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Pilgern durch die Coronakrise - 8. Januar 2022

Liebe Leserinnen und Leser meiner Rundbriefe,
 
pilgernd haben wir uns auf den Weg durch das neue Jahr 2022 gemacht. Möge es ein Jahr des Herrn werden, kostbar und überraschend!
 
In den letzten Tagen haben vermutlich die meisten schon bemerkt, dass eine sehr schwierige, vielleicht die schwierigste Phase der gesamten Pandemie auf uns zurollt. Die Omikron-Welle kommt mit einer unglaublichen Macht. Alle zwei bis drei Tage verdoppelt sich die Zahl der Neuinfektionen – jedenfalls solange wir die Maßnahmen nicht verschärfen. Man kann sich also leicht ausrechnen, wann das die Intensivstationen überlasten wird. Zudem dürften viele „kritische Infrastrukturen“ ernsthaft gefährdet sein – und so planen Politik und Krisenstäbe diesen worst case.
 
Wer die Infektionszahlen von Omikron genau liest, kann sehen, was gerade geschieht. Die Wintersportregionen in Österreich liegen bereits bei über 1000, teilweise sogar über 2000 Inzidenzen je 100.000 Personen und 7 Tagen. Das heißt, dass sich innerhalb einer Woche ein oder zwei von 100 Menschen infizieren. Und das ist noch nicht das Ende. Allerdings muss man auch dazusagen, woher die Infektionen kommen. Nicht von den Skipisten. Auch nicht von den Tanzflächen, die nämlich geschlossen sind. Sondern von der Abendgastronomie, in der die Menschen zwar an Tischen, aber doch ohne Masken eng beieinander sitzen. Für Omikron ist das eine tolle Gelegenheit, von einem zum nächsten zu springen.
 
Noch im alten Jahr haben mich einige Zuschriften und mündliche Rückmeldungen zur Frage nach den Ursachen der Impfunwilligkeit in manchen Regionen des deutschen Sprachraums erreicht. Das hat offenbar viele bewegt. Unter diesen Rückmeldungen war auch der Hinweis auf ein über 200 Jahre altes Buch: Martin Schmid (1775 – 1834) 1816, Bericht über die Schutzpocken-Impfung im Physikatsdistrikte Rosenheim. Sehr unterhaltsam zu lesen, und wenn man die Pocken durch Covid ersetzt, könnte man fast meinen, das Buch sei 2022 geschrieben. Schon damals gab es im Rosenheimer Raum überdurchschnittlich viele Impfunwillige. In eine ähnliche Richtung weist auch der folgende Artikel aus den Salzburger Nachrichten vom 25.11.21: Dorina Pascher, Die Impfmuffel in den Alpen: http://sozweb.sozphil.uni-leipzig.de/fileadmin/user_upload/die_impfmuffel_in_den_alpen.pdf. Treffend arbeitet die Autorin heraus, dass man in den Alpen seit vielen Jahrhunderten auf Autonomie pocht und sich von Obrigkeit und Wissenschaft nicht hineinreden lassen will. Zudem wird die Skepsis der AnthroposophInnen und Waldorf-Schulen gegen die „Schulmedizin“ soziologisch verortet. Hier ist also ein weites Feld, und wir täten alle gut daran uns einzugestehen, dass weder die Impfskepsis noch das Impfvertrauen so rational sind wie wir dachten. Die Ursachen unserer Einstellung liegen viel tiefer in unserer Geschichte.
 
Und etwas anderes finde ich auch höchst verblüffend – wenn es auch im Grunde genommen zu erwarten war: Im Sozialressort des Landes Oberösterreich hat man die Impfquoten der einzelnen MigrantInnengruppen unter die Lupe genommen – vor allem, um zu ergründen, welche man noch gezielter ansprechen muss, um sie zur Impfung zu bewegen. Laut dieser aktuellen Analyse liegen die Impfquoten bei Menschen aus China, dem Iran, der Türkei und aus Tschechien bei über 70 Prozent – also über dem Anteil in der oberösterreichischen Gesamtbevölkerung. Weit unterdurchschnittlich sind aber die Impfquoten bei MigrantInnen aus Russland, Rumänien, Slowenien und Ungarn – nämlich jeweils unter 44 Prozent. Mit anderen Worten: Es liegt nicht am mangelnden Sprachwissen oder an der mangelnden Information für MigrantInnengruppen, sondern an der jeweiligen Mentalität in ihren Herkunftsländern. OsteuropäerInnen bringen ihre Skepsis gegenüber dem Staat mit nach Österreich – und lassen sich auch hier weniger impfen als ÖsterreicherInnen oder Menschen aus muslimischen Ländern. Das finde ich eine erstaunliche Erkenntnis!
 
