Hinweis

Ihre Browserversion wird leider nicht mehr unterstüzt. Dies kann dazu führen, dass Webseiten nicht mehr fehlerfrei dargestellt werden und stellt ein erhebliches Sicherheitsrisiko dar. Wir empfehlen Ihnen, Ihren Browser zu aktualisieren oder einen der folgenden Browser zu verwenden:

Pilgern durch die Coronakrise - 24. Februar 2021

Liebe PilgerInnen auf dem Weg nach Ostern,
 
passend zu meiner Predigt des letzten Sonntags ist vorgestern ein Interview mit mir im Kurier erschienen: https://kurier.at/chronik/oberoesterreich/industrielle-tierhaltung-ist-nicht-verantwortbar/401194165

Allerdings hat sich in die Überschrift ein kleiner Irrtum eingeschlichen: Mein Ziel ist nicht eine Reduktion des Fleischverzehrs (derzeit über 60 kg pro Person und Jahr) um ein Viertel bis ein Drittel, sondern auf ein Drittel bis ein Viertel – ein wesentlicher Unterschied! Naja, so entstehen Gerüchte…
 
Vom 26.3. (Freitag vor Palmsonntag) bis 4.4. (Ostersonntag) halte ich wieder ein Fastenseminar. Die TeilnehmerInnen verzichten die gesamte Karwoche auf feste Nahrung. So wie es derzeit aussieht, wird das Seminar online per Zoom-Videokonferenz stattfinden müssen. Für die Oberösterreicher ist das traurig, für entfernter Wohnende vielleicht eine Chance zum Mitmachen. Jeden Abend (je nach Corona-Lage in der zweiten Wochenhälfte Spätnachmittag) treffen wir uns eine Stunde zum Austausch und zum Bibelgespräch über Ausschnitte aus dem Buch Ezechiel. Alle OfteringerInnen und HörschingerInnen melden sich bitte wie gewohnt bei Hans Scheidleder an, FreundInnen der Elisabethinen ebenfalls wie gewohnt bei Sr. Rosa. Sollten Personen von anderen Orten aus mitmachen wollen, melden sie sich bitte direkt bei mir an. Anmeldeschluss ist der 20.3.21.
 
Heute möchte ich den Blick auf ein Problem richten, das in umweltethischen Debatten schon seit einem halben Jahrhundert eine große Rolle spielt, aber aktuell auch für die Corona-Pandemie erhebliche Bedeutung hat: Das Problem der „Commons“ oder der „Allmende“. Blenden wir kurz 60 Jahre zurück: Mitten hinein in den Fortschrittsoptimismus der 1960er Jahre betätigte der Ökologe Garrett Hardin (1915 – 2003) eine schrille Sirene: In einem Essay für die Zeitschrift Science unter dem Titel „The Tragedy of the Commons“ behauptete er 1968, es gebe Menschheitsprobleme, für die es keine technische Lösung gebe, sondern nur eine Lösung auf der Ebene von Werten und Moral. Diese Kategorie menschlicher Probleme nannte er die „no technical solution problems“. 
 
Hardin erklärt das mit Rückgriff auf die seit dem Mittelalter üblichen Gemeindeweiden, die Allmende, auf die alle Bauern eines Dorfs ihre Tiere stellen konnten. Auf einer Gemeindeweide sucht jeder Hirt vernünftigerweise das Maximum des eigenen Vorteils: Wenn er ein Tier mehr auf die Weide stellt als die anderen, ist die Gesamtmenge des Futters pro Tier noch fast die gleiche, so dass sein Gewinn fast exakt einem zusätzlichen wohlgenährten Tier entspricht. Der Verlust, der durch das Überweiden der Gemeindealm entsteht, wird aber durch alle Hirten geteilt, ist für ihn also im Vergleich zum Gewinn sehr gering. Betriebswirtschaftlich ist es folglich vernünftig, dass der Hirte ein Tier mehr auf die Weide stellt und noch eines mehr und noch eines… Das ist aber für alle beteiligten Hirten vernünftig, und alle werden es so machen. Das Ergebnis ist, dass am Ende allen die Nahrungsgrundlage für ihr Vieh entzogen ist – alle machen einen schweren Verlust, weil ihre Tiere verhungern.
 
