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Pilgern durch die Coronakrise - 10 März 2021

Liebe PilgerInnen durch die aufbrechende Natur des Frühlings,

die jetzt beginnende Jahreszeit ist eine Zeit des frohen Aufbrechens neuen Lebens. Die ersten Blümchen recken sich aus dem Boden und locken uns mit ihren Blüten, die Knospen an den Bäumen werden sich schon bald öffnen und Blätter wachsen lassen. Ein kleiner Trost in einer Zeit, die wenig davon bereithält. Es ist gut zu spüren, dass die Welt noch anderen Gesetzen folgt als denen der Viren und ihrer Ausbreitung. Jedes bisschen Normalität tut uns gut, und dazu gehören eben auch manche Normalitäten der Jahreszeiten und des Kreislaufs der Natur.

Doch auch „die Natur“ läuft nicht mehr so rund wie noch vor einigen Jahrzehnten. Am 24.2.2021 ist in Deutschland der alljährliche Waldzustandsbericht erschienen. www.bmel.de/SharedDocs/Downloads/DE/Broschueren/ergebnisse-waldzustandserhebung-2020.pdf Seine Ergebnisse können nur als äußerst dramatisch beschrieben werden. So heißt es: „Die anhaltende Dürre in den Vegetationszeiten 2018 – 2020 hat verbreitet dazu geführt, dass die Blätter vorzeitig abgefallen sind. Bei der Fichte begünstigte sie, dass sich Borkenkäfer weiter massenhaft vermehren. Im Vergleich zum Vorjahr ist die Absterberate nochmals gestiegen. Vor allem unsere alten Wälder (>60 Jahre) sind betroffen.“ Nur noch 21 Prozent der Bäume in Deutschland weisen keinen Schaden auf – das ist der niedrigste je gemessene Wert. Die jährliche Absterberate der Bäume ist von 0,2 Prozent vor 2017 auf 0,8 Prozent bei den Laubbäumen und 2,3 Prozent bei den Nadelbäumen angestiegen. Und so folgert der Bericht: „Insgesamt gehören die Ergebnisse der Waldzustandserhebung 2020 zu den schlechtesten seit Beginn der Erhebungen.“ (S: 7)

Seit etwa zehn Jahren arbeite ich im Feld der Umweltethik intensiv mit ForstwissenschaftlerInnen und ForstwirtInnen zusammen. In den letzten Jahren sind bei ihnen und auch bei der gesamten holzverarbeitenden Industrie (in Österreich die größte Wirtschaftsbranche!) eine große Ratlosigkeit und eine enorme Verzweiflung eingekehrt. Denn die Hauptursache für die Waldschäden ist sonnenklar: Die dramatische Klimaerwärmung. Es ist schon jetzt deutlich wärmer als noch vor 10 oder 20 Jahren, und damit einhergehend ist es viel trockener geworden. Das hält der stärkste Wald nicht aus.

Bei der Weltklimakonferenz von Paris 2015 haben sich die Staaten der Welt darauf verpflichtet, die Klimaerwärmung, die derzeit 1 Grad Celsius gegenüber dem vorindustriellen Niveau erreicht hat, auf maximal 2 und möglichst 1,5 Grad zu begrenzen. Wenn wir so weitermachen wie seit 2015, sind die 1,5 Grad in 7 Jahren und die 2 Grad in 24 Jahren überschritten. Und dann, sagen die Forstleute, ist der Wald überhaupt nicht mehr steuerbar. Es würde das totale Chaos in unseren Wäldern ausbrechen. Die Forstwirtschaft würde wie ein Kartenhaus zusammenbrechen.

Wir müssen uns klar machen, dass der Forstwirt nicht in Jahren denken kann wie der Landwirt, auch nicht in zwei oder drei Jahrzehnten wie der Winzer, sondern in Jahrhunderten denken muss. Ein Baum, der heute gepflanzt wird, ist frühestens in 80 Jahren erntereif. Man muss also heute abschätzen können, wie das Klima in 80 und mehr Jahren ausschaut. Durch unseren verschwenderischen Lebensstil in den Industrieländern sorgen wir derzeit aber dafür, dass das Klima völlig unberechenbar wird. Wenn die Temperatur im Jahr 2100 zwischen 4 und 7 Grad über der heutigen liegt – das sind die Schätzungen des Weltklimarats IPCC für den Fall, dass wir so weitermachen wie bisher, – dann kann kein Baum überleben, dem das heutige Klima passt. Und kein Baum, der dann gut mit der Temperatur zurechtkäme, würde heute gedeihen, wo es noch weit kühler ist.