So manche haben mich in den letzten Wochen außerdem an die Geschichte von den Sterndeutern erinnert, die ich vor genau einem Jahr erzählt habe. Sie hat offensichtlich besonders viele angesprochen. Deswegen habe ich mich darangesetzt, eine Fortsetzung zu schreiben, die ich heute erzähle:
 
Als die Sterndeuter vor einem Jahr von ihrem Besuch bei dem göttlichen Kind in Bethlehem nach Hause zurückgekehrt waren, waren sie sehr zuversichtlich, dass die Pandemie schon bald ein Ende haben würde. Doch auch der heiße Sommer des Orients brachte nur eine vorübergehende Entspannung. Kaum wurde es im Herbst etwas kühler, nahmen die Krankheitsfälle wieder zu, und die Herrscher ordneten erneut strenge Maßnahmen an. Besuchsmöglichkeiten und öffentliche Versammlungen wurden wieder eingeschränkt sowie das Abstandhalten und das Bedecken von Mund und Nase mit einem Tuch an allen öffentlichen Orten angeordnet.
Wie alle Menschen litten die Sterndeuter sehr unter dieser Krise. So viel von dem, was ihr Leben normalerweise schön und erfüllend machte, war schon lange nicht mehr möglich: Die orientalische Gastfreundschaft mit vielen Einladungen im Kreis der Nachbarn und Freunde; die Begegnung mit Menschen aus fremden Ländern, die auf der Durchreise an irgendeine Tür klopften und dort selbstverständlich Einlass, Verköstigung und Beherbergung finden; das gemeinsame Musizieren und Singen an den langen Abenden; das stundenlange, genussvolle Feilschen um den Preis einer Ware im Basar. All das war zur Verminderung der Ansteckungen verboten. Immer öfter befielen die Sterndeuter wie viele andere Menschen Mutlosigkeit, Erschöpfung und tiefe Traurigkeit. Immer öfter erinnerten sie sich aber auch an die Geschenke, die ihnen der heilige Josef als Bschoad-Binkerl mitgegeben hatte:

  • Einen Rucksack voller Müsliriegel, denn für ihren langen Heimweg brauchten sie viel Ausdauer und Geduld, wie Jesus später sagen würde: „Auf guten Boden ist der Samen bei denen gefallen, die das Wort mit gutem und aufrichtigem Herzen hören, daran festhalten und Frucht bringen in Geduld.“ (Lk 8,15)
  • Einen Pilgerstab aus festem Holz, der ihnen Trost und Zuversicht schenken sollte, wie es im Psalm heißt: „dein Stock und dein Stab, sie trösten mich.“ (Ps 23,4)
  • Ein kleines Döschen mit einer winzigen Prise Humor, denn das Kind hatte vor Freude gestrahlt und aus voller Kehle gelacht, als sie eingetreten waren, und mit Humor kommt man besser durch die Krise als mit Wut im Bauch, Zorn im Herzen und zusammengebissenen Zähnen.

