p><p>Die ersten drei Evangelien versuchen immerhin noch, die Gemütsverfassung Jesu zu beschreiben. Bei Mattäus und Markus klingt das so: „Da ergriff ihn Furcht (Mk)/ Traurigkeit (Mt) und Angst und er sagte zu ihnen: Meine Seele ist zu Tode betrübt.“ (Mk 14,33; Mt 26,37) Lukas, immer an medizinischen Details interessiert, benennt den Angstschweiß Jesu: „Und er betete in seiner Angst noch inständiger und sein Schweiß war wie Blut, das auf die Erde tropfte.“ (Lk 22,44) Das Johannesevangelium hingegen verschweigt das Ölberggebet Jesu ganz – das geht Johannes dann doch zu weit, von einer Angstsituation Jesu zu erzählen. Bei ihm beginnt die Passion direkt mit der Gefangennahme Jesu.</p><p>Der Hebräerbrief ist da eine positive Ausnahme. Denn einerseits stellt er Jesus als den ewigen Hohenpriester vor, der größer und mächtiger ist als alle Hohenpriester in der Geschichte Israels. Andererseits sind ihm die menschlichen Gefühlsregungen Jesu am Ölberg enorm wichtig. Von „lautem Schreien und Tränen“ Jesu ist sonst nirgends die Rede. Aber hätte es sie nicht gegeben, wie hätte der unbekannte Verfasser des Hebräerbriefs von ihnen unwidersprochen schreiben können? Ja, Jesus wird am Ölberg geschrien und geweint haben – und vielleicht ist es gerade deswegen, dass sich die drei anwesenden Jünger schlafend stellten, damit sie dazu nicht Stellung beziehen mussten. Waren sie in Wirklichkeit gar nicht müde, sondern schlicht überfordert?</p><p>„Er hat durch Leiden den Gehorsam gelernt“, interpretiert der Hebräerbrief das Geschehen. Den Gehorsam lernen, das klingt in heutigen Ohren sehr pädagogisch moralisierend. Aber es geht nicht um eine Schullektion, sondern um das schwerste, was wir alle im Leben früher oder später lernen müssen: Das Sterben. Hier schlägt der Text die Brücke zu Abraham, der seinen Sohn loslassen muss, wie wir am zweiten Fastensonntag gelesen haben. Dem Willen des Schöpfers gehorchen, der uns sterblich geschaffen hat und irgendwann aus dieser Welt abberuft, das ist es, was Jesus wie wir alle unter Schmerzen, Schreien und Tränen lernen muss. Es ist ihm ebenso wenig wie uns in den Schoß gefallen.</p><p>Wenn die Kirche uns diese Lesung in der Fastenzeit vorlegt, dann vermittelt sie uns die Fastenzeit als Zeit, den „Gehorsam“ in diesem Sinne zu lernen. Wir müssen gar nicht sagen, dass wir Gott gehorchen. Wir dürfen ruhig sagen, wir gehorchten der Natur und ihren Gesetzen des Werdens und Vergehens, oder wir gehorchten unserem Körper und seiner Zerbrechlichkeit. Aber gehorchen müssen wir, denn wir werden nicht gefragt, ob und wann wir sterben wollen – und das ist das entscheidende. Irgendwann ist der Moment da – und dann bleibt uns nichts als ihn anzunehmen wie Jesus.</p><p>Dass uns diese Bereitschaft geschenkt wird, wünscht</p><p><strong>Michael Rosenberger</strong></p>]]></content:encoded><category>Pilgern durch die Coronakrise</category></item><item><guid isPermaLink="false">news-46907</guid><pubDate>Wed, 17 Mar 2021 10:31:46 +0100</pubDate><title>Pilgern durch die Coronakrise - 17. März 2021</title><link>https://www.wallfahrtsservice.de/aktuelles/detail/ansicht/pilgern-durch-die-coronakrise-17-maerz-2021/</link><description></description><content:encoded><![CDATA[<p>Liebe Menschen auf der Pilgerschaft,<br />&nbsp;<br />die Nerven liegen blank. Das konnte man in Österreich am vergangenen Wochenende erleben, als der Bundeskanzler in einer Art „Wutanfall“ dafür sorgte, dass einem hohen Beamten im Gesundheitsministerium die Verantwortung für das Impfmanagement weggenommen wurde – wegen Kleinigkeiten, die in normalen Zeiten nicht einmal ein Räuspern ausgelöst hätten. Aber der Kanzler brauchte einen Sündenbock – und hat ihn fürs Erste gefunden. Die Nerven liegen blank – so deute ich auch das Aussetzen der Impfungen mit Astra Zeneca in vielen europäischen Ländern (vorerst nicht in Österreich!). Denn die Datenlage zeigt eigentlich kein signifikant erhöhtes Risiko für gesundheitliche Schädigungen durch die Impfung. Und jeder Tag, an dem auf Impfungen verzichtet wird, kostet mit Sicherheit viele zusätzliche Menschenleben. Ich fürchte, dass nun rein auf einen Verdacht hin das Image eines guten Impfstoffs so nachhaltig beschädigt ist, dass es uns in der Virusbekämpfung weit zurückwirft. Aber eben: Die Nerven liegen blank – im Volk genauso wie bei den PolitikerInnen. Wir handeln alle nicht mehr ruhig und überlegt.