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Pilgern durch die Coronakrise - 26. Dezember 2020

Liebe LeserInnen meiner Gedanken in Corona-Zeiten,

zunächst einmal hoffe ich, dass alle einen gesegneten und stärkenden Heiligen Abend und ersten Weihnachtsfeiertag begehen konnten. Wenn die Abläufe auch anders waren als gewohnt, kann die Verbundenheit in Familie und Freundeskreis dennoch ihren Ausdruck finden und spürbar werden. Uns bringt auch Corona nicht auseinander, sondern vielleicht sogar näher zusammen.

Leider etwas zu spät für den Weihnachtsrundbrief erhielt ich den Link von Christian Stegmann zu einem Krippenspiel der Kinder von St. Johannes Kitzingen. Da Weihnachten wie Ostern nach dem offiziellen liturgischen Kalender der Kirche acht Tage, also bis Neujahr gefeiert wird, bleibt für alle noch genügend Zeit, sich diese wunderschöne Präsentation anzusehen und in die leuchtenden Augen der Kinder zu blicken: https://www.youtube.com/watch?v=oVrZMSuRBNw&t=106s

Normalerweise hätte ich heute Vormittag in meiner Heimatpfarrei den Hauptgottesdienst gehalten und dort viele vertraute Menschen getroffen. Zum ersten Mal seit ich in Linz bin war dies nicht möglich. Umso mehr möchte ich die Gelegenheit nutzen, meine Predigt über den hl. Stephanus auf diesem Wege an den Mann und die Frau zu bringen. Denn der Heilige dieses Tages ist aktueller denn je. Damit verbinde ich auch meinen Namenstagsglückwunsch an alle Stephans und Stephanies.

PREDIGT ZUM FEST DES HL. STEPHANUS

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Kinder,

vor neun Wochen, am 16. Oktober 2020, wurde der französische Lehrer Samuel Paty in der Nähe seiner Mittelschule im Pariser Vorort Conflans-Sainte-Honorine auf offener Straße von einem islamistischen jungen Mann enthauptet. Paty hatte am 5. und 6. Oktober 2020, wie im Lehrplan vorgesehen, in zwei Klassen der gleichen Jahrgangsstufe zum Recht auf Meinungsfreiheit unterrichtet. Dabei nutzte er auch die Mohammed-Karikaturen aus der Satirezeitschrift Charlie Hebdo. Bevor er den SchülerInnen die Karikaturen zeigte, darunter eine, die den Propheten Mohammed mit nacktem Hintern zeigt, stellte Paty allen Anwesenden frei, das Klassenzimmer zu verlassen oder den Blick abzuwenden, falls die Karikaturen sie beleidigen könnten.

Wohlgemerkt: Paty hatte die Karikaturen nicht gezeichnet und auch nicht veröffentlicht. Er wollte mit seinen SchülerInnen nur an Hand ihres Beispiels über das Menschenrecht auf Meinungsfreiheit diskutieren. Die anwesenden SchülerInnen haben das auch alle verstanden und respektiert. Nur eine Schülerin, die an diesem Tag krank war und erst am nächsten Tag davon hörte, erzählte es ihrem Vater – und dann nahm das Unheil über die sozialen Medien seinen Lauf. Weder der postende Vater noch der den Post lesende Täter, der Paty ermordete, hatten mit dem Lehrer gesprochen.

Das Beispiel zeigt, wie schwer es sein kann, andere Meinungen auszuhalten, wenn diese unsere intimsten religiösen oder weltanschaulichen Überzeugungen berühren. Und natürlich kann man über die Qualität und das Niveau der Karikaturen zurecht diskutieren. Der Papst mit nacktem Hintern hätte uns sicher auch nicht gefallen. Aber die Religion ist nicht sakrosankt. In einer aufgeklärten, pluralen Gesellschaft muss sie es sich gefallen lassen, hinterfragt zu werden, ebenso wie jede andere Weltanschauung. Auch wenn es sehr weh tut.