Je öfter sie diese Geschenke hervorholten und mit glühenden Herzen betrachteten, desto mehr reifte in ihnen der Entschluss, noch einmal zu dem göttlichen Kind zu pilgern. Dass sie damals auf Grund des Lockdowns keine Geschenke hatten einkaufen können, schmerzte sie sehr. So beschlossen sie, das Kind zu seinem ersten Geburtstag zu besuchen und ihm diesmal die Geschenke mitzubringen. Die packten sie sorgfältig in ihre Taschen, beluden die Kamele und machten sich auf den Weg.
Josef hatte ihnen gesagt, dass er und seine Frau nicht in Bethlehem wohnten, sondern in Nazaret ganz im Norden des Landes. Das kam ihnen sehr entgegen. Denn im Traum war ihnen ja geboten worden, auf keinen Fall zu König Herodes zurückzukehren. Nazaret in Galiläa war weit von Jerusalem entfernt. So konnten sie den Königssitz des Herodes weiträumig umgehen und liefen keinerlei Gefahr, ihm oder seinen Beratern über den Weg zu laufen.
Also machten sie sich auf die Reise. Wieder wanderten sie mehrere Wochen durch die Wüste gen Westen. Wieder durften die Karawansereien auf Grund der Pandemie niemanden beherbergen, der nicht beruflich unterwegs war. Wieder mussten sie also in ihren Zelten übernachten. Und wie im Vorjahr wurde es darin des Nachts so bitter kalt, dass ihr Atem an den Zeltwänden zu Eis gefror. Jeden Morgen krochen sie völlig steif und unbeweglich aus ihren Decken hervor und brauchten lange, bis die aufgehende Sonne sie halbwegs erwärmte.
Immerhin gab es keine Grenzkontrollen mehr und auch keine Quarantäne bei der Einreise nach Palästina. Denn das Morgenland galt weder als Hochrisiko- noch als Virusvariantengebiet. So zogen sie ungehindert aus der syrischen Wüste durch die Schlucht des Yarmuk hinunter an den Jordan, berührten kurz das Südufer des Sees Genesaret und wanderten dann über die Hügel Galiläas hinauf nach Nazaret.
Das Haus von Josef und Maria fanden sie schnell, denn Nazaret war klein, und jeder kannte jeden. Etwas zaghaft klopften sie an die Tür. Sofort öffnete jemand, und Josef stand vor ihnen. Blitzschnell erkannte er die Sterndeuter wieder – so tief und nachhaltig hatte sich ihr Besuch in Bethlehem in sein Gedächtnis eingeprägt. Herzlich begrüßte er sie und vergaß für einen Moment sämtliche Abstands-Vorschriften. Er fiel ihnen nacheinander um den Hals und umarmte sie lange. Dann bat er sie herein.
Mitten in der Stube spielte das einjährige Jesuskind auf dem Teppich. Mit großen Augen schaute es die Fremden an. Nein, natürlich konnte es sich nicht mehr erinnern – dazu war es dann doch noch zu klein. Aber die Sterndeuter staunten, wie groß das Kind schon war, wie wach und lebendig und vor allem wie beweglich, wenn es auch noch nicht aufrecht laufen konnte. Nun sahen sie auch Maria, die am Herd stand und für den Kleinen einen Brei aufwärmte.
Private Besuche bis zu zehn Personen waren offiziell erlaubt. Selbstverständlich lud Josef daher die Sterndeuter ein, bei ihnen zu übernachten. Doch vorher sollten sie sich mit einem reichhaltigen Mahl stärken. Und das taten sie auch. Maria war eine großartige Köchin, um die man Josef nur beneiden konnte. Spät am Abend, als sie ausgiebig gegessen und getrunken hatten, erklärten sie ihren Gastgebern dann, warum sie noch einmal gekommen waren. Sie packten ihre Geschenke aus, überreichten sie feierlich dem einjährigen Kind und sprachen:

  • Unser erstes Geschenk ist Myrrhe. Die Pandemie hat viel Bitterkeit und Frustration in unsere Herzen gelegt. Jeder von uns hat mehrere Angehörige verloren, und viele andere leiden noch immer an Long Covid. Wir sind erschöpft und ausgebrannt und manchmal auch wütend auf Gott. Das bittere Aroma der Myrrhe soll ein Zeichen dafür sein, dass wir all das geduldig tragen wollen aus Dankbarkeit, dass wir dieses Kind erleben dürfen.
  • Unser zweites Geschenk ist Weihrauch. Die Pandemie verlangt von uns viele Opfer und großen Verzicht auf jene Dinge, die das Leben bereichern. Das einzige, was uns tröstet, ist das feste Vertrauen darauf, dass Gott unser Mühen und Leiden sieht und annimmt. Wie Weihrauch steigen sie zu ihm auf. Die Sterne haben uns aber gezeigt, dass auch euer Kind große Opfer bringen wird. So wollen wir nicht klagen, sondern alles in Gottes Hände legen und uns mit eurem Kind verbunden fühlen.
  • Unser drittes Geschenk ist Gold. Die Weisen unserer Religion haben überliefert, dass Gott dereinst alles Leid in strahlendes Licht verwandeln und verklären wird. Was jetzt schmerzt, wird durch ihn zur Freude werden. So wie das Gold hell leuchtet, so werden wir einst die Erinnerungen an diese Pandemie als Erfahrungen von kostbarem Wert betrachten und in ihnen Schätze fürs Leben entdecken.

Maria und Josef staunten über die Weisheit der Sterndeuter. Ja, diese Geschenke konnten sie dankbar und ehrlich annehmen. Doch noch größer als deren materieller Wert waren die Worte, die die Sterndeuter dazu gesagt hatten. Sie wollten sie sich besonders gut merken, um sie einst ihrem Kind zu erzählen.
Die Sterndeuter blieben noch einige Tage in Nazaret. Immer wieder spielten sie ausgiebig mit dem Kind, nahmen es auf ihren Schoß und ließen sich von ihm wärmen. Dann machten sie sich auf den Rückweg. Als sie am Ufer des Sees Genesaret vorbeizogen, sahen sie, dass der See zur Gänze zugefroren war. Das kam, soweit sie wussten, nur einmal alle hundert Jahre vor. Und die Sonne spiegelte sich hell leuchtend auf der Eisfläche und strahlte sie an. Lange standen sie andächtig am Ufer und staunten. Jetzt wussten sie noch besser: Das kälteste Eis beginnt zu strahlen, wenn es in göttliches Licht getaucht wird.
 
So wünsche ich Ihnen allen einen gesegneten und frohen Ausklang der Weihnachtszeit und einen guten Beginn im Alltag,
 
Michael Rosenberger

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