<br />&nbsp;<br />Um aus dieser Hypernervosität herauszukommen, kann es helfen, die eigenen Sinne gezielt zu schulen und mehr auf das zu achten, was wir sehen, hören, fühlen, riechen und schmecken. Gerade der jetzt beginnende Frühling ist eine optimale Zeit dafür. Die folgenden Gedanken sind ein kleiner Auszug aus meinem neuen Buch „Was der Seele Leben gibt“ (Echter Verlag 2021). Ich empfehle sie allen für die Tage auf Ostern zu.<br />&nbsp;<br />„Sehen! Auf dieser Erde sehen! – Wie könnte man diese Lehre vergessen? Bei den Eleusinischen Mysterien genügte es, nach innen zu schauen. Ich aber weiß hier und jetzt, dass ich nie nahe genug an die Dinge der Welt herankommen werde. Nackt muss ich sein und muss dann, mit allen Gerüchen der Erde behaftet, ins Meer tauchen, mich reinigen in seinem Salzwasser und auf meiner Haut die Umarmung von Meer und Erde empfinden, nach der beide so lange schon verlangen... Zurückgekehrt an den Strand, werfe ich mich in den Sand, gebe mich der Erde hin, fühle aufs Neue das Gewicht meines Fleisches und meiner Knochen…“ (Albert Camus 2013, Hochzeit des Lichts, 13)<br />&nbsp;<br />Mit diesen Worten, die zu den schönsten seines großen literarischen Werks gehören, schildert Albert Camus (1913 – 1960) seine Methode der Meditation: Er geht an den algerischen Strand, entkleidet sich und springt ins Wasser. Auf seiner gesamten Körperoberfläche spürt er das Wasser, und später, wieder am Strand, die Erde und den Sand. Es ist eine Meditation mit allen Sinnen, die in die vielfältigen Reize der Natur eintauchen und darin gedankenverloren versinken. Ganz hingegeben, ganz aufmerksam. Für Camus ist das eine säkulare Form der Religiosität: „Wer in Tipasa sagt ‚ich sehe‘, sagt auch ‚ich glaube‘; und warum sollte ich verleugnen, was meine Hände berühren und meine Lippen liebkosen können!“ (Albert Camus 2013,16)<br />&nbsp;<br />Diese „Meditation ohne Gott“, aber mit allen Sinnen, führt Camus zu einer ungeahnten Verbundenheit mit allem Seienden: „Meer, Land, Stille und die Gerüche dieser Erde – ich trank ihren Duft und ihren Atem und biss in die goldene Frucht der Welt und fühlte erschauernd ihren starken süßen Duft mir über die Lippen laufen. Nein, ich zählte nicht, noch die Welt; nur die schweigsame Eintracht unserer Liebe galt.“ (Albert Camus 2013,18) Und er schließt: „Nie habe ich in einem solchen Maße beides zugleich, meine eigene Auflösung und mein Vorhandensein in der Welt, empfunden.“ (Albert Camus 2013,23)<br />Zur Spiritualität gehört ein ganzheitliches „Spüren und Verkosten der Dinge von innen her“ (Ignatius von Loyola, Geistliche Übungen Nr. 2), so dass in ihnen und durch sie hindurch das Geheimnis des Lebens erahnt und berührt werden kann. Ignatius von Loyola (1491 Loyola – 1556 Rom) nennt diese Form der Betrachtung gleichbedeutend Kontemplation und Meditation. Um sie zu beginnen, braucht es den „Aufbau des Schau-platzes“ (Ignatius von Loyola, Geistliche Übungen Nr. 47; 49). Dabei geht es um die vorbereitende Herstellung eines Wahrnehmungsraumes für alle fünf Sinne. Dieser Wahrnehmungsraum kann ein realer sein, etwa wenn eine biblische Erzählung oder eine Begebenheit aus dem eigenen Leben betrachtet wird. Doch auch wenn es um die Betrachtung abstrakter Wirklichkeiten wie des Bösen oder der Sünde an sich geht, muss der oder die Betrachtende sich einen „Schauplatz“ aufbauen – dann eben einen fiktionalen (Ignatius von Loyola, Geistliche Übungen Nr. 47).