Die feste Bereitschaft, andere Meinungen zu ertragen, wo es richtig weh tut, nennen wir Toleranz. Toleranz heißt nicht, die eigene Überzeugung aufzugeben oder zu verleugnen. Toleranz heißt schon gar nicht, dass es einem wurscht ist, was andere denken. Nein, das lateinische tolerari heißt schmerzvoll erdulden. Es tut „sakrisch weh“, tolerant zu sein. Denn wir fühlen uns an unserer empfindlichsten Stelle getroffen, dort, wo wir von etwas tief und fest überzeugt sind.

Wäre es dann nicht besser, man würde die Toleranz aufgeben? So dachten die Menschen Europas über viele Jahrhunderte. Die Folge waren Glaubenskriege, Hexenverfolgung und Inquisition. Erst als diese nicht mehr auszuhalten waren, am Ende des 18. Jh., ließen sich die Herrscher Europas auf die Toleranz ein. In Österreich verfügt Kaiser Joseph II. 1781 das berühmte Toleranzpatent, das den NichtkatholikInnen die Möglichkeit gab, Gotteshäuser zu bauen und ihren eigenen Glauben zu leben. Allerdings war es nur Toleranz, keine Religionsfreiheit. Die evangelischen Kirchen durften von außen nicht als Kirchen zu erkennen sein und waren schon gar nicht gleichberechtigt. Das kam erst wesentlich später.

Liebe Schwestern und Brüder, der Heilige des heutigen Tages, der heilige Stephanus, war so etwas wie der Mohammed-Karikaturist der frühen Kirche. Vermutlich ein bisschen geschmackvoller und intelligenter, aber nicht weniger provokant. Denn wie Jesus selbst stellte er die Existenz des Jerusalemer Tempels in Frage (Apg 6,14). Für ihn war allein der Himmel der Thron Gottes (Apg 7,49) – der Tempel war deshalb überflüssig. Dass solche Aussagen die Jerusalemer Juden aufs Äußerste erregten, wird man also gut verstehen. Doch nicht die Juden hatten das Sagen, sondern die Römer. Und im römischen Reich stand Gotteslästerung (vgl. Apg 6,11) nicht unter Strafe. So verletzend die führenden Juden die Predigt des Stephanus empfinden mussten, so legal war es doch, seine Meinung zu äußern.

Der Mord an Stephanus, der ohne Anrufung eines römischen Gerichts in Selbstjustiz stattfand, ist also eine starke Mahnung zur Toleranz. Gerade dort, wo es unsere intimsten Überzeugungen trifft. Gerade dort, wo es unendlich wehtut. Gerade dort, wo wir zweihundertprozentig überzeugt sind, der andere habe Unrecht. Widersprechen – jederzeit. Kontrovers und leidenschaftlich diskutieren – unbedingt. Aber immer mit dem Respekt vor dem anderen Menschen. Weil es für religiöse und moralische Wahrheiten keine Beweise gibt. Weil wir uns diesen Wahrheiten nur tastend und suchend nähern können. Und vielleicht auch, weil wir überzeugt sein dürfen, dass das letzte Wort erst vor dem Thron Gottes gesprochen wird. Dort wird jeder Mensch sich verantworten müssen – der Religiöse ebenso wie der Religionskritiker.

Liebe Schwestern und Brüder, kontrovers und leidenschaftlich diskutieren, das wollte Stephanus mit den Tempelpriestern Jerusalems. Das wollte auch Samuel Paty mit seinen SchülerInnen, gleich welcher Religion. Am heutigen Tag spricht Gott uns zu: Ihr könnt das. Ich traue euch zu, dass ihr das schafft. Denn ihr alle seid meine Kinder – und untereinander Schwestern und Brüder. Amen.

So wünsche ich allen für die kommenden Tage „zwischen den Jahren“, dass die weihnachtlichen Eindrücke nachwirken können und mancher ausfallende Besuch mit den modernen Kommunikationsmitteln kompensiert werden kann.

Herzlich grüßt

Michael Rosenberger

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