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Pilgern durch die Coronakrise - 7. März 2021

Liebe Pilgernden auf dem Weg nach Ostern,

die letzten Tage zeigen, dass sowohl in Deutschland als auch in Österreich eine flächendeckende Rat- und Hilflosigkeit eingetreten ist, wie wir durch die nächsten vier bis sechs Wochen kommen sollen. Alle zur Verfügung stehenden Instrumente kommen an ihre Grenzen, und das einzige Instrument, das uns retten kann, die Impfungen, steht vor April noch nicht in ausreichendem Maße zur Verfügung. In Deutschland verweist man jetzt gerne auf Österreich und seine umfangreiche Teststrategie. Richtig daran ist, dass wohl kaum ein anderes Land der Welt derzeit so viel testet wie Österreich. Aber wir dürfen nicht übersehen, dass der Erfolg dieser Testungen relativ überschaubar ist: Weniger als 10 Prozent aller Infektionen werden durch Testungen herausgefiltert. Um diesen Wert auf 80 oder 90 Prozent hochzutreiben, müsste zwanzigmal mehr getestet werden – und das wäre kaum praktikabel. Stellen wir uns nur vor, jeder Kunde müsste vor dem Supermarkt eine halbe Stunde auf sein Testergebnis warten, bevor er den Supermarkt betreten dürfte. Wie sollte das gehen?

Wir stehen also vor der bedrückenden und extrem belastenden Situation, uns einzugestehen, dass die nächsten Wochen für praktisch alle Menschen die Schmerzgrenze massiv überschreiten. Die Menschen ertragen die Einschränkungen nicht mehr. Die Wirtschaftsbetriebe vieler Branchen halten den Lockdown nicht mehr durch. Die Krankenhäuser drohen von der nächsten Welle in den Burnout getrieben zu werden. Die Pharmaindustrie kann nicht so viel liefern, wie sie zunächst versprochen hatte. Und die Politik aller Parteien weiß nicht mehr, wie sie das alles so steuern soll, dass noch halbwegs Ordnung bewahrt werden kann. Man möchte weinen und muss doch durch diese Wochen hindurch. Dem österreichischen Gesundheitsminister Rudi Anschober standen diese Woche die Tränen in den Augen, als er sagte, eine Rücknahme der letzten Öffnungsschritte könne nicht ausgeschlossen werden.

In dieser Situation hilft nur eines: Dass wir uns alle eingestehen, dass die Pandemie derzeit übermächtig ist und dass wir vorläufig keine Lösung haben. Punkt. Kein Aber, keine einschränkenden Rahmenbedingungen. Zugleich wissen wir, dass die Zeit, für die dies noch gilt, endlich ist. Mit der Beschleunigung der Impfprogramme im April wird sich die Lage spürbar entschärfen. Es geht also um ein bis zwei Monate. Die können sehr lang werden. Endlos sind sie aber nicht. Das ist der kleine Trost, der uns gewiss ist.

Wenden wir uns trostvolleren Gedanken zu. Auch heute beschränke ich mich in meiner Schriftauslegung auf die erste Lesung des morgigen dritten Fastensonntags.

Lesung aus dem Buch Exodus

Dann sprach Gott alle diese Worte: Ich bin der HERR, dein Gott, der dich aus dem Land Ägypten geführt hat, aus dem Sklavenhaus. Du sollst neben mir keine anderen Götter haben. Du sollst dir kein Kultbild machen und keine Gestalt von irgendetwas am Himmel droben, auf der Erde unten oder im Wasser unter der Erde. Du sollst dich nicht vor ihnen niederwerfen und ihnen nicht dienen. Denn ich bin der HERR, dein Gott, ein eifersüchtiger Gott: Ich suche die Schuld der Väter an den Kindern heim, an der dritten und vierten Generation, bei denen, die mich hassen; doch ich erweise Tausenden meine Huld bei denen, die mich lieben und meine Gebote bewahren. Du sollst den Namen des HERRN, deines Gottes, nicht missbrauchen; denn der HERR lässt den nicht ungestraft, der seinen Namen missbraucht. Gedenke des Sabbats: Halte ihn heilig! Sechs Tage darfst du schaffen und all deine Arbeit tun. Der siebte Tag ist ein Ruhetag, dem HERRN, deinem Gott, geweiht. An ihm darfst du keine Arbeit tun: du und dein Sohn und deine Tochter, dein Sklave und deine Sklavin und dein Vieh und dein Fremder in deinen Toren. Denn in sechs Tagen hat der HERR Himmel, Erde und Meer gemacht und alles, was dazugehört; am siebten Tag ruhte er. Darum hat der HERR den Sabbat gesegnet und ihn geheiligt. Ehre deinen Vater und deine Mutter, damit du lange lebst in dem Land, das der HERR, dein Gott, dir gibt! Du sollst nicht töten. Du sollst nicht die Ehe brechen. Du sollst nicht stehlen. Du sollst nicht falsch gegen deinen Nächsten aussagen. Du sollst nicht das Haus deines Nächsten begehren. Du sollst nicht die Frau deines Nächsten begehren, nicht seinen Sklaven oder seine Sklavin, sein Rind oder seinen Esel oder irgendetwas, das deinem Nächsten gehört.