</p><p>Der „Aufbau des Schauplatzes“ dient dem Betrachtenden zur „Anwendung der Sinne“ (Ignatius von Loyola, Geistliche Übungen Nr. 65-72; 121-126). Diese soll nach Ignatius dadurch intensiviert werden, dass die Sinne nicht gleichzeitig, sondern einzeln und nacheinander auf einen Betrachtungsgegenstand angewandt werden. Damit ist sichergestellt, dass die meditierende Person keinen der fünf Sinne übergeht. Sie soll mit all ihren geistigen Kräften und mit all ihrer Phantasie einmal nur sehen, dann nur hören, dann ausschließlich riechen, dann nur schmecken und schließlich nur tasten . So konzentriert sich die gesamte Aufmerksamkeit auf einen einzigen Sinn und kann seinen Wahrnehmungen viel mehr Beachtung schenken.<br />&nbsp;<br />Die ignatianische Methode der „Anwendung der Sinne“ steht Camus‘ Meditation mit allen Sinnen sehr nahe. Der Unterschied liegt darin, dass Camus nur die realen Sinneswahrnehmungen reflektiert, während Ignatius reale ebenso wie virtuelle Sinneswahrnehmungen zur Meditation anbietet. Es ist großartig, die Meeresluft real und unmittelbar auf der eigenen Haut zu spüren, wie Camus das beschreibt. Aber es kann (fast) ebenso großartig sein, sich diese Sinneswahrnehmung beim Lesen von Camus‘ Buch vorzustellen und sie nachzuempfinden. Natürlich ist es schwer, sich in die Beschreibung Camus‘ hineinzuversetzen, wenn man noch nie am Meer war. Aber wenn man schon einmal real einen Tag am Strand zugebracht hat, muss die virtuelle Vorstellung daheim in den eigenen vier Wänden nicht unbedingt dahinter zurückbleiben. Sie kann die reale „Urerfahrung“ in der virtuellen Wiederholung verstärken und intensivieren. Und mitunter mag die virtuelle Sinneswahrnehmung sogar intensiver sein als die reale – weil ablenkende Sinneseindrücke im Medium bereits ausgeblendet sind und sich der erlebende Mensch ganz auf die gewünschten Eindrücke konzentrieren kann.<br />&nbsp;<br />Das Programm einer Schulung der Sinne ist höchst anspruchsvoll. Es kann bedeuten, mit dem Geschmacks-sinn ein seltenes Gewürz aus einer Speise herauszuschmecken oder bei einer Blindverkostung die Rebsorte eines Weines zu erkennen. Es kann meinen, in einer riesigen Menschenmenge die Stimme seines eigenen Kindes zu hören oder in einem großen Orchester ein einzelnes Instrument. Es kann heißen, in einem dicht belaubten Baum den Vogel zu entdecken, der dort singt, oder in einem Gemälde ein winziges Detail wahrzunehmen.&nbsp;<br />&nbsp;<br />Die Schulung der Sinne ist einerseits eine Gabe. Denn wer keine guten Augen hat, wird schnell an Grenzen seines Sehsinns stoßen. Und wer auf Grund organischer Mängel schlecht hört, kann viele Geräusche und Stimmen nicht wahrnehmen. Mit zunehmendem Alter nimmt die Kraft der Sinne ab – bis hin zum Geschmacksinn, der bei alten Menschen oft nur noch auf süße Geschmacksrichtungen reagiert. Aber die Schulung der Sinne ist auch eine Aufgabe. Im Kindes- und Jugendalter erweitern sich die Möglichkeiten der Sinneswahrnehmung rasend schnell – nicht weil die Sinnesorgane besser würden, sondern weil das Gehirn die eingehenden Informationen differenzierter und präziser verarbeiten lernt. Und Menschen, bei denen ein Sinnesorgan zerstört ist, können oft einen Großteil von dessen Leistung durch die größere Aufmerksamkeit auf die anderen Sinnesorgane kompensieren. Erblindete „sehen“ einen Raum durch die ungeheuer präzise Wahrnehmung von Geräuschen und Luftbewegungen. Taub Gewordene „hören“ die Geräusche der fahrenden Autos, die sie sehen, oder die Musik einer Partitur, die sie lesen. Sinneswahrnehmungen spielen sich zu einem großen Teil im Gehirn ab.