Natürlich stimmt es, dass die Wälder je nach Art und Weise ihrer Bewirtschaftung besser oder schlechter mit den Klimaveränderungen zurechtkommen. Eine Fichten-Monokultur, die für den schnellen Profit angepflanzt ist, stirbt jetzt viel schneller als ein naturnaher Mischwald mit Bäumen aller Altersklassen, aus dem jeweils einzelne Stämme entnommen werden, in dem aber kein Kahlschlag durchgeführt wird. Doch auch die ökologisch bestbewirtschafteten Wälder leiden erheblich. Und das ist ja erst der Anfang.

Im deutschen Sprachraum messen wir seit der Aufklärung im 18. Jahrhundert das Wohlergehen der Menschen am Wohlergehen des Waldes. Damals waren der deutsche und österreichische Wald bis auf einige Jagdgründe der Adligen komplett abgeholzt. Die aufstrebende Industrie (Metall, Glas, Porzellan, Salz usw.) brauchte Energie in gigantischen Mengen, und die Kohle war in Ermangelung der Eisenbahn noch nicht transportierbar. Bäume brauchte man nur ins Wasser werfen und die Flüsse hinabschwimmen lassen – Holz kam also leicht überall hin. Und so holzte und holzte man, bis vom Wald nichts mehr übrig war. 

Gegen Ende des 18. Jahrhunderts zog man die Notbremse. Es sollte, so der Gedanke des sächsischen Oberberghauptmanns Hans Carl von Carlowitz bereits 1713 (!), nur noch so viel Holz geschlagen werden, wie im selben Zeitraum nachwächst. Bis dieser Gedanke in allen verantwortlichen Köpfen ankam, dauerte es fast ein Jahrhundert. Und in die Tat umgesetzt wurde er erst nach der Entwicklung der Eisenbahn, als die Kohle das Holz als hauptsächlichen Rohstoff für die Energieerzeugung ablöste. Deswegen die Verklärung des schönen deutschen Waldes in der Romantik. Sie ist mehr der Ausdruck einer Sehnsucht nach dem verlorenen Paradies.

Der Blick in die Geschichte lässt nichts Gutes erahnen – ich muss es leider so deutlich sagen. Wenn wir mit dem Verbrennen von Kohle, Erdöl und Erdgas erst dann aufhören, wenn wir ohnehin genug regenerative Energien zur Verfügung haben, müssen wir noch lange, viel zu lange warten. Wenn es diesmal wieder 100 Jahre von der Theorie der nachhaltigen Entwicklung (in den 1980er Jahren wissenschaftlich etabliert) bis zur Praxis einer Null-Emissions-Gesellschaft dauert, dann wären wir erst 2080 an dem Ziel angekommen, das wir unter allen Umständen vor 2040 erreichen müssen. Seit dem Bekanntwerden des menschengemachten Treibhauseffekts sind vierzig Jahre vergangen – und nichts hat sich geändert, im Gegenteil, wir emittieren mehr Treibhausgase als damals. Es braucht dringend eine grundlegende „ökologische Umkehr“ (Papst Franziskus).

Geht es dem Wald gut, dann geht es auch den Menschen gut. Das ist kurz gesagt die Erkenntnis der Romantik im 19. Jahrhundert. Und daran stimmt tatsächlich sehr viel. Seit damals haben wir Deutschsprachigen eine zärtliche und innige Beziehung zum Wald. Wir suchen ihn auf und fühlen uns darin wohl. Aber hey, dem Wald geht es verflixt schlecht. Er liegt auf der Intensivstation! Um ihn zu retten braucht es volle Anstrengung und alle Kraft – von jedem und jeder von uns! Die Politik schreckt noch immer vor vielen notwendigen Maßnahmen zurück, weil sie unpopulär sind und WählerInnenstimmen kosten. WIR müssen signalisieren, dass wir nur noch die PolitikerInnen wählen, die hier mutig und entschlossen handeln. Denn heute entscheidet sich, ob wir in einigen Jahrzehnten noch einen Wald haben.

Mit diesem Blick weit über den Tellerrand der kleinen Pandemie hinaus grüßt

Michael Rosenberger

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