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Pilgern durch die Coronakrise - 4. Dezember 2021

Liebe Pilgernden durch diese dunklen Zeiten, 

morgen brennt die zweite Kerze auf unseren Adventskränzen und wird es hoffentlich auch in unseren Herzen wieder etwas heller werden lassen. Zu den Bräuchen und zur Bedeutung des Advents habe ich im „Kaleidoskop Leben“, dem Podcast der Elisabethinen Linz ein Gespräch geführt, das ich euch/ Ihnen allen zur Einstimmung und Vertiefung dieser Wochen empfehle: https://www.die-elisabethinen.at/podcast  

Ein weiteres Interview, das ich diese Woche gegeben habe, führt uns wieder näher an die harte Realität der Pandemie. Es geht der Frage nach der moralischen Bewertung einer Impfpflicht nach: https://www.katholisch.at/aktuelles/136459/moraltheologe-rosenberger-impfpflicht-ist-gebot-der-stunde

Und vielleicht haben manche gestern oder heute die folgende Nachricht wahrgenommen: Zwei Nilpferde im Antwerpener Zoo haben sich mit dem Coronavirus infiziert. Bisher wussten wir schon, dass Fledermäuse, Menschenaffen, Katzen und Nerze infiziert werden können und womöglich auch umgekehrt wieder Menschen infizieren können, die mit ihnen in Kontakt kommen. Die Liste der Übertragungsmöglichkeiten wird also immer länger und hat vermutlich noch nicht ihr Ende erreicht. Menschen und Säugetiere haben einfach große Ähnlichkeit – da sollten wir uns nichts vormachen.

In meinem Rundbrief möchte ich heute allerdings einer anderen Frage nachgehen, nämlich der, wie wir eigentlich unsere Entscheidung für oder gegen das Impfen treffen, welche Mechanismen da in uns ablaufen. Und dazu möchte ich zunächst auf die Impfquoten der verschiedenen Länder in Europa schauen (Stand 30.11.21):

  • Die höchsten Impfquoten haben die Länder Südwesteuropas: Portugal 86,6%, Malta 82,2%, Spanien 79,4%, Italien 73,8%.
  • Auch vergleichsweise hohe Quoten haben die Länder Nordwesteuropas: Dänemark 76,3%, Irland 75,8%, Belgien 75,1%.
  • Die niedrigsten Quoten im „alten“ Europa, also in der westlichen Hälfte, haben Deutschland 68,2%, Österreich 66,0% und die Schweiz 64,4%. Wobei man auch das Gefälle innerhalb der Länder berücksichtigen muss: In Deutschland haben v.a. einige ostdeutsche Bundesländer und Südbayern (Altbayern) sehr niedrige Quoten. In Österreich sind ebenfalls bestimmte Bundesländer und Regionen besonders schlecht, darunter Salzburg und Oberösterreich, also die direkt an Südbayern angrenzenden Gebiete. Und in der Schweiz liegen die deutschsprachigen Kantone weit hinter den italienisch- und französischsprachigen.
  • Im Osten Europas liegen die Impfquoten überall unter 60%: Tschechien 59,2%, Polen 53,6%, Kroatien 47,4%, Slowakei 42,9%, Rumänien 37,6%, Bulgarien 25.3%.

Diese Zahlen lassen sich nicht mit einem unterschiedlichen Informationsstand erklären und auch nicht mit einer unterschiedlichen demografischen Struktur. Die Information wurde überall intensiv betrieben und steht allen zur Verfügung. Auch hat bislang keines dieser Länder (außer dem Vatikan!) eine allgemeine Impfpflicht. Die Menschen entscheiden frei. Schließlich stehen auch allen genügend Impfangebote zur Verfügung. Daher muss der Unterschied der Quoten vor allem aus den Mentalitäten erklärt werden – und damit aus Gefühlen.

Ich bin weder Historiker noch Soziologe und kann daher keine vollständige Analyse der Mentalitäten in den verschiedenen Regionen Europas geben. Offenkundig geht es aber weniger um nationale als um regionale Mentalitäten, und sie dürften weit in die Geschichte Europas zurückreichen. Nur ein paar Elemente möchte ich nennen, die ich von Fachleuten gehört und gelesen habe:

