Hinweis

Ihre Browserversion wird leider nicht mehr unterstüzt. Dies kann dazu führen, dass Webseiten nicht mehr fehlerfrei dargestellt werden und stellt ein erhebliches Sicherheitsrisiko dar. Wir empfehlen Ihnen, Ihren Browser zu aktualisieren oder einen der folgenden Browser zu verwenden:

Pilgern durch die Coronakrise - 2. Mai 2021

Liebe Pilgernden in Sichtweite des (Teil-)Ziels, wer schon nach Santiago de Compostela gepilgert ist, kennt den Monte de Gozo, wörtlich übersetzt den Berg der Freude. Es ist jene Erhebung, von der aus man zum ersten Mal die Türme der Basilika von Santiago sieht.

Man ist noch nicht am Ziel, aber man spürt, dass man ihm definitiv sehr nahe ist. Mir scheint, dass wir den Corona-Monte de Gozo so langsam erreichen. Der Impffortschritt in Europa ist beachtlich und beschleunigt sich täglich weiter. Deutschland hat vor einigen Tagen erstmals die Marke von einer Million Impfungen pro Tag überschritten. Die 7-Tages-Inzidenzen in Deutschland und Österreich und vielen weiteren Ländern sinken langsam, aber stetig, ebenso die Zahlen von Covid-PatientInnen auf den Intensivstationen – wenn sie auch noch einige Wochen grenzwertig hoch bleiben werden. Und schließlich ist die baldige Zulassung einer Impfung für junge Menschen in Sichtweite. Viele gute Nachrichten, zu denen für uns Pilgernden noch die dazukommt, dass seit dieser Woche in Bayern wieder Wallfahrten erlaubt sind!
 
Gleichwohl spüren wir im Moment, dass es leichter ist einen Lockdown anfangen als ihn zu beenden: Der Streit um die richtigen Schritte erreicht einen neuen Höhepunkt, etwa ob und wann die Impfpriorisierung aufgehoben werden soll oder welche Freiheiten Geimpfte haben sollen, solange viele noch kein Impfangebot bekommen haben. Das ist eine uralte Erfahrung: Es ist hundert Mal leichter, das Vollfasten zu beginnen als danach in richtiger Weise wieder das Essen zu beginnen. Es ist hundert Mal leichter, in einem Betrieb Arbeitsplätze zu streichen als neue Arbeitsplätze so zu schaffen, dass alle Abteilungen mit deren Verteilung zufrieden sind. Es ist hundert Mal leichter, ein Staatsbudget zu kürzen als es für alle gerecht auszuweiten. Verknappungen reduzieren Ungleichheiten, so dass die meisten damit leben können. Ausweitungen hingegen laufen viel größere Gefahr, Ungleichheiten zu vergrößern – und da regt sich zurecht mehr Protest. Wir werden also jetzt gut aufpassen müssen, dass die neuen Freiheiten möglichst gerecht für alle verteilt werden.
 
Am Monte de Gozo angekommen sollte man aber jene nicht vergessen, die noch weit von ihm entfernt sind. Diese Woche haben uns dramatische Bilder aus Indien erreicht. Heute wurden mehr als 400.000 Neuinfektionen an einem einzigen Tag gemeldet – eine schier unvorstellbar große Zahl. Noch dazu wird in Indien der Impfstoff knapp. Ausgerechnet in Indien, das der weltweit größte Produzent von Impfstoffen und Arzneimitteln ist und von dem in normalen Zeiten auch wir in Europa einen großen Teil unserer Medikamente beziehen. Das ist wirklich bitter, denn Indien war bislang beim Impfen nicht schlecht dabei. Außerdem hängt fast der gesamte afrikanische Kontinent von Impfstoffen aus Indien ab – und droht nun noch weiter zurückzufallen. Wir haben also noch viel zu tun, um wirklich als Menschheit den Kampf gegen Corona zu gewinnen.
 