<br />&nbsp;<br />Anleitung zur Einübung der Sinne&nbsp;<br />&nbsp;<br />Draußen in der Natur: Schau in die Natur und entdecke all ihre Farben und Formen – der Landschaft, der einzelnen Pflanzen, der Tiere. Schließe zwischendurch immer wieder die Augen und schau beim Öffnen noch genauer hin. Höre auf die vielfältigen Geräusche in der Natur – das Singen der Vögel, das Rauschen der Bäume, das Plätschern eines Bachs, die Stille. Rieche die vielfältigen Düfte in der Natur – das Harz oder die Rinde der Bäume, den betörenden Duft der Blumen, den Geruch feuchter Erde. Schmecke den Salzgeh-alt der Luft am Meer, den Geschmack wilder oder kultivierter Früchte, die Frische klaren Quellwassers. Taste die Berührungen deines Körpers durch die Natur – die Rinde eines Baumes mit den Händen, das Wehen des Windes im Gesicht, den weichen Boden einer Wiese oder eines Sandstrands unter den Füßen.<br />&nbsp;<br />Zuhause an einem guten Ort zur Meditation: Schau auf ein Bild, das dir heilig ist, oder auf eine brennende Kerze. Höre meditative Musik oder den eigenen Gesang, eine Klangschale oder eine Glocke. Rieche den Duft des Weihrauchs oder einer Duftkerze. Schmecke eine einfache Speise, die du in Stille und mit Andacht verzehrst, oder, wenn du einen Zugang zur südeuropäischen Mentalität hast, den Kuss eines dir heiligen Buchs oder Bilds. Taste die Berührung eines Mitmenschen, der dir die Hände auf den Kopf legt oder deine Hand-flächen mit einem guten Öl salbt, oder erspüre mit geschlossenen Augen deine nach oben geöffneten Hände, die bereit sind zu empfangen.<br />&nbsp;<br />Zuhause bei der Lektüre eines dir heiligen Textes: Versuche, dir die Erzählung mit allen Sinnen und all deiner Phantasie so intensiv wie möglich vorzustellen. Gehe dabei die fünf Sinne einzeln und nacheinander durch. Wo die Erzählung dir für einen Sinn keine Anhaltspunkte liefert, kannst du frei jene Eindrücke assoziieren, die dir plausibel erscheinen.<br />&nbsp;<br />Ich wünsche gute Erfahrungen mit dieser Übung und grüße Sie/ euch herzlich,<br />&nbsp;<br /><strong>Michael Rosenberger</strong></p>]]></content:encoded><category>Pilgern durch die Coronakrise</category></item><item><guid isPermaLink="false">news-46867</guid><pubDate>Mon, 15 Mar 2021 11:04:26 +0100</pubDate><title>Pilgern durch die Coronakrise - 13. März 2021</title><link>https://www.wallfahrtsservice.de/aktuelles/detail/ansicht/pilgern-durch-die-coronakrise-13-maerz-2021/</link><description></description><content:encoded><![CDATA[<div class="domino-section" dir="ltr"><div class="WordSection1"><p>Liebe Wandernden durch das Labyrinth der Pandemie,</p><p>nicht im allerhellsten Rampenlicht spielt sich derzeit eine weitere Pandemie ab – bei Pferden. In Valencia haben sich bei einem Turnier 22 Pferde mir der Herpes-Virus-Variante EHV-1 angesteckt, 11 von ihnen sind gestorben. Die auf der Turnieranlage verbliebenen 160 Pferde befinden sich in Quarantäneställen – nur Maskentragen scheint für die Pferde kein Thema zu sein. Fälle der Virus-Variante EHV-1 gibt es bereits in sieben europäischen Ländern: Spanien, Deutschland, Belgien, Frankreich, Italien, Schweden und die Schweiz. Und es werden sicher noch mehr. Man sieht: Es ist die enorme Mobilität, die die Viren zum Mitreisen einlädt – egal ob es sich um reisende Tiere oder reisende Menschen handelt.</p><p>Von der Corona-Front kommen derzeit etliche gute, aber auch einige sehr besorgniserregende Nachrichten. Österreich hat heute die 200er-Marke der 7-Tage-Inzidenz überschritten, und es geht weiter steil nach oben. Man kann sich bereits ausrechnen, dass wir vor Ostern im dritten harten Lockdown landen. Und auch in Deutschland steigt die Inzidenz mittlerweile schnell an, so dass das Robert-Koch-Institut den 200er-Inzidenz-Wert in zwei bis drei Wochen erwartet. Ich selber war heute zum Bergwandern. Bei meiner Rückkehr musste ich die Landstraße, die Haupteinkaufsstraße in Linz, queren. Mir verschlug es die Sprache: Ich hatte den Eindruck, es wäre ein völlig normaler Einkaufssamstag ohne Pandemie. Die Menschen dicht gedrängt, gemütlich flanierend, maximal 5 Prozent mit Maske, eher weniger.