  • In Osteuropa incl. Ostdeutschland (!) ist das Misstrauen gegenüber dem Staat nach wie vor groß. Über Jahrzehnte haben die Menschen unter den kommunistischen Diktaturen einen Reflex des Wegduckens und Nichtstuns entwickelt. Dieser Reflex ist weiterhin wirksam – obwohl der Kommunismus seit 30 Jahren überwunden ist. Mentalitäten wandeln sich erst über fünf oder sechs Generationen, und manchmal dauert es sogar noch länger.
  • In Südwesteuropa hat man einen hohen Respekt vor den Autoritäten. Damit sind nicht die PolitikerInnen gemeint, sondern die Fachleute. Man denke nur an das hohe Zutrauen der ItalienerInnen zu einem Technokraten wie Mario Draghi. Draghi gilt ja nicht als Politiker, sondern als Experte – Wissenschaftler und früherer EZB-Präsident. In Spanien und Portugal preisen alle ihre Impfkommissionen. Das Vertrauen in das Gesundheitssystem ist extrem hoch.
  • Für Altbayern und Teile Österreichs, wo es die niedrigsten Impfquoten Westeuropas gibt, die teilweise nur um die 50% liegen, würde ich spontan sagen: Da gibt es so eine gewisse „Wurschtigkeit“ und falsch verstandene Liberalität, mitunter verbunden mit einer erheblichen Obrigkeitskritik. In Oberösterreich sage ich oft spaßhalber: Wenn der Bischof will, dass das Kirchenrecht von den SeelsorgerInnen eingehalten wird, muss er unter Strafe verbieten, sich an das Kirchenrecht zu halten. Analog müsste man vielen OberösterreicherInnen das Impfen streng verbieten – dann würden die Nichtgeimpften sofort eine Impfung verlangen.

Wir entscheiden also nicht so rational und überlegt, wie wir vorgeben. Und zwar alle nicht. Auch die Geimpften haben sich nicht allein aus Vernunftgründen impfen lassen, sondern hatten von ihrer Mentalität her eine gefühlsmäßige Neigung dazu.

Daraus folgt aber nicht, dass wir uns nun anstrengen müssten, völlig rational und ohne jede Emotion zu entscheiden. Das können wir gar nicht. Emotionen speichern ja echte Lebenserfahrungen, sie sind also wichtig für Entscheidungen. Aber wir müssen uns erstens ehrlich eingestehen, dass es nicht die Argumente sind, sondern die emotionalen Mentalitäten, die unser Handeln am meisten beeinflussen. Und wir müssen zweitens diese Emotionen aufklären, d.h. ihren Ursprung ergründen, ihre ursprüngliche Funktion zu verstehen suchen und schließlich prüfen, ob sie in der aktuellen Situation noch angemessen sind.

Um es einmal klar zu sagen: Dass die RussInnen Putin nicht vertrauen, kann ich bestens verstehen. Das ist absolut berechtigt. Aber dass sie sich nicht impfen lassen, bloß weil Putin die Impfung empfiehlt, ist fatal. Russland hat derzeit die meisten Corona-Toten weltweit – obwohl es genügend Impfstoff gäbe, wenn es auch der nicht ganz so wirksame Sputnik-V ist. Die russische Wissenschaft ist nach wie vor ziemlich gut und hätte daher trotz Putin Vertrauen verdient.

In den letzten Wochen haben mich mehrere GymnasiallehrerInnen für Biologie oder Chemie gefragt, was sie falsch gemacht haben, dass die Impfquoten so gering sind. Darauf würde ich erstens antworten, dass sie nicht sooo viel falsch gemacht haben können, denn die Studierenden an den Unis sind zu über 90 Prozent geimpft. Zweitens würde ich aber sagen: Dass es dennoch so viele Nichtgeimpfte gibt, liegt weniger an einem schlechten Unterricht als vielmehr an einer mangelnden Bildung der emotionalen Intelligenz. Den Lehrplänen nach soll die zwar ebenfalls geschehen, fällt aber im Schulalltag oft unter den Tisch. Und außerdem ist die Bildung der emotionalen Intelligenz viel stärker dort verankert, wo sich die jungen Menschen daheim fühlen: In den Familien, in den Freundeskreisen, in den Vereinen usw. Dort werden Gefühle gezeigt und gelebt. Aber oft werden sie nicht gemeinsam angeschaut und reflektiert. Doch erst dieser Schritt kann die Gefühle aufklären und dann für gute Entscheidungen fruchtbar machen.

Ich lade euch/ Sie daher herzlich ein, in diesem Advent einmal gezielt den eigenen Gefühlen nachzugehen, wie es schon der heilige Ignatius von Loyola geraten hat:

  • Welche Gefühle habe ich, wenn ich an Corona und an die Impfung denke?
  • Woher könnten diese Gefühle kommen? An was aus meiner eigenen Lebensgeschichte oder aus der meiner Eltern und Großeltern erinnern sie mich? Haben die in vergleichbaren Situationen ähnliche Gefühle gehabt?
  • Was ist das Vernünftige an diesen Gefühlen? Wozu waren und sind sie hilfreich? Und inwieweit sind sie auch zu meiner persönlichen und unserer gemeinsamen Bewältigung der Coronakrise hilfreich? Oder behindern sie da eher?
  • Wie könnte ich diese Gefühle verstärken, wenn ich sie als hilfreich erachte, und abschwächen, wenn ich sie nicht als hilfreich erachte?

Niemand kann aus seiner Haut heraus. Aber je besser wir die „Haut“ unserer Seele kennen und verstehen, umso leichter können wir sie auch weiterentwickeln. Dass uns dies im Advent gelingt, wünscht euch/ Ihnen allen

Michael Rosenberger

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