Ein letztes bemerkenswertes Ereignis dieser Woche ist das Klimaschutz-Urteil des deutschen Bundesverfassungsgerichts. Es dürfte weltweit das erste Mal sein, dass jungen Menschen ein Anspruch auf ein gutes Klima zuerkannt wurde und damit eine Regierung verpflichtet wurde, mehr für den Klimaschutz zu tun. Die Folgen dieses Urteils sind vermutlich noch gar nicht absehbar. Zum einen zwingt es die Regierung, ihre Maßnahmen an die Prognosen der Klimaforschung anzupassen (womit diese Prognosen erstmals auch juristisch anerkannt sind), zum anderen werden mit großer Sicherheit weitere Klagen folgen – in Deutschland und anderswo. Das ist ambivalent: Immer mehr wird unsere Politik von Gerichten gemacht, weil die Politik nicht mehr die Kraft hat, sich gegen die Lobby der Mächtigen und der Populisten zu behaupten. Man kann sagen: Immerhin geschieht dann etwas Gutes und Richtiges. Ja, das stimmt. Aber in einer Demokratie brauchen Entscheidungen den Rückhalt der Bevölkerung – und für den können Gerichte nicht sorgen. Es wird jetzt umso mehr an der Politik, aber auch an uns, der Zivilgesellschaft, liegen, für harte und einschneidende Maßnahmen im Klimaschutz zu werben. Auch dann, wenn sie uns selber weh tun und Änderungen unseres Lebensstils erfordern werden.
 
So will ich nun ein weiteres Osterevangelium betrachten – vermutlich das bekannteste von allen:
 
Aus dem Evangelium nach Lukas
 
24, 13 Und siehe, am gleichen Tag waren zwei von den Jüngern auf dem Weg in ein Dorf namens Emmaus, das sechzig Stadien von Jerusalem entfernt ist. 14 Sie sprachen miteinander über all das, was sich ereignet hatte. 15 Und es geschah, während sie redeten und ihre Gedanken austauschten, kam Jesus selbst hinzu und ging mit ihnen. 16 Doch ihre Augen waren gehalten, sodass sie ihn nicht erkannten. 17 Er fragte sie: Was sind das für Dinge, über die ihr auf eurem Weg miteinander redet? Da blieben sie traurig stehen 18 und der eine von ihnen – er hieß Kleopas – antwortete ihm: Bist du so fremd in Jerusalem, dass du als Einziger nicht weißt, was in diesen Tagen dort geschehen ist? 19 Er fragte sie: Was denn? Sie antworteten ihm: Das mit Jesus aus Nazaret. Er war ein Prophet, mächtig in Tat und Wort vor Gott und dem ganzen Volk. 20 Doch unsere Hohepriester und Führer haben ihn zum Tod verurteilen und ans Kreuz schlagen lassen. 21 Wir aber hatten gehofft, dass er der sei, der Israel erlösen werde. Und dazu ist heute schon der dritte Tag, seitdem das alles geschehen ist. 22 Doch auch einige Frauen aus unserem Kreis haben uns in große Aufregung versetzt. Sie waren in der Frühe beim Grab, 23 fanden aber seinen Leichnam nicht. Als sie zurückkamen, erzählten sie, es seien ihnen Engel erschienen und hätten gesagt, er lebe. 24 Einige von uns gingen dann zum Grab und fanden alles so, wie die Frauen gesagt hatten; ihn selbst aber sahen sie nicht. 25 Da sagte er zu ihnen: Ihr Unverständigen, deren Herz zu träge ist, um alles zu glauben, was die Propheten gesagt haben. 26 Musste nicht der Christus das erleiden und so in seine Herrlichkeit gelangen? 27 Und er legte ihnen dar, ausgehend von Mose und allen Propheten, was in der gesamten Schrift über ihn geschrieben steht. 28 So erreichten sie das Dorf, zu dem sie unterwegs waren. Jesus tat, als wolle er weitergehen, 29 aber sie drängten ihn und sagten: Bleibe bei uns; denn es wird Abend, der Tag hat sich schon geneigt! Da ging er mit hinein, um bei ihnen zu bleiben. 30 Und es geschah, als er mit ihnen bei Tisch war, nahm er das Brot, sprach den Lobpreis, brach es und gab es ihnen. 31 Da wurden ihre Augen aufgetan und sie erkannten ihn; und er entschwand ihren Blicken. 32 Und sie sagten zueinander: Brannte nicht unser Herz in uns, als er unterwegs mit uns redete und uns den Sinn der Schriften eröffnete? 33 Noch in derselben Stunde brachen sie auf und kehrten nach Jerusalem zurück und sie fanden die Elf und die mit ihnen versammelt waren. 34 Diese sagten: Der Herr ist wirklich auferstanden und ist dem Simon erschienen. 35 Da erzählten auch sie, was sie unterwegs erlebt und wie sie ihn erkannt hatten, als er das Brot brach.

