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Pilgern durch die Coronakrise - 4. Mai 2020

Liebe Mitpilgernden bei den ersten Schritten hinaus aus dem Tunnel,
 
sowohl in Deutschland als auch in Österreich zeichnen sich erhebliche Lockerungen ab oder haben am Wochenende schon begonnen. Und doch bleiben viele Fragen. Denn vom Normalbetrieb sind wie meilenweit entfernt, und nicht alles, was glänzt, wird sich als hilfreich erweisen. Zahlreiche von euch/ Ihnen haben mir geschrieben, dass sie die Gottesdienste unter den jetzt vereinbarten Konditionen nicht besuchen werden. Das kann ich gut verstehen. In den meisten Kirchen dürfen auf Grund der Flächenbeschränkungen nur ein paar Dutzend Menschen kommen. Die müssen sich vorher im Pfarrbüro anmelden und werden am Eingang und kontrolliert. In der Kirche sind sie auf maximalen Abstand verteilt und müssen gleichzeitig Mund-Nasenschutz tragen. Gesungen werden darf nur eingeschränkt, in Würzburg und einigen anderen Diözesen wird sogar auf die Kommunionspendung verzichtet. – Niemand von Ihnen/ euch hat die Regelung in Frage gestellt und für weitergehende Lockerungen plädiert. Die wären derzeit vermutlich auch nicht zu verantworten. Aber ich teile die Skepsis, ob ein Gottesdienst unter diesen Umständen wirklich hilft. Wäre es nicht besser, weiter auf die derzeitigen Möglichkeiten zu setzen? Auf Gottesdienste in Fernsehen und Internet, auf Kirchenlieder, von Balkonen und aus Gärten gesungen und gespielt, auf Maiandachten im Freien, wo man auf den Mundschutz verzichten kann, auf kreative Angebote mündiger Getaufter in ihrer Nachbarschaft. Und natürlich auf Kirchenbesuche zum persönlichen stillen Beten, die in den letzten Wochen stark zugenommen haben und vielen Menschen Trost geben. Etliche von euch/ Ihnen haben mir berichtet, wie phantasievoll sie derzeit die Kirche schmücken und so über eine optische Gestaltung die Frohe Botschaft verkünden – vermutlich wirksamer als manche Predigt.
Insofern frage ich mich nach der Motivation der Bischöfe, den Gottesdienstbetrieb unter allen Umständen wieder aufnehmen zu wollen. Als Kirchen haben wir nicht den ökonomischen Druck eines Theaters, denn der Klingelbeutel ist nicht die Haupteinnahmequelle (wenn er den Pfarreien auch fehlt – aber da sind die wenigen erlaubten GottesdienstbesucherInnen ohnehin keine Abhilfe!). Wir könnten also in größerer Freiheit agieren. Schauen wir mal, ob uns das gelingt…
 
