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Pilgern durch die Coronakrise - 14. November 2020

Liebe PilgerInnen-Gemeinschaft auf dem Weg durch das Corona-Tal,
 
jetzt kommt also in Österreich der nächste harte Lockdown. Mindestens drei Wochen lang und einschließlich der Schulen. Der „Lockdown light“ hatte nicht genützt, die Infektionszahlen waren immer weiter hinaufgeklettert. Die Krankenhäuser sind trotz einer im europäischen Vergleich hervorragenden Ausstattung bereits am Limit. Klaus Markstaller, der Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Anästhesie, Reanimation und Intensivmedizin (ÖGARI), warnt bereits davor, dass die Triage nötig werden könnte, also das Entscheiden, wer von zwei Patienten den einen noch vorhandenen Intensiv- oder Beatmungsplatz bekommt. Ich fürchte er wird recht behalten. Jedenfalls wird es jetzt ganz, ganz eng.
 
Durch den harten Lockdown wird nun auch wieder das Problem der Einsamkeit schlagend. Mitunter wird Corona in den Medien als „Einsamkeits-Virus“ bezeichnet oder die Pandemie als „Pandemie der Vereinsamung“. Das macht uns sofort sehr betroffen. Denn Einsamkeit ist etwas vom Schlimmsten, was es gibt. Der Mensch ist ein soziales Lebewesen, er sucht und braucht Gemeinschaft, Austausch, Kommunikation und Kooperation. Er braucht das Gefühl, in ein Netzwerk von Personen eingebunden zu sein. Hat er das nicht, so zeigen empirische Studien, wird er leichter depressiv, ist öfter gestresst und hat ein signifikant erhöhtes Sterberisiko. Einsamkeit macht krank. Aber ist Corona wirklich ein „Einsamkeits-Virus“? Stimmt es, dass Corona einsam(er) macht?
 
Die Psychologie definiert Einsamkeit als subjektiv wahrgenommene Diskrepanz zwischen den gewünschten und den tatsächlich vorhandenen Beziehungen. Der eine braucht ständig viele Menschen um sich herum und fühlt sich schon einsam, wenn er mal eine Stunde allein sein muss. Der andere braucht eher wenig Kontakte und fühlt sich mit seinen Bezugspersonen verbunden, auch wenn er sie wochenlang nicht sieht. Einsamkeit ist also höchst subjektiv. Alleinsein hingegen beschreibt den objektiven Zustand, dass man keine Menschen um sich herum hat. Das kann auch als positiv erlebt und bewusst aufgesucht werden, wie das manche in Tagen der Stille, in Exerzitien oder beim Mitleben im Kloster tun. Menschen können allein sein und sich doch nicht einsam fühlen. 
 
Die mir zugänglichen Einsamkeitsstudien geben ein relativ konstantes Bild: Es gibt in fast allen Industrieländern ungefähr 15 Prozent Menschen, die sich (mehr oder weniger) einsam fühlen. Ob Mann oder Frau, ob jung oder alt, ob reich oder arm, ob mehr oder weniger gebildet, ob verheiratet oder alleinstehend spielt dabei längerfristig keine Rolle. Die Quote bleibt immer gleich. Und man höre und staune: Das ist auch in der Corona-Pandemie nicht anders. Alle bisherigen Studien lassen erkennen, dass die Zahl der Einsamen nach der ersten Welle nicht dauerhaft angestiegen ist. Corona ist offensichtlich ein Katalysator, aber nicht die Ursache von Einsamkeit. Corona macht nicht einsam, sondern macht Einsamkeit sichtbar. 
 
