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Pilgern durch die Coronakrise - 20. April 2020

Liebe österlich Pilgernde,

nach und nach wird der Weg einer schrittweisen Aufhebung von Beschränkungen sichtbar – und doch sind wir noch unendlich weit vom Zustand der Normalität entfernt. Großveranstaltungen wird es noch lange nicht geben. Schulen und Universitäten werden vermutlich bis zum Sommer nicht zum Normalbetrieb zurückkehren, Gast- und Tourismusbetriebe womöglich noch länger nicht. Und ob wir wenigstens irgendwie Sommerurlaub machen können, wenn auch nur sehr bescheiden, steht noch in den Sternen. Vor uns liegt weiterhin ein langer, mühsamer Weg.

Das Johannesevangelium, das wir gestern als Sonntagsevangelium gehört haben, betont zweimal, dass Jesus den JüngerInnen an Ostern erscheint, nachdem er durch verschlossene Türen eingetreten ist (Joh 20,19.26). Für den Auferstandenen sind alle Barrieren überwindbar. Gegenwärtig können wir uns gut in die JüngerInnen hineinversetzen, denn auch wir verbarrikadieren uns hinter verschlossenen Türen und lassen niemanden herein. Manche tun es nur aus Pflichtbewusstsein, manche aus tiefstem Herzen widerstrebend, manche ignorieren die Verbote, andere haben Angst vor Ansteckung und tun es ganz von selbst. Ähnlich dürfte auch in der Jesusgemeinschaft nach dem Trauma des Karfreitags die Stimmungslage sehr unterschiedlich gewesen sein. Das aber Ergebnis war dasselbe: Die kleine Gemeinschaft schottet sich völlig ab und lässt niemanden an sich heran oder zu sich herein.

Für Jesus jedoch gelten diese Barrieren nicht. Sie interessieren ihn überhaupt nicht. Er kommt zu den JüngerInnen so, als würde er die Hindernisse ignorieren. Das ist ein sehr beruhigender Aspekt der Osterbotschaft: Gott kommt auch dort durch, wo selbst das hochmobile Coronavirus keine Chance hat. Er findet Wege zu uns – wir können und brauchen ihm gar nicht allzu sehr entgegengehen. Wir dürfen die Dinge ein Stück weit auf uns zukommen lassen, weil Pläne derzeit sowieso nur auf ein oder zwei Tage im Voraus machbar sind. Wir dürfen, anders gesagt, Gott auf uns zukommen lassen. – Das fällt heute nicht allen gleichermaßen leicht, ich weiß es. In den letzten Jahrzehnten sind die meisten von uns dazu erzogen worden, das eigene Leben zu „managen“, die Zügel in der Hand zu halten und zu planen. Auch ich habe das so gelernt. Jetzt aber müssen und dürfen (!) wir „passiv“ werden, wörtlich übersetzt empfänglich. Um diese Haltung leichter anzunehmen, ist es hilfreich, am Abend eines Tages vor allem auf das zu schauen, was mir (im Guten oder Schlechten) heute widerfahren ist – und nicht auf das, was ich selber (gut oder schlecht) gemacht habe.

Natürlich: Der Auferstandene kommt derzeit zu uns nicht oder nur selten durch die leibhaftige Begegnung mit Mitmenschen. Umso mehr spüren wir plötzlich die Bedeutung der Körperlichkeit. Jahrelang hat es geheißen, dass virtuelle Begegnungen über Skype, Facebook und Online-Spiele die Zukunft sind. Das Smartphone hat das Auto als Statussymbol abgelöst und den gesamten Globus erobert. Immer mehr haben wir – völlig ohne Not, einfach weil wir es cool fanden – unser Leben entkörperlicht. Das ging bis in die Sexualität hinein, wo Cyber-Sex das Geschäft dominiert.

Jetzt merken wir auf einmal, dass diese Entkörperlichung Grenzen hat. Unser Körper und unsere Seele hungern nach Begegnungen mit allen fünf Sinnen, nach leibhaftigen Berührungen und Umarmungen von den Menschen, die uns nahestehen. Das betrifft den zwischenmenschlichen Bereich ebenso wie unsere Gottesbeziehung. Jahrelang wurde der Kirche gesagt, sie müsse vor allem ihre Aktivitäten im Internet ausbauen, sonst erreiche sie die jungen Menschen nicht. Das ist natürlich nicht völlig falsch. Aber derzeit merken wir doch, dass die leibhaftige Begegnung auch für die Gottesbeziehung unersetzlich ist. Die leibhaftige Begegnung mit den anderen Glaubenden und das reale gemeinsame Beten, Singen, Essen und Trinken. Und die leibhaftige Begegnung mit Gott in den Sakramenten. Im Wasser, in Brot und Wein, im Salböl… Das Reden mancher Bischöfe von der „geistigen Kommunion“ ist da ein Rückfall in alte, überwunden geglaubte Zeiten. Es zieht uns den Boden unter den Füßen weg, auf dem wir stehen.

Auch wenn die Kirchen im Laufe ihrer 2000 Jahre Geschichte immer wieder einmal der platonischen Leibfeindlichkeit verfallen sind: Wir bekennen die Auferstehung des „Fleisches“ – einer geschöpflichen Wirklichkeit, die wir uns zwar nicht materiell im Sinne irdischer Physik vorstellen sollten, aber eben doch auch nicht rein geistig. Ich lade daher ein, in den nächsten Tagen einmal ganz bewusst auf die Wahrnehmungen je eines der fünf Sinne zu achten. Gott umarmt uns durch diese fünf Sinne. Es liegt an uns, das wahrzunehmen.

Mit dem heutigen Impuls beende ich den ignatianischen Exerzitienweg. Ab der nächsten Rundmail werde ich mich stärker politischen und sozialethischen Fragen widmen – und daran anschließend in einigen Wochen historischen Erkenntnissen, die uns die Corona-Krise besser verstehen lassen. Der Stoff geht mir so schnell nicht aus, aber der Ausnahmezustand wird ja wohl auch noch länger anhalten. – In diesem Sinne wünsche ich gute und frohe österliche Tage,

Michael Rosenberger

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