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Eine Antwort von Professor Dr. Michael Rosenberger

Ist das Ursprungswunder eines Wallfahrtsorts heute noch von Bedeutung?

Was ist der Grund für die Entstehung dieses Wallfahrtsorts? Was macht ihn zu einem besonderen, ja heiligen Ort? Das will gewiss jede und jeder Pilgernde wissen. Denn sonst wäre ihm ja gar nicht klar, warum er dorthin und nicht an einen anderen Ort pilgert. Sicher gäbe es auch andere Wallfahrtsziele. Aber für das gewählte Ziel brauchen wir einen Grund – es darf nicht einfach beliebig sein. Das Ursprungsereignis eines Wallfahrtsorts hat also Bedeutung. Nicht immer geht es darin um ein Wunder. Der Ursprung kann das Grab eines heiligen sein oder der Ort seines Martyriums. Es kann sich um seinen Geburtsort handeln oder um den Ort eines wichtigen Ereignisses in seinem Leben. Manchmal liegt der Ursprung in einem Wunder – einer wunderbaren Heilung, einer Erscheinung oder ähnliches.

Ist aber die Bedeutung des Ursprungsereignisses eine rein äußerliche? Ist sie nur dafür da, einen heiligen Ort zentimetergenau zu bestimmen und den Gnadenaltar weder zu weit links noch zu weit rechts zu bauen? Dient sie nur dazu, Skeptikerinnen und Skeptikern zu beweisen, dass hier Wunder geschehen sind, die man naturwissenschaftlich auf keinen Fall erklären kann? Wenn das so wäre, wären wir entweder in einem naiven, an den Äußerlichkeiten hängenden Kinderglauben gefangen – oder sogar in einem von Angst besetzten, magischen Aberglauben. Ersteres wäre ziemlich unreif, weil es den Blick für das Wesentliche verschlösse; letzteres aber hochgradig gefährlich, weil es Gottes Wirken exakt zu bestimmen suchte, obwohl Er für immer ein Geheimnis bleibt, und weil es menschliches Handeln Zwängen unterwürfe, wo Gott unsere zutiefst freie Entscheidung sucht. Ein Wunder lässt sich nicht beweisen, sondern nur glauben. Am heiligen Ort ist Gott nicht mehr gegenwärtig als fünf Meter weiter, aber wir können ihn dort vielleicht leichter wahrnehmen.

Die zentrale Herausforderung ist es also, das Ursprungsereignis des Wallfahrtsorts zu „verspüren und verkosten von innen her“ (Ignatius von Loyola, Exerzitienbuch Nr. 12). Am Grab eines Martyrers gilt es, seinem gottgeschenkten (!) Glauben und seiner vom Geist gewirkten (!) Liebe nachzuspüren, die ihn zum Verschenken seines Lebens befähigte. Am Ort einer Erscheinung gilt es, Gottes wegweisende Botschaften für uns heute zu begreifen und staunend anzunehmen. Und am Ort eines Heilungswunders können wir die Fürsorge und Barmherzigkeit Gottes mit all unseren körperlichen und geistigen Schwächen annehmen. Das ist die Innenseite der Ursprungsereignisse, und sie gilt es intensiv zu „schmecken“ – mit aller Phantasie und Einfühlungsgabe, die wir besitzen. Denn sie vermittelt uns die Spuren Gottes in der irdischen Wirklichkeit.

Manchmal werden wir feststellen müssen, dass das Ursprungsereignis auch dunkle Seiten umfasst: Die Wallfahrt nach Santiago de Compostela begann mit der Reconquista, der gewaltsamen Rückeroberung Spaniens von den Muslimen, und der Apostel Jakobus wird als „Maurentöter“ dargestellt, der in der entscheidenden Schlacht von Clavijo höchstpersönlich ins Gefecht eingegriffen haben soll. Rosenkranzwallfahrten erinnern mitunter an Schlachten gegen die Muslime (bei Lepanto, am Kahlen Berg oder anderswo). Die Wallfahrten mancher eucharistischen Wallfahrtsorte gründen auf einem angeblichen Hostienfrevel von Juden, städtische Marienwallfahrtskirchen stehen nicht selten auf dem Fundament zerstörter Synagogen – beide atmen damit furchtbarsten Antijudaismus. Wenn solche Wallfahrtsorte überhaupt noch tragbar sind, ist es das Mindeste, ihre dunkle Vergangenheit ehrlich zuzugeben, redlich aufzuarbeiten und den Ort des Hasses gezielt zu einem Ort der Vergebungsbitte und der Versöhnung zu machen. Gerade dort sollte man inständig für ein besseres Miteinander der Religionen und Völker beten.

Das Ursprungsereignis eines Wallfahrtsorts ist gleichsam sein genetischer Code, der ihm unabänderlich in jede Körperzelle eingeschrieben ist. Es ist sein theologisches Programm – mit allem Licht und Schatten. Damit auf gute Weise umzugehen ist eine große Verantwortung für alle Wallfahrtsleitungen, besonders aber für die Seelsorger am Wallfahrtsort selbst.