Allerdings heißt das nicht, dass Corona keinerlei Wirkung auf die Seele der Menschen hat. Ein paar vorübergehende signifikante Verschiebungen lassen sich sehr wohl beobachten. Ich berufe mich dabei auf eine Studie der Universität Wien (https://viecer.univie.ac.at/corona-blog/corona-blog-beitraege/blog58/ ), die schreibt:

  • „Nur wenige Menschen fühlen sich in der Krise häufig einsam; seit Ende März sank deren Anteil von 10% auf 6% Anfang Juni.“ Will sagen: Das Einsamkeitsgefühl schwankt durch äußere Einflüsse. Es steigt während des Lockdowns vorübergehend an, es verschwindet aber bei vielen nach Ende des Lockdowns auch sehr schnell wieder. Das ist eine hoffnungsvolle Botschaft.
  • „Arbeitslose Menschen, Schüler*innen und Studierende fühlen sich [während des Lockdowns] häufiger einsam als andere, Pensionist*innen seltener.“ Das heißt: Ältere Menschen können auf Grund ihrer Lebenserfahrungen besser mit dem plötzlichen unfreiwilligen Alleinsein zurechtkommen als jüngere. Sie haben schon mehr Notzeiten erlebt und die Erfahrung gemacht, dass man da durchkommt. Ich habe das selber auch schon von Menschen in Seniorenheimen gehört: Die sehen ihre Situation günstiger als die Menschen außerhalb es von ihnen annehmen.
  • „Mit steigender Einsamkeit sinkt die Wahrscheinlichkeit, die Situation zu akzeptieren, sie positiv umdeuten zu können und ihr mit Humor zu begegnen.“ Das ist der eigentliche Teufelskreis: Wer wenig Humor hat, fühlt sich leichter einsam, und wer sich einsam fühlt, dem fällt der Humor noch schwerer. Da herauszukommen ist keine Kleinigkeit.
  • Allerdings wird umso öfter „instrumentelle Unterstützung (z.B. Hilfe beim Einkaufen) in Anspruch genommen, je größer die Einsamkeit ist.“ Es ist ja gar nicht so leicht, sich helfen zu lassen. Das fällt Einsamen offensichtlich leichter – und das ist ein positiver Mechanismus unserer Psyche.
  • Allerdings hat Einsamkeit auch eine gesundheitsgefährdende Seite: „Die Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus werden umso seltener befolgt, je einsamer Menschen sich fühlen. Bezüglich der Abstandsregeln fällt dieser Effekt aktuell am stärksten aus.“ Einsame nutzen jede Gelegenheit, doch irgendwie Nähe zu spüren, und das führt zu mehr Infektionen und zu länger andauernden Restriktionen. Da schießt sich die Einsamkeit in Corona-Zeiten ein Eigentor.
  • Und ein zweites Eigentor, noch fataler: „Das eigene Verhalten in der Krise wird mit steigender Einsamkeit stärker vom Verhalten anderer abhängig gemacht.“ Will sagen: Je einsamer sich jemand fühlt, umso weniger tut er selber gegen seine Einsamkeit und umso mehr wartet er darauf, dass andere etwas für ihn tun.

 
Eine der Kernbotschaften der gesamten Einsamkeitsforschung der letzten Jahrzehnte ist aber: Um aus der Einsamkeit herauszukommen, muss der Einsame den Großteil selber beitragen. Das können ihm andere nicht abnehmen. Denn sie müssen ja erst einmal wahrnehmen, dass da jemand nicht nur allein ist, sondern sich einsam fühlt – wie gesagt ist das nicht dasselbe. Und der Einsame muss Kontaktangebote auch annehmen. So paradox es ist, gerade die Einsamen lehnen Kontaktangebote ihrer Umgebung sehr häufig ab und finden tausend Gründe, warum ihnen z.B. ein Telefonat nicht hilft.
 
Daran krankt übrigens auch der Versuch Großbritanniens. Das Vereinigte Königreich hat seit 2018 ein Einsamkeitsministerium. Innerhalb von zwei Jahren haben zwei MinisterInnen das Handtuch geworfen, der dritte ist derzeit im Amt, bringt aber auch nichts vorwärts. Das ginge vermutlich nur in totalitären Systemen. In Deutschland ist Einsamkeit bis heute mehr ein ostdeutsches als ein westdeutsches Phänomen – im Osten kümmerte sich bis 1989 der DDR-Staat um soziale Kontakte, während im Westen mehr Eigeninitiative gefordert war (Susanne Bücker 2020). Für Einsamkeit dürfen wir nicht auch noch den Staat verantwortlich machen. 
 