</p><p>Demgegenüber verblassen die guten Nachrichten leider erheblich: In der EU ist ein vierter Impfstoff zugelassen – von Johnson &amp; Johnson. Auch wenn er erst Ende April geliefert wird, ist das ein Hoffnungssignal. In meiner persönlichen Nachbarschaft hier in Linz werden derzeit die über 80-Jährigen geimpft. Die Stadt Linz ist mit der ersten Impfung bereits ungefähr in der Mitte des Alphabets angekommen – in zehn Tagen sollten alle Personen dieser Altersgruppe die erste Impfung haben. Das wird dann die verletzlichste Gruppe schon halbwegs schützen. Zugleich hört man aus den Krankenhäusern, dass immer mehr junge Menschen mit einer schweren Covid-Erkrankung eingeliefert werden. In den Nachbarländern Österreichs sind die Intensivstationen schon wieder überlastet.</p><p>Morgen feiern wir den Sonntag „Laetare“, der liturgisch mit dem Satz beginnt: „Freue dich, du Stadt Jerusalem!“ Zu dieser Freude sind wir trotz der bedrückenden Corona-News eingeladen, weil wir die Halbzeit der vierzig Tage auf Ostern zu erreicht haben. Sie gibt Gelegenheit, dankbar auf alle gelungenen Fastenanstrengungen zurückzuschauen, wo nötig kleine Kurskorrekturen vorzunehmen und uns darüber zu freuen, dass Ostern schon spürbar näher kommt. Die alttestamentliche Lesung bietet aber eher „starken Tobak“ als eine Freudenbotschaft:</p><p><b>Lesung aus dem zweiten Buch der Chronik</b></p><p><b>Alle führenden Männer Judas und die Priester und das Volk begingen viel Untreue. Sie ahmten die Gräueltaten der Völker nach und entweihten das Haus, das der HERR in Jerusalem zu seinem Heiligtum gemacht hatte. Immer wieder hatte der HERR, der Gott ihrer Väter, sie durch seine Boten gewarnt; denn er hatte Mitleid mit seinem Volk und seiner Wohnung. Sie aber verhöhnten die Boten Gottes, verachteten sein Wort und verspotteten seine Propheten, bis der Zorn des HERRN gegen sein Volk so groß wurde, dass es keine Heilung mehr gab. Der HERR ließ nun den König der Chaldäer gegen sie heranziehen. Dieser tötete ihre jungen Krieger in ihrem Heiligtum mit dem Schwert und verschonte keinen jungen Mann und keine junge Frau, keinen Greis und Betagten; alle gab Gott in seine Hand. Nebukadnezzar ließ die großen und kleinen Geräte des Hauses Gottes, die Tempelschätze und die Schätze des Königs und seiner hohen Beamten insgesamt nach Babel bringen. Die Chaldäer verbrannten das Haus Gottes, rissen die Mauern Jerusalems nieder, legten Feuer an alle seine Paläste und zerstörten alle wertvollen Geräte. Alle, die dem Schwert entgangen waren, führte Nebukadnezzar in die Verbannung nach Babel. Dort mussten sie ihm und seinen Söhnen als Sklaven dienen, bis das Reich der Perser zur Herrschaft kam. Da ging das Wort in Erfüllung, das der HERR durch den Mund Jeremias verkündet hatte. Das Land bekam seine Sabbate ersetzt, es lag brach während der ganzen Zeit der Verwüstung, bis siebzig Jahre voll waren.</b></p><p>„Das Land bekam seine Sabbate ersetzt!“ Das ist ein hartes Wort in einem vom ersten bis zum letzten Satz schwer verdaulichen Text. Denn die Verfasser des zweiten Buchs der Chronik sind davon überzeugt, dass die babylonische (oder, wie sie hier genannt wird, „chaldäische“) Gefangenschaft eine Strafe Gottes für das Fehlverhalten Israels ist. „Das Land bekam seine Sabbate ersetzt!“ Die Verfasser der Chronikbücher behaupten also, dass die IsraelitInnen dem Land, also der Umwelt, den Äckern und Wäldern, zu viel entnommen und keine Brachzeiten oder Ruhezeiten gegeben haben. Sie haben gewirtschaftet ohne Maß, haben sich selbst und die Böden ausgebeutet, bis es nicht mehr ging. Die Gier nach immer mehr Wohlstand hat sie getrieben, und sie haben nicht mehr innegehalten und nachgedacht. Völlig plan- und gedankenlos haben sie das Hamsterrad immer schneller angetrieben.