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Eine Antwort von Professor Dr. Michael Rosenberger

Wallfahrt als Trauerarbeit?

Ja, ganz sicher ist eine Wallfahrt eine ausgezeichnete und sehr intensive Möglichkeit, den Verlust eines geliebten Menschen im Horizont des Glaubens zu verarbeiten. Denn einerseits gibt das Pilgern die Chance, Abstand vom unmittelbaren Alltagsgeschehen zu gewinnen – Trauernde werden gleichsam herausgerissen aus ihrer Niedergedrücktheit und werden aus einem Zustand der Lähmung in Bewegung versetzt. Zugleich können sie sich im Geschehen der Wallfahrt sehr intensiv mit ihrer Trauer auseinandersetzen – sie werden geradezu darauf gestoßen und können nicht ausweichen. Und schließlich hilft eine aufmerksame Pilgergruppe, indem sie zuhört, mittrauert, aber auch eigene Erfahrungen erfolgreicher Trauerbewältigung ins Spiel bringt.

Interessant ist, dass die weithin anerkannte Beschreibung der vier Phasen des Trauerprozesses von Verena Kast nahezu perfekt mit den fünf Phasen langer Wallfahrten zusammenpasst, wie sie Barbara Haab analysiert hat:

1. Phase der Trauer: Nicht-Wahrhaben-Wollen und Verleugnung – 1. Phase des Pilgerns: Sozialisierung als Pilger/-in

In der ersten Phase der Trauerarbeit wollen Trauernde nicht wahrhaben, dass der ihnen so sehr am Herzen liegende Mensch gestorben ist und sie für immer verlassen hat. Sie stehen wie unter einem Schock oder bewegen sich wie in Trance. Am Ende dieser Phase wissen Trauernde, dass der geliebte Mensch nicht mehr zurückkehrt. – Die erste Phase einer Pilgerfahrt dient dazu, sich mit dem Pilgersein, mit der Gruppe und dem Ablauf des Wallfahrens zu identifizieren. Massive Fragen nach der Sinnhaftigkeit des Unterfangens („Wozu das Ganze?“) und Zweifel daran, den Weg wirklich zu bewältigen, wechseln mit euphorischen Gefühlen der Begeisterung und des Selbstbewusstseins ab. Am Ende dieser Phase haben sich die Pilgernden in ihre Rolle hineingefunden.

2. Phase der Trauer: aufbrechende Gefühle – 2. Phase des Pilgerns: innere Reinigung

Jetzt haben Trauernde die Hoffnung aufgegeben und verspüren den ganzen Schmerz und die Verzweiflung. Sie leiden unter Gefühlsschwankungen und fangen aus heiterem Himmel an zu weinen. An nichts haben sie Freude und glauben, nie mehr glücklich sein zu können. Diese Phase ist die schmerzlichste und schwierigste Phase in der Trauerbewältigung. – Genau so ist es auch beim Pilgern. Nach einiger Zeit des Weges kann die Gleichförmigkeit des ständigen Gehens zur inneren Ermüdung und zum Ausbrennen führen. Körperliche Leiden werden spürbar. Damit sich stellt verstärkt die Frage nach den eigenen Grenzen. Pilgernde erfahren diese Zeit als Öffnung und Reinigung.

3. Phase der Trauer: langsame Neuorientierung – 3. und 4. Phase des Pilgerns: Über die Schwelle und durch das Labyrinth

Langsam beginnen Trauernde wieder sich nach außen zu orientieren. Sie können sich zeitweise wieder konzentrieren, sich auch mal an etwas erfreuen. Trauer und Hader lassen langsam nach. Schritt für Schritt gelingt eine Neuordnung des eigenen Alltags – und siehe, es geht! – Beim Pilgern entsprechen dem zwei Phasen: Die Phase einer Entscheidung zu Vertrauen und Hingabe, die mit einer Entscheidung endet. Versinnbildlicht wird dies zum Beispiel auf dem Jakobsweg mit dem Niederlegen eines Steines beim Cruz de Ferro. Doch die Entscheidung wird noch eine Weile bezweifelt und geprüft. Das ist die vierte Phase, die einem Weg durch ein Labyrinth gleicht. Dabei nicht die klare Linie zu verlieren und das Ziel aus den Augen zu verlieren ist die große Herausforderung dieses letzten Wegstücks.

4. Phase der Trauer: neues Gleichgewicht – 5. Phase des Pilgerns: spirituelle und soziale Auflösung

In der letzten Phase sind Trauernde zu einem neuen körperlichen und seelischen Gleichgewicht gelangt. Es erfüllt sie bisweilen immer noch mit Wehmut, an die Vergangenheit zu denken, doch insgesamt sehen sie vertrauensvoll in die Zukunft. Sie werden den verstorbenen Menschen nie ersetzen und vergessen können, aber lenken ihren Blick auf eine neue Lebensaufgabe. Die Trauerarbeit ist beendet. – Dem entspricht die letzte Phase des Wallfahrens, die Ankunft am Ziel: Sie hat für Haab den doppelten Charakter einer Auflösung: Einerseits lösen sich die Fragen und Rätsel des Weges momentan auf, im Licht, in der Erfahrung des Heiligen. Andererseits löst sich die Pilgergruppe und der gesamte Lebensstil des Unterwegsseins auf, was ein langsames Abschiednehmen erfordert.

Kenner der ignatianischen Exerzitienstruktur muss es verblüffen, wie ähnlich die Beschreibungen Kasts und Haabs den Phasen der ignatianischen Exerzitien entsprechen. Will man das nicht dem Zufall zuschreiben, legt sich nahe, Exerzitienweg, Pilgerweg und Trauerweg in einer strukturellen Analogie zu sehen. Dann aber würde das für die Gestaltung von Wallfahrten Ähnliches bedeuten wie für die Gestaltung von Exerzitien. Es wäre die große Herausforderung von Verantwortlichen, durch ihre Impulse Wallfahrten so zu konzipieren, dass sie die inneren Wandlungsprozesse der Teilnehmenden fördern und sinnvoll unterstützen.
Und das heißt: Wie bei Ignatius ginge es darum, den Menschen und seine Situation mit dem Leben Jesu zu konfrontieren und so neue Horizonte zu öffnen. In der ersten Phase wären das vor allem die Kindheitserzählungen der Evangelien (Leitgedanke: Mein Leben ist trotz allem gut!). In der zweiten Phase ginge es um die Kranken, die Jesus heilt (Leitgedanke: Jesus heilt auch meine Wunden!). Die dritte und vierte Phase wären gekennzeichnet von Jesu Ruf in die Kreuzesnachfolge (Leitgedanke: Mit ihm ist kein Weg zu weit!) und von der Betrachtung seines Leidens. Und die letzte Phase würde die Freude über die innere Erneuerung im Licht der Ostererzählungen spiegeln.

Wallfahren als Unterstützung von Trauerarbeit? Ja, unbedingt. Ich habe fast in jedem Jahr eine gerade erst verwitwete Person in meiner Pilgergruppe – und sie alle haben viel neuen Mut auf dem Pilgerweg gefunden.