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Eine Antwort von Professor Dr. Michael Rosenberger

Wie sollen Wallfahrten mit neu hinzugekommenen Pilgerinnen und Pilgern umgehen?

Je größer eine Gruppe ist und je herausfordernder ihre Aufgabe, umso dringender braucht sie klare und strenge Ordnungen. Die hunderttausend Gläubigen bei einem Papstgottesdienst können ebenso wenig über dessen Gestaltung diskutieren wie die Feuerwehrleute bei einem Rettungseinsatz. Ähnlich gilt das bei einer Wallfahrt: Je größer die Wallfahrtsgruppe und je herausfordernder die Wegstrecke, umso weniger verträgt sie basisdemokratische Debatten – vor allem nicht unterwegs. Traditionelle Wallfahrten sind daher fast immer durch eine strenge Ordnung geprägt, und nicht nur der Wallfahrtsleiter, sondern sämtliche „alten Hasen“ achten genau auf deren Einhaltung. Vieles davon ist seit Jahrhunderten bewährt. Manches mag aber festgefahren und nicht mehr angemessen sein.

Langjährige Wallfahrerinnen und Wallfahrer kennen diese Ordnungen und setzen ihre Gültigkeit selbstverständlich und ohne jede Erklärung voraus. Neu Hinzukommende hingegen kennen diese Ordnungen nicht – es handelt sich ja meistens um ungeschriebene Gesetze. Und den Sinn dieser Ordnungen (sofern es ihn gibt) verstehen Neue oft erst nach Tagen – sie müssen ihre Erfahrungen damit sammeln und stellen die geltenden Wallfahrtsordnungen auf den Prüfstand. Damit sie das tun können, müssen sie sich aber mit einer Art „Vertrauensvorschuss“ darauf einlassen. Das ist kein geringer Schritt – die „alten Hasen“ sollten das berücksichtigen.

Was kann helfen, den Neulingen das Zurechtfinden in der Wallfahrtsgruppe so weit wie möglich zu erleichtern? Einige Vorschläge aus meiner eigenen Wallfahrtspraxis kann ich anbieten:

  • Eine „Mutmachtour“ für Neue anbieten: Ein „alter Hase“ oder eine „alte Häsin“ kann die Neuen einladen, eine Tagesetappe ein paar Wochen vorher zur Probe zu gehen. Dadurch können Neue abschätzen, ob sie den körperlichen Herausforderungen der Wallfahrt gewach-sen sind. Sie können aber auch die Ordnungen der Wallfahrt hautnah erleben und sich bei Bedarf deren Sinn erklären lassen.
  • Ein Vorbereitungstreffen abhalten: Insbesondere wenn viele Neulinge mitgehen, ist das ein unabdingbarer Schritt. Hier gilt es, sich miteinander bekannt zu machen; sich spirituell und emotional einzustimmen auf die Wallfahrt; die wichtigsten Wallfahrtsregeln zu benennen und ihren Sinn zu erklären, ja sie gegebenenfalls sogar schriftlich mit nach Hause zu geben.
  • Beim Aufbruch die Neuen durch ein Ritual aufnehmen: Das Segnen und Überreichen der Pilgerkreuze an die Neuen ist bei vielen Wallfahrten ein fester Brauch. Die „alten Hasen“ nehmen ihr „altes“ Pilgerkreuz wieder mit – es trägt ja die Erinnerung an viele Wege. Die Neuen aber werden feierlich in die Gemeinschaft aufgenommen und fühlen sich dadurch von Anfang an besser beheimatet.
  • Auf die Zusammensetzung der Wallfahrtsgruppe achten: Ziel muss schon bei der Anmeldung ein ausgewogenes Verhältnis von Neuen und Erfahrenen sein. Gehen zu viele Erfahrene mit, werden sich die Neuen verloren vorkommen. Sind zu viele Neue dabei, gerät womöglich die Wallfahrtsordnung ins Wanken. Die richtige Mischung macht es also. Wenn es eine Prozessionsordnung gibt, in der jede/jeder einen festen Platz hat, müssen die Neuen gut verteilt werden. Ein Erfahrener an ihrer Seite kann ihnen zum Wallfahrtspaten werden.
  • Sich von den Neuen anfragen lassen: Neue sehen besser als die Erfahrenen, wo die Stärken und die Schwächen einer konkreten Wallfahrtsgestaltung liegen. Die Wallfahrtsleitung sollte ihnen signalisieren, dass sie für Rückmeldungen dankbar und zu sinnvollen Änderungen bei künftigen Wallfahrten bereit ist.
    Tradition bedeutet Kontinuität durch Wandel. Sie ist der lebendige Prozess der Überlieferung von Erfahrungen des Glaubens, Hoffens und Liebens. Nicht die Form muss unverändert bleiben, sondern der Inhalt. Nicht der Buchstabe, sondern der Geist. Dass das heute nicht leichter ist als zur Zeit Jesu, der darum mit den Pharisäern und Schriftgelehrten rang, sollte uns nicht verwundern.