Wir bezeichnen die zehn Gebote in der Fachsprache mit dem griechischen Begriff „Dekalog“, wörtlich übersetzt „zehn Worte“. Es handelt sich um eine Reihe von Verboten und Geboten, die sowohl in Ex 20 als auch in Dtn 5 überliefert werden. Erstmals bezeichnen Dtn 4,13 und 10,4 diese Reihe als „die zehn Worte“. Doch zählt man die unverbundenen Verbots- und Gebotssätze, kommt man auf dreizehn Worte plus die Selbstvorstellung Gottes, die im Judentum stets als vierzehntes „Gebot“ verstanden worden ist. In der Gesamtzahl der 613 Gebote des jüdischen Religionsgesetzes wird der Dekalog mit 14 Geboten gezählt. Die Zehnzahl ist also eher eine grobe Schätzung und Rundung, aber keine exakte Zählung.

Der Dekalog erscheint in Ex 20 als erstes Gotteswort am Sinai und als einziges, das das Volk Israel ohne den Mittler Mose direkt aus Gottes Mund vernimmt. Schon dadurch ist er aus allen anderen Weisungen Gottes herausgehoben.

Im ersten Satz stellt sich Gott als Befreier aus der Knechtschaft vor, der sich damit als „dein Gott“ erwiesen hat: „Ich bin JHWH, dein Gott, der dich aus Ägypten geführt hat, aus dem Sklavenhaus.“ Der Gott Israels ist ein guter, Freiheit schenkender und wohlmeinender Gott. Seine Gebote bedeuten keine Diktatur, sie werden niemandem aufgezwungen, sondern sind An-Gebote. Denn sie zeigen einen Weg zur Freiheit und zum Leben in Fülle, wie es Israel in dem Land versprochen ist, in dem Milch und Honig fließen. Deshalb ist vor jedem Einzelgebot mit seinem „Du sollst (nicht)…“ die Selbstvorstellung Gottes mit ihrem „Ich bin JHWH, dein Gott, der dich aus Ägypten geführt hat, aus dem Sklavenhaus“ mitzudenken (Frank Crüsemann).

Zugleich wird in der Selbstvorstellung Gottes klar: Erst handelt Gott – dann geben wir Menschen eine Antwort. Unser Mühen um ein verantwortungsvolles Leben ist die Konsequenz daraus, dass Gott uns befreit hat, dass er uns liebt. Glaubende Menschen folgen den Geboten nicht aus Pflichtbewusstsein, sondern aus Liebe und Dankbarkeit und aus der Einsicht, dass es sich um Angebote zum Leben handelt, die uns gut tun.

Ich verzichte darauf, die einzelnen Gebote durchzugehen. Denn sie decken lange nicht alle Themen und Bereiche der jüdischen und christlichen Moral ab. So gesehen halten wir MoraltheologInnen es heute für einen Fehler, die Gewissenserforschung der Beichte oder des Bußgottesdienstes entlang der Zehn Gebote zu praktizieren. Dass man diesen Fehler früher gemacht hat, o.k., passt schon. Dass er aber im neuen Gotteslob wieder passiert ist, beweist, dass man das Votum der MoraltheologInnen nicht hören will. 

Statt einer Betrachtung der einzelnen Gebote gebe ich ein paar Fragen zum Nachdenken: 

  • Womit hat Gott dich in deinem Leben beschenkt? Welche Begabungen, welche Menschen, welche Erfahrungen hat er dir gegeben, für die du besonders dankbar bist?
  • Was ist deine hauptsächliche Motivation, dich um ein gutes Leben zu bemühen? Ist es ein Gefühl der Pflicht? Gar ein innerer Zwang? Oder handelst du aus Freiheit und Dankbarkeit?
  • Erlebst du bestimmte Gebote des Dekalogs als lästig, hinderlich? Machen dich manche von ihnen eher unfrei als frei? Könnte es sein, dass du sie falsch verstanden hast? Wäre es vorstellbar, dass sie anders verstanden befreiend wirken?
  • Welches Gebot erfüllst du mit der größten Freude und am leichtesten? Und welches fällt dir am schwersten? Halte beide Gott hin und bitte ihn um seine Kraft!

Mit diesen Fragen wünsche ich einen segensreichen dritten Fastensonntag,

Michael Rosenberger

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