</p><p>Jetzt kann das Land das alles nachholen. Jetzt können sich die Böden und Gewässer erholen, die Tiere und Pflanzen aufatmen und neu gedeihen. Jetzt bekommen sie jene Sabbate, die ihnen die IsraelitInnen entgegen den göttlichen Geboten nicht zugestanden haben. Am Sabbat, so heißt es in den verschiedenen Fassungen des Ruhetaggebots, soll nicht nur jeder Mensch ausruhen können, sondern auch jedes Tier. Und im Sabbatjahr, jedem siebten Jahr, sollen sämtliche Äcker und Weinberge ruhen dürfen, damit sich Böden und Pflanzen erholen. Offensichtlich haben die IsraelitInnen diese Gebote in den Wind geschlagen und nur noch auf Gewinnmaximierung geschaut. Jetzt, so die biblischen Schriftsteller, legt Gott eine Vollbremsung hin – das Volk muss in die Gefangenschaft.</p><p>Lange Zeit hat die Kirche in schweren Zeiten ähnlich argumentiert wie diese Lesung: Es ist eine „Strafe Gottes“. Heute tun wir das kirchlicherseits nicht mehr – was in der Corona-Pandemie manche Menschen sehr verwundert hat. Außerhalb der Kirchen gibt es jedoch eine andere Interpretation, die fast austauschbar ist: Mutter Natur schlägt zurück! Das ist ein bisschen naturphilosophischer, aber der Grundgedanke bleibt gleich: Der Mensch hat sein schweres Los selbst verursacht. Jetzt muss er es ausbaden.</p><p>In der gegenwärtigen kirchlichen Verkündigung sind wir vorsichtiger. Wir verzichten auf allzu direkte Schuldzuweisungen und Kausalketten. Wir wissen und betonen, dass die Zusammenhänge vergleichsweise komplex sind. Daher würden wir im Falle der Pandemie jedenfalls betonen, dass den Menschen nicht allein die Schuld daran trifft, dass es diese Pandemie gibt. – Ja, hätten die Chinesen die Wildtiere in Freiheit gelassen, wäre das Virus in diesem Fall nicht übergesprungen. Ja, würden wir nicht so viel quer durch alle Kontinente reisen, wäre das Virus vermutlich in China geblieben und nicht nach Europa oder Amerika gekommen. Ja, würden wir in den Industrieländern nicht Tag für Tag so viel umherfahren, hätte sich die Ausbreitung bei uns bremsen lassen. Stimmt alles und ist ernst zu nehmen. Aber auch wenn wir das alles getan hätten, wäre früher oder später die nächste Pandemie gekommen. Wir haben die Millionen verschiedenen Typen von Viren einfach nicht unter Kontrolle. Irgendwann findet immer mal einer den Weg zu uns.</p><p>Insofern ist die Pandemie weniger Grund zur Schuldzuweisung als Anlass zur Neuorientierung: Lasst uns Corona, unser „babylonisches Exil“, als Chance zum Nachdenken nehmen, weil sich das Rad unserer freizeitlichen Aktivitäten derzeit langsamer dreht. Lasst uns dieses babylonische Exil als Chance verstehen zur Rückbesinnung und Neuorientierung. Aber lasst uns bitte nach dem Abklingen der Pandemie nicht einfach zur Tagesordnung übergehen, so als wäre nichts gewesen!</p><p>Israel hat das Babylonische Exil als eine Zeit der Chance genutzt. In diesen Jahren haben die Menschen begriffen, dass es nur einen einzigen Gott gibt, den Schöpfer des Himmels und der Erde, der alle Völker und alle Menschen und alle nichtmenschlichen Geschöpfe liebt. Sie haben aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt und eine Gesellschaftsordnung für die Nachexilszeit entworfen, die zur damaligen Zeit alles Vergleichbare an Menschlichkeit, sozialem und ökologischen Verhalten und an Toleranz übertraf. Sie haben die großen biblischen Erzählungen geschrieben, die uns noch heute faszinieren.</p><p>Ich wäre glücklich, wenn unser gegenwärtiges babylonisches Exil auch nur halb so fruchtbar wird wie das damalige. Es würde noch Jahrhunderte später strahlen!