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Pilgern durch die Coronakrise - 31. Januar 2021

Liebe ganz ohne Distanz aus der Krise Lernenden,

manche Videos müssen erst einmal um die ganze Welt gehen, bis sie bei uns im deutschen Sprachraum ankommen. So auch das folgende Video, das meine Schwester Gertraud von einer australischen Freundin mit englischen Untertiteln zugeschickt bekam – ich habe es dann ohne die Untertitel gesucht und das Original natürlich schnell auf Youtube gefunden. Es illustriert wunderbar den Lernfortschritt, den manche Menschen in der Corona-Pandemie machen – und manche leider nicht. Vielleicht lernt ja mancher jetzt, was ein iPad (nicht) ist: https://www.youtube.com/watch?v=nPGY2T9r1Ok&ab_channel=MySpass .

Mit dem Stichwort „Lernfortschritt“ bin ich auch schon beim Thema: Zeiten der Krise sind die besten Gelegenheiten, seine eigenen Grundüberzeugungen auf den Prüfstand zu stellen. Denn im Alltag des Normalzustands bleibt uns dazu oft keine Zeit, und die eigenen Überzeugungen stoßen auch nicht an Grenzen, die uns weh täten und zum Nachdenken brächten. Krisenzeiten hingegen machen sehr deutlich, welche Überzeugungen wirklich tragen und welche dringend ausgebessert werden müssen, damit sie nicht unter uns wegbrechen und uns in die Tiefe stürzen lassen.

Eine solche Überzeugung, die jetzt auf dem Prüfstand steht, ist unser Glaube. Egal ob wir ChristInnen, MuslimInnen oder AtheistInnen sind: Wir haben Überzeugungen, und ihre Belastbarkeit wird jetzt unerbittlich geprüft. Nicht umsonst interpretiert das Alte Testament Krisenereignisse als Situationen, in denen Gott uns „auf die Probe stellt“. Und wenn unser Glaube auf dem Prüfstand ist, dann natürlich vor allem sein Herzstück: Unser Gottesbild. Wie schaut unser Gottesbild aus? Lässt es sich mit dieser schrecklichen Pandemie in Einklang bringen? Hilft es uns darin? Ich lade ein, diese Frage so offen und ehrlich wie möglich anzuschauen.

Die meisten von uns haben vermutlich nicht mehr das vorkonziliare Gottesbild eines strengen Richtergottes, der uns permanent züchtigt, um uns zur Einsicht zu bringen. Vor diesem Gott hatten viele Menschen unendlich große Angst, und es ist gut, dass dieses Gottesbild verabschiedet wurde. An seine Stelle trat bei vielen das Bild eines „lieben Gottes“, der nur Gutes für uns tut, der immer für uns da ist, dem wir vertrauen dürfen und der uns in den Himmel führen möchte. In vielen Punkten ist ein solches Gottesbild sicher besser als das vorangehende, aber Vorsicht: Wenn es wirklich so vorgestellt wird, wie ich es hier schreibe, enthält es ebenso große Einseitigkeiten wie sein Vorgänger.

Denn ein Gottesbild kann nur dann als angemessen gelten, wenn es mit der Frage umgehen kann: Woher kommt das Böse? Gemeint ist wohlgemerkt nicht das sogenannte moralisch Böse – das verursachen wir Menschen. Krieg und Terrorismus, Ungerechtigkeit und Rassismus und vieles mehr. Das können wir niemandem sonst in die Schuhe schieben als uns Menschen selbst. Aber es gibt eben auch das sogenannte vormoralische Schlechte, also das, was nicht menschlicher Unmoral entspringt und wofür der Mensch beim besten Willen nichts kann. Erdbeben, Vulkanausbrüche und andere Naturkatastrophen gehören dazu, aber auch viele Krankheiten sowie vor allem der Tod. Der moralisch korrekteste und treueste Mensch kommt um den Tod nicht herum. Doch was ist das für ein Gott, der so etwas geschaffen hat? Der seine Geschöpfe so mangelhaft macht, dass sie sterben müssen?

Natürlich, manche Krankheiten sind teilweise vom Menschen mitverschuldet. Wer sich wenig bewegt oder wer ständig im Übermaß arbeitet, bekommt leichter einen Herzinfarkt. Wer raucht oder trinkt, den treffen ebenfalls mit höherer Wahrscheinlichkeit bestimmte Krankheiten. Aber man wird kaum sagen können, dass jeder am Herzinfarkt Verstorbene selber schuld ist. Da würden wir den Menschen nicht gerecht werden. – Das gilt auch in der Corona-Pandemie. Zwar ist die Pandemie als solche und ihr Ausmaß teilweise vom Menschen mitverursacht. Und daraus gilt es für die Zukunft Lehren zu ziehen. Aber es wäre maßlos übertrieben zu behaupten, dass die Pandemie allein (!) durch uns Menschen verursacht sei. Oder gar, dass sie allein (!) jene Menschen träfe, die sich nicht an die Corona-Regeln halten.

