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Pilgern durch die Coronakrise - 20. März 2020

Liebe Wandernden durch trübe Tage,

europaweit schnellen die Infektionszahlen wieder steil nach oben. Die dritte Welle trifft uns mit voller Wucht. Es scheint vor allem die britische Variante zu sein, die sich jetzt so stark verbreitet. Über die Hälfte aller neuen Fälle gehen auf sie zurück, und schon in einigen Wochen könnte sie die neue „Normalform“ von Covid-19 sein. Das Erschreckende an ihr ist, dass sie nicht nur infektiöser ist, sondern auch häufiger zu schweren Verläufen führt. Das Durchschnittsalter auf den Intensivstationen ist bereits bei 40 Jahren angekommen, und das liegt nicht nur daran, dass die Über-80-Jährigen weitgehend geimpft sind. Nein, wir haben wohl unterschätzt, welch gravierende Schäden das Virus auch bei Menschen im mittleren und jüngeren Alter anrichten kann. Nicht so oft wie bei den Hochbetagten, aber eben doch.

Immer klarer wird nun auch, wie rigide die USA und Großbritannien den Export des Impfstoffs unterbinden, während Europa bisher den solidarischen Weg beschritten hat, Impfstoffe ins Nicht-EU-Ausland hinauszulassen. Dass die EU jetzt zunehmend über Exportverbote nachdenkt, ist folgerichtig, aber eigentlich traurig. Die Weltgemeinschaft sitzt in der Pandemie in einem Boot. Besiegt ist das Virus erst, wenn es weltweit (!) ausgerottet oder auf eine Restgröße reduziert ist. Ansonsten werden immer wieder Mutationen zu uns kommen, gegen die unsere Impfungen nichts ausrichten – und dann geht es von vorne los. Angesichts dessen ist die Devise „mehr Impfstoff kaufen“ sehr töricht. Sie muss lauten: „mehr Impfstoff produzieren“ – und zwar weltweit für alle Menschen. Da dürfen die Patente der Hersteller keine Barrieren aufbauen. Sofern es hilft, muss man an Zwangslizenzen denken, mit denen auch Fabriken in ärmeren Ländern Impfdosen nach der „Bauanleitung“ westlicher Firmen herstellen. Und: Bis Jahresende wird Europa doppelt so viel Impfstoff zur Verfügung haben, wie es zur Impfung all seiner Menschen braucht. Kanada sogar das Vierfache. Man sollte schon jetzt Vereinbarungen treffen, wie dieser Überschuss abgegeben werden kann, damit die Empfängerländer sich auf ihre Impfkampagnen vorbereiten.

Der morgige fünfte Fastensonntag, der sogenannte Passionssonntag, der die Tür zur Karwoche bereits weit öffnet, schenkt uns eine wundervolle Lesung aus dem Hebräerbrief, die ich heute meditieren möchte.

Lesung aus dem Hebräerbrief

Christus hat in den Tagen seines irdischen Lebens mit lautem Schreien und unter Tränen Gebete und Bitten vor den gebracht, der ihn aus dem Tod retten konnte, und er ist erhört worden aufgrund seiner Gottesfurcht. Obwohl er der Sohn war, hat er durch das, was er gelitten hat, den Gehorsam gelernt; zur Vollendung gelangt, ist er für alle, die ihm gehorchen, der Urheber des ewigen Heils geworden.

In den Evangelien ist nur selten von negativen Emotionen Jesu die Rede – und ganz besonders selten von Schmerz, Angst und Trauer. Beim Besuch am Grab seines verstorbenen Freundes Lazarus ist Jesus „erschüttert“ ob der Tränen vieler umstehender Menschen (Joh 11,33). Bei seiner Ankunft auf dem Ölberg und dem ersten Blick auf Jerusalem weint er (Lk 19,41). Doch sonst halten sich die Evangelisten mit solchen Bemerkungen völlig zurück. Fast scheint es ihnen peinlich, von Jesus solche Gefühlsregungen zu erzählen. Das gilt selbst für jene Begebenheit, auf die der Hebräerbrief in der heutigen Lesung anspielt: Das Gebet Jesu im Garten Getsemani am Abend vor seiner Hinrichtung. 

Die ersten drei Evangelien versuchen immerhin noch, die Gemütsverfassung Jesu zu beschreiben. Bei Mattäus und Markus klingt das so: „Da ergriff ihn Furcht (Mk)/ Traurigkeit (Mt) und Angst und er sagte zu ihnen: Meine Seele ist zu Tode betrübt.“ (Mk 14,33; Mt 26,37) Lukas, immer an medizinischen Details interessiert, benennt den Angstschweiß Jesu: „Und er betete in seiner Angst noch inständiger und sein Schweiß war wie Blut, das auf die Erde tropfte.“ (Lk 22,44) Das Johannesevangelium hingegen verschweigt das Ölberggebet Jesu ganz – das geht Johannes dann doch zu weit, von einer Angstsituation Jesu zu erzählen. Bei ihm beginnt die Passion direkt mit der Gefangennahme Jesu.

Der Hebräerbrief ist da eine positive Ausnahme. Denn einerseits stellt er Jesus als den ewigen Hohenpriester vor, der größer und mächtiger ist als alle Hohenpriester in der Geschichte Israels. Andererseits sind ihm die menschlichen Gefühlsregungen Jesu am Ölberg enorm wichtig. Von „lautem Schreien und Tränen“ Jesu ist sonst nirgends die Rede. Aber hätte es sie nicht gegeben, wie hätte der unbekannte Verfasser des Hebräerbriefs von ihnen unwidersprochen schreiben können? Ja, Jesus wird am Ölberg geschrien und geweint haben – und vielleicht ist es gerade deswegen, dass sich die drei anwesenden Jünger schlafend stellten, damit sie dazu nicht Stellung beziehen mussten. Waren sie in Wirklichkeit gar nicht müde, sondern schlicht überfordert?

„Er hat durch Leiden den Gehorsam gelernt“, interpretiert der Hebräerbrief das Geschehen. Den Gehorsam lernen, das klingt in heutigen Ohren sehr pädagogisch moralisierend. Aber es geht nicht um eine Schullektion, sondern um das schwerste, was wir alle im Leben früher oder später lernen müssen: Das Sterben. Hier schlägt der Text die Brücke zu Abraham, der seinen Sohn loslassen muss, wie wir am zweiten Fastensonntag gelesen haben. Dem Willen des Schöpfers gehorchen, der uns sterblich geschaffen hat und irgendwann aus dieser Welt abberuft, das ist es, was Jesus wie wir alle unter Schmerzen, Schreien und Tränen lernen muss. Es ist ihm ebenso wenig wie uns in den Schoß gefallen.

Wenn die Kirche uns diese Lesung in der Fastenzeit vorlegt, dann vermittelt sie uns die Fastenzeit als Zeit, den „Gehorsam“ in diesem Sinne zu lernen. Wir müssen gar nicht sagen, dass wir Gott gehorchen. Wir dürfen ruhig sagen, wir gehorchten der Natur und ihren Gesetzen des Werdens und Vergehens, oder wir gehorchten unserem Körper und seiner Zerbrechlichkeit. Aber gehorchen müssen wir, denn wir werden nicht gefragt, ob und wann wir sterben wollen – und das ist das entscheidende. Irgendwann ist der Moment da – und dann bleibt uns nichts als ihn anzunehmen wie Jesus.

Dass uns diese Bereitschaft geschenkt wird, wünscht

Michael Rosenberger

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