Aber kommen wir zurück auf die Frage, was zu tun ist, wenn sich jemand einsam fühlt, ob während oder außerhalb der Corona-Krise. In Japan kaufen viele Menschen für ihre oft weit entfernt lebenden Eltern, die sie aus Sorge vor Ansteckung derzeit nicht besuchen können, Roboterhunde. Diese nehmen ein Lächeln oder lobende Worte und dank Sensoren auch Streicheln an Kopf oder Rücken wahr. Zudem können sie dank künstlicher Intelligenz ihr Verhalten an die Reaktionen der Menschen anpassen. Die Nachfrage nach solchen Geräten hat seit Corona sprunghaft zugenommen. Nun hat Japan viele eng besiedelte Megastädte, in denen das Halten von Haustieren schwer bis unmöglich ist. Aber Roboter? Gibt es wirklich keine anderen Möglichkeiten? Ich sehe drei bessere Schritte:
-             Den ersten können wir alle gemeinsam machen, nämlich über Einsamkeit reden und das Problem miteinander offen besprechen. Das ist vielleicht einer der großen Fortschritte der Corona-Krise, dass Einsamkeit kein Tabu mehr ist. Es wird viel mehr darüber geredet, es ist keine Schande mehr zu bekennen, dass man sich einsam fühlt.
-             Den zweiten und den dritten Schritt müssen in erster Linie die machen, die sich einsam fühlen – das kann ihnen niemand abnehmen. Sie sollten erstens auf der „Angebotsseite“ ansetzen, also aktiv nach Möglichkeiten zur (virtuellen) Begegnung suchen. Und dann gemeinsam lachen und singen – das geht auch übers Handy! Zugegeben, umarmen und tanzen ist über Handy und Video nicht möglich. Aber es geht auch in der Distanz der Coronaregeln mehr als man denkt. Hier ist unsere Phantasie gefragt und unsere Bereitschaft, etwas zu probieren. „Geht nicht gibt’s nicht“, sagt eine alte Volksweisheit. Das gilt beim Problem Einsamkeit ganz besonders.
-             Der dritte Schritt für einsame Menschen ist das Ansetzen auf der „Nachfrageseite“: Es gilt, dem Bedürfnis nach Begegnung ein machbares Maß zu setzen! Positiv gesagt: Die Quellen des Alleinseins zu entdecken und zu pflegen. Allein sein ist nicht automatisch eine Belastung. Es ermöglicht auch viel, was in der Gemeinschaft nicht geht. So gesehen ist es ein erhebliches Problem, wenn jemand nicht allein sein kann. So wie es für uns Menschen unerlässlich dazugehört, uns in einer Gemeinschaft einzubringen und wohlzufühlen, so gehört es gleichermaßen dazu, alleine glücklich sein zu können. Etwas mit sich und der freien Zeit anfangen zu können.
 
Gerne lade ich daher euch/ Sie alle ein, mir mitzuteilen, was euch/ Ihnen hilft, in der Corona-Beschränkung Kontakte zu pflegen und lebendig zu halten, und welche Wege ihr habt/ Sie haben, Zeiten des Alleinseins erfüllt zu leben. Wenn entsprechend viel zusammenkommt, werde ich davon gerne zusammenfassend berichten, so dass es allen zugänglich wird.
 
Und dann noch etwas in eigener Sache: Ich weiß, dass viele diesen Rundbrief an andere weiterschicken. Das ist sehr willkommen! Ich selber bin mit meiner Adressdatei am oberen Limit angekommen, das ich noch gut managen kann. Aber das Weiterleiten im Bekannten- und Freundeskreis ist ja auch ein Zeichen der Verbundenheit – und vielleicht sogar ein Mittel gegen die Einsamkeit.
 
In diesem Sinne grüßt euch/ Sie mit allen guten Wünschen für die Zeit des Lockdowns,
 
Michael Rosenberger

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