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Pilgern durch die Coronakrise - 24. März 2021

Liebe Pilgernden auf dem Weg zur Heiligen Woche, die Ergebnisse der Pandemie-Gipfel von Bund und Ländern sowohl in Österreich als auch in Deutschland haben weithin Erschrecken und Verzweiflung hervorgerufen. In Österreich hat man praktisch gar nichts entschieden, in Deutschland einen lächerlichen Mini-Lockdown über Ostern.

Die Infektionszahlen werden also weiter in die Höhe schnellen, die Intensivstationen an die Kapazitätsgrenzen kommen (in Wien sind sie es bereits), die Sterbefälle erschütternd viele sein. Und was passiert? JedeR schiebt den anderen die Schuld zu. Die Regierung verkauft hilflose Maßnahmen als weise und effizient – und niemand glaubt es. Die Opposition fordert Alternativen – kann aber selber keine benennen. Die Medien konstatieren ein Totalversagen – und haben leicht reden. Und die Bevölkerung ruft nach der Regierung – sieht aber nicht, was sie auch selber beitragen muss. 

Ehrlich gesagt drängt sich mir folgendes Bild auf: Da spielt eine Dorfmannschaft gegen Real Madrid. Sie kassiert alle paar Minuten ein Tor. Aber anstatt sich den Klassenunterschied einzugestehen und zu sagen „wir sind eben nur eine Dorfmannschaft“, zerfleischen sich die elf Spieler in gegenseitiger Kritik. Der Tormann macht dem Stürmer Vorwürfe und der Mittelfeldspieler dem Verteidiger. Nach dem Spiel löst sich die Mannschaft auf, weil sie sich zu tief zerstritten hat. – Jetzt möchte vielleicht mancheR einwenden, Deutschland und Österreich seien doch keine Dorfmannschaften, sondern hoch entwickelte Industrieländer. Da müsse das doch anders gehen! Nun ja. Das Virus spielt dennoch in einer anderen Liga – solange, bis die Impfungen die Mehrheit der Bevölkerung erreichen. 

Ja, aber kann das nicht schneller gehen? Ich bitte, sich zu erinnern: Vor einem Jahr, an Ostern 2020, hieß es, ein Impfstoff werde frühestens im Sommer 2021 zur Verfügung stehen und frühestens Anfang 2022 die Mehrheit der Bevölkerung geimpft sein. Damals hat niemand geklagt. Wir haben diesen Zeitraum als unglaublich schnell angesehen. Jetzt ist der Impfstoff ein halbes Jahr früher als damals gesagt auf den Markt gekommen, und die Durchimpfung wird ebenfalls ein halbes Jahr früher erreicht – und alle finden das unerträglich langsam. Es scheint, als würden wir vom Zauberer träumen, der uns von heute auf morgen durchimpft. Den mag es im Kindermärchen geben, aber wir wissen, dass es nur Märchen sind. 

Was ich sagen will: Wir sollten uns miteinander eingestehen, dass wir noch ein paar Monate „Dorfmannschaft“ sind und erst ab dem Sommer in die Champions League aufsteigen. Und wir sollten uns bewusst machen, dass ein so atemberaubend schneller Aufstieg von ganz unten nach ganz oben trotz allem sensationell ist. Wie viele Menschheitsgenerationen vor uns konnten gar nicht in die Champions League aufsteigen, sondern sind dauerhaft Dorfmannschaft geblieben! Sie mussten darauf warten, dass irgendwann das Virus aus der Champions League in die unterste Spielklasse absteigt – und das dauerte meist Jahrzehnte!

Zwei tröstende Impulse möchte ich ergänzen: Heute ist die Stationskirche, in der die Diözese Rom die Messe feiert, die Kirche San Marcello al Corso. In dieser Kirche befindet sich das Pestkreuz, das Papst Franziskus vor genau einem Jahr zuerst auf den Petersplatz und dann in den Petersdom geholt hatte, um vor ihm Trost in der Pandemie zu finden. Wer will, kann es sich hier ansehen: www.katholische-sonntagszeitung.de/Nachrichten/Vatikan-laesst-wundertaetiges-Pestkreuz-herbeiholen-Donnerstag-26.-Maerz-2020-16-31-00 Gerade in dieser Zeit der Pandemie dürfen wir auf den Gekreuzigten schauen: Er geht den Weg der Mühsal und des Leidens mit uns.