In meinen gesellschaftspolitischen Betrachtungen möchte ich heute auf ein Thema kommen, das in den letzten beiden Wochen mehr und mehr Bedeutung gewinnt: Was macht diese Form des reduzierten Lebens mit unseren Seelen? Wie viele Menschen erfahren durch die starke Reduktion an Begegnungen, Beschäftigungen und Erlebnissen Verschlechterungen ihrer psychischen Gesundheit – vor allem wenn sie schon psychisch krank sind? Wie viele alte Menschen können ihre Liebsten nicht sehen und leiden unter verschärfter Einsamkeit? Und natürlich auch: Wie wirkt sich die Enge des Zusammenlebens in Familien aus, die sich vermehrt auf die Nerven gehen und ihren Frust nirgends als bei den anderen Familienmitgliedern abladen können?
Es ist klar, wir befinden uns in einer Ambivalenz zwischen dem Bemühen, Leben zu schützen, und dem Bemühen, Mensch zu bleiben. In den ersten Wochen wurde nur das erste Ziel thematisiert. Das spiegelt meines Erachtens eine sehr normale und überlebensnotwendige Reaktion: Wer in Lebensgefahr ist, blendet zunächst alle psychischen Belastungen aus und konzentriert sich allein auf die Lebenserhaltung. Erst wenn die größte Gefahr überwunden ist, lassen wir den Gedanken an andere Bedürfnisse zu. Das gilt für jede einzelne Person, aber eben auch für Politik, Medien usw. Evolutionsbiologisch betrachtet ist das ein Mechanismus, der im Laufe der Menschheitsgeschichte sehr erfolgreich war. Wir können in Extremsituationen nicht mehrere Probleme gleichzeitig lösen, sondern müssen einen Tunnelblick entwickeln. Allerdings ist es dann die Kunst, den Blick wieder zu weiten, wenn wir uns dem Ausgang des Tunnels nähern. Und da stehen wir gerade.
Diskussionsbeiträge können nur Wirkung erzielen, wenn sie der allgemeinen Entwicklung nicht allzu weit vorauspreschen. Hätte jemand mit Berufung auf die psychologischen Herausforderungen bereits am ersten Tag des Shutdowns Regeländerungen gefordert, wäre das nicht gehört oder sogar empört abgewiesen worden. Da musste sich die Problemanzeige auf den Verweis auf Telefonseelsorge, Frauenhäuser und andere Hilfsangebote beschränken. Ganz wichtig im Sinne der Symptomlinderung, aber natürlich nicht gedacht für die Symptomvermeidung. Jetzt ist das Thema dran, wie wir die Regeln so weiterentwickeln und öffnen können, dass ein weiterer psychischer Schaden möglichst gut vermieden wird. Kein einfaches Thema. Denn auch jetzt gibt es viele Menschen, bei denen die Sorge eines Wiederaufflackerns der Infektion die psychischen Restriktionen weit überwiegt. Da werden wir behutsam vermitteln müssen, so dass möglichst zeitnah eine gute Balance herauskommt.
Die nächsten Regelöffnungen sollten also vor allem auf das ganzheitliche Wohl der Menschen achten, besonders derer, die am wenigsten Reserven haben, auf die sie zurückgreifen können. Angesichts des Drucks, der aus der Wirtschaft kommt, und angesichts eines Wettbewerbs der Lobbygruppen, die jeweils für ihr eigenen Interessen kämpfen, wird das keine leichte Aufgabe sein. Wohlgemerkt halte ich es für legitim, dass sich Betroffene in Gruppen organisieren und ihre Erwartungen artikulieren. Lobbyismus gehört zum Fundament unserer Zivilgesellschaft. Aber genau jene, die am dringendsten die Berücksichtigung ihrer Situation brauchen, haben oft keine Lobbygruppe und kein Sprachrohr. Das wird politisch zu bedenken sein.
Nochmals möchte ich aber auf das Böckenförde-Diktum verweisen: „Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann.“ Der Staat braucht gerade jetzt die kreative und engagierte Mithilfe seiner BürgerInnen. Viele Zuschriften von Ihnen/ euch zeigen mir, was da momentan an Gutem im Verborgenen geschieht, damit Menschen die auferlegten Restriktionen besser bewältigen können. Derzeit dürfen wir uns einfach freuen, dass solches Engagement viel öfter gegeben ist als viele meinen. Nach der Krise sollten wir uns fragen, wie wir es fördern können, damit es erhalten bleibt. Der Weg zur Normalität ist noch lang, und er sollte zu grundsätzlichen Neuordnungen genutzt werden.
 
In diesem Sinne grüßt Sie/ euch mit dem nachstehenden irischen Segensgebet, das mir zugesandt wurde,
 
Michael Rosenberger

 
Gott gebe dir
für jeden Sturm einen Regenbogen,
für jede Träne ein Lachen,
für jede Sorge eine Aussicht,
eine Hilfe in jeder Schwierigkeit,
und eine Antwort auf jedes Gebet.

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