</p><p>Mit herzlichen Grüßen</p><p><strong>Michael Rosenberger</strong></p></div></div>]]></content:encoded><category>Pilgern durch die Coronakrise</category></item><item><guid isPermaLink="false">news-46814</guid><pubDate>Wed, 10 Mar 2021 12:24:20 +0100</pubDate><title>Pilgern durch die Coronakrise - 10 März 2021</title><link>https://www.wallfahrtsservice.de/aktuelles/detail/ansicht/pilgern-durch-die-coronakrise-10-maerz-2021/</link><description></description><content:encoded><![CDATA[<p>Liebe PilgerInnen durch die aufbrechende Natur des Frühlings,</p><p>die jetzt beginnende Jahreszeit ist eine Zeit des frohen Aufbrechens neuen Lebens. Die ersten Blümchen recken sich aus dem Boden und locken uns mit ihren Blüten, die Knospen an den Bäumen werden sich schon bald öffnen und Blätter wachsen lassen. Ein kleiner Trost in einer Zeit, die wenig davon bereithält. Es ist gut zu spüren, dass die Welt noch anderen Gesetzen folgt als denen der Viren und ihrer Ausbreitung. Jedes bisschen Normalität tut uns gut, und dazu gehören eben auch manche Normalitäten der Jahreszeiten und des Kreislaufs der Natur.</p><p>Doch auch „die Natur“ läuft nicht mehr so rund wie noch vor einigen Jahrzehnten. Am 24.2.2021 ist in Deutschland der alljährliche Waldzustandsbericht erschienen. <a href="https://www.bmel.de/SharedDocs/Downloads/DE/Broschueren/ergebnisse-waldzustandserhebung-2020.pdf?__blob=publicationFile&amp;amp;v=5" target="_blank" rel="noreferrer">www.bmel.de/SharedDocs/Downloads/DE/Broschueren/ergebnisse-waldzustandserhebung-2020.pdf</a> Seine Ergebnisse können nur als äußerst dramatisch beschrieben werden. So heißt es: „Die anhaltende Dürre in den Vegetationszeiten 2018 – 2020 hat verbreitet dazu geführt, dass die Blätter vorzeitig abgefallen sind. Bei der Fichte begünstigte sie, dass sich Borkenkäfer weiter massenhaft vermehren. Im Vergleich zum Vorjahr ist die Absterberate nochmals gestiegen. Vor allem unsere alten Wälder (&gt;60 Jahre) sind betroffen.“ Nur noch 21 Prozent der Bäume in Deutschland weisen keinen Schaden auf – das ist der niedrigste je gemessene Wert. Die jährliche Absterberate der Bäume ist von 0,2 Prozent vor 2017 auf 0,8 Prozent bei den Laubbäumen und 2,3 Prozent bei den Nadelbäumen angestiegen. Und so folgert der Bericht: „Insgesamt gehören die Ergebnisse der Waldzustandserhebung 2020 zu den schlechtesten seit Beginn der Erhebungen.“ (S: 7)</p><p>Seit etwa zehn Jahren arbeite ich im Feld der Umweltethik intensiv mit ForstwissenschaftlerInnen und ForstwirtInnen zusammen. In den letzten Jahren sind bei ihnen und auch bei der gesamten holzverarbeitenden Industrie (in Österreich die größte Wirtschaftsbranche!) eine große Ratlosigkeit und eine enorme Verzweiflung eingekehrt. Denn die Hauptursache für die Waldschäden ist sonnenklar: Die dramatische Klimaerwärmung. Es ist schon jetzt deutlich wärmer als noch vor 10 oder 20 Jahren, und damit einhergehend ist es viel trockener geworden. Das hält der stärkste Wald nicht aus.</p><p>Bei der Weltklimakonferenz von Paris 2015 haben sich die Staaten der Welt darauf verpflichtet, die Klimaerwärmung, die derzeit 1 Grad Celsius gegenüber dem vorindustriellen Niveau erreicht hat, auf maximal 2 und möglichst 1,5 Grad zu begrenzen. Wenn wir so weitermachen wie seit 2015, sind die 1,5 Grad in 7 Jahren und die 2 Grad in 24 Jahren überschritten. Und dann, sagen die Forstleute, ist der Wald überhaupt nicht mehr steuerbar. Es würde das totale Chaos in unseren Wäldern ausbrechen. Die Forstwirtschaft würde wie ein Kartenhaus zusammenbrechen.</p><p>Wir müssen uns klar machen, dass der Forstwirt nicht in Jahren denken kann wie der Landwirt, auch nicht in zwei oder drei Jahrzehnten wie der Winzer, sondern in Jahrhunderten denken muss. Ein Baum, der heute gepflanzt wird, ist frühestens in 80 Jahren erntereif. Man muss also heute abschätzen können, wie das Klima in 80 und mehr Jahren ausschaut. Durch unseren verschwenderischen Lebensstil in den Industrieländern sorgen wir derzeit aber dafür, dass das Klima völlig unberechenbar wird. Wenn die Temperatur im Jahr 2100 zwischen 4 und 7 Grad über der heutigen liegt – das sind die Schätzungen des Weltklimarats IPCC für den Fall, dass wir so weitermachen wie bisher, – dann kann kein Baum überleben, dem das heutige Klima passt. Und kein Baum, der dann gut mit der Temperatur zurechtkäme, würde heute gedeihen, wo es noch weit kühler ist.