Nun haben die mittelalterlichen Hirten eines Dorfes dafür Lösungen gefunden. Allerdings, so Hardin, sind diese bislang zu wenig reflektiert und verallgemeinert worden, um sie auf die großen Umweltprobleme der Gegenwart anzuwenden. Genau hier setzte Elinor Ostrom (1933 – 2012) an und machte sich auf die Suche nach einer Theorie kollektiven Handelns. Für ihre Forschungen hat sie 2009 den Nobelpreis für Ökonomie erhalten. Ostrom fragte: Welche Abmachungen würden die Hirten klugerweise treffen, um das Allmende-Problem nachhaltig und fair zu lösen? Dazu analysierte sie real existierende Modelle, zum Beispiel die Bewirtschaftung von gemeinschaftlichen Hochgebirgsalmen in der Schweiz und in Japan sowie von gemeinschaftlichen Bewässerungssystemen in Spanien und auf den Philippinen. Aus den daraus gewonnenen Erkenntnissen entwickelte sie so genannte Designprinzipien, die eine erfolgreiche Bewirtschaftung von „common pool resources“ ermöglichen.
 
Eine letzte wichtige Erkenntnis hat 2007 der Ökonom Scott Barrett präsentiert. Er unterscheidet drei Kategorien von Global Public Goods (GPGs) mit je eigenen Herausforderungen und Lösungen:

