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Pilgern durch die Coronakrise - 11. April 2021

Liebe Pilgernden in der Osteroktav,

die letzten Wochen haben in Deutschland wie in Österreich eindrucksvoll gezeigt, dass viele PolitikerInnen immer mehr herumlavieren. Wenn sie im Laufe ihrer politischen Karriere etwas gelernt haben, dann, dass es ratsam ist, niemandem wehzutun. Doch genau das geht momentan überhaupt nicht, wenn das Virus besiegt werden soll. Aber wir WählerInnen haben in den letzten Jahrzehnten alle PolitikerInnen mit Rückgrat und klarer Linie abgewählt – sie durften bestenfalls Nischen besetzen. Und jetzt bräuchten wir sie so dringend… Wie heißt es immer so schön? Das Land bekommt die PolitikerInnen, die es verdient…

In der neuesten Ausgabe der ZEIT findet sich ein wundervoller Artikel von Mark Schieritz: https://www.zeit.de/2021/15/corona-impfstrategie-eu-usa-grossbritannien-israel-impfgerechtigkeit-impfstoffexport/komplettansicht Der Autor steigt mit der Frage ein, was passiert, wenn im Theater jemand aufsteht, um eine bessere Sicht auf die Bühne zu haben. Dieser eine würde allen anderen um sich herum die Sicht versperren, so dass auch sie aufstehen müssten. Am Ende stünden alle, hätten alle eine schlechtere Sicht und würden noch dazu das Theaterstück viel unbequemer anschauen als im Sitzen. Wer ins Theater geht, weiß also, dass man das nicht tut. – Beim Einkauf der Impfstoffe hingegen haben nicht alle kapiert, dass es um dasselbe Verhalten geht. Das Impfen ist kein Wettlauf Land gegen Land, sondern Weltbevölkerung gegen Virus. Gewonnen hat die Weltbevölkerung dann, wenn der letzte geimpft ist.

Vor einigen Wochen schrieb mir jemand, dass es ihm sehr unangenehm sei zugeben zu müssen, dass ausgerechnet die größten Idioten auf der politischen Weltbühne beim Kauf der Impfstoffe am klügsten vorgegangen seien. Ich sehe das absolut nicht so. Die größten Idioten auf der politischen Weltbühne – wenn man denn diesen Ausdruck verwenden will – haben sich auch diesmal am idiotischsten benommen. „Idiotisch“ heißt wörtlich übersetzt „eigensinnig“. Und wer wollte bestreiten, dass die großen Rambos auch beim Impfstoffeinkauf extrem eigensinnig gehandelt haben. Das mag ihnen in der eigenen Bevölkerung kurzfristig Anerkennung bringen. Auf lange Sicht aber wird es das internationale Ansehen ihrer Länder weiter beschädigen. Und umgekehrt bin ich zutiefst überzeugt, dass der solidarische Einkauf und die faire Verteilung der Impfstoffe in Europa in einigen Jahrzehnten als großes Highlight gesehen wird.

Wie schon angekündigt werde ich bis Pfingsten die verschiedenen Osterevangelien betrachten. Beginnen möchte ich mit dem ältesten Evangelium nach Markus. Es ist um 70 n.Chr. geschrieben, unmittelbar nach der Zerstörung des Jerusalemer Tempels durch die Römer. Die erzählten Ereignisse liegen also bereits 40 Jahre zurück, schön langsam sterben die unmittelbaren ZeugInnen. Eigentlich hatte das frühe Christentum gedacht, dass bald nach Jesu Auferstehung das Ende der Welt käme und es deswegen kein schriftliches Evangelium brauche. Jetzt läuft ihnen die Zeit davon, und als erster macht sich Markus, der womöglich irgendwo in Rom oder Umgebung lebt, ans Schreiben. Seine Ostererzählung umfasst nur acht Sätze.