Wie kann Gott zugleich gut sein und als Allmächtiger seine Schöpfung so hinfällig, zerbrechlich, sterblich erschaffen? Das ist die uralte „Theodizee-Frage“, wie wir in der Theologie sagen. Wir sollten diese Frage nicht zu leicht nehmen. In Jahrtausenden hat sie noch immer keine befriedigende Antwort gefunden. Die klassische Antwort, Krankheit und Tod seien eine Strafe Gottes, zieht (gottlob!) nicht mehr. Ebenso wenig die Antwort einer missverstandenen Apokalyptik, Krankheiten, Tod und Naturkatastrophen seien Vorboten des Weltendes. Wie aber können wir uns Gott dann vorstellen, ohne dass er ein ohnmächtiger Schwächling wird?

Seien wir einmal ganz ehrlich: Viele von uns haben noch ein relativ kindliches Gottesbild. Ein Gottesbild, das seit unserer Erstkommunion und Firmung nicht mehr wesentlich gewachsen und gereift ist. Wir sprechen vom „lieben Gott“ – und ehrlich gesagt kann ich das bei Erwachsenen nur schwer ertragen, wenn ich es höre! Es tut mir in Leib und Seele richtig weh, weil es diese Unreife überdeutlich signalisiert. Nein, unser Gottesbild soll, ja muss im Laufe des Lebens reifen. Ich bin überzeugt, dass viele moderne AtheistInnen nur diese kindliche Gottesvorstellung ablehnen – weil sie nie eine reifere vermittelt bekommen haben, bleibt ihnen nur der Ausweg, Gott ganz abzuschreiben. Und dass das passiert, ist nicht nur die Verantwortung der Priester oder TheologInnen, sondern aller Getauften. Denn wenn jemand in seinen Umfeld niemanden hat, der ein reifes, durch den Schmerz des Leids hindurchgegangenes Gottesbild hat, wo soll er dann sein eigenes Gottesbild herbekommen?

Wie könnte ein gereiftes Gottesbild aussehen? Ich kann dazu nur Andeutungen machen, denn wenn ich es vollständig erklären würde, wäre es nicht Gott, über den ich gesprochen hätte. Zuerst einmal geht es darum, Gott als echtes Geheimnis, als unauslotbaren, unbegreiflichen Grund unseres Lebens anzunehmen und auszuhalten. Ja, auszuhalten! Das ist schwer erträglich, etwas nicht völlig verstehen oder erklären zu können. Das braucht unheimlich viel Geduld, Demut und Toleranz. Aber wir sollten nicht so tun, als wüssten wir ganz genau, wer und wie Gott ist! Denn wüssten wir es, wäre es nicht Gott, sondern ein mickriger, armseliger kleiner Götze. Und davon gibt es schon allzu viele auf diesem Planeten – da müssen wir nicht noch einen hinzufügen.

Gott ist und bleibt aber in erster Linie Dunkelheit oder ein undurchdringlicher Nebel, wie das bildhaft erzählt wird, als Mose ihm auf dem Sinai begegnet. Er ist ein schweigender, verborgener Gott, der sich immer neu entzieht, wenn wir uns ihm nähern wollen, und gerade wenn wir denken, jetzt wären wir ihm nahe, ist er schon wieder unendlich fern. Aber er ist auch einer, den wir ruhig fragen dürfen, wo er in dieser Pandemie ist; den wir anklagen, mit dem wir hadern dürfen. Er hält das aus und versteht uns. Denn er ist zugleich ein mitgehender, mitleidender Gott, der selbst Geschöpf geworden ist und seinen Weg geht bis ans Kreuz; ein treuer Gott, der uns auch im Tod nicht im Stich lässt – wie immer das aussehen mag, was nach dem Tod kommt.

Die Pandemie könnte uns lehren, diese Unbegreiflichkeit Gottes ehrlicher und bewusster anzunehmen und auszuhalten. Das wäre dann ein echtes Glauben, ein wahres Vertrauen – auf jemanden, den „kein Auge gesehen und kein Ohr gehört hat“ (1 Kor 2,9). Nur ein solches Glauben und Hoffen schützt uns vor der Anfälligkeit für die vielen Verschwörungstheorien, die momentan kursieren. Ein unreifer Kinderglaube hingegen ist geradezu prädestiniert für solche Mythen. Denn sie bieten in einer heillos überkomplexen Welt genau dasselbe wie der Kinderglaube: Trügerische Einfachheit und scheinbar kinderleicht verstehbare Theorien.

Doch so einfach ist das Leben nicht, und so einfach ist Gott nicht. Ein bisschen mehr müssen wir uns schon anstrengen. Aber wenn wir einmal verstanden haben, was es bedeutet, dass Gott ein Geheimnis ist, dann erfahren wir auch, dass das Ge-heim-nis ein Heim gibt, ein Zuhause, in dem wir geborgen sind. Es gibt uns mehr Geborgenheit als alle Verschwörungstheorien zusammen. Oder, wie es eine junge Kollegin aus der Philosophie geschrieben hat: „Gerade im Ausgeliefert-Sein an Prozesse, die wir nicht beeinflussen können, können wir auch ungeahnte Formen des Geborgen-Seins erleben.“ (Olivia Mitscherlich-Schönherr, Hochschule für Philosophie der Jesuiten in München)

Ich wünsche euch/ Ihnen, dass wir das Uns-Fallen-Lassen in dieser Krisenzeit neu üben. Denn ich bin sicher, wir werden erfahren, dass wir von einer großartigen, geheimnisvollen Macht getragen sind.

Mit freundlichen Grüßen

Michael Rosenberger

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