  • „Single best effort GPGs“ sind solche globalen öffentlichen Güter, die ein einziger Akteur für alle anderen bereitstellt. Das tut er, weil er sich einen wirtschaftlichen Vorteil davon erhofft, dieses Gut mit allen zu teilen. In Zeiten der Pandemie kann man zum Beispiel an die Impfstoffentwicklung und -produktion denken: Einige wenige Unternehmen entwickeln Impfstoffe, die anschließend alle Länder kaufen oder in Lizenz produzieren können. Die ethischen Herausforderungen sind (jenseits der Frage des Preises) bei solchen Gütern eher gering, was nicht heißt, dass das Richtige immer leicht durchsetzbar ist.
  • „Aggregate effort GPGs“ sind solche globalen öffentlichen Güter, deren Erreichung kumulativ aus der Summe aller Einzelanstrengungen entsteht: Nicht alle, aber doch die meisten müssen aktiv mitmachen, um den Erfolg zu erzielen. In diese Kategorie fällt die klassische Allmende, die Hardin und Ostrom untersucht haben. Als eine Art globale Gemeindeweide gehören praktisch alle großen Umweltprobleme in diese Kategorie: Der Schutz der Ozonschicht, die Herstellung von Ernährungssicherheit, die Begrenzung der Klimaerwärmung und der Erhalt der Biodiversität. Diese Kategorie ist ethisch betrachtet die schwierigste, denn sie hat zwei prinzipielle Probleme: Erstens das Trittbrettfahrerproblem, dass im Falle der Zielerreichung auch jene in den Genuss des erreichten Guts kommen, die dazu nichts beigetragen haben (auch der genießt ein gutes Weltklima, der selber seine Treibhausgasemissionen nicht reduziert hat, wenn es nur genügend andere getan haben). Zweitens das Versicherungsproblem, dass man denen den Schutz nicht garantieren kann, die in die „Versicherung“ einzahlen (wenn sich zu wenige am Klimaschutz beteiligen, haben auch die kein gutes Klima, die sich für Klimaschutz engagiert haben). – Um die beiden Probleme zu lösen, braucht es strenge Sanktionen. Das gilt in der Pandemie z.B. für die Einhaltung der Hygiene-Regeln. Für die Impfung braucht es allerdings (voraussichtlich) keine Sanktionen: Zwar kann die Herdenimmunität nur erreicht werden, wenn sich mindestens 70 Prozent der Bevölkerung impfen lassen, und dann sind auch die TrittbrettfahrerInnen geschützt. Aber ein Geimpfter hat auch ohne Herdenimmunität mindestens für einige Jahre einen wirksamen Schutz, ist also erfolgreich versichert. Und die TrittbrettfahrerInnen müssen zumindest für längere Zeit damit rechnen, bestimmte Veranstaltungen ohne Impfzeugnis nicht besuchen zu können. Es gibt also durchaus gute Gründe, dass sich die meisten impfen lassen und die Herdenimmunität ohne Sanktionen (Impfpflicht) erreicht wird – und das deutet sich ja auch schon an. – Und jetzt kommt die dritte und für die Impfung spannendste Kategorie:
  • „Weakest link GPGs“ sind solche globalen öffentlichen Güter, bei denen das schwächste Glied der Akteurs-Kette über den Erfolg bestimmt. So ist die Ausrottung eines Krankheitserregers nur möglich, wenn er auch im ärmsten Land der Welt ausgerottet wird. Die reichen Länder haben daher ein Interesse daran, dem armen Land zu helfen, denn es kommt auf alle ohne Ausnahme an. Ansonsten kehrt der Erreger irgendwann als Mutation in die reichen Länder zurück und überlistet die dort vorhandenen Impfungen. Den PolitikerInnen ist dieser Mechanismus absolut klar, weswegen die Europäische Union von Anfang an viel Geld in einen Fonds zur Impfung der ärmsten Länder eingezahlt hat (den sogenannten Covax-Fonds). In den öffentlichen Debatten bei uns wird dieser Aspekt derzeit aber meistens vergessen: Alle schauen nur auf sich selber und wollen selber schnell geimpft werden. Doch schon jetzt sehen wir das Problem: Je länger das Virus ungehindert kursiert, umso mehr Mutationen bildet es, und umso schwieriger wird es mit den Impfungen. Wir hätten also sehr gute Gründe, alles Erdenkliche zu tun, so schnell wie möglich die ganze Welt und nicht nur unsere eigene Bevölkerung zu impfen. – Und ein weiteres kommt im Fall von Corona dazu: Vielleicht ist das schwächste Glied der Kette in diesem Falle nicht einmal eine Gruppe besonders armer Menschen, sondern eine Tierspezies. In den dänischen Nerzfarmen haben wir gesehen, dass das Virus schnell überspringt und sich in den Nerzen verändert. Wir müssten also so schnell wie möglich die Nutzung sämtlicher Tierarten einstellen, auf die das Virus vermutlich überspringen kann, oder auch für diese Tierarten Impfungen entwickeln. Sage niemand: Lasst uns doch erst einmal unser Land durchimpfen, und dann widmen wir uns diesen größeren Problemen. Nein, wenn wir bis dahin zuwarten, sind die genannten schwächsten Glieder womöglich schon zur Brutstätte problematischer Mutationen geworden. Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit. Der Kampf gegen das Virus hat viele Fronten.

 
Das Geniale an den „weakest link GPGs“ ist, dass sie die Reichen zum sozialen Verhalten gegenüber den Ärmsten zwingen, wenn sie sich selber schützen wollen. Allerdings müssen das erst einmal alle wahrnehmen. Davon sind wir leider auch ein Jahr nach Beginn der Pandemie weit entfernt. 
 
Mit dem Wunsch, dass wir über den Tellerrand unserer eigenen Probleme hinausschauen, so groß diese auch sein mögen, grüßt
 
Michael Rosenberger

Um unsere Webseite für Sie optimal zu gestalten und fortlaufend verbessern zu können, verwenden wir Cookies. Durch die weitere Nutzung der Webseite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen zu Cookies erhalten Sie in unserer Datenschutzerklärung