Und der zweite Trost: Ab Freitag fasten 25 Personen mit mir, wir treffen uns allabendlich eine Stunde zum Austausch und Schriftgespräch. Nie war mir die Fastengruppe so wertvoll wie jetzt. Es ist ein wundervoller Weg, sich gegenseitig zu stärken und Kraft zu schöpfen. Alle, die nicht teilnehmen können oder wollen, lade ich daher ein, sich auch in kleinen Gruppen zusammenzutun und den Weg durch die Heilige Woche im Austausch miteinander zu gehen. Die elektronischen Möglichkeiten sind mittlerweile fast jedem zugänglich, es liegt also nur an uns, was wir daraus machen.

Doch jetzt zum heutigen Thema: „Bücher wirft man nicht weg!“ So lautet eine alte Weisheit. Dahinter steht sicher noch die alte Erfahrung, dass Bücher von Hand geschrieben wurden und tausende Arbeitsstunden gekostet haben. Ein mittelalterliches Buch kostete ein Vermögen – privat konnten sich das höchstens hohe Adlige oder Geistliche leisten. Die meisten Bücher waren Gemeinschaftsbesitz, in Klöstern, an Universitäten oder in königlichen Kanzleien. Mit der Erfindung des Buchdrucks durch Johannes Gutenberg um 1450 wurde das schon etwas anders. Nun waren manche Bücher auch für wohlhabende Bürgerfamilien erschwinglich – und die erkannten schnell, welche Möglichkeiten darin lagen. Trotzdem blieben Bücher teuer – zum Schnäppchen für jedermann wurden sie erst im 20. Jahrhundert. „Bücher wirft man nicht weg!“ Diesen Satz können wir seitdem immer weniger verstehen.

Von Franz von Assisi wird erzählt, dass er auch den kleinsten Fetzen Papier, auf dem nur ein einziger Buchstabe stand, aufhob. Er, der selber wohl nur schlecht lesen und schreiben konnte, hatte eine geradezu abgöttische Verehrung für das geschriebene Wort. Und die JüdInnen haben praktisch in jeder Synagoge eine Geniza. Das ist ein manchmal vermauerter Hohlraum zur Aufbewahrung verbrauchter liturgischer und religiöser Schriften. Gerade auf dem Gebiet des sogenannten Dritten Reichs sind Genizas eine Fundgrube, weil sie oft sowohl die Pogromnacht 1938 als auch die Luftangriffe überstanden haben. Eingemauert konnten die Bücher nicht verbrennen. Da entdecken wir immer wieder große Kostbarkeiten des früheren jüdischen Lebens bei uns.

Nicht wenige haben mir erzählt, dass sie die ersten Wochen und Monate der Pandemie unter anderem dafür genützt haben, ihren Bücherschrank zu durchforsten. Auch ich habe das getan. Da ich aus Platzgründen kleinere Bücher in Doppelreihen hintereinander stehen habe, war die „zweite Reihe“ oft längst vergessen. Ach, das hast du ja auch noch, sagte ich dann zu mir selber, wenn ich wieder etwas entdeckte, oder: Ach, hier ist das! Ohne zusätzliche Bücherregale anzuschaffen, für die gar kein Platz wäre, habe ich den Buchbestand so weit reduziert, dass er jetzt wieder (fast) in eine Reihe passt. Die überzähligen Bücher sind entweder im Bestand unserer Universitätsbibliothek gelandet (soweit es um wissenschaftlich interessante Bücher ging) oder im Regal unseres Uni-Bücherflohmarkts, wo sie Interessierte gratis entnehmen können. Ein paar wenige, die weder für das eine noch für das andere geeignet waren, sind – ich bekenne es – im Altpapiercontainer verendet.

Noch spannender war für mich aber, dass ich einige Bücher zum ersten Mal seit zwanzig oder mehr Jahren wieder gelesen habe. Das gilt für wissenschaftliche Bücher ebenso wie für spirituelle Literatur, aber auch Romane und Belletristik. Mitunter war ich etwas ernüchtert, weil ich ein Buch als viel packender und beeindruckender in Erinnerung hatte als ich es jetzt wahrnahm. Mitunter habe ich aber auch Bücher viel tiefer verstanden, eine Menge neue Aspekte darin entdeckt und mich gewundert, wie ich die damals bei früheren Lektüren übersehen konnte. Und schließlich habe ich mich manchmal auch daran erinnert, wo und unter welchen Umständen ich das betreffende Buch zum ersten Mal gelesen habe. Dann wurde mir ein Stück meiner Lebensgeschichte wieder lebendig. 

Vielleicht ist es euch/ Ihnen ja ähnlich ergangen. Die Pandemie war und ist jedenfalls ein Anstoß, wieder mehr zu lesen – gegen die Verlockungen von Smartphone, Computer und anderen elektronischen Medien. Und in einer Textlänge, die über die Größe eines Bildschirms hinausgeht…

In diesem Sinne wünsche ich ein gesegnetes Zugehen auf die Heilige Woche,

Michael Rosenberger

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