</p><p>Natürlich stimmt es, dass die Wälder je nach Art und Weise ihrer Bewirtschaftung besser oder schlechter mit den Klimaveränderungen zurechtkommen. Eine Fichten-Monokultur, die für den schnellen Profit angepflanzt ist, stirbt jetzt viel schneller als ein naturnaher Mischwald mit Bäumen aller Altersklassen, aus dem jeweils einzelne Stämme entnommen werden, in dem aber kein Kahlschlag durchgeführt wird. Doch auch die ökologisch bestbewirtschafteten Wälder leiden erheblich. Und das ist ja erst der Anfang.</p><p>Im deutschen Sprachraum messen wir seit der Aufklärung im 18. Jahrhundert das Wohlergehen der Menschen am Wohlergehen des Waldes. Damals waren der deutsche und österreichische Wald bis auf einige Jagdgründe der Adligen komplett abgeholzt. Die aufstrebende Industrie (Metall, Glas, Porzellan, Salz usw.) brauchte Energie in gigantischen Mengen, und die Kohle war in Ermangelung der Eisenbahn noch nicht transportierbar. Bäume brauchte man nur ins Wasser werfen und die Flüsse hinabschwimmen lassen – Holz kam also leicht überall hin. Und so holzte und holzte man, bis vom Wald nichts mehr übrig war.&nbsp;</p><p>Gegen Ende des 18. Jahrhunderts zog man die Notbremse. Es sollte, so der Gedanke des sächsischen Oberberghauptmanns Hans Carl von Carlowitz bereits 1713 (!), nur noch so viel Holz geschlagen werden, wie im selben Zeitraum nachwächst. Bis dieser Gedanke in allen verantwortlichen Köpfen ankam, dauerte es fast ein Jahrhundert. Und in die Tat umgesetzt wurde er erst nach der Entwicklung der Eisenbahn, als die Kohle das Holz als hauptsächlichen Rohstoff für die Energieerzeugung ablöste. Deswegen die Verklärung des schönen deutschen Waldes in der Romantik. Sie ist mehr der Ausdruck einer Sehnsucht nach dem verlorenen Paradies.</p><p>Der Blick in die Geschichte lässt nichts Gutes erahnen – ich muss es leider so deutlich sagen. Wenn wir mit dem Verbrennen von Kohle, Erdöl und Erdgas erst dann aufhören, wenn wir ohnehin genug regenerative Energien zur Verfügung haben, müssen wir noch lange, viel zu lange warten. Wenn es diesmal wieder 100 Jahre von der Theorie der nachhaltigen Entwicklung (in den 1980er Jahren wissenschaftlich etabliert) bis zur Praxis einer Null-Emissions-Gesellschaft dauert, dann wären wir erst 2080 an dem Ziel angekommen, das wir unter allen Umständen vor 2040 erreichen müssen. Seit dem Bekanntwerden des menschengemachten Treibhauseffekts sind vierzig Jahre vergangen – und nichts hat sich geändert, im Gegenteil, wir emittieren mehr Treibhausgase als damals. Es braucht dringend eine grundlegende „ökologische Umkehr“ (Papst Franziskus).</p><p>Geht es dem Wald gut, dann geht es auch den Menschen gut. Das ist kurz gesagt die Erkenntnis der Romantik im 19. Jahrhundert. Und daran stimmt tatsächlich sehr viel. Seit damals haben wir Deutschsprachigen eine zärtliche und innige Beziehung zum Wald. Wir suchen ihn auf und fühlen uns darin wohl. Aber hey, dem Wald geht es verflixt schlecht. Er liegt auf der Intensivstation! Um ihn zu retten braucht es volle Anstrengung und alle Kraft – von jedem und jeder von uns! Die Politik schreckt noch immer vor vielen notwendigen Maßnahmen zurück, weil sie unpopulär sind und WählerInnenstimmen kosten. WIR müssen signalisieren, dass wir nur noch die PolitikerInnen wählen, die hier mutig und entschlossen handeln. Denn heute entscheidet sich, ob wir in einigen Jahrzehnten noch einen Wald haben.</p><p>Mit diesem Blick weit über den Tellerrand der kleinen Pandemie hinaus grüßt</p><p><strong>Michael Rosenberger</strong></p>]]></content:encoded><category>Pilgern durch die Coronakrise</category></item></channel></rss>