 
Es gibt wohl kein anderes Osterevangelium, das die Menschen der letzten 2000 Jahre so berührt hat wie das Emmaus-Evangelium. So liebevoll und detailreich erzählt, so nahe an unseren eigenen Lebenserfahrungen, so tief verbunden mit zweien der grundlegendsten menschlichen Lebensvollzüge, dem Gehen und dem Essen. Schon der Gedanke an diese Erzählung lässt uns das Herz warm werden.
 
Da sind zwei Männer in tiefer Depression und voller Verzweiflung. Unmittelbar vor dem Sabbat haben sie Schreckliches erleben müssen – die brutale Hinrichtung dessen, dem sie die letzten Jahre auf Schritt und Tritt gefolgt waren. Diese wundervolle PilgerInnengemeinschaft hat nun ein jähes Ende gefunden, und sie haben keinerlei Idee, wie ihr Leben weitergehen soll. Nur eines wissen sie: Sie müssen weg von dem Ort des Grauens, hinaus aus dieser Hölle schlimmster Qual. Da bleibt ihnen nichts als die Flucht – so schnell wie möglich so weit wie möglich fort.
 
Vermutlich werden sie eine lange Zeit stumm und wortlos miteinander gegangen sein. Was kann man auch zu dem Geschehenen sagen? Doch irgendwann beginnen sie einen Austausch. Am Anfang wohl sehr zaghaft, stockend, nach Worten ringend. Mit zunehmender Wegstrecke aber lebendiger, leidenschaftlicher und immer dankbarer, reden zu können. Irgendwann kommen sie auf die eine oder andere Bibelstelle, bringen Jesu Hinrichtung mit der jüdischen Bibel in Verbindung. Sie erkennen Verbindungen, entdecken Parallelen zu den Propheten und ahnen, dass Gott gerade in den schwersten Stunden nicht fern von uns ist. Schritt für Schritt wird ihnen klar, dass es so kommen musste. Und es wird ihnen warm ums Herz, das förmlich vor Sehnsucht nach IHM brennt.
 
Sie erreichen das Dorf, in dem sie übernachten wollen. Ob sie das „Bleibe bei uns“ vielleicht eher zueinander sagen, einer zum anderen? „Bleibe bei mir! Lass uns an dieser Stelle nicht auseinandergehen! Wir gehören doch zusammen und haben uns noch viel zu sagen!“ Fest steht jedenfalls: Sie wollen noch nicht auseinandergehen, wollen sich noch weiter austauschen, wollen reden, reden, reden. Das ist ihr wichtigster Wunsch, denn sie erleben das Reden als große Befreiung, als Quelle einer neuen Lebensperspektive.
 
So halten sie in der Gastwirtschaft miteinander Mahl und brechen mit einem Segensgebet das Brot füreinander, so wie es Jesus hunderte Male für sie getan hatte. Und jetzt, erst jetzt, spüren sie: ER ist unter uns! ER bricht das Brot, wenn wir es füreinander brechen. ER spricht zu uns, wenn wir uns über die Schrift austauschen. ER sagt uns zu: „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.“ (Mt 18,20) Nicht zu zweit waren sie unterwegs, sondern zu dritt. Nicht zu zweit haben sie das Brot gebrochen, sondern zu dritt. ER ist immer dabei gewesen.
 
So groß ist ihre Freude, dass sie sofort nach Jerusalem zurückkehren, um den anderen davon zu erzählen. Aus der Flucht wird eine Mission. Aus der Panik eine Befreiung. Aus der drückenden Vergangenheit eine befreiende Zukunft.
 
Ich wünsche uns allen, dass auch wir unsere Emmauswege und Emmausmähler als Befreiung und Auftrag erleben. Und dass wir zu den Menschen unserer Umgebung gehen, um ihnen davon zu erzählen – Gänsehaut-Feeling eingeschlossen!

Mit besten österlichen Grüßen,
 
Michael Rosenberger

Um unsere Webseite für Sie optimal zu gestalten und fortlaufend verbessern zu können, verwenden wir Cookies. Durch die weitere Nutzung der Webseite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen zu Cookies erhalten Sie in unserer Datenschutzerklärung