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Pilgern durch die Coronakrise - 30. Dezember 2020

Liebe Pilgernden auf dem endlos scheinenden, beschwerlichen Weg,

in den letzten Tagen haben in der Europäischen Union die Impfungen begonnen und schenken uns ein kleines Licht am Ende des Tunnels. Bis zum Erreichen einer Herdenimmunität wird es zwar noch mindestens ein dreiviertel Jahr dauern, aber erstmals haben wir eine echte Perspektive. Daran werden auch die ImpfgegnerInnen nichts ändern. Mit jedem Menschen, der ohne große Nebenwirkungen geimpft sein wird, werden die Bedenken leiser werden und sich allmählich verflüchtigen. Natürlich, eine hundertprozentige Garantie gibt es bei keiner Impfung – weder für ihre positive Schutzwirkung noch für das Ausbleiben schwerer negativer Nebenwirkungen. Aber die Prüfungen der Zulassungsbehörden sind extrem umfangreich, so dass ich volles Vertrauen in die zugelassenen Impfstoffe habe.

Wie bei allen Corona-bezogenen Maßnahmen sind auch in Bezug auf die Impfungen viele Fake-News in Umlauf gebracht worden. Manche waren so wirr und naturwissenschaftlich fehlerhaft, dass ich lange gebraucht habe, um zu verstehen, worauf sie eigentlich bezogen sind. Ich möchte diese Falschinformationen hier weder wiederholen noch richtigstellen. Da ich kein Naturwissenschaftler bin, gehört das nicht in meinen Bereich. Aber alles, was ich von den zuständigen Fachleuten höre, gibt mir ein großes Vertrauen in die Impfung. Und wenn meine Alters- und Berufsgruppe an der Reihe ist, bin ich jedenfalls dabei.

Ohnehin gäbe es zur Impfung nur eine brauchbare Alternative, und das wäre eine wirksame Therapie. Die ist aber weiterhin nicht in Sicht. Wir können die schwer an Covid-19 Erkrankten mit Beatmung und Infusionen unterstützen, aber ihre Heilung ist nur möglich, wenn die eigenen Körperkräfte und das körpereigene Abwehrsystem das zulassen. Hier bleiben unsere Möglichkeiten eng begrenzt. Und dass das Virus von selber verschwindet, ist bei seiner Variabilität und Power nun wirklich nicht zu erwarten. Es wird noch lange die Welt umkreisen, und die Impfung ist der Königsweg, ihm das wenigstens ziemlich schwer zu machen.

In meiner unterfränkischen Heimat wünscht man sich in den Tagen bis Silvester einen „Guten Beschluss“. Ich finde das einen großartigen Brauch. Dahinter steht ja die Erfahrung und Überzeugung, dass ein guter und bewusst gestalteter Abschluss eines Lebensabschnitts ebenso wichtig ist wie ein guter Beginn. Das gilt im Corona-Jahr 2020 ganz besonders. Manchen hat dieses Jahr extreme Lasten aufgebürdet. Manche waren eher mäßig oder gering belastet, und wieder andere haben die Einschränkungen gar nicht als Last empfunden. Aber egal zu welcher Gruppe wir gehören, das Jahr 2020 war so prägend, dass wir alle noch lange davon erzählen werden. Und auch wenn die Pandemie noch bis Herbst weitergeht, ist es gut, zumindest die erste Halbzeit, die von immer höheren Infektions- und Sterberaten geprägt war, gut abzuschließen.