Aus dem Evangelium nach Markus

16, 1 Als der Sabbat vorüber war, kauften Maria aus Magdala, Maria, die Mutter des Jakobus, und Salome wohlriechende Öle, um damit zum Grab zu gehen und Jesus zu salben. 2 Am ersten Tag der Woche kamen sie in aller Frühe zum Grab, als eben die Sonne aufging. 3 Sie sagten zueinander: Wer könnte uns den Stein vom Eingang des Grabes wegwälzen? 4 Doch als sie hinblickten, sahen sie, dass der Stein schon weggewälzt war; er war sehr groß. 5 Sie gingen in das Grab hinein und sahen auf der rechten Seite einen jungen Mann sitzen, der mit einem weißen Gewand bekleidet war; da erschraken sie sehr. 6 Er aber sagte zu ihnen: Erschreckt nicht! Ihr sucht Jesus von Nazaret, den Gekreuzigten. Er ist auferstanden; er ist nicht hier. Seht, da ist die Stelle, wohin man ihn gelegt hat. 7 Nun aber geht und sagt seinen Jüngern und dem Petrus: Er geht euch voraus nach Galiläa; dort werdet ihr ihn sehen, wie er es euch gesagt hat. 8 Da verließen sie das Grab und flohen; denn Schrecken und Entsetzen hatte sie gepackt. Und sie sagten niemandem etwas davon; denn sie fürchteten sich.

Nach Markus sind es genau drei Frauen, die zum Grab gehen. Getreu dem alten Sprichwort „tres faciunt collegium“ geht nicht eine Frau allein, auch nicht zwei „besten Freundinnen“, sondern drei: Die kleinste Zahl, die man als Gemeinschaft verstehen kann. Dass Markus ihre Namen nennt, deutet wohl darauf hin, dass die Frauen (oder ihre Nachkommen) in seiner Gemeinde bekannt waren. Allerdings werden sie in allen Evangelien außer bei Lukas (der in Lk 8,1-3 eine „Berufungsliste der Frauen“ verfasst) nur vom Karfreitag bis Ostern erwähnt: Sie stehen unter dem Kreuz, bestatten Jesus in einem Felsengrab und wollen ihn am Ostermorgen salben. Vermutlich haben sie Jesus wie viele andere Männer und Frauen auf seiner gesamten Wanderschaft begleitet – doch wir wissen es nicht. Auch von den männlichen Jüngern erfahren wir kaum etwas. Einzig die Zwölf werden einmal namentlich genannt, und in mehreren Erzählungen tauchen ausdrücklich Petrus, Jakobus, Johannes und manchmal auch Andreas auf. An Namen haben die ersten drei Evangelien nur ein begrenztes Interesse (das vierte Evangelium hingegen kennt mehr Namen, von Frauen und von Männern).

Die Frauen gehen zum Grab, „als eben die Sonne aufging“ (Vers 2). Das ist gemäß jüdischem Gesetz der frühestmögliche Zeitpunkt, weil dann die Sabbatruhe vorüber ist. Dass Markus den Zeitpunkt so sehr betont, deutet aber noch auf etwas anderes hin: Jeden Sonntag feiert die Gemeinde des Markus bei Sonnenaufgang einen kleinen Wortgottesdienst, bevor die ChristInnen zur Arbeit gehen. Der Sonntag war im römischen Reich ja ein Werktag, so dass die Eucharistie erst am Abend nach Sonnenuntergang stattfinden konnte. Aber am Morgen wollte man der eigentlichen Osterbotschaft gedenken, denn die spielte sich am Morgen und nicht am Abend ab.

Die erste österliche Entdeckung der Frauen ist: Der Stein ist schon weg! Damit löst sich ihre größte Sorge in Luft auf. Ihre gewaltige Erleichterung können wir gut verstehen: Auch wir befürchten manchmal Hürden und unüberwindliche Schwierigkeiten, die sich anschließend als nicht existent oder ganz harmlos herausstellen oder von einem Mitmenschen im Handumdrehen aus dem Weg geräumt werden. Wenn wir wissen, dass wir selber eine Hürde nicht überwinden können, lohnt es also gar nicht, sich den Kopf darüber zu zerbrechen. Es braucht Vertrauen und Gelassenheit – und das wird belohnt!

Die zweite österliche Entdeckung der Frauen lautet: Er ist nicht hier! Er wartet auf uns zuhause in Galiläa. Der Abenteuerurlaub mit Jesus ist zu Ende – und das schmerzt. Doch der Auferstandene begegnet nicht im Urlaub, sondern im Alltag. Geht nach Galiläa – das heißt: Geht nach Hause, zurück in eure Heimat, zurück an eure Arbeit, zurück in euren Alltag! Dort ist der Ort der Begegnung mit dem Auferstandenen, dort und nirgendwo sonst! Der Auferstandene lässt sich nur dort erfahren, wo er alltäglich gelebt und gewirkt hat und wo ihr alltäglich gelebt und gearbeitet habt. Dort habt ihr ihn als Mitmensch in seinem vertrauten Umfeld erlebt. Dort wird er euch nun als Auferstandener in neuem Licht erscheinen.

Das ist auf den ersten Blick überraschend und kaum zu glauben, denn zunächst einmal scheint der Alltag profan, „eine Welt der Ferne von Gott” (Karl Rahner). Das mag dramatisch klingen, ist aber relativ nüchtern gemeint. Die Durchschnittlichkeit, die Unauffälligkeit, die ständige Wiederholung – das alles sind Charakteristika, die wir zunächst einmal gerade nicht mit Gott in Verbindung setzen. Festtage und Hochzeiten sind leicht auf Gott zurückzuführen – aber der Alltag? Angesichts dessen ist es eine Art Widerspruch gegen die durchschnittliche Intuition, wenn der christliche Glaube als Kern festhält: Gott hat unser ganzes Leben, unsere Feste und unseren Alltag, angenommen in Jesus Christus: „Dadurch, dass das ewige Wort des Vaters... unser Fleisch, unser Leben, unser Schicksal, unseren Alltag, unseren Tod angenommen hat, dadurch ist unser Leben erlöst, geheiligt...” (Karl Rahner) Gott ist also präsent im Kleinen, Unscheinbaren, Unauffälligen, Gewöhnlichen. Dort soll der Mensch ihn suchen, dort wird er ihn finden. Die ehrlich angenommene Alltäglichkeit birgt das Wunder der Anwesenheit des unfassbaren göttlichen Geheimnisses.

Es gehört daher zu den großen Herausforderungen des geistlichen Lebens, den Alltag sonntäglich zu lieben, ihn unter das österliche Geheimnis von Menschwerdung, Tod und Auferstehung Christi stellen. Der spirituelle Mensch rechnet damit, dass ihm die Nähe und Zuwendung Gottes in den kleinen Dingen seines Alltags zukommt. Er weiß, dass diese gewohnten Winzigkeiten nicht nur einen menschlichen und psychischen, sondern auch einen religiösen Wert haben: Sie sind Spuren Gottes in seinem Leben. Daher geht es darum, gerade den Alltag in neuem Licht zu sehen. Das Leitmotiv des Ignatius von Loyola: „Gott suchen und finden in allen Dingen” ist die Schlüsselidee einer Mystik des Alltags. Sie eröffnet uns die göttliche Gegenwart in jedem Ereignis.

Mit diesem Impuls endet das Markusevangelium. Anders als bei Matthäus wird von der Begegnung mit dem Auferstandenen nichts erzählt. Die müssen sich die HörerInnen des Markus auf Grund ihrer eigenen alltäglichen Christuserfahrung selbst ausmalen. Auch wir sind dazu aufgerufen. Fragen wir uns also: Sind wir dem Auferstanden schon in unserem Alltag begegnet? Und wenn ja, wie haben wir das erlebt? Hat es in unserem Leben und Glauben etwas verändert? Wirkt es gegenwärtig noch in uns nach?

Mit diesen Fragen wünsche ich einen gesegneten Weißen Sonntag und eine gute zweite Osterwoche,

Michael Rosenberger

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