Daher lade ich zur persönlichen Rückschau ein: Wie habe ich es erlebt, als uns die ersten Nachrichten von dem Virus aus China erreichten – und dann aus Italien? Wann habe ich zum ersten Mal gespürt, dass das Virus für uns bedrohlich werden könnte? Und was waren meine ersten Reaktionen auf den Frühjahrs-Lockdown? Wie habe ich ihn erlebt – es waren immerhin Restriktionen, wie sie später nie mehr in dieser Härte kamen? Ich kann mich auch noch einmal an die ersten Lockerungen nach Ostern und im Mai erinnern – an den schon etwas offeneren Abschluss des Schul- und Arbeitsjahres – an die etwas anderen Sommerferien. Schließlich schaue ich zurück auf den enormen Anstieg der Infektionszahlen im Oktober – hinauf in Höhen, die während der ersten Welle sicher niemand erwartet hätte. Ich erinnere mich an das wochenlange Zögern der Politik und die nur schrittweisen, sehr zaghaften Schritte zur Eindämmung des Virus, die nicht greifen wollten. Und schließlich an den neuerlichen harten Lockdown Ende November bzw. im Dezember, der jetzt allmählich die Zahlen senkt – wenn auch viel langsamer als gedacht.

Rückschau kann auch heißen, an jene zu denken, die aus meinem Bekanntenkreis an Corona erkrankt und vielleicht sogar gestorben sind. An das Pflegepersonal in den Kliniken, das in der zweiten Welle bis zum Anschlag belastet war und ist. An Menschen, die in Kurzarbeit gehen mussten oder ihre Arbeit verloren. An Unternehmen und Betriebe, die kurz vor der Insolvenz stehen…

Und natürlich stellt sich mehr als sonst die Frage: Kann ich für dieses Jahr danken? Wenigstens für manche Erfahrungen dieses Jahres? Kann ich darin einen Sinn für mich erkennen? Und kann ich das Jahr 2020 loslassen – ohne einen Groll mit ins neue Jahr hinüberzunehmen, der mir schon dessen Anfang verderben würde?

Wer mag, kann einige Gedanken zu diesen Fragen aufschreiben. Möglich ist auch, mit den Angehörigen am Silvesterabend darüber ins Gespräch zu kommen. Der Abend wird ja stiller als sonst, ohne rauschende Party, ohne Böller und Raketen. Das könnte eine gute Gelegenheit zu einem solchen Gespräch sein. Die, die wie ich alleine leben, haben dafür ein Telefon oder die Videotelefonie. Irgendetwas geht auf jeden Fall!

Ich schließe mit dem wunderschönen Lied, das der evangelische Pfarrer Dietrich Bonhoeffer im Gestapo-Gefängnis in Berlin zum Jahresende 1944 geschrieben hat, ahnend, dass es sein letztes Silvester in diesem irdischen Leben sein würde. Eine sehr schöne Version mit Klavier und Gesang von Siegfried Fietz gibt es hier, und wer mag, kann ja zuhause mitsingen: https://www.youtube.com/watch?v=aN7dGz6NH5M&ab_channel=ABAKUSMusik

R: Von guten Mächten treu und still umgeben
Behütet und getröstet wunderbar
So will ich diese Tage mit euch leben
Und mit euch gehen in ein neues Jahr.

Noch will das Alte unsre Herzen quälen
Noch drückt uns böser Tage schwere Last.
Ach Herr, gib unsern aufgeschreckten Seelen
Das Heil, für das du uns bereitet hast.

R: Von guten Mächten …

Und reichst du uns den schweren Kelch, den bittern
Des Leids, gefüllt bis an den höchsten Rand
So nehmen wir ihn dankbar ohne Zittern
Aus deiner guten und geliebten Hand.

R: Von guten Mächten …

Doch willst du uns noch einmal Freude schenken
An dieser Welt und ihrer Sonne Glanz
Dann wolln wir des Vergangenen gedenken
Und dann gehört dir unser Leben ganz.

R: Von guten Mächten …

Lass warm und hell die Kerzen heute flammen
Die du in unsre Dunkelheit gebracht
Führ, wenn es sein kann, wieder uns zusammen.
Wir wissen es, dein Licht scheint in der Nacht.

R: Von guten Mächten …

Wenn sich die Stille nun tief um uns breitet
So lass uns hören jenen vollen Klang
Der Welt, die unsichtbar sich um uns weitet
All deiner Kinder hohen Lobgesang.

R: Von guten Mächten …

So wünsche ich euch/ Ihnen allen einen guten Beschluss und: „Führ, wenn es sein kann, wieder uns